Wir sitzen beim Griechen, haben uns schon tüchtig mit Samos vollaufen lassen. Süßer, klebriger Likörwein. Bier bekomme ich keines mehr runter.
Der Wirt kommt abkassieren. Er will langsam den Laden dichtmachen.
Das wird nichts mehr, denke ich. Sie denkt das auch. Das sehe ich in ihren Augen. Schöne Augen, aber jetzt ganz hohl, stumpf. Voll Stroh und Peinlichkeit. Wir hätten das hier nie anfangen, uns nie darauf einlassen sollen. Man hat sich einmal geliebt, und das war es dann. Keine Reprisen. Was vorbei ist, ist vorbei. Ein ehernes Gesetz.
Meine Kiefer bewegen sich. Ich rede. Aber ich höre mir selber nicht zu.
Sonst auch niemand.
Belassen wir es dabei.
Es war schön, damals, oder auch nicht. Aber belassen wir es dabei.
Später, Tage später, als ich aus meinem Fenster sehe, vierter Stock, hinab auf die Straße, sehe ich dort unten ein Pärchen wandern, Hand in Hand. Das Licht ist frühlingshaft, obwohl es Herbst ist, ein kalter, aber strahlender Oktobermorgen. Ein Sonntag. Ich sehe sie da unten, sie blond, er dunkelhaarig, wie sie sich bei den Händen halten, als könnte nichts sie je trennen.
Wenn ihr wüßtest, wie wenig euch verbindet, denke ich. Ein Song aus dem Radio vielleicht, etwas zufällig Aufgeschnapptes, etwas mit „you and me“, auch das schon kaum mehr glücklich oder auch nur heiter, obwohl doch so durch und durch künstlich, nein, kein Jubelschrei, sondern schwere Melancholie, stumme Verzweiflung, bitter und trostlos, wie das Meer nachts an die Küste schwappt und den Strand ableckt, denke ich, hoffnungslos und müde und begierig nach Liebe, hin und her, hin und her, schwapp und schwapp, you and me, you and me.
Ein Bild kommt mir in den Sinn. Aus dem Fernsehen. Grobkörniges Grau, mit leichtem Gelbstich, urinfarben. Ein Gefallener des Ersten Weltkriegs. Im Schützengraben. Von ihm hat die schreckliche Zeit nur seinen Uniformmantel und seine Knochen übriggelassen. Den knöchernen Kiefer zum Entsetzensschrei aufgesperrt, hält er seine Hand vor das Gesicht, wie schützend. Die Hand steckt in einem Handschuh. Doch der Tod hat ihn erwischt, hat ihn verzaubert, für alle Ewigkeit. Hat ihn sich gleich gemacht. Jetzt ist er ein Soldat im unabsehbaren Heer der Toten.
„Totenkitsch in Verdun“, sagte jemand dazu, Zigarre rauchend, während eine Kamera lief.
Das Pärchen verschwindet in einem Café. Sie werden die Zeitungen lesen, Nebensächliches reden. Sie werden nicht über den Zweifel sprechen, der zwischen ihnen liegt, über den leisen Verdacht, das könnte womöglich alles nicht wahr sein; sie werden nicht den Zwiespalt ins Auge fassen, der sie quält, nicht von der Absurdität sprechen, die darin besteht, daß sie jetzt hier sitzen, gemeinsam an einem Tisch, gesättigt und äußerlich ruhig, obwohl sie nicht mehr verbindet als diese Schlagzeile in der Zeitung, die er ihr hinhält, ohne es zu wissen: „Der Kanzler hält an seinem Reformprogramm fest.“
Ein erstickter Jubelschrei.
Ihm ist nach Kotzen zumute und ihr nach Davonlaufen, ich kann es riechen, kann die stille Wolke von Angstschweiß riechen, die sie umgibt, aber sie verharren reglos. Sie haben ihr Leben gefunden, denken sie. Das müssen sie jetzt durchstehen. Das ist ihre Bestimmung. Es gibt keinen Ausweg. Und das ist das Glück.
Totenkitsch.
Ja, die Verbindungslosigkeit ... eine tote Leitung. Früher, erinnere ich mich, mußte ich nur den Hörer abheben, und ich hörte Walzerklänge und Verlockungen unaussprechlicher Möglichkeiten. Ein schwarzes, absurd schweres Telefon, aber eine Süße strömte mir zu, die betäubend, die ganz und gar widersinnig war. Ich träumte. Ich wußte, daß es etwas gab, das ich tun wollte, unbedingt. Heute aber?
Ein schräges Pfeifen. Kein Anschluß unter dieser Nummer.
Und am Ohr ein Telefon, das kaum mehr wiegt als eine Handvoll Staub.
Das Notizbuch meines Urgroßvaters. In Leder eingebunden, zerfleddert. Er hat im ersten Weltkrieg gekämpft. In den Schützengräben von Verdun. Ich kannte ihn nicht. Er war ein seltsamer Mensch, nach allem, was man sich in der Familie von ihm erzählt; er hatte sich von der Welt zurückgezogen, sich in seine Gedanken eingemauert. Er war in Verdun geblieben, die Hand vor dem Mund; die Zeit fraß alles auf, nur seinen Schrei ließ sie übrig. Berauscht vom Unglück, ist er immer wieder in den Schützengraben zurückgekehrt. Davon handeln seine Aufzeichnungen. Aufzeichnungen aus einem toten Loch. Ich kann nicht beurteilen, ob sie real sind oder fiktiv, Albträume oder Tagträume; vermutlich beides. Von sich selbst schreibt er nicht. Dafür von dem Toten, in dessen Eingeweiden er landet, als er in einem Granattrichter Schutz vor den feindlichen Maschinengewehren sucht. Er schreibt mit bestürzender Zärtlichkeit über diesen Toten, über diesen Namenlosen, mit dessen Innereien und Blut er sich besudelt, gerade so, als hätte er ihn gekannt, als wäre er selbst jener Tote gewesen.
Ich denke darüber nach, wie traurig es ist, daß ich nicht mehr an eine Geschichte zu glauben vermag, die mich und die Welt verbinden könnte. Ein solcher Plot kann nicht mehr erfunden werden, denke ich müde, vom gewieftesten Skriptdoktor nicht. Kein Bildhauer kann aus einem Klumpen Matsch einen David formen. Die tragischen Griechen, denke ich, die wurden von der Welt in ihren Untergang gezerrt. Das war ungerecht und unverdient. Die Buße für ein Verbrechen, das sie nicht begangen hatten. Na schön, denke ich, aber immerhin war das etwas. Heutzutage macht die Welt sich soviel Mühe mit uns nicht mehr. Sie läßt uns einfach verrotten, auf dem Abfallhaufen, wo wir es uns bequem gemacht haben.
Hier bin ich, und da ist die Welt. So sieht’s aus, denke ich. Zwischen uns ein Graben, ein Stacheldrahtverhau. Wir kommen nicht mehr zusammen. Wir haben uns verschanzt, haben aufeinander angelegt. Liegen auf der Lauer. Wenn sich jemand eine Zigarette anzündet, ist er tot. In der westlichen Welt nichts Neues.
Ich verstehe diese Welt nicht mehr. Was geschieht in ihr? Was geschieht mit ihr? Die Leute stehen morgens müde und mißmutig auf, um sich die Taschen zu füllen, um sich die Mägen zu füllen, um sich zu betrinken. Sie hetzen durch den Tag und mißhandeln sich gegenseitig. Das ist ihre Lust. Dann quält sie etwas, und sie fangen an zu plappern. Sie schütten ihre Herzen aus, aber ihre Herzen sind leer. Es ist nur Gier darin und Dummheit. Es bleibt nur Mundgeruch von ihrem Gerede. Man durchquert eine Wüste, wenn man ihnen zuhört, wenn man sich von ihren Sorgen erzählen läßt, die wie Sandkörner sind, und ihr Glück, das wie eine Verwehung ist, und eine Düne, das halten sie für ihr Schicksal. Soviel begreife ich. Aber was soll das? Wo ist da der Sinn?
Wo ist die Magie abgeblieben, die früher so überreichlich da war?
Ich verstehe es nicht.
Ich Idiot.
Dabei bin ich noch jung.
München, den 04.11.2004
Robert Mattheis