Was ist man also? Ein einsames Bewußtsein, zittrig, lichtunbeständig, das sich in einer heroischen Aufwallung von Sterbensunlust ins Nichts textet; das sich behauptet; das behauptet, ein Haufen von Worten zu sein, die sich summieren zu einem großen Ruf: ICH.
Ein wütendes Gesicht, das sich uns entgegenlehnt. Von Zorn gefärbt. Was ist das? Die Liebe? Haß? Ein heißer Atem, glutnah. Der Wille eines Menschen, sein Wahnsinn. Kain, der auf Abel gewartet hat, um ihn totzuschlagen.
Die Geschichte geht weiter.
Immerfort angefochten. Ausgelöscht. Dann, magischerweise, wieder da, eine Laune der Zeit, ein Witz der Äonen. Ein Tanz von Staub, Partikelgeflüster. Etwas schlägt ein. Das war die Welt, nehmen wir an. Das waren wir.
Es geht weiter.
Vielleicht ein Triumph, aber mit Sicherheit kein Glück.
Darum halten wir uns für mehr, als wir sind.
Es waren, auszuschließen sei das nicht, die Neandertaler, die die Kunst der Hominiden erfanden, räumen jetzt, zerknirscht, die Wissenschaftler ein. Der Mensch ist also vielleicht nur ein Räuber. Ein Dieb. Ein Dichter. Wir stemmen uns dagegen an, daß alles, was wir sind, einem anderen gehört – dieser andere muß nicht notwendigerweise Gott sein, auch wenn das wohl angenehmer wäre ... Mir ist eigentlich egal, ob wir aus dem Nichts kommen oder aus einer unbekannten, gleißenden Fülle. Ich habe mich damit abgefunden, von der Hand in den Mund zu leben, auch wenn ich von Zeit zu Zeit etwas Gegenteiliges behaupte. Wichtig ist das Genre, in dem unsere Existenz geschrieben wird. Ist es eine Komödie? Eine Tragödie? Der hohe Ton? Sind wir eine Elegie, eine Schmähschrift? Eine Burleske? Das müssen wir herausfinden. Und dann mitspielen.
Literatur und Selbstzerstörung. Was für ein Thema! Das einzige, beinahe. Jede Literatur, die nicht auf Selbstauslöschung gründet, ist inhuman. Sie will einstreichen, ohne zu bezahlen. Ein anständiger Mann zahlt für sein Vergnügen. Daß die Literatur nur gelingen kann, wenn sie zugleich etwas zerrüttet – erscheint paradox nur dem, der ihren Geheimnissen völlig fremd gegenübersteht. In ihrem narzißtischen Drang entwickelt sie ein schlechtes Gewissen. Oder sie taugt nichts.
„We must love each other or die.“
W. H. Auden
Und ich empfand es schlagartig als unzumutbar, hier jetzt das zu tun, was er, vor mir, hier vor gar nicht allzu langer Zeit getan hatte.
Und ich erkannte mich nicht wieder.
Was war denn das? Was war denn das nur?
„We must love each other and die.“
W. H. Auden
Solche Anwandlungen waren mir ansonsten vollkommen fremd. Ich nahm es, wie es kam. Gedanken, Skrupel gar waren meine Sache nicht. Aber jetzt hätte ich am liebsten ihre ganze verkitschte, rosenbehangene Wohnungseinrichtung auseinandergenommen. Die Poster und Postkarten von der Wand gerissen. Diesen plastikrot-herzförmig blinkenden Spiegel aus dem Fenster geworfen. Ihr ein paar gescheuert, damit sie zu sich käme.
In Rosen und Licht.
Aber ich ahnte schon, wo das hinführen würde.
Nicht ihr war das Aufwachen vorherbestimmt gewesen – sondern mir.
Eine irre Sehnsucht in mir. Ich wußte auch, daß diese Sehnsucht einst einen Namen und ein Gesicht gehabt hatte. Aber mir fiel nicht mehr ein, welchen, welches.
„Was ist denn? Hör nicht auf. Bitte. Mach weiter.“
„Die Erstürmung [von Gaza] glückte schließlich nach zwei Monaten im November des Jahres 332. Schonung erfuhren nur Frauen und Kinder, da ihr Verkauf in die Sklaverei die makedonische Kasse füllte. Als Zugabe befahl Alexander, dem Stadtkommandanten Batis (einem dem persischen Großkönig treu ergebenen Eunuchen) die Fersen zu durchbohren, ihn an einen Streitwagen zu binden und – schauriger Höhepunkt einer wie auch immer verstandenen Achilles-Imitatio – zu Tode zu schleifen.“ (Wolfgang Will, „Alexander der Große“.)
„Batis selbst wurde von Leonnatus und Philotas lebend zu Alexander geführt. Als dieser sah, daß er von großer, massiger und furchterregender Gestalt war – er besaß nämlich eine dunkle Hautfarbe –, ergriff ihn Haß sowohl wegen des Attentats auf ihn als auch wegen Batis’ Aussehen, und er befahl, eine Zaumkette aus Bronze durch dessen Füße zu ziehen und ihn nackt im Kreis zu schleifen. Gepeinigt von Schmerzen, als sein Körper über den rauhen Boden gezerrt wurde, begann er zu schreien. Genau das, behaupte ich, zieht Menschen an. Die Qual steigerte sich, Batis stieß Laute in fremder Sprache hervor und flehte Alexander winselnd als seinen Herrn an. Sein Kauderwelsch aber provozierte nur Gelächter. Fett und unförmiges Fleisch ließen ein anderes Lebewesen, ein babylonisches Tier zum Vorschein kommen. Die Menge trieb ihren Spott mit ihm, mit der Brutalität der Soldaten mißhandelte und verspottete sie den häßlich wirkenden und in seiner Art unbeholfenen Gegner.“ (Hegesias)
„Was ist denn? Hör nicht auf. Bitte. Mach weiter.“
Gibt es Gnade? Und wenn ja – wo kommt die her? Wer hätte sie sich ausgedacht? Isaak, der in letzter Sekunde begnadigt wird? Vielleicht, weil der Vater schwach wird, unversehens Liebe in sich entdeckt?
Während Norman Bates, der muttermörderische Muttersöhnchenmörder aus Alfred Hitchcocks „Psycho“, ein analphabetischer Stotterer ist und als Voyeur aufs Optische fixiert, weist sich sein Kollege Hannibal Lecter als Leser ( = lector) aus. Er hat den Durchblick. Und er SCHAFFT etwas. Er ist, ein Lesender, schöpferisch. Er ist, aus seiner topmodernen Hochsicherheitszelle heraus, der wirkliche Regisseur von „Das Schweigen der Lämmer“. Lecter weiß immer, was gespielt wird, was als Nächstes geschehen wird. Er ist der Puppenspieler. Er hält die Fäden in der Hand. Nach Belieben manipuliert er Menschen und Dinge. In Wahrheit ist er nicht der Lector, der Leser, sondern der Autor des Buches. So wie jeder Leser natürlich der Autor dessen ist, was er liest. Lecter ist derjenige, der die Marionetten schnitzt. Norman Bates hat es nur bis zur Marionette seiner toten Mutter gebracht mit seiner krankhaften Schaulust.
Der Leser, Lector, Lecter: Ein Übermensch ohne Überich. Eine nietzscheanische Vision.
Nicht umsonst wohl hat Lecters Intelligenz etwas Festplattenartiges. Theodor W. Adorno, ahnt man, hätte ihn nicht gemocht. Sie hätten sich nicht viel zu sagen gehabt, trotz beiderseitiger musikalischer Kompetenz. Der Kannibale mag gebildet, gar kultiviert sein, aber auf eine Art und Weise, wie sie in Günter Jauchs „Wer wird Millionär“ Triumphe feiert – die Bildung steckt in ihm wie das Geld im Portemonnaie oder die Encyclopaedia Britannica in einer CD-ROM. Der verfeinerte Kannibale ist zugleich auch der rohe Caliban. Seine Intelligenz ist eigentümlich steril. Sie taugt nur dazu, Kochrezepte auf Menschen anzuwenden oder Schmerzen zu bereiten. Die philosophische Vervollkommnung der Menschheit liegt dieser Intelligenz fern, und insofern ist sie Rambo näher als Rimbaud – oder, weniger wortwitzgeil, Alexander von Humboldt.
Harrar, verwirrte Sinne. Die Sonne eine glühende Kohle galaktischen Ausmaßes. Dann, äußerste Verwirrung und Verrohung, arbeitet er als Waffenhändler. Möglicherweise. Bewunderer schreiben ihm aus Europa, bitten ihn, zurückzukommen. Er wird bekniet. Man huldigt ihm, wie einem zu Lebzeiten Toten. Ihn interessiert das alles nicht mehr. Er winkt nicht einmal ab – die Geste wäre zu theatralisch. Er geht seinen Weg weiter, ganz so, als müßte es so sein. Er war überall, Paris, London, Brüssel, Hamburg, Abessinien. Er hat, beinahe noch ein Kind, die Dichtung revolutioniert, hat Verlaine dazu gebracht, ihm in die Hand zu schießen. Offenbar hat er nichts gefunden, das es ihm wert gewesen wäre, dazubleiben. Die Ekstase nicht, der Schmerz nicht. Er wird krank, sein Knie entzündet sich. Was war es, das ihn tötete? Krebs? Oder das Feuer, das in ihm brannte? Es ist das Ende, so oder so. Wieder im Elternhaus angekommen, bittet er, in die südliche Wärme zurück zu dürfen. In Marseille dann endlich stirbt er, auch physisch. Er ist 37 Jahre alt.
Wo waren wir gerade? Ich war betrunken und redete mich in Rage. Ralf unterhielt sich im Nebenraum mit Chas. Sie sprachen, wenn ich das richtig mitbekam, über Journalismus; immerhin ist Ralf Journalist. Vorher war von Suhrkamp die Rede gewesen, von Siegfried Unselds Lebensleistung und Tod. Ich hatte, improvisierend, die These aufgestellt, daß die Suhrkampkultur nicht zuletzt auch eine Sache des angenehmen In-der-Hand-Liegens der Bücher gewesen sei. Daß der Erfolg ja auch damit zu tun gehabt habe.
Martin bot mir, während Chas und Ralf sich unterhielten, ein paar gar nicht so üble Erklärungsversuche für meine Angst vor dem Tod an; tatsächlich, gar nicht so übel. Aber ich wollte mich nicht theoretisieren lassen. Ich wollte mich nicht in den Sack der Erklärungen stecken lassen. „Nein, nein“, sagte ich also, „ich habe einfach Angst. Du möchtest unbedingt, daß da ein philosophisches Konzept dahinter steht. Tut es aber nicht. Sondern es ist die nackte Todesangst, die mich jagt. Die mich durch mein Leben jagt. Alles ohne tiefere Bedeutung.“
„Immer träumte er von einem Roman ...“ – „Ja.“ – „Was sollte dieser Roman darstellen?“ – „Nichts Bestimmtes. Eine Essenz.“ – „Also nicht in erster Linie Abläufe?“ – „Nein, ich glaube nicht.“ – „Was sah er vor seinem geistigen Auge, wenn er an seinen Roman dachte?“ – „Ist das so zu beantworten?“ – „Ich denke schon, oder? Es ist die Frage nach der Vision.“ – „Ich kann diese Frage kaum beantworten ... Vielleicht berauschte ...“ – „Berauschte?“ – „Ganz recht. Er berauschte sich vielleicht eher an einem Bild, an etwas sehr Einfachem, ähnlich einem Gemälde. George de la Tour. Was ist zu sehen? Eine Frau, eine Kerze, ein Schädel. Oder bei Edward Hopper. Ein Hotelzimmer, Vorhänge. Auf dem Bett sitzt ein Mann. So waren die Bilder in seinem Kopf.“ – „Also etwa: Ein Mann, um die 30, in der Hand ein Whiskyglas, nähert sich dem Fenster seines Hotelzimmers? Er trägt einen Anzug. Könnte das ein Beginn sein?“ – „Ungefähr. Denkbar, ja. In dem Hotelzimmer aber hört man das Klappern von zwölf Schreibmaschinen.“ – „Der Mann ist Schriftsteller? Oder er hat ein Schreibbüro? Oder wie ist das gemeint?“ – „An den Schreibmaschinen sitzen Affen. Zwölf Affen insgesamt.“ – „Was tippen sie?“ – „Was können Affen tippen?“ – „Sie schlagen wahllos Tasten an. Sie tippen blindlings.“ – „Genau.“ – „Sind das die berühmten Affen, die irgendwann, wenn sie nur unermüdlich genug sind, Shakespeares Sonette getippt haben werden?“ – „Ja, ja.“ – „Ein Werk des Zufalls dann, nicht der ästhetischen Vorausschau – oder Schau – oder gar Vorsehung?“ – „Das wäre zu untersuchen. Sind es wirklich verschiedene Prozesse? Oder macht den Unterschied nicht allein der Zeitfaktor?“
Er tröstete sich damit, daß auch andere ihr Leben verpfuscht hätten.
„Die Literatur“, sagte er, „war schon so weit! Und jetzt?“
Er ließ seinen Löffel los, und der fiel in die Suppe.
Kunst ist ein Wir, dachte sein Sohn, weiterlöffelnd.
„Um die Welt ertragen zu können, produzieren wir Haß in uns, ununterbrochen.“
Langsam zog sie sich an. Sie dachte daran, wie glücklich sie gestern gewesen war, und mußte wieder weinen.
Wenn er hier wäre! dachte sie. Du hast mich im Dunkeln zurückgelassen, dachte sie.
Das ist eben das Leben. Es passiert einfach so. Um uns herum. Ausgekühlte Wohnungen. Glut, die aus dem Ofen auf den Kokosteppich rieselt. Ich hole schnell eine Tasse Wasser und schütte sie auf die Glut. Idiotisch, daß ich jetzt den Heizer spielen muß für ein paar Monate. Warum tut man sich das an? Es soll ganz gut gehen mit dem Heizen, wenn man’s erst einmal raus hat, meint Chas. Meinen auch alle anderen. Alle sind damit klar gekommen. Ich werde es schon auch schaffen.
Ich hatte wirklich Angst, als diese rotglühenden kleinen Kohlepunkte auf dem Kokosteppich lagen. Ich dachte, jetzt würde ich nicht nur erfrieren, sondern dabei auch noch verbrennen, und das wäre ja nun wirklich eine beschissene Mischung.
Das Beschreiben. Im Grunde bietet es doch den größten Trost. Einen Toast auf den Trost.
Ein Spaziergang auf dem Friedhof. Herrliches Licht. Der Himmel ein blaues Leuchten, hinter dem Fernsehturm ist der Mond ein blasser Halbkreis. Was von der Mauer übrigblieb, begaffen jetzt die Touristen. Die Narbe auf dem makellos glatten Körper der Vernunft der Supermächte. Die Sprache ist das Schöne. Nicht das, was die Sprache bezeichnet. Das ist meist überflüssig. Kommt gar nicht vor.
Man macht etwas, dann denkt man es, um es nicht einfach nur gemacht zu haben, und dann sagt man aus, was man gedacht hat über das, was man gemacht hat. So funktioniert wohl Poesie. Das Leben ist immer das Primäre. Das muß auch der Literaturtheoretiker einsehen, der glaubt, das Schreiben weise auf etwas hin, das nicht existiert, schaffe Welten, Utopien. Ich hänge der Freudschen Vorstellung an, daß alles Schreiben nur ein Nachschreiben ist. Daß der Kern der Kunstwerke immer in der Realität liegt. Daß, äh. Daß.
Ach ja, genau. Daß.
Oder eben auch nicht.
Chas fragt mich, was für ein „Programm“ ich hätte. Ich habe keins. Ich lebe einfach nur. Denke etwa darüber nach, ob das hinhaut, das mit dem Ofen.
Kein Programm.
Ich.
WINTER IN BERLIN oder Abfall für einen.
Chas möchte sich vom Beschreiben hin zum Assoziieren entwickeln. Das assoziative Schreiben à la Heiner Müller. „Der hatte zum Schluß ja auch keine Figuren mehr, der hat da einfach seine Texte hingerotzt.“ Derweil wird es kalt in Berlin.
Die Elemente aus dem ganzen Komplex trennen.
„Ach, du schreibst Dramen?“
„Ja.“
„Was denn für welche?“
„Geile.“
Die athenische Sklavenhaltergesellschaft, deren philosophische Merkwürdigkeiten für uns immer noch so ausschlaggebend sind, hatte ziemlich dunkle Ecken. So haben Althistoriker errechnet, daß auf jeden Philosophie, Trunk und Müßiggang Treibenden zehn kamen, die ihren Leib durch die messerscharf sengende griechische Sonne schleppen mußten, über die kargen Äcker, hinter der Pflugschar drein.
DIE KOPIEN.
Die kleinen Dinge. Ich habe den Eindruck, daß ich davon nicht sprechen kann, von diesem Unscheinbaren, Unauffälligen, immer vor einem Liegenden und deswegen eigentlich nie Wahrgenommenen. Obwohl es immerzu meinen Kopf anfüllt, in mir summt. Obwohl es eigentlich auch wirklich das Entscheidende ist. Etwa das Faktum, daß der Erfolg von Suhrkamp nicht zuletzt wohl auch tatsächlich an der rein materialen Qualität der Bücher liegt. Ich saß gestern mit Martin und Chas im „Kaffee Burger“ und versuchte, meine Weltsicht zu vermitteln. Auf der einen Seite das zu Machende der Dinge, die Notwendigkeit, ihnen Sinn zu verleihen, sie mit Leben zu erfüllen, jene Substanz in sie hineinzupumpen, die sie überhaupt erst da sein läßt. Und auf der anderen Seite eben der Respekt vor diesem Unscheinbaren, fast Unauffindbaren, vor dem unser Intellekt, unser Bemühen die Waffen strecken muß. Auch das Entzücken darüber, daß die Dinge einfach da sind, unabhängig von uns, ohne unser Zutun. Was ja vermutlich der Kitzel ist, den die meisten Leute den ganzen Tag erleben, die Frage: „Huch, was ist das jetzt wieder?“
Mit Chas darüber, daß auch die stilistische Lockerheit irgendwann ihre Reize verliert. Chas hat sich einen Raum als Arbeitszimmer eingerichtet, ein bißchen an Heiner Müller angelehnt, vermute ich, mit den zwei Schreibtischen. An der Wand drei Bilder vom Serienkiller Schmökel, seine Wandlung dokumentierend vom Eels-artigen Bürgerschreck zum FDP-Vorstandsvorsitzendendouble, das im Gerichtssaal geduldig die Entscheidung über sein Leben abwartet. Chas wertet jeden Tag zwei Zeitungen aus. Er gibt mir recht: Zeitungen zu lesen sei etwas Grandioses. Erinnere mich gar nicht mehr, wann ich das gesagt haben soll. Muß eine Ewigkeit her sein.
Mit Kluge an den Wurzeln unserer Gefühle arbeiten. Die Gefühle endlich ernst nehmen. Das ganze Denken wird ja durch die Gefühle bestimmt. Die unscheinbaren Dinge. Das Subkutane, subliminal Wahrgenommene. „Sprachliche Sorglosigkeit“ hat ein Rezensent Kluge bescheinigt. Na, geistige Sorglosigkeit ja aber wohl nicht.
Lakonisch bleiben.
Gestern, nachdem ich in Rolf Dieter Brinkmanns „Erkundungen“ gelesen hatte, saß ich mit Chas im Park, auf der Wiese, unter uns die tosende, bierschäumende, lebenserwartungsvolle Berliner Jugend. Die Sonne schien, der so lange in Aussicht gestellte Frühling war endlich gekommen. Ich fühlte mich sehr fremd. Mir wurde klar, daß es für mich nur dieses eine gäbe, diese eine Methode, dem Leben eine gewisse Konsistenz, einen Sinn, einen Halt, auch Zusammenhalt, zu verleihen: indem ich das Schreiben ERNST nehme! Nicht so tue, als gäbe es zwei Möglichkeiten: die Tändelei, die stilistische Selbstinszenierung, etwa bei Gombrowicz, also einen existentiell etwas matten Ästhetizismus, und dagegen die Brinkmannsche Ernsthaftigkeitswut, ein Wissenwollen, ein verzweifeltes Anrennen gegen den Beton der Welt. Diese beiden Haltungen sind sich gar nicht so fremd. Auch bei Brinkmann gibt es ja Ästhetizismus; allein an der Schreibmaschine zu sitzen ist eine ästhetizistische Haltung. Überhaupt ist jede Kunst Ästhetizismus, und ihr veristisches Moment liegt tief in diesem verborgen. Brinkmann, das erkannte ich, wollte ich auch erkennen, war ebenso sehr Stilist wie Gombrowicz. Der gute Satz zählt. Das ist alles. Das ist das ultimative Schriftstellercredo.
Ich schrieb die Worte: „Luzide Hoffnungslosigkeit“.
Wir können uns nicht einmal mehr selbst vertrauen, da wir keine ARBEIT in uns investieren, keine GEFÜHLE, sondern nur noch in die DINGE investieren, die uns umgeben, die uns einsargen.
Wenn ich mir die Berliner Kinderkrieger (etwa am Käthe-Kollwitz-Platz) so anschaue, scheint mir ihre Fortpflanzungsfreude – weit über jede biologische Notwendigkeit hinaus – ein Phänomen schrankenloser Selbstliebe, eines vollendeten Narzißmus zu sein. Es ist trendy, sich zu vermehren, weil man selbst ja so gut geraten ist. Weil man selbst es geschafft hat, in Berlin, dieser unglaublichen Stadt, Fuß zu fassen. Es ist auch trendy, weil im Hintergrund die Ideologie des Klonens steht, die Vorstellung, ein Kind sei nicht etwa eine Lotterie der Gene, sondern die exakte Reproduktion dessen, was längst da ist als Ich. Im Grunde also steht das Berliner Kinderzeugen im Zeichen des Benjaminschen Schrifttums: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner biologischen Reproduzierbarkeit“ – der Berliner als Kunstwerk, das verdoppelt und verdreifacht und vervielfacht werden muß, bis der Planet unter dem Glanz all dieser Herrlichkeiten zusammenbricht.
Notate als Selbstvergewisserung. Früher faßte ich mir, von der Angst gepackt, nicht mehr zu leben, panikartig an den Puls – ah, da ist er ja! Da bin ich ja! Gelassenheit stellte sich ein. Dann entwickelte sich das Schreiben, das Niederschreiben dessen, was ich für niederschreibenswert befand. Und das waren keineswegs immer die hohen Dinge. Im Gegenteil. Gerade das ganz Niedrige, Kleine, Geringe fand ich der Aufmerksamkeit, des Aufhebens wert.
Insofern ist es eher ein Pulsnehmen, vielleicht, als ein tatsächliches Schreiben. Oder ist Schreiben immer ein Pulsnehmen?
Alles problematisch, wie gehabt.
WEITER.
Berlin, den 09.08.2004
Robert Mattheis