Epiktet war der Ansicht, nicht die Dinge („pragmata“) verwirrten die Menschen, sondern die Ansichten („dogmata“) über die Dinge. Das gilt nicht in jedem Fall. Manchmal lautet die Frage: Gibt es eine Möglichkeit, mittels eines Denkens, einer Theorie Gewalt von sich fern zu halten? Oder ist Theorie zu diesem Zweck, da sie immer sekundär, zeitlich nachgeordnet ist, prinzipiell und logischerweise ungeeignet?
Als sich junge Frauen tänzelnd um ihn bewegten und ihm dann ihre Brüste entblößten, brach, so empfanden es Anwesende, Wohlmeinende, Theodor W. Adorno, dem Denker mit dem großen traurigen Kinderblick, das Herz. Er konnte mit dieser Demütigung nicht umgehen. Bewegungsunfähig hielt er im Reigen der studentischen Grazien aus. Er war der Attacke von dieser Seite nicht gewachsen. Man darf seine Weltfremdheit nicht unterschätzen: Inhaftierten Studenten stellte er, nachdem die Frankfurter Polizei sie wieder freigelassen hatte, die Frage: „Seid ihr gefoltert worden?“ Eine enge Mitarbeiterin sagte, der Affront der Tänzelnden habe darum so stark gewirkt, weil Adorno, bei allem, was man ihm habe vorwerfen können – dass er attraktive Studentinnen sehr geschätzt hat, war bekannt –, doch eines nie gewesen sei: sexistisch! Angesichts des freigelegten Fleisches verlor der Denker die Contenance. Er sah in den schaukelnden Brüsten einen Gewaltstreich. Sie waren wie öffentliche Ohrfeigen, eine Demütigung, eine Vergewaltigung. Zu schwach war die Abwehrfähigkeit gegen Gewalt bei einem, der schon dem „formalistischen Klassizismus“ vorwarf, er beflecke „eben die Schönheit, die sein Begriff verherrlicht, durch das Gewaltsame, Arrangierende, ‚Komponierende’, das seinen exemplarischen Werken anhaftet.“ Unter den Blumen sah er die Schneide der Axt. Tränen traten in seine Augen. Natürlich gab es auch eine streng somatische Seite – Adorno war herzkrank; später, beim Bergwandern, überbeanspruchte er seine schwache Konstitution. Er marschierte gewissermaßen in den Tod, auf der Suche nach gestärkter Gesundheit.
Der schnoddrige Pragmatismus der studentischen Revoluzzer, mit dem sie sich nach und nach in den Instanzen breitmachen sollten, die unverwüstliche Bereitschaft zur Uneigentlichkeit, auch zur Gewalt, war zuviel für den Meisterdenker. Sein Denken war, wie soll man es anders auffassen, zu subtil, zu gewaltscheu für eine pragmatische Welt.
München, den 07.02.2004
Robert Mattheis
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