goethe

Kein Blut auf der Lehne des Sessels

PROLOG

Ach, der junge Werther hatte ja noch gut leiden! Homer gehörte ihm, im Sonnenuntergang, und mit Buch und Stift, Brief und Ausruf war die aus den Fugen geratene Welt wieder eingerenkt – und klappte das nicht, konnte man sich immer noch in die Schläfe schießen und, als düsteres Anti-Exemplum mißlungener Weltverwindung, von Handwerkern zu Grabe tragen lassen. Wie aber geht jemand mit der Wirklichkeit um, der Homer nicht als sich zugehörig empfinden kann, der niemanden hat, dem er empfindsam Briefbericht erstatten könnte? Der sich immerfort mit der niedrigen Prosa der Alltagswelt herumschlagen muß? Der sich nicht an Grafen und Marquisen aufreibt, sondern an einer allwaltenden Dämlichkeit? Der nicht Liebe begegnet, sondern Geschlechtsverkehr? Für den Sachlichkeit schon mit Innigkeit identisch wäre? Dem folglich der Griff zum genus dicendi der Tragödie, der finale Knalleffekt in Schädelnähe, versagt ist? Wie funktioniert ein Bewußtsein, anders gefragt, anno, sagen wir, 2000? Wie hält das seine Härten aus? Denn nicht nur von außen kommt ja die Härte, die Härte dringt auch in die Bewußtseine ein, macht sich dort breit, wird heimisch und erzeugt womöglich noch mehr Härtefälle! Wie das alles sich ausnimmt, soll die folgende kleine Geschichte – eine Sammlung von Impressionen, mehr ja nicht, eine Geschichte aus der Bücherwelt – erhellen. Wo Werther sich im Sonnenuntergangslicht badete, muß unser Held im lacanistisch durchherrschten Raum der laufenden Bilder Zuflucht nehmen. Es handelt sich, sagen wir so, um einen Bildungsroman (ja, doch) unter den Bedingungen der Kulturindustrie, deren notorisches Immerwährend längst zu dem wurde, was ganz klar der Fall ist. Von Betrug noch zu sprechen, grenzte schon an Betrug.

 

Man lebt nicht einmal einmal.

Karl Kraus

 

Er lag gegen das Fenster entkräftet auf dem Rücken, war in völliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Frack mit gelber Weste.

Johann Wolfgang von Goethe

 

1

„Ach, da ist ja wieder die Bundesliga“, sagte der Kollege vom Schreibtisch gegenüber. Das bezog sich aufs Internet. Ein heißer Tag draußen. Zum Arbeiten hatte keiner Lust, man könnte sagen: naturgemäß.

Wie der Kollege Internetbeauftragter mitgeteilt hatte, der dem Kollegen vom Schreibtisch gegenüber soeben den Internetzugang eingerichtet hatte, war „www.megatitten.de“ die mit Abstand „meistangeklickteste“ Web-Site im Moment. Im vierten Stock säße ein Kollege, der sich jeden Tag mindestens zwei Stunden ausklinke, um sich Porno-Seiten reinzuziehen: „Geh mal durch den Flur und achte darauf, welcher Monitor so gedreht ist, daß man ihn vom Flur aus nicht unmittelbar einsehen kann.“ Wer einen roten Kopf hätte, haha. Wer nicht aufstünde zur Begrüßung. Haha.

Zum Mittagessen hatte es Weißwürscht gegeben. Dazu Obatzter. Die Würste: aufgeplatzte weiße Leiber, weil der Kollege vom Schreibtisch gegenüber – übrigens, darf ich vorstellen: das ist der Rüdi; angenehm; angenehm -, sie hatte kochen lassen, obwohl die junge Kollegin aus der Rechtsabteilung, die rechte Hand der strengen Frau Hader, ein Mädchen mit gefärbten roten Haare und spitzer Nase, ihn, Rüdi, ermahnt hatte, die Weißwürscht nur ja nicht kochen zu lassen!

„Die dürfen nicht kochen, hab ich dir doch gesagt!“

Vorwurfsvoll sagte sie das. Darüber lag eine hauchdünne Schicht versöhnlicher Ironie, dünn wie das sprichwörtliche Eis, gewissermaßen als Deko verwendet. Ich setzte mich. Auf dem Tisch ein Glas mit süßem Senf. Und Weißbrot. Ein Schälchen mit Radieschen, in hauchdünne Scheibchen geschnitten. In etwas breitere Scheibchen geschnitten das Weißbrot. Von mir.

„Für mich nur Weißbrot mit Obatztem.“

„Unser Weißwursthasser.“

„Dazu einen Apfelwein?“

„Das Bier muß ja auch noch weg.“

Feudal. Jetzt war ich satt. Das Stadtviertel draußen kochte im hellen Licht.

 

2

Ort: Köln, so eine Art In-Kneipe, „Sequenz“; in erster Linie für Studenten, wie’s aussah, wenn ich mich so umsah.

Zeit: früher Abend, später Nachmittag. Zeit zum Biertrinken. Aber heute nicht.

Sein Stammtisch sei das, meinte Rob, auf den kleinen quadratischen Tisch bezogen, an den er mich heranwinkte. Rob war gebürtiger Albaner. Er hatte lustige, engstehende Augen. Trank Martini, mit je einem Glas Wasser dazu. Einen. Die Augen wurden lustiger. Zwei. Drei. Den dritten trank er mit einem anderen Albaner, der später noch dazu stieß und bis zum Schluß kein Wort sagte. Seinen Namen verstand ich nicht, weil Rob ihn albanisch aussprach. Der andere Albaner saß nur einfach unrasiert da und grinste. Robs Augen wurden mit jedem Martini schalkhafter. Er sei Nietzsche-Fan, erklärte er, aber Nietzsche solle ich aus dem Spiel lassen:

„Jeder vereinnahmt ihn, verdammte Scheiße! Old Fritz.“

Ob ich auch einen Martini wolle?

Danke, ich müsse noch nach Frankfurt zurück am selben Abend. (Stimmte natürlich nicht. Ich war mit Barbara verabredet. Oh ja, ich hatte noch viel vor!)

Ah, das sei natürlich scheiße.

Ja, da müsse ich aufpassen, log ich weiter, ich hätte schon mal den Lappen verloren wegen Trunkenheit am Steuer.

So. Rob fragte nicht weiter nach. War wohl Alltagsgeschäft für ihn. Besser gesagt, es ging ihm am Arsch vorbei, wie das meiste.

Wir hatten uns wegen dieses Interviews verabredet. Ich stellte meine erste Frage, die mir ziemlich blöd vorkam, aber, na ja, einer muß diese Jobs ja wohl machen.

Er, Rob, war Theaterautor, hatte ein Stück mit dem Titel „Spektralfarbenlehre“ geschrieben. Das wollten wir in unserer „Jungen Reihe“ veröffentlichen. Warum? Keine Ahnung. Der Kollege, den ich gefragt hatte, blätterte achselzuckend in einem Verlagskatalog. Achselzucken allerorten. Irgendwas mußte man schließlich veröffentlichen, nicht? Oder? Dafür war ein Verlag doch da? Gefallen tat’s keinem sonderlich. Der Titel war vor allem der Sekretärin des Chefs verhaßt, die ihn nicht über die Lippen brachte, ohne am spektralen „r“ hängenzubleiben. Aber die Sprache war ordentlich vulgär, das machte schon was her; außerdem waren nur zwei Schauspieler erforderlich, und das Stück war kurz. Wenig Text, aber schön zotig. Eigentlich ideale Theaterbedingungen. „Wirkt auch auf diffuse Art und Weise postmodern, kurz und versaut“, sagte einer. Also veröffentlichen. Zusammen mit anderen Werken von Jungautoren. Ein Band aus unserer Reihe „Gegenwärtiges Theater“. Hinten ein Materialteil dran geklatscht. Und Interviews wären gut. Und Fotos. Damit die Leser die Autoren ein bißchen kennenlernen. „Da wird auch gleich so eine Aura von Prominentsein über sie verbreitet.“ Soweit also die Pläne.

Der Cheflektor der Theaterabteilung zitterte still. Die Schweißflecken unter seinen Achseln erklärten, warum er sofort zu jammern anfing, er brauche Urlaub, und das dringend, dringend! Sie waren mehr als handtellergroß, diese Flecken. Jedenfalls größer als meine Handteller. Sein Jackett war schief über die Rückenlehne des Stuhls gehängt, auf dem ich Platz nahm. Ich kannte ihn eigentlich nur vom Vorbeigehen, vom Guten-Tag-Sagen. Er hatte keine Lust, sich mit Rob abzugeben, erklärte er mir, er halte ihn eh für halb wahnsinnig:

„Das ist eine Borderline-Persönlichkeit. Der Grat zwischen Genie und Wahnsinn ist schmal. Sehr schmal. Verstehen Sie mich richtig.“

Die Kaffeetasse an seinem Ellbogen stand in einer Kaffeelache. Ein halb ausgedrücktes Tablettenpäckchen auf dem Tisch. Magen? Nerven? Das Telefon klingelte. Er sprach kurz in den Hörer. Lachte halbseitig (rechter Mundwinkel). Seine Augen lachten nicht mit. Dann schraubte er seinen Waterman-Füllfederhalter auf und schrieb irgend etwas Blaues in seinen Terminkalender. Er ächzte leise dabei. Er müsse am Wochenende zu einer Premiere, sagte er leise, in vertraulichem Ton. In Berlin. Ob ich nicht aus Köln käme, fragte er dann mit einem listigen Augenaufschlag (Rob wohnte nämlich in Köln). Ja, täte ich, sagte ich. Ob ich da nicht mal wieder hin wolle, nach Köln? Ja, ich hätte vor, meine Freundin am Wochenende zu besuchen, sagte ich. Schön ficken, Barbara ficken, das ganze Wochenende über. Letzteres sagte ich natürlich nicht. Ja, Barbara ficken, bis es nicht mehr ging, wollte ich. Aber es kam dann leider alles ganz anders ...

Ben, der Kellner der Studenten-In-Kneipe „Sequenz“ in Köln, brachte den vierten bzw. zweiten Martini. Warum können diese In-Kneipen-Kellner nicht mal normale Namen haben? dachte ich. Ich meine, Ben, was war das für ein Name? Einer, der aussah, als hieße er Lars, lachte am Nebentisch ein larsartiges Lachen. Das soll jetzt kein Vorurteil sein, aber alle Larses oder Larsen (oder wie auch immer der Plural von Lars lautet - und den muß es ja geben, bei dieser Masse von „Lars“ Genannten), die ich kenne, sind ziemliche Idioten. Ist Ihnen das auch schon mal aufgefallen? Vor allem haben alle, aber auch wirklich ALLE Larses, Larsen oder Larschlöcher absolut keine Ahnung von Rasierwasser. Und das ist eine Tatsache!

Aber ich schweife ab. Rob faselte irgendwas von Ewigkeit, von Augenblick und von Worten, die die eine und die andere Seite gleichzeitig trennten und verbänden, wie die Wirklichkeit, wie eine Peitsche, und dann ging’s um die Macht des Wortes, ja jedes Buchstabens (ich schrieb geduldig mit, da man mir kein Diktiergerät hatte zur Verfügung stellen können), die so gewaltig sei (die Macht), daß es ... den Rest verstand ich nicht ganz, ich notierte nur „Struktur“ und „quetschen“. Oder war es „quatschen“? Ich konnte es später nicht einmal mehr richtig entziffern, was auch daran liegen konnte, daß ich mich ordentlich aus der Hotelbar bediente. Mit meiner Freundin hatte ich mich gestritten, soviel also zum Thema: „Am Wochenende habe ich mir natürlich, wie jeder aufrechte junge Bundesbürger, der die ganze Woche über auf der Arbeit Blut und Wasser schwitzt, die Seele aus dem Leib gebumst“. Sie schlug nach mir, traf mich aber nicht. Ich bekam nicht ganz mit, was überhaupt los war. Was abging, oder wie man da sagt. Worum es ging. In dem Film „Kids“, der – leise gestellt – im Hotelzimmerhintergrund lief, vertrieben sich die handlungsführenden Straßenkinder die Zeit damit, ständig und zu allen „Was geht?“ zu sagen. „Hey, was geht?“ – „Hey, was geht?“ Und Hände aneinander klatschen.

Ich meine, Rob hatte mich JEDESMAL, wenn er und sein Kumpel Martinis bekamen, gefragt, ob ich nicht doch einen ... ? Und natürlich, ja, irgendwann hatte ich nicht mehr nein sagen können. Und auf einem Bein kann man nicht stehen. Und aller guten Dinge sind drei. Und Sie wissen ja vermutlich, wie die Albaner saufen. Darum schoß mir kurz die Überlegung durch den Kopf, ob ich nicht einfach umschalten könnte, vielleicht zur Sportschau, zum Fußballgucken, damit dieses „Was geht? Was geht?“ aufhörte, denn viel ging bei mir im Augenblick nicht. Ich schaffte es noch nicht einmal, anständig auf den Knopf der Fernbedienung zu drücken, denn das „Was geht?“ wurde nur immer lauter. Saß ich in der „Was geht?“-Falle, in die wir alle früher oder später tappen? Ich dachte an Babs und an Schatten an Hotelwänden, und der Schweiß brach mir aus.

Ganz zweifellos kam ich auf solche paranoiden Ideen, weil mir Robs zusammenhangloses Gefasel den Kopf wirr gemacht hatte. Das und die Martinis war einfach zuviel gewesen! „Barbara, Baby, was hast du denn, Baby?“ hörte ich mich lallen. Ein zweiter Mann war noch im Spiel, soweit ich verstand. Irgendein Kerl. Ein Schemen im Gegenlicht. Oh, Mann, ich war hinüber!

Dann schaute ich einfach fern. Ließ mich treiben. Mein Laptop summte. Summte stumm. Oder heißt es „Notebook“? Das klingt wiederum so nach „Nooteboom“. Von dem hatte ich ein Buch dabei. Glaube ich. Reisebelletristik. Das hatte ich zum Einschlafen lesen wollen. Um ins Koma zu fallen, ist keine Lektüre erforderlich. Schwarze Seiten klatschten aneinander. Reichlich verwirrt, mein Ich, damals in Köln, in diesem Augenblick, der, laut Rob, eine demokratische Ewigkeit war, dessen Seiten durch Wörter aneinandergebunden waren. Vielleicht, dachte ich, hatte ich mich zu weit vorgewagt? Mich zu weit auf das hier eingelassen? War zu weit hinausgewatet ins Wasser des Wirklichen? Und jetzt stand es mir bis zum Hals? Ich schwitzte. Der erste heiße Tag des Jahres. Ich schwitzte Blut und Wasser, mal wieder. Blut und Wasser. Brot und Peitsche. Wirklichkeit und Spiele. Das konnte noch ewig so weitergehen. Mir fröstelte.

„Ben, bringst du noch einen? Und, mein Freund, auch noch einen Martini?“

Ja, äh, nein, ja - sehr verwirrt, dieses, mein, Ich, damals, in Köln.

Obwohl es heute keineswegs besser ist. Das nicht.

 

3

WWW.THEHUN.NET ist eine Sammlung übelkeitserregenden pornographischen Schrotts. Ganz unmoralisch gesprochen, rein ästhetisch gesehen. Darunter: „See Lady Diana nude!“ Meine Kollegen sahen sich so was gern an. Dann lachten sie. Klickten herum, erst schnell, mit der Zeit immer langsamer. Dann wurden sie irgendwann still. Stierten nur noch. Ich ging irgendwas kopieren. Was soll’s.

Zur Not konnte man immer noch behaupten, das sei der Zeitgeist. Das sei heute nun mal so, da müsse man mit.

 

4

„Ein Herzinfarkt“, sagte Frau Bühler, verantwortlich u. a. für die Lesereisen eines zur Zeit und unbegreiflicherweise angesagten bayerischen Lyrikers, die mit ihren naturfeuerroten Haaren und den Smaragd-auf-Meeresgrund-grünen Augen Objekt allgemeiner Begierde war (auch besagten Lyrikers), weswegen jetzt auch alle an ihren Lippen klebten – die einen getrieben von Haß, die anderen von entgegengesetzten Motiven. Mich stieß das aderndurchlässige Weiß ihrer Haut ab, auch ein bißchen ihr laszives, daueraffärenbereites Lächeln.

„Ein Herzinfarkt, so tragisch, nach allem, was er für den Verlag getan hat. Schrecklich!“

„Tragisch.“

„Eine Tragödie.“

„Auf dem Flur. Er fiel um, bums, und aus.“

„Nein, wie furchtbar!“

„Dabei war er noch gar nicht so alt.“

Hauptsächlich wurde das in der Kantine des Arbeitsamtes geäußert, wo wir mittags alle hingingen, um zu essen, da unser Verlagsvorstand sich eine Kantine (mit dem Argument: „Geruchsbelästigung der Mitarbeiter“) nicht leisten wollte. Frau Bühler schilderte noch in allen Einzelheiten (die mir aus ihrem Mund seltsam notgeil vorkamen), wie sie alle gebangt und gehofft hatten, doch als der Notarzt endlich da war – kleiner Exkurs zum Stadtverkehr –, war der Lektor des bayerischen Lyrikers schon tot. Was, wie ich nicht umhin konnte zu denken, zumindest in dieser einen, beruflichen, Hinsicht ja auch seine Vorteile für ihn haben dürfte. Kurz nach der allseits konstatierten Tragödie ging eine E-Mail von dem Lyriker ein, die bekannten stupiden Wortspielchen („deine pistole, olé, bang, bist kohle“), die er offenbar allen Ernstes für Dichtung hielt – er schickte jeden Tag mindestens fünf solche E-Mails –, endend mit und gipfelnd in dem Satz: „und, karl, wie findest du’s? nicht schlecht, oder? ob wir’s noch aufnehmen in BAD GEFLÜSTER?“ Das las natürlich niemand mehr, weil der Empfänger zu dem Zeitpunkt bereits so gut wie tot auf dem Flur lag und sich darauf einstellte, daß es das war mit seinen Verdiensten um den Verlag. Darum, zehn Minuten später, während der Notarzt draußen im Flur um ein Leben kämpfte und sie alle noch bangten und hofften, ging ein empörter Anruf aus München bei Frau Bühler ein: Was sie denn glaubten, wer er sei, bitteschön? Ein Faxenmacher oder was? Der Depp vom Dienst? Der Reimekaspar (wie „Reimekaschba“ ausgesprochen)? Warum ihn denn keiner zurückrufe? Er erwarte jetzt aber schleunigst eine Reaktion oder so was von Karl, verdammt! Immerhin sei Karl sein beschissener Lektor! Und dann: Oh, das sei tragisch. Das sei tragisch. Das habe er ja nicht ahnen können! Ja, er werde sich gleich daranmachen, eine Elegie zu dichten. Noch in dieser Minute! IN MEMORIAM KARL W.

Ich schaute auf die Uhr: halb zwei. Wir mußten wieder rüber. Wie sah eigentlich die Abendplanung aus? Barbara in Köln anrufen? Draußen regnete es. Kino? Einige von uns liefen. Ich gehörte nicht dazu. Frau Bühler lächelte mich im Vorbeilaufen an. Daß es regnete, dürfte dem bayerischen Lyriker gefallen, dachte ich:

„sich regen bringt segen?

von wegen,

denn im regen

verloren

bis über beide ohren

wie in venedig die mohren ...“

 

So könnte es doch anfangen, das Totengedenkgedicht!? Vielleicht sollte ich das mal nach München mailen.

 

5

„Krrrchhhhh, hier kommt die Wildkatze“, fauchte Frau Bühler, als sie nackt über ihren roten Teppich auf mich zurobbte.

In diesem Augenblick erst wurde mir klar, wieviel ich getrunken haben mußte. Mannomann. Da mußten ganze MEERE in mich hineingelaufen sein! Ich lag auf dem Bett. Nackt. Wie hatte das denn angefangen? Und was war hier überhaupt los? Anders gefragt: wie war ich in diese Scheiße hineingeraten? WAS TUE ICH HIER, VERDAMMT NOCHMAL!? Und - was tat die Bühler da? Die Frau Bühler, sie bot einen ziemlich beängstigenden Anblick. Die roten Haare hingen ihr wirr ins Gesicht, ihre Titten schaukelten wild, wenn auch nicht unbedingt katzenartig, hin und her, während sie auf mich zu robbte, den Mund aufgesperrt wie ein Tier im Zoo, und sie gab diese fauchenden Laute von sich – ich nehme an, ich machte mir nicht viele Illusionen darüber, worauf das hier hinauslief. Ich fand sogar noch die Kraft zu einer eher ästhetischen Betrachtung: daß nämlich aus meiner gegenwärtigen Perspektive mein halbaufgerichteter Schwanz und meine Füße gewissermaßen Kimme und Korn bildeten. Und wenn sie die Wildkatze war – war es dann nicht meine natürliche Pflicht als mit dem Jagdtrieb Ausgestatteter, eigentlich, sie abzuknallen? Mir schien das eine ganz brauchbare Lösung für mein – unser? – Problem hier zu sein.

Aber dann machte es sich bemerkbar, daß ich in einer sehr ästhetischen Stimmung und damit eben interesse-, folglich antriebslos, war.

Der antriebslose Satyr sah sich um.

Die Kondome auf dem Boden, alle schon gebraucht; ein paar geleerte Weinflaschen; Frau Bühlers naturfeuerrotes Gesicht, das vor mir aufragte. Dann biß dieses Gesicht zu. „Mein Hengst, mein Hengst!“ Sie stöhnte theatralisch, zerrte mir mit den Zähnen eine Socke vom Fuß, spuckte sie neben das Bett. Also schön. Beginn der Vorstellung. Und dann geschah etwas, was ich, im Grunde genommen, nicht erwartet hatte. Ganz mechanisch und ohne darüber nachzudenken, fing ich an, sie zu ficken. Irgendwie fand ich sie geil in diesem Augenblick – hingebreitet, willig – diese Wörter erregten mich, ich fickte diese Wörter, diese Vorstellungen von einem willig hingebreiteten Weib (Mann, ich WAR besoffen!), und außerdem dachte ich an die Kollegen, wie sie ihr sabbernd hinterhergestiert hatten nach dem Mittagessen, wie sie ihr fassungslos auf die weißen Waden geglotzt hatten, und es machte mir Spaß, diese Idioten auch gleich noch mitzuficken, und dieser Gedanke macht mich eigentlich auch jetzt noch, beim Hinschreiben, geil. Die Bühler schrie mich an, kreischte in mein Gesicht, spuckte mich an, und absurder Weise erregte mich dieses Theater noch mehr: „Oh ja, NIMM mich, fick mich, du bist so gut, so guuuuut ... meine sex machine ... fickmichfickmichfickmich ...“ Idiotisch, aber mein Schwanz, der bis dahin nicht so richtig steif gewesen war, war mit einem Mal so hart wie ein Besenstiel. Sie zappelte wie wild und ließ ihre Titten auf- und abhüpfen und stöhnte. Dieses Siebziger-Jahre-Softporno-Gehabe war genau das, was mich jetzt anmachte, bei dieser Blödheit, die sich in meinem Kopf ausgebreitet hatte. Ich bumste sie heftiger, und sie brabbelte immer noch blödsinnigeres Zeug.

„Ich habe dich schon immer gewollt, immer gewollt, vom ersten Tag an, ohhh, ich BRAUCHE dich, meine Rute, mein Pylone, meine Eiche, jajaichjaaahahahhh ...“

Es war wie in einem Traum – einem Albtraum selbstverständlich. Na ja, sagte ich zu mir, halb so wild, morgen früh wirst du wach werden, und es wird nichts gewesen sein! Eine Weile wird dir das Grauen noch in blutverschmierten Fetzen durchs Hirn flirren, während du langsam nüchtern wirst ... Aber auch der brutalste Albtraum nimmt irgendwann ein Ende! Ja, richtig, auch der brutalste Albtraum. Das stimmt – Albträume gehen zu Ende. Aber was ich nicht bedachte in jenem Moment, das war, daß das hier gar kein Albtraum war! ES WAR NOCH NICHT MAL EIN TRAUM! Und die Wirklichkeit scheint, wie Sie wissen, kein Ende zu nehmen. Gar nicht. Nie.

 

6

„Und während ich noch am Gange bin, merke ich: die ist eingeschlafen! Die war so besoffen, die ist einfach unter mir eingeschlafen!“

Der Kollege Trapp erzählte das wirklich. Er schien gar nicht zu bemerken, wie er schlagartig in der Achtung der versammelten Kollegen sank, wie lächerlich, ja ekelhaft sie ihn in diesem Augenblick alle fanden, wie nichtswürdig. Er hielt es wohl für lustig, für kurios, jedenfalls für mitteilenswert, daß seine Frau ihm beim Bumsen eingepennt war. Wie abgrundtief jämmerlich das war, kam ihm gar nicht zu Bewußtsein. Und es dazu noch in einer Runde zu erzählen, in der auch Frauen anwesend waren! Ich schämte mich für ihn, und als ich mich umsah, stellte ich fest, daß ich da nicht der einzige war. Fuchs aus dem Versand etwa sah zu Boden. Frau Bühler zwinkerte mir zu. Mir war immer noch schlecht, darum lächelte ich erst einmal zurück. Ich hatte das Gefühl: Gleich kippe ich um! Aber ich schaffte den Tag dann doch noch.

 

7

der tod klopft nicht an

istn harter bursche

härter als du

als dein schwanz

als das leben

 

er putzt dich weg wie nichts

im schatten des lichts

 

jetzt ists kälter hier

ohne dich

 

du warst pure energie

der bergende schatten

gegen die blitzlichter der papa

razzia. Dein tod hat

eine frage gestellt

 

im galgenschatten der

eisenbahnunterführungen

 

und ich habe keine antwort darauf

 

na, frau bühler, wie gefällt’s ihnen? könnten sie’s herrn bollzner vorlegen? das eilt allerdings ein bisschen. vielleicht nehmen wir’s ja noch in meinen neuen gedichtband auf!? könnte mir vorstellen, dass wir das, quasi als prolog, vorneweg machen. als widmung. dann wäre der titel „für karl“.

oder?

schöne grüsse

benno augsburger

 

ps: ist ihnen das mit dem grossen „d“ aufgefallen? das ist meine reverenz an karl. er hat ja immer bedauert, dass ich auf kleinschreibung bestand. jetzt hat er seinen willen.

 

8

Tiefe, knurrige Stimme. „Ja, Tom Barsch hier. Kann ich den Herrn Bollzner mal sprechen?“

„Ja, äh, nein, Herr Bollzner ist gerade in einer Besprechung“, sagte ich, etwas verwirrt, weil auf meinem Bildschirm gerade eine Nachricht aufblinkte: „YOU GOT MAIL, SUCKER!“ Und während die tiefe, knurrige Stimme im Telefon sagte: „Das nenne ich eine typische Litteron-Verlag-Antwort: Ja, äh, nein, der ist in einer Besprechung“, las ich: „Freue mich schon auf nachher, du Hengst. Deine Tigerin.“

„Der möchte mich doch mal anrufen, der Herr Bollzner. Tom Barsch mein Name.“

„P.S.: Der Dschungel dampft“, las ich.

Ich legte auf. Der Kollege von gegenüber sagte: „Schau dir diese Sau an. So was von notgeil!“

Für einen schrecklichen kurzen Augenblick dachte ich – Sie wissen schon, was. Aber nein, er surfte weiter: „Mal sehen, wie die Eintracht aufgestellt ist morgen ...“ Das bedeutete: heute war Freitag. Freitagabend, da wollte ich nach Köln. Mit Barbara kitten, was zu kitten war mit Barbara. Ich mußte daran denken, das Handy nicht mitzunehmen, ermahnte ich mich. Denn Frau Bühler hatte meine Handynummer. Mein Kollege studierte mit einem Ausdruck gespanntester Aufmerksamkeit auf dem Gesicht die Aufstellung der Bundesligavereine – oder die Titten von der thehun-Page, das wußte ich ja nicht. Vielleicht wollte er den Rekord aus dem vierten Stock brechen?

Ich vertiefte mich wieder in das Manuskript, das ich zu beurteilen hatte, d. h. in das leichte Delirium, in dem ich mich die meiste Zeit befand, sobald ich das Litteron-Gebäude betreten hatte. Dieses opus magnum da war unglaublich. Daß Leute sich hinsetzten und so was schrieben! Eigentlich schrecklich, dachte ich. Äußerlich betrachtet: eine lose, eine zusammenhanglose Abfolge von Bildern (ich zitiere hier mich selbst, mein Gutachten [oder eher Schlecht-Achten, in diesem Fall]). Vermutlich war es das, was der Autor unter „fraktal“ verstand, denn das Werk trug den Titel: „unter den mandelbrotbäumen“. Die Bilder bestanden aus ermüdenden, kraftlosen Pseudo-Thomas-Bernhard-Monologen. Bereits das erste Kapitel war dermaßen prätentiös, absurd alexandrinisch-geschwollen, daß es unnötig schien, weiterzulesen; aber ich tat es trotzdem, denn ich konnte es einfach nicht glauben! Es war, als glotzte ich lauter groteske Tiefseefische mit Lampen auf dem Kopf an. Der erste Auftritt gehörte einem Affen, der „mit einem knüppel folgenden satz in den wind schreibt: affe: im anfang war kein wechsel in den aggregatzuständen. der satz ist unlesbar die luft beginnt allmählich weh zu tun.“

 

9

Herr Bollzner war unser Chef. Der Chef unserer Abteilung. Er, sehr sympathisch, die Rücksicht in Person, ein Mann mit sanfter Stimme und noch sanfterem Gebaren, war mit einer Autorin liiert, die für ihre exhibitionistische Prosa berühmt war. Er fuhr BMW, rücksichtsvoll und mit zarten Lenkradbewegungen; sie ließ das Handy klingeln, während er eine Rede hielt, und ließ sich alle Zeit der Welt, um dranzugehen. Und ging dann auch noch dran und quatschte in aller Seelenruhe.

Aber natürlich hatte ich die meiste Zeit andere Sorgen. Die Erfolge eines Suhrkamp-Autors, Rainald Goetz, hatten bedauerlicherweise manche minder begabten Hallodris dazu ermuntert, einfach so aufzuschreiben, in einem komischen Radikaldeutsch, was ihnen durch den Kopf ging oder auch daran vorbei, was sie so dachten oder gehört hatten. Und das, was dabei herauskam, nachdem ihr Word-Programm ordnend und das Schlimmste tilgend darüber hinweg gegangen war, flatterte dann bei uns auf die Schreibtische. Unter Titeln wie „Stereoton“, „Kein schnöder Land“ oder „Das passiert schon mal“. Das hatte u. a. zur Folge, daß ich mich im Nachtleben bald besser auskannte als Westbam, obwohl ich, gerade was Dinge wie laute, überfüllte Parties angeht, immer mehr als zurückhaltend gewesen bin. Ecstasy hatte ich nie probiert und hatte auch kein Verlangen mehr danach, als ich sah, welche verbalen Stimuliertheitszustände diese chemische Stimulanz heraufzubeschwören imstande war. Ich wollte, im Grunde, einfach nur meine Ruhe. Aber genau die ließ man mir nicht. BAM BAM BAM. Das schien die Parole des Tages zu sein, in jeder Hinsicht. Da wurden auf dem Papier Egos so mächtig aufgebläht, daß man schon nach dem Notarzt rufen wollte, weil man Angst bekam, jemand könnte platzen. Es mußte da offensichtlich irgendeine Infektion im Spiel sein. Die hoffnungslos verfahrenen Dinge um Lust, Leid und Libido endeten meist am Küchentisch irgendeiner Prenzlauer-Berg-WG, der Morgen kam zerhauen hoch, und irgendwie und irgendwann war dann alles doch gar nicht so schlimm, und der Fernseher lief, ein bißchen heimelig, ein bißchen nicht von dieser Welt. Guten Morgen, Berlin.

So ein typisches Sujet (daran erinnere ich mich noch sehr gut) war ein Junge, der abends, ziemlich spät, losgeht, in die Disco, dort ein Mädchen kennenlernt, ein nettes Ding, sie kommen ins Gespräch, verstehen sich prächtig, so gut, daß sie beschließen, die Nacht miteinander zu verbringen. Dann (Peripetie) kam so etwas wie: Der Freund, der eigentlich im Urlaub hätte sein sollen, kommt zu früh und unerwartet heim, während der Held gerade angefangen hat, detailliert zu beschreiben, wie er der Kleinen an den Brustwarzen herumknabbert  und -leckt und wie ihr das Höschen feucht wird. Der Freund kommt ins Schlafzimmer, Riesenszene, du fickst hier rum, während ich in Nepal usw. Action, der Held muß gehen, wird sie nie wiedersehen, die Tür fällt hinter ihm laut durchs Treppenhaus hallend ins Schloß, er steht nackt da, die Klamotten in der Hand, und in die entstehende Stille hinein breitet tiefe Melancholie sich aus, verfolgt ihn bis in die U-Bahn. Die Sprache, in der das alles geschildert wurde, schien aus den Trauben von Harald Schmidts LATE-NIGHT-Weinberg gekeltert zu sein; allerdings hatte der Autor nicht daran gedacht oder nicht die Zeit gehabt, den Wein reifen zu lassen, und so war er nichts als eine mit Zucker gestreckte Scheußlichkeit, die Kopfschmerzen verursachte, das heißt, die Trauben hatten einfach zu hoch gehangen, und herausgekommen war entsprechend keine geistreich-bösartige Schlampigkeit, sondern eine schlampige oder schlampenhafte Bösartigkeit. An den Sex-Szenen wiederum schien Frau Bühler persönlich mitgestrickt zu haben. Mit der Ausmalung unappetitlicher Details („Sein Schwanz war irgendwie blasenartig. So eine kleine, harte Knospe!“ – „Iiih! Echt?“) wurde reihum nicht gegeizt. Das war schon alles sonderbar.

Ach ja, Frau Bollzner hieß Iris Kron. Sie veröffentlichte unter dem Pseudonym „Amanda Schlank“, und im Kollegenkreis hatte man ihr – das war ein ganz spontaner, ungelenkter Prozeß gewesen – den Namen „Amanda Hirnlos“ angehängt. Sie sprang auch gleich auf die flotte Welle auf, die da durchs Land schwappte. Ihr Werk hieß „Dreamcreamday“. Es ging um – ach, wissen Sie was? Lesen Sie’s selbst nach.

 

10

Saß heute ohne Fleisch an den großen Zehen vor meinem Computer. Aha, werden Sie vielleicht denken. Und aus Höflichkeitsgründen fügen Sie vielleicht, etwas lustlos, laut hinzu: „Und warum, wenn man fragen darf, saßen Sie zehenfleischlos vor Ihrem Computer?“

Nun, das kam daher, daß ich, obwohl ich merkte, daß ich Blasen an den Füßen hatte (mächtige Dinger, vermutlich blutgefüllt, wie ich kurz nach der Halbzeit gedacht hatte), noch weitere vierzig Minuten über den Platz gerannt war, gekämpft und geackert hatte, bis zum Umfallen beinahe. (Das mit dem Blut hatte übrigens nicht gestimmt.) Meine partielle Selbsthäutung aber hatte sich gelohnt: Die Suhrkamp-Truppe war mit 4:1 nach Hause geschickt worden – eine kleine Revanche dafür, daß Goetz der literarischen Sprache das Mieder gelockert hatte, so daß jetzt jeder Journalist an ihren Brüsten herumfingerte – wenn meine Bälle auch sämtlich übers Tor geflogen waren. Zuviel Wut, zu wenig Selbstbewußtsein. Nun ja, sicher – meine Leidensbereitschaft – fast könnte man sagen: meine Leidensfreude – wurde in erster Linie durch meine Erlebnisse am Wochenende befeuert. Durch die Barbarismen (haha – nein, es war ja ein EINZIGER GROSSER Barbarismus!), die mir in Köln widerfahren waren.

Ich hatte vorgehabt, mich zu einer Aussprache mit Barbara zu treffen. Am Rheinufer. Eine Kleinigkeit essen, ein paar Cocktails trinken (Barbara ist, wie fast alle Mädchen, verrückt nach Cocktails), und dann überleiten zur Versöhnung und zum gemütlichen Teil des Abends. Dabei dachte ich an zerwühlte Bettlaken und leise Musik.

Nun, er fing schon schlecht an, der Abend der Entscheidung, denn auf dem Hinweg, in der U-Bahn, mußte ich beim Anblick einer Rothaarigen, die so komisch notgeil gestikulierend auf ihre Freundin, ein blondes dürres verstörtes Ding, das in einem fort nickte, einredete und ihr erklärte, wie viele Kollegen momentan wie heftig hinter ihr her wären, unvermeidlich an Frau Bühler denken, und mit vor Entsetzen aufgerichteten Haaren stellte ich fest, daß ich mein Handy dabeihatte, ich Idiot! Ich stellte es schnell aus, aber ein mulmiges Gefühl blieb. Ich meine, kann man der Technik wirklich je trauen? Versucht die Technik nicht permanent, an unserem von der Evolution aufs Podest gestellten Stuhl zu sägen? Denken Sie nur an das Roboterunwesen, an heute noch mühsam pfeifende Greifarme, die bald zu mit ultraleiter- und stoßzahnbewährten Gehirnen ausgerüsteten Iron Men ausgewachsen sein werden – was wollen die, auf lange Sicht, anderes, als uns ihre Codes in die Haut brennen und uns in Flaschen abfüllen?

Die zweite unangenehme Überraschung erwartete mich gleich darauf an Barbaras Seite: Daniel. Amerikanisch auszusprechen. Daniel Blankenheimer – Blankenheimer auch amerikanisch auszusprechen. Daniel ist etwa anderthalb Köpfe größer als Barbara und damit anderthalb Köpfe minus ca. zwei Zentimeter größer als ich. Sein Händedruck ist ausgesprochen fest, trocken, männlich-markant. Er riecht gut. Er kommt aus Boston und ist Absolvent der Harvard University. Er nimmt offensichtlich seine Mitgliedschaft in einem Fitneßclub verdammt ernst. Und er ist sympathisch. Sympathisch, Herrgott! Ein richtig netter Kerl. Ich haßte ihn. Barbara erklärte mir mit exakt drei Worten, wenn auch nicht mit den drei Worten, an die man normalerweise denkt, wenn von drei Worten die Rede ist, daß ihre Gefühle für ihn – begreiflicherweise – andere seien, mildere, weniger ablehnende. Und Daniel lächelte dazu auf eine Weise, daß ich ihm nicht böse sein konnte. Sie sagte nur: „Mein Freund Daniel.“

Da saß ich, erschlagen, erst mal. Das können Sie sich vielleicht vorstellen – auch wenn ich hoffe, Ihnen von ganzem Herzen wünsche, aufrichtig, daß Sie niemals in so eine Situation kommen mögen (dabei denke ich vor allem an Daniel Blankenheimers freundliches, offenes Gesicht). Mir blieb nichts anderes übrig, als Tage später auf den Fußball einzudreschen, um meine Gefühle, oder was manchmal unter dem Label läuft, zum Ausdruck zu bringen. Ja, hm. Liebe also. Anderweitig verliebt, meine (HEY, DAN, hörst du, MEINE) Barbara.

Ich nahm einen Schluck von meinem Cocktail. Gut, ich hatte mir so was schon gedacht, als ich Daniel gesehen hatte. Ich hatte mir in etwa gedacht: „Na, wenn das da nur ihr neuer bester Freund ist, dann hat sie ihre Neigung zum eigenen Geschlecht entdeckt, haha.“ Was nicht wirklich witzig gewesen war oder sonstwas. Ich hatte es nur gedacht, zu mir selbst gesagt, glaube ich, um überhaupt etwas denken zu können und dem Schock nicht gänzlich hilflos ausgeliefert zu sein. Dem Schock nämlich, meine Zukunft davonschwimmen zu sehen, einschließlich Vergangenheit und Gegenwart. Ich hatte mir, anders ausgedrückt, also gedacht, daß er ihr Lover war, ihr neuer. Kurz, ihr Neuer, wie man sagt. Bin ja nicht auf den Kopf gefallen, sagte ich darum zu mir, als jetzt der erste Alkohol in meinen Blutkreislauf eintrat. Ich versuchte mich, ein bißchen wenigstens, aufzurichten. Innerlich. Das gelang mir nicht so recht. Ich schaute zum Verkehr auf der Zoobrücke hinüber. Ein mächtiger Verkehr. Ein unglaublicher Verkehr. Ein Verkehr, wie es überhaupt noch nie einen Verkehr gegeben hatte. Ein Verkehr, wie es  noch keinen Verkehr gegeben habe konnte. Ich fühlte mich, als müßte ich gleich losheulen. Ich meine, ich spürte, daß ich nichts dagegen gehabt hätte, jetzt loszuheulen. Einfach ein bißchen heulen. Es rinnen lassen.

In dem Augenblick klingelte mein Handy. Spielte ein paar Takte Triumphmarsch. Aida. Mein Gott! Ich begriff nicht, wie ich auf die idiotische Idee gekommen war, ausgerechnet diese Melodie einzuprogrammieren.

„Warum gehst du nicht dran?“ fragte mich Barbara nach einer Weile. Daniel lächelte mir aufmunternd zu.

„Was?“ fragte ich, auch mit einem Lächeln.

„Warum du nicht dran gehst. Dein Handy spielt seit geraumer Zeit Verdi, Mark.“

„Ja, wirklich? Oh ja, du hast recht, mein Handy, mein Handy klingelt. Es klingelt, ja.“

Mit anderen Worten, um die Handlung mal eben zusammenzufassen: Ich wußte nicht, was ich tun sollte. Ich schaute aufs Display. Scheiße. Verdammte Scheiße. Ich Idiot! Hatte ich nicht gestern noch daran gedacht, daß ich auf keinen Fall vergessen durfte, mein Handy zu vergessen!? Szenen aus Hollywoodfilmen schossen mir durch den Kopf. Übertrieben ernsthaftes Grimassieren, um zu verbergen, daß es die umtriebig-triebhafte Geliebte war, mit der man telefonierte, während man mit dem Chef beim Essen saß, der auf gutes eheliches Einvernehmen schwor. Daran, daß der Chef vorgab, das Theater nicht zu durchschauen, merkte man, daß das Hollywood war, zwei gutbezahlte Schauspieler und viele Statisten im Hintergrund und der Himmel aus blauer Farbe und nicht die Realität. Nein, nicht einmal einem kompletten Idioten würde es entgehen, daß es NICHT der Golfpartner war, mit dem ich telefonierte. Und Barbara WAR keine komplette Idiotin. Und selbst wenn sie es gewesen WÄRE – wie gesagt, das hätte nichts geändert. U. a. darum, weil sie keine gutbezahlte Schauspielerin war.

Ich ging also dran, zittrig. Ich ahnte schon, was jetzt kam – ach, was heißt, ich ahnte es, ich wußte es, wußte es ja nur zu genau!

Meine Intuition trog mich nicht, was ich bedauerlich fand.

Was hörte ich? Ein asiatisches Hauchen. Fernfernöstlich. In Wahrheit natürlich nur Frankfurt am Main.

„Hallo, Hengst!“

„Ja, hallo“, sagte ich fröhlich und versuchte mir vorzustellen, ich sei ein gutbezahlter Schauspieler und nicht einer, der gerade aufs Schafott steigt.

„Wie geht’s dir? Wo bist du?“

„Gut, gut. Wir genießen die Aussicht auf den Rhein. Und selbst?“

„Deine kleine Tigerin hat sich etwas zwischen die Beine geschoben, mein großer starker Eber, einen Säbelzahntigerzahn.“

Das wurde langsam eine zoologische Affäre. „So? Das ist prima“, sagte ich, „morgen, ja? Morgen ist prima.“

„Oh!“ machte sie. Stöhnte sie, um der Wahrheit die Ehre zu geben.

„Haha“, lachte ich. „Guter Scherz! Ja. Haha!“

Noch einmal stieß sie sich ihren Dildo in den Unterleib. (Sie hatte ein wirklich monströses Exemplar bei sich daheim. Stand auf dem Nachttisch, immer griffbereit.) Und noch einmal. „Uh.“

„Ehrlich, ja? Du, Georg ... ich hab leider gar keine Zeit ... jetzt ...“

Uh, uh. Mein Lächeln erbebte.

„Und weißt du, was ich JETZT mache, mein Liebespegasus? Mein Araberhengst? Weißt du das? Nein?“

„Ja, morgen ist prima. Morgen ...“

„Ich steck ihn mir in den Arsch ...“

„Ja, Ihnen auch. Wiederhören.“ Panikartiger Gesprächsabbruch. Mein Gesicht zerfiel in seine Bestandteile und ließ sich auf die Schnelle nicht wieder richtig zusammensetzen, während ich versuchte, es auszustellen, das verdammte Ding. Aber diesmal endgültig auszustellen. Scheißtechnik! Hatte ich’s nicht geahnt? Vorhin in der Bahn, hatte ich da nicht ... Hoffentlich funktionierte das wenigstens JETZT! Aber – was vermochten läppische kleine Knöpfe gegen eine Naturgewalt?

Ich atmete tief durch, bevor ich Barbara anschaute.

„Wer war das?“ fragte sie kalt. Mißtrauisch.

„Das war Gregor. Ein Freund. Ein Kollege.“

„Ich dachte, du hättest Georg zu ihm gesagt?“

„Ja? Hab ich? Ja? Tatsächlich? Haha. Nein, also ... Ich ... ich bringe das immer durcheinander ... Georg. Gregor. Gregorg – hahaha!“

Daniel lachte aus lauter Freundlichkeit mit, aber seine Augen zeigten, daß er anfing, mich für einen ausgemachten Dummkopf zu halten.

„Na, egal“, sagte Barbara und schob ihren Stuhl zurück. „Was geht’s mich an, wen du siezt, wen du duzt, wen du anlügst.“

Sie stand auf. Daniel blickte an ihr hoch, reagierte jedoch vorerst nicht.

„Wir können ja Freunde bleiben“, sagte sie und drehte sich barsch um. Daniel trank daraufhin schnell seinen Daiquiri aus, rief „See you, bye“ in meine Richtung und sprang auf, wobei er seinen Stuhl nach hinten stieß und beinahe einen dicklichen älteren Herrn mit Fotoapparat getroffen hätte, der wütend knurrend zur Seite auswich, nun seinerseits gegen seine Gattin rempelnd, die etwas tat, was ich nicht mehr ganz mitbekam. Und das alles für mich, dachte ich, paradoxerweise (meine Nerven!) beinahe mit einem Kloß der Rührung im Hals. Barbara drehte sich um und rief über ihre Schulter zu mir zurück: „Oder auch nicht.“

„Gratuliere! Gutes Spiel! Klasse.“

„Ja. Aber Schußpech.“

„Ja, und ein Scheißpech!“

Wir lachten alle. Über diesen Wortwitz.

 

11

In dieser unglaublichen Hitze ist heute auch noch Herr Bollzner umgekippt. Amanda Hirnlos war in Tränen aufgelöst und stürzte durchs ganze Haus, um mal zu schauen, ob noch jemand umkippen würde, wenn sie ihn nur lange genug nervte. Wenn der Bollzner stirbt – wovon im Ernst natürlich nicht auszugehen ist bei seinem Alter –, wird sein Tod dieser Frau anzulasten sein. Da kann es keinen Zweifel geben. Der Kollege vom Schreibtisch gegenüber sieht das im Übrigen ganz genauso.

 

12

Als uns die Nachricht erreichte, daß Bollzner unvermutet ins Koma gefallen war, war keinem von uns danach, nach Hause zu gehen. Da andererseits Amanda Hirnlos‘ wehleidiges Gebrülle, das sich durch den Fahrstuhlschacht durchs ganze Haus verteilte, auch nicht ertragen werden konnte, kamen mein Kollege und ich auf die Idee, uns vollaufen zu lassen. Vom letzten Betriebsfest waren noch zwei fast volle Kästen Weizenbier übriggeblieben. Bald saß fast die ganze Verlagsfußballmannschaft bei uns im Büro. Und Frau Bühler, natürlich. Sie erzählte, daß Benno Augsburger angerufen habe, um zu motzen, warum er nicht mit der Publikumswirksamkeit eines Goetz promotet würde. Er wäre doch ein viel besserer Autor, oder? „Ja, was soll ich da sagen“, meinte Frau Bühler achselzuckend.

„Hat er Ihnen wieder Avancen gemacht?“

„Ach, dieser Goetz, dieser Hampelmann! Was man an dieser Love-Parade-Scheiße finden kann, begreife ich nicht! Ehrlich.“

„Ja, das ist sicher ein großer Irrtum“, sagte Meier, der für das Taschenbuchlektorat zuständig war; er hatte eine lange Nase und rauchte Pfeife. „Aber ich finde, der Irrtum Techno gehört zu Goetz dazu. Goetz ohne Techno ist ebenso wenig vollständig wie Goetz ohne Weizenbier, Goetz ohne Rausch etc. Der Typ ist doch permanent im Tran! Wenn er nicht gerade bei chemischen Hilfsmitteln seine Zuflucht nimmt, dann kritzelt er in sein Heft – das ist ja auch eine Form von Berauschung, endogene Berauschung, meinetwegen. Ich weiß, wovon ich rede. Ich kenn‘ doch diese Vögel!“

Fritsch, Abteilung Wissenschaft, verlagsbekannter Hobbyornithologe, meinte kopfschüttelnd: „Ja, das sind alles so esoterische Dinge. Der Autor, der sich an den Weltgeist andockt, gewissermaßen, und sich durchrauschen läßt. Schon Benn hat ja gefragt: wo kommt das her, das Gedicht?“

Ich sagte: „Ich weiß nicht – ob die Antwort nicht lautet, daß wir alle einfach taub und blind sind? Ich meine, ob unsere Möglichkeiten nicht von klein auf derartig beschnitten worden sind, daß wir der Kunst als, wie soll ich sagen ... anthropologischer Möglichkeit – als Vorgang, der so natürlich ist wie das Atmen oder das Wasserlassen – einfach nicht mehr gewachsen sind? Und deswegen erscheint uns jedes noch so mittelmäßige Produkt authentischer, autochthoner Phantasie – darum erscheint es uns so grandios. Obwohl das in jedem steckt. Ich meine damit: Vielleicht sollte man von Kunst nicht immer so weihevoll reden, sondern eher im Ton einer Klage, eines Beklagens. Nämlich den Verlust an menschlichen Möglichkeiten beklagend, den wir im Laufe eines Heranwachsens erleiden.“

Mein Kollege vom Tisch gegenüber sah mich lange an. Fritsch nickte nachdenklich, immer noch nicht aufsehend. Frau Bühler machte von der Kaffeemaschine aus eine Mundbewegung, als wollte sie mich fressen: sie bleckte ihre großen weißen Zähne. Mir fiel ein, daß sie gesagt hatte, bei ihr wäre noch nie gebohrt worden – „vom Zahnarzt, meine ich natürlich“, hatte sie hinzugesetzt und auf diese Frau-Bühler-hafte Art und Weise gelacht – das war an dem Abend gewesen, an dem wir dann ... Nein, ich bereute nichts! Ich zwinkerte ihr zu.

 

13

Und so weiter, und so weiter. Nun, wie das so ist, wenn man viel Bier trinkt: Irgendwann muß man auch einmal pinkeln. Ich ging also auf die Toilette. Schüttelte gemächlich ab. Summte, bester Laune. Warf das zusammengeknüllte Papierhandtuch über die Schulter auf die Kante des Papierkorbs, von wo es („Nein! Scheiße!“) auf dem Boden landete. Als ich den Schlüssel wieder herumdrehte, stand SIE vor der Tür.

„Frauke, was soll das? Wir hatten doch ausgemacht, wir achten ein bißchen auf DISKRETION ...“

Flüsternd brüllte ich sie an. Wenn man so sagen kann. Aber so war’s. Ich brüllte und flüsterte, weil ich so erschrocken und wütend war und uns die Kollegen nicht hören sollten.

Sie drängte mich in die Toilette zurück. „Ich brauche dich so, mein Hengst. Mir ist so heiß zwischen den Beinen, sengend heiß ...“

„Dann schütt dir Wasser auf die Muschi oder Weizenbier, aber laß mich in Ruhe, ich kann jetzt nicht ...“

„Bitte!“ Da fummelte sie schon an meinem Hosenschlitz rum. „Ich bin so geil, ich hab heut früh schon überlegt, ob ich mir nicht meinen Apparat reinschieben soll, bevor ich zur Arbeit geh. Ich werde halb verrückt vor Geilheit. Ich halt diese LEERE nicht aus. Bitte, laß mich nicht hängen.“

„Du meinst wohl: laß DICH nicht hängen. Nein, Frauke, laß das, jetzt nicht, nicht hier, nicht, ni–“ – Ich sah in die großen, scheuen braunen Brillengläseraugen von Dr. Kurzweil. Der war so verwirrt, daß er gar nicht reagierte. Er starrte uns nur fassungslos an. Vermutlich sah er in uns so etwas wie eine Versuchsanordnung zum Komplex „Wahn und Wirklichkeit“ und wartete jetzt, daß die Wirklichkeit sich dazu gesellte.

„Äh, alles in Ordnung, Dr. Kurzweil, kommen Sie doch rein, wir wollten gerade gehen, Frau Bühler hat mir nur bei einem Problem geholfen, einem Problem mit der, der Toilettenspülung. Sie verstehen?“ Sichtlich nicht. Aber wir waren draußen.

„Du hast sie doch nicht alle!“

Jetzt brüllte ich richtig, wirklich, buchstäblich. Scheiß auf die Kollegen: „Reiß dich zusammen, verdammt noch mal, ja?“

Sie sah mich mit unschuldigen Augen an und legte mir eine flache Hand auf die Brust. „Das ist die Natur, Mark. Ich bin da machtlos. Die Natur. Sie ist stärker als ich. Frag eine Tigerin nicht nach überlegtem Handeln, nach Rücksicht, nach Etikette.“

„Red doch um Himmels willen nicht so eine SCHEISSE!“

„Aber ich BRAUCHE dich so ...“

Und so weiter, und so weiter.

 

14

Meine Eltern haben ein Häuschen im Schwarzwald. Eine idyllische kleine Hütte. Fließend Wasser und sanitäre Einrichtungen sind erst vor wenigen Jahren eingebaut worden. Bis dahin gingen mein Vater (begeistert) und meine Mutter (fügsam) zum Scheißen in den Wald. Bevor sie in den Schwarzwald zogen, haben sie in Frankfurt gewohnt. Bis ich mir mit meiner damaligen Freundin ein eigenes Zimmer genommen habe. Mein Bruder war schon lange weg, und dann sind auch sie gegangen. Mein Vater ist Philosoph. Jedenfalls bezeichnet er sich als einen solchen. Andere, böse Zungen, sagen, er sei ein Säufer, der darum säuft, weil er sich nicht damit abfinden kann, geistig höchst mittelmäßig zu sein. Das Geld hat immer unsere Mutter herangeschafft. Sie mußte sich schinden, mit ihrem kranken Herzen, aber meinem Vater war das egal. Er war der Ansicht, sein Buchprojekt, sein Lebenswerk ginge vor. Er verglich sich – das war eine Frage des Alkoholinputs – mit Hans Blumenberg. Sie seien „unkonventionelle, unorthodoxe Denker“, so seine These. Bei seinem Werk – das war seine zweite Hauptthese – käme jedoch im Grunde nur Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ als Vergleichsgegenstand in Betracht – ob einer von uns das kenne? Schweigen am Eßtisch, jedesmal. Obwohl schon tausendmal gefragt, hatte sich keiner von uns die Mühe gemacht, sich dieses dicke Buch einmal genauer anzusehen. „Schade“, sagte unser Vater. Um so mehr schade, als es sich um eines der letzten GANZ GROSSEN Bücher handele. Es ginge um die geistigen Grundlagen des Abendlands bei Spengler, und bei ihm auch. Der Titel, unter dem sein Magnumprojekt bei uns zu Hause seit Jahren, vielleicht Jahrzehnten angekündigt war, lautete: „Wahrheit X“. „Es geht voran“, pflegte er zu sagen, „es geht voran“, so wie andere, gemächlich vor sich hin verblödende Leute murmeln: „Ja, so geht’s dahin, so geht’s dahin ...“ Meine Mutter sagte zu alldem nichts. Sie blieb stumm. Ich bin mir nicht sicher, ob er je auch nur eine einzige Zeile zu Papier gebracht hat in seiner Denkerklause. Meine Vermutung geht dahin, daß mein unstillbares Verlangen, Bücher herauszubringen, und sei es das albernste, oberflächlichste, alltäglichste Zeug, daher rührt, daß es meinem Vater niemals gelungen ist, sich dem Gegenstand seines brennenden Verlangens, DEM ABGESCHLOSSENEN UND DANN AUCH TATSÄCHLICH PUBLIZIERTEN BUCH, auch nur auf Sicht- oder Hörweite zu nähern. Ich leiste gewissermaßen Geburtshilfe, stellvertretende Geburtshilfe, tagaus, tagein, in der stillen Hoffnung, irgend jemand möge sich irgendeines Tages auch meines Vaters annehmen und ihm dabei helfen, dieses verdammte Buch zu schreiben, das er unbedingt schreiben muß, um sein Seelenheil zu retten. Insofern ist mein Vater schuld daran, daß ich unglücklich bin. Daß ich nicht einfach leben kann, unbewußt und zufrieden wie ein Molch, sondern daß ich bei allem, was mir zustößt – was ich, hochtrabend gesprochen, ERLEBE –, denken muß: „Ah, ja, unglaublich! Das sollte jemand aufschreiben! Da machen wir ein Buch draus!“ Hätte ich mich z. B. denn je auf eine Affäre eingelassen mit einem unappetitlichen, mir schon immer unsympathisch gewesenen Miststück wie Frau Bühler, wenn ich nicht die Überlegung im Hinterkopf gehabt hätte: „Vorzüglich, vorzüglich, Stoff für einen Roman“? Die Antwort überlasse ich natürlich Ihnen. Ich glaube aber, die Sache ist relativ klar.

Mein Bruder ist fünf Jahre älter als ich. Von solchen familiären Sentimentalitäten, wie sie mir das Leben schwer machen, ist er meilenweit entfernt. Er ist zur Armee gegangen, als er achtzehn war, und ist heute Oberst bei der Luftwaffe, Düsenjet-Pilot. Ein hohes Tier, auf seine Art, ein Arschloch, ein Faschist. Dem, was ihn bedrückt, fliegt er einfach davon. Und bombt es dann in Grund und Boden. Unsere Eltern verachtet er. Macht auch keinen Hehl daraus. Zu Weihnachten ruft er mal an. Sie sollten dann meine Mutter sehen. Sie hyperventiliert nahezu vor Freude und Aufregung, und dabei ist es nur der Frau meines Bruders, die ihn gedrängt hat, jetzt doch um Gottes willen einmal seine Eltern anzurufen, zu verdanken, daß er sich meldet. Ihm sind Sentimentalitäten, wie gesagt, scheißegal. Nun, vielleicht hat er ja auch recht. Was weiß ich.

 

15

Ob Sie’s glauben oder nicht, um sich an mir für meine Distanziertheit in der Toilette zu rächen, fing Frau Bühler an, mit Max Mathey aus der Lohnbuchhaltung zu flirten. Ich spürte, wie ich eifersüchtig wurde. Nicht auf sie. Das wäre ja absurd gewesen, nicht wahr. Im Gegenteil, ich wäre ganz froh gewesen, wenn sie jemanden anderen fände, der ihr sein Ding reinschöbe, um das mal etwas grob, allerdings der Sache und ihrer Ausdrucksweise gemäß zu formulieren; nur waren die Aussichten, daß Max Mathey, der schmalbrüstige, schlechtrasierte, bleichgesichtige Brillenträger, der unablässig seine Uhr am dürren Arm hochschob, woraufhin sie wieder runterrutschte – daß dieser Typ der Richtige wäre, mir eine Sexbesessene wie Frauke Bühler auf lange Sicht vom Halse zu schaffen, war stark zu bezweifeln.

Nein, diesen aktuellen Entwicklungen galt meine Eifersucht nicht. Vielmehr handelte es sich bei meiner emotionalen Reaktion, wie ich bei kurzer Durchsicht meiner inneren Zustände feststellte, eindeutig um eine Übertragung, psychoanalytisch gesprochen. Denn wirklich und allein eifersüchtig war ich auf denjenigen, der mein Glück jetzt fortlebte in den Armen oder – das reichte ja schon aus – im Bett von Barbara! Und ich sah dabei Frau Bühler zu, wie sie ihre Titten an den Arm von Max Mathey quetschte und wie dessen Armbanduhr herunterrutschte, und ich verspürte – Eifersucht.

Einsamkeit hat zum Teil schon recht merkwürdige Wirkungen.

 

16

„Entschuldigung...“

Ein blaßgesichtiger junger Mensch mit einer selbstabdunkelnden – und jetzt weitgehend abgedunkelten – Brille auf der Nase stand in der Tür unseres Büros. Die dunklen Gläser durchbrach ein stechender Blick. Mein Kollege schaute nicht auf. Ich räusperte mich. „Hm?“ machte Rüdi. Kopfbewegung meinerseits in Richtung Tür.

„Ja, was wollen Sie? Was können wir für Sie tun?“ Mein Kollege war etwas ungeduldig. Er war gerade mit Pamela Anderson beschäftigt. Sie spielten Strip-Poker gegeneinander. Pam verlor.

„Entschuldigen Sie bitte, man hat mir gesagt, hier säße Herr Deeh ...“ sagte der Besucher. Seine Stimme war ein dürres Krächzen. Er stieß die Worte zwischen den Zähnen hervor. Unheimliche Erscheinung. Irgendwie erinnerte er mich an den Film „Nosferatu“. Nicht an den weißgeschminkten, kahlgeschorenen Kinski. Sondern an das Ungeheuer aus dem Murnau-Film. An dieses berühmte Schwarz-Weiß-Foto mit den langen Fingernägeln – obwohl unser Besucher keine überdurchschnittlich langen Fingernägel hatte.

„Das bin ich“, sagte ich.

„Guten Tag.“

„Guten Tag.“

(Wie Sie sehen, bemühe ich mich um epischen Atem.)

„Was kann ich für Sie tun, Herr ...“

„Durs Herrmann mein Name.“

„Herr Herrmann?“

„Ja, Herr Deeh, Sie hatten mir da mein Manuskript zurückgeschickt ...“

„Ja-ha?“

Aufmunternder, abwartender Blick meinerseits.

„Der Titel war ‚unter dem mandelbrotbaum‘.“

Oh.

„Jaa-aaahhh ...“ sagte ich gedehnt.

„Da hätte ich ein paar Fragen. Zu Ihren Anmerkungen.“

„Herr Herrmann, hören Sie ...“

„Wie kommen Sie dazu, zu schreiben ...“

Ich muß an dieser Stelle meinen Kollegen, den Rüdi, lobend erwähnen. Ohne ihn hätte ich es weder geschafft, mich der wütenden Angriffe des Autors Herrmann zu erwehren, noch ihn die Treppe hinunter- und bis vor die Tür zu schaffen. Solche unschönen Auftritte gibt es bei uns im Verlag immer wieder. Was auch mit der Politik unseres Verlegers zusammenhängt, der auf dem Standpunkt steht, daß man einem unbegabten Autoren keinen größeren Gefallen tun könne, als ihm über den Grad seiner Unbegabtheit die Augen zu öffnen. Rüdi war dann noch sauer, weil ihm die Pamela-Anderson-Seite abgestürzt war. „Nur noch der BH hat gefehlt“, sagte er, die Hände an den Kopf schlagend, „der verdammte BH! Seit drei Wochen rackere ich mich ab, damit ...“ Er rüttelte an der Maus herum, mußte aber letztlich einsehen, daß er verloren hatte.

Der Tag ging vorbei, wie die Tage alle vorbeigehen. An seinem Ende wollte ich heimgehen. Ich kam bis zur Straßenecke. Dort lauerte mir Durs Herrmann auf.

„Ihre Arroganz ist unglaublich und wird nur von Ihrer Dummheit übertroffen ...“

„Das bestreite ich ja gar nicht! Aber was Sie da geschrieben haben, ist unlesbar. Mehr wollte ich Ihnen doch nicht ...“

„Nein? War nicht so eine klitzekleine Portion Sadismus dabei“, krächzte er, „Bosheit von der stumpfsinnigen Sorte, hm? Ich zitiere Sie mal ...“

Er entfaltete einen kopierten Din-A-4-Zettel. Meinen Brief. Er las:

„Äußerlich betrachtet, handelt es sich bei Ihrem Stück um eine lose, eine zusammenhanglose Abfolge von Bildern. Vermutlich ist es das, Herr Herrmann, was Sie unter ‚fraktal‘ verstehen, da Ihr Werk ja einen auf den Erfinder des Apfelmännchens anspielenden Titel trägt. Ich meine, das soll ja wohl bedeuten, daß es Ihnen in irgendeiner Weise um die fraktale Mathematik geht, oder? Die Bilder bestehen aus ermüdenden, kraftlosen Pseudo-Thomas-Bernhard-Monologen. Bereits das erste Kapitel ist dermaßen prätentiös, absurd alexandrinisch-geschwollen, daß es mir eigentlich unnötig schien, weiterzulesen; aber ich tat es trotzdem, denn ich konnte einfach nicht glauben, was Sie da verzapfen! Es ist, als glotzte ich lauter groteske Tiefseefische mit Lampen auf dem Kopf an. Und so weiter.“

Ich schwieg. Ich war es nicht gewöhnt, daß Dichterlesungen mit MEINEN Texten stattfanden. So schlecht fand ich aber eigentlich nicht, was ich da geschrieben hatte. Etwas wie, ja, wie Stolz schwebte in mir empor. Ein BISSCHEN, dachte ich, bin ich ja AUCH ein Schriftsteller! Das machte mich momentweise befangen. Herrmann faltete den Zettel wieder zusammen.

„Finden Sie, das klingt sachlich?“ zischte er, und in seiner dürren Stimme rumorte eine Erregung, die es kaum schaffte, sich auf das Ufer des Sarkasmus zu retten.

„Gestatten Sie eine Gegenfrage, Herr Herrmann: Hat außer mir schon einmal jemand Ihr Werk zu Gesicht bekommen?“

Er sah mich zögernd an.

„Ich begreife nicht, was das damit zu tun hat!“ sagte er. Defensiv.

„Hat, oder hat nicht?“

Durs Herrmann trat einen Schritt zurück. „Sein oder Nichtsein, hnnn?“

Er grinste mich schief an. Haßerfüllt. Eine staubige, sonnenverdörrte Straße, die sich zwischen zwei Holzhäuserreihen dahinzog, so kam es mir vor. Dahinten er, hier ich. Einer von uns war zuviel. In der Mittagssonne waren unsere Schatten kaum größer als unsere Fußspuren. Dann, nach einem Moment, bevor ein Schuß gefallen war, sagte er: „Lecken Sie mich am Arsch, Sie Wichser!“

 

17

So saß ich denn in einer Bar und schüttete mich zu. Durs Herrmanns stechender Blick ging mir nicht aus dem Kopf. Es gelang mir nicht, ihn hinauszuspülen. Es tat mir leid, daß man so ein Arschloch sein mußte in dieser Welt – nach dem vierten Bier fing ich an, so zu denken. „Assholism“ hatte das ein englischer Journalist mal genannt. Ich erinnerte mich, das kürzlich gelesen zu haben, im Internet. Assholism, ja, das traf’s wirklich ganz gut. Dieser Herrmann tat mir leid. Vermutlich hatte er nicht einmal jemanden, dem er seine Versuche, wenigstens als Zeuge am Weltgeschehen teilzunehmen, zeigen konnte. Ich hatte ihn am wunden Punkt getroffen, da, wo’s weh tat. Das stand fest.

Die Bar war gefüllt mit Anzug-mit-Schlips-Trägern, wie sie in Frankfurt von der Morgensonne ausgebrütet werden. Kinder der großen Hure Kapital. Ich meine, ich sehe genauso aus wie sie, ich rede wie sie und ich scheiße wie sie, aber ich mag sie nicht. Ich sage mir: „Ich bin immerhin ich“. Damit will ich etwas sagen wie: Ich habe meine spezifische Art auszusehen, zu reden und sogar zu scheißen. Gut, das ist Quatsch. Schön. Seh ich ja auch ein. Ich bin wie sie. Wir sind alle gleich, darum heißt das ja auch „Das Zeitalter der Masse“ – und: „Das Zeitalter der Extreme“. Und das Zeitalter des Wassermanns – aber, Moment, halt, nein: Wassermann war ich NICHT. Vielleicht vom Aszendenten her? Das konnte natürlich sein.

Aber meinen Haß laß ich mir nicht nehmen, beschloß ich trotz alledem.

Am liebsten hätte ich gebeichtet. (Nicht, daß ich katholisch wäre! Barbara war katholisch – aber das nur nebenbei.) In einer Phase meiner Pubertät hatte ich entsetzliche Seelenqualen ausgestanden, wenn ich z.B. durch den Wald ging, weil ich sicher sein konnte, daß ich irgendein armes Gewürm treten und dann seinen Todesqualen überlassen würde, die sich möglicherweise stundenlang, bis zum nächsten Morgen gar hinziehen könnten.

Ähnlich fühlte ich mich jetzt. Was würde Herrmann jetzt tun? Durs Herrmann, wie lebte der? Vermutlich saß der jetzt ganz allein in einem miefigen engen Kämmerlein, so trostlos, daß die Kakerlaken tot von den Wänden fielen, und starrte böse die hereinbrechende Nacht an. Und das hatte ich zu verantworten, dieses menschliche Leid. Was war ich für ein Schwein! Ich war ja so ein Schwein. Ein Schwein war ich. Wie die alle hier. Am liebsten hätte ich all diese Automaten in ihren Einheitsanzügen umarmt und ihnen zugerufen: „Ich bin wie ihr, so schlecht und mittelmäßig, ihr seid nicht allein ...“ Gluck, gluck, gluck.

Am nächsten Morgen, als der Wecker um sieben Uhr piepte, hatte ich schon wieder andere Sorgen. Socken anziehen und solche Sachen.

 

18

„Godzilla“. Godzilla und ich. Allein im Kino, eingepfercht im Dunkeln zwischen Hunderten von Leuten. Die alle nur das eine wollten: glotzen. Am liebsten für den Rest ihres Lebens. Und Godzilla, das japanische Urweltmonster, das durch eine fremde, technifizierte Welt stapfte und sie kaputt machte, wie ein Kind eine LEGO-Stadt kaputt macht, sie in Schutt und Asche legte, sie zertrümmerte, dann und wann mal brüllend, aus Leibeskräften und mit diesem diabolischen, spitzzahnigen Grinsen im häßlichen Riesenechsengesicht. Hubschrauber umflatterten flappend das alte müde Monster und mich und die anderen paar hundert Zuschauer. Dank THX waren wir ja alle eins hier drin, eine Seele, eine Hoffnung, ein Schicksal. Und ich hatte einen Brummschädel, mal wieder.

Am Ende wurde es natürlich erledigt, das Monster. Auf richtig hundsgemeine Art und Weise abgeschlachtet. Gnadenlos. Mit einem diabolischen Grinsen. Von der Zivilisation und ihren Errungenschaften, den Hubschraubern. Mir kamen die Tränen, auch wenn das übertrieben und unwahrscheinlich klingt.

Frau Bühler hatte Zahnschmerzen, hatte sie gesagt. Und da sie angeblich ja so tolle Zähne hatte, ging ich davon aus, daß sie in diesem Augenblick Max Mathey fickte.

 

19

Das verwechsele ich immer mit Viscontis „Der Tod in Venedig“, dieses „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Heute abend z. B., als ich verwundert dachte: „Wieso spielt denn jetzt Donald Sutherland da mit? Ist das nicht eigentlich Dirk Bogades Part?“ und mir – gleich darauf, natürlich – einfiel, daß das ja gar nicht die Thomas-Mann-Verfilmung war, sondern ein Psychohorrorschocker, da war ich ganz begeistert; zum einen, weil ich selbst so schnell darauf gekommen war, daß es NICHT die (eher gefürchtete) Hochliteraturhochverfilmung war; und zum anderen entzückte es mich, daß es diese Hochliteraturhochverfilmung eben nicht war. Wobei ich sagen muß, daß es nicht ganz fair ist, wenn ich diese beiden Filme immerzu verwechsele. Denn während es sich bei Viscontis Film um eine üble Verunglimpfung großer Literatur handelt, stellt Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ einen gelungenen Versuch dar, aus mittelmäßiger Lohn-, Brot- und Unterhaltungs-Schreiberei etwas zu machen, was nach Ablauf seiner reinen Dauer noch nicht erledigt ist im Kopfe des Betrachters. Der Film wirkt noch fort und geistert einem durch die Hirnwindungen, wie der groteske Mörder durch Venedigs Calli streift, unerlöst, blutgierig, ein moderner Minotaurus. Ich könnte mir vorstellen, daß ich, nach dem Genuß dieses Films durch Venedig streifend, an jeder Calliecke von Todesangst geschüttelt würde. Lauert da, ein paar Meter voraus, jetzt dieses kleine rotbemützte Etwas (Männchen? Gnom? Kind?) mit dem spitzen Schlachtermesserchen, das mir die Kehle aufschlitzen will und, dank seiner infernalischen Begabung zum Töten, auch wird? Allerdings war ich noch nie in Venedig. Und mein Urteil über das Buch „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (ich glaube, es heißt „Don’t Look Back“ im Original) ist jetzt auch wieder nicht ganz fair. Denn ich habe es, offen gestanden, nie gelesen, kenne es ebenso wenig, wie ich Venedig kenne, und kann darum auch nicht im Ernst beurteilen, ob mein Verdammungsurteil gerecht ist. Ich stelle mir das Buch nur ziemlich mittelmäßig vor, etwa so wie mein Leben. Kleine, ausgezackte Gefühle, viel belangloses Gerede und eine ziemlich plumpe Form von Unheimlichkeit, die das Ganze durchzieht. Und am Ende ist der Protagonist tot. Viele Leute empfinden ja offenbar die Strukturgleichheit dessen, was sie leben, und dessen, was sie lesen, als beruhigend. Jedenfalls kann ich zu keinem anderen Schluß kommen, wenn ich mal so durchblättere, was unser Verlag veröffentlicht.

 

20

Es war ein Gespräch in einer Bar, „Sunset Boulevard“, mit einer Kollegin, die jünger war als ich. Wir waren nach Büroschluß alle Mann geschlossen zu dieser Afterwork-Party gegangen. Frau Bühler wackelte auf der Tanzfläche mit ihren Titten im Gesicht von Max Mathey herum. Wir saßen zu dritt an einem zu niedrigen Tisch, und ich empfand den Lärm um uns her als bedrückend. Rüdi schüttete ein Bier nach dem anderen in sich hinein. Sie, die junge Kollegin, war wirklich sehr jung, aber auch sehr nett, und ich hatte sie gern, beinahe könnte man sagen: logischerweise. Wir mußten uns vorbeugen, um überhaupt verstehen zu können, was der andere jeweils sagte, und unsere Gesichter kamen sich relativ nahe dabei, was ich als sehr angenehm empfand, zumal sie toll roch, jedenfalls bildete ich mir das ein. Sie hieß Kirsten. Sie deutete an, daß Frau Bühler so ein bißchen ihr Vorbild wäre. Es wäre doch toll, wie souverän Frau Bühler ihren Job mache. Ich schaute ihr ziemlich scharf ins Gesicht, aber ich konnte darin kein verräterisches Zeichen entdecken, kein Zucken, keinen Anflug von Ironie. Vermutlich wußte sie gar nichts von Frau Bühlers und meinem Liebeslagerglück. Neben Kirsten kam ich mir verdorben, mickrig und alt vor. Wir sprachen über Literatur, über Bücher, genauer gesagt, führten gewissermaßen ein geschäftliches Gespräch, und ich sagte, als Abschluß einer ziemlich langen, eher konfusen Suada:

„Manche Menschen können sich uns öffnen, und wir fühlen uns beschenkt. Das sind dann die großen Autoren. Aber den meisten ist diese Gabe nicht verliehen, und wir fühlen uns von ihren Worten umzingelt. Umzingelt, angeödet – und gleichzeitig entsetzt.“

„Ja, finden Sie? Also ich lese gern.“

„Ich ja auch, eigentlich. Aber halt nur gute Sachen. Ich meine, ich lese nicht gerne irgend etwas, irgend etwas, was einer nur geschrieben hat, weil er demonstrieren wollte, daß er den deutschen Satzbau beherrscht oder so was.“

„Haben Sie den neuen Tom Barsch gelesen?“ fragte sie.

„Den neuen Barsch? TONTAUBENSCHIESSEN?“

„Ja.“

„Nein, habe ich nicht. Ist es gut?“

„Es ist wirklich sehr witzig.“

„Ah.“

 

21

Ich argumentierte, daß es Quatsch sei, ein Buch zu veröffentlichen, das nichts tat als lose Enden zu produzieren. Und genau darum ginge es in meinen Augen in „Durchs Auge des Betrachters“, einem Roman, den Rüdi überall im Hause als den postmodernen gegenwärtigen deutschen Roman des kommenden Sommers anpries. Von einem gänzlich unbekannten Schriftsteller. Eine Entdeckung von ihm. Jemand namens Lars Abendroth. In der Tat hatte von dem noch nie jemand etwas gehört.

Seit Rüdi mit diesem Romanmanuskript durch die Tür gekommen war, war er wie ausgetauscht. Keine Bundesliga per Internet mehr. Keine Pokerduelle mit Pam Anderson. Er nahm seinen Job jetzt ernst. Tigerte mehrmals am Tag in die Chefetage hoch. Dort war man sehr angetan von „Durchs Auge des Betrachters“. Eine Chance wurde gewittert. Man äußerte Rüdi gegenüber eine gewisse Zufriedenheit, und Rüdi ging aufrechter seitdem. Worte wie „Verfilmung“, „Elementarteilchen“ oder „großer Coup“ geisterten durchs Haus, schlichen sich sogar in die Kantine des Arbeitsamtes ein. Der Verleger wollte noch einmal die Republik erschüttern. Einen letzten großen Coup landen. Die Republik wachrütteln, nannte er das. Glaubte ich, daß es gelingen könnte? (Fragte mich zwar keiner, ich tue aber mal so, als wäre meine Meinung in diesem Fall von Interesse für irgend jemanden.) Nun, „Durchs Auge des Betrachters“ erinnerte mich an eine Glaskugel – mal angenommen, ein in sich geschlossener, ausgefeilter Roman wäre mit einer Glaskugel vergleichbar, vielleicht mit so einer, die eine Winterlandschaft zeigt, Schneegestöber, einen Schneemann, eine Hütte, hermetisch und rund – so eine Glaskugel. Eine Glaskugel, die leider, aufgrund einer Ungeschicklichkeit, eines Versehens von irgendwem, letztlich aufgrund menschlichen Versagens, hingefallen und dabei in tausend Teile zersprungen ist. Oder vielleicht eher wie ein Spiegel, sagte ich, vielleicht wie ein Spiegel, der jetzt, so zerbrochen, zerschmettert, tausendteilig, das Licht von allen Seiten einfängt, auffängt, und Bilder zurückwirft, die real und doch, auf seltsame Weise, irreal sind – surreal. Verstehst du? Aber auch egal, das Entscheidende, das absolut Entscheidende sei doch, daß die Glaskugel hingefallen sei. Sie sei hingefallen und kaputt. Und eine Glaskugel wieder zusammenzukitten, das sei eine ziemlich intrikate Angelegenheit, sagte ich, mich in meine Rede ziemlich hineinsteigernd.

Kirsten sah mich an, dann sah sie zur Seite, jaaa, sie verstehe schon, was ich meine ...

Sie sah aus dem Fenster. Es war Herbst geworden. Die Blätter wurden gelb. Kinderrufe in der Luft, sonst war es still. Was war das überhaupt für ein Baum, auf den wir da schauten? Ahorn?

Aber eigentlich war’s mir ja auch egal. Wir würden es ohnehin herausbringen, also wozu sich vorher den Kopf heiß reden?

 

22

Ich sitze allein zu Hause und ziehe ein Blatt in die Maschine, tippe gedankenlos: Der Tod wird kommen.

Das lese ich in einem Buch. Ziehe ein Blatt in die Maschine, tippe gedankenlos diesen Satz ab: Ich sitze allein zu Hause und ziehe ein Blatt in die Maschine, tippe gedankenlos: Der Tod wird kommen.

Der Tod wird kommen. Ja, aber er klopft nicht an.

Und ich dachte an Kirsten, was die Lage aber keineswegs verbesserte.

 

23

Mein Bruder saß die ganze Zeit über stumm da und ließ seine Frau reden. Er war die Unbeteiligtheit in Person. Noch nicht einmal raus hier wollte er. Es war ihm vollkommen gleichgültig. Gleichmütig, kalt trank er seinen Kaffee. Schwieg. Ein freier Tag, also was soll’s. Draußen schien die Sonne. Der Schwarzwald leuchtete. Wir schwitzten in unseren schwarzen Klamotten, mein Bruder in seiner Uniform. Ich fühlte mich etwas, hm, verwackelt. Wie die Bilder einer Handkamera. Ein Wagen holte uns ab und brachte uns zum Friedhof. Beim Einsteigen kam es zu einem denkwürdigen Wortwechsel zwischen meinem Bruder und mir – so etwas wie das erste brüderliche Gespräch seit Jahren.

„Ist das Arschloch also tot“, brummte mein Bruder.

„Verdammt, er war dein VATER!“

„Er war auch dein Vater.“

„Unser Vater.“

„Meinetwegen. Unser Vater. Und er war ein Arschloch.“

Seine Frau knuffte meinen Bruder, und grummelnd gab er Ruhe.

Die Begräbnisfeierlichkeiten verliefen friedlich. Der Geistliche sagte ein paar Dinge, die insgesamt nicht ganz der Wahrheit entsprachen, aber sehr nett gemeint waren.

Dann waren wir wieder daheim. Ich stand am Fenster und bemühte mich, wenigstens einen Bruchteil der Nonchalance meines Bruders aufzubringen. Oder einen Bruchteil seiner Herzlosigkeit. Er war sofort wieder abgeschwirrt, zurück zu seinen Jagdflugzeugen, während bedauernde Blicke seiner Frau ihm Rückendeckung gaben. Ganz offensichtlich ging ihm das alles hier am Arsch vorbei. Es ging ihn nichts mehr an.

Und ich bemühte mich, mir einzureden, daß dasselbe auch auf mich zutraf. Daß auch ich frei war von der Vergangenheit. Von diesen langen, grauenvollen Tagen und Abenden, die wir alle zusammen verbracht hatten, über nichts redend, nichts denkend, nichts fühlend, gefangen in einer Blase zeitlos-tiefer Teilnahmslosigkeit. Ich sagte mir, daß all diese tote Zeit einfach tot war, nichts mehr. Nur stellte sich heraus, daß mein Talent zur Autosuggestion eher unter- oder ganz unentwickelt war.

Da ich schon nicht weg konnte, schaute ich wenigstens aus dem Fenster. Ich fand, daß ich eine ganz melancholische und gute Figur machte, ein elegant gekleideter junger Mann, der, die Hände in der Hosentasche, am Fenster des ehemaligen Arbeitszimmers seines Vaters steht und sinnend hinausschaut auf grüne Wiesen, dem Vogelflug nachspähend. Ich dachte über dies und das nach, aber ich erspare Ihnen lieber die Details. Es hatte mit meinem Vater zu tun. Teils war es sentimentales, teils ressentimentbeladenes Zeug. Beides kommt mir jetzt, sozusagen aus dem Rückspiegel dieses Gefährts, das mich davonträgt über Stock und Stein und dessen unzulänglicher Lenker ich bin, gleichermaßen lächerlich vor. Insgesamt hatte ich das Gefühl, daß meine Krawatte zu eng geknotet war, allerdings fand ich es auch unschicklich – oder sagen wir: unangebracht –, den Knoten zu lockern. Was ja eigentlich absurd war. Wer sollte daran Anstoß nehmen, wenn ich es tat? Aber ich stellte mir vor – versuchte mir vorzustellen – konnte nicht anders, als mir vorzustellen, wie mein Vater mit zusammengezogenen Brauen ...

Meine Mutter unterbrach meine Gedankengänge, indem sie fragte:

„Was soll ich denn jetzt tun, Mark?“

Ich drehte mich um, ganz langsam. „Was du tun sollst? Ich versteh nicht ganz ...“

„Jetzt, wo er weg ist ... Dein Vater. Es ist alles so BEDEUTUNGSLOS mit einem Mal.“

Wut packte mich, als ich sie so traurig sah. „Aber ist es nicht so, liebe Mutter, daß er dich dein Leben lang hat schuften lassen, und daß er nichts anderes getan hat, sein Leben lang, als nur hier in seinem Arbeitszimmer zu sitzen, Tag für Tag, leere Blätter Papier vor sich ausgebreitet, nichtstuend, NICHTS tuend, und den großgutbürgerlichen Haustyrann à la Thomas Mann zu geben? Daß er in seinem Leben für meinen Bruder und mich auch nicht ein einziges liebevolles Wort gehabt hat, nie? Ist es nicht so?“

Ich sah, wie mir Speichel von den Lippen spritzte, konnte mich aber nicht bremsen. Jetzt empfand ich mich schon eher als groteske Figur. Schluß mit der melancholischen Eleganz. Auf meine Suada erwiderte meine Mutter nur, nicht ganz logisch: „Aber ich habe ihn doch geliebt.“

Dazu konnte ich nun natürlich nicht mehr viel sagen.

 

 24

„Ein Film über die Magie des Verlusts“, stand auf meinem Computerbildschirm. Nein, ein blöder Satz, „Magie des Verlusts“! Was sollte das sein? War doch völliger Nonsens! Schwachsinn war das, dachte ich ärgerlich. Delete, delete, delete, insgesamt sechsunddreißigmal, bis da nur noch der blinkende schwarze Strich war. „Verlust der Magie“ war da schon einleuchtender als „Magie des Verlusts“, aber damit war man schon in der selben Straße, in der auch die „Wiederverzauberung der Welt“ wohnte, nur andere Hausnummer. Aber da wollte ich ja gar nicht hin. Ich wollte auf etwas völlig anderes hinaus. Ich meine, ich wollte einige Dinge, die mir wichtig waren, die mir am Herzen lagen, um das mal so ein bißchen romantisch zu sagen, definitiv klären, und das fing an mit einem idiotischen Satz wie „Ein Film über die Magie des Verlusts“.

Da konnte ich’s auch gleich bleiben lassen.

Hm. Ich war meiner Verzauberung durch das Wort „Magie“ auf den Leim gegangen. Das durfte einem Essayisten nicht passieren. Man durfte der Sprache nicht dienen, allem anderen auch nicht, aber auch der Sprache nicht. Gut, der Sprache vielleicht noch am ehesten. Aber.

Aberaberaber.

Ach, Mensch, Mist!

Ich ging ein bißchen im Büro auf und ab. Spürte meinem Sodbrennen nach. Kontemplierte die Risiken und Chancen des Essayismus. Wartete auf Inspiration. Rüdi blickte mich schon mißtrauisch an, darum lief ich wieder ein bißchen auf und ab. Wie stand’s mit: „Ein Film über die Anfälligkeit des menschlichen Herzens für Schmerz“? Klang schon besser. Aber ein bißchen zu unbeholfen. „Herz“ und „Schmerz“ in einem Satz – nicht gerade elegant. Von „Anfälligkeit“ ganz zu schweigen. Da mußte noch was Griffigeres her. Immerhin wollte ich den Essay verschicken, in Zeitungen drucken lassen, in der „Frankfurter Rundschau“ oder der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Hunderttausende anonymer Steuerzahler würden sich morgens, in der U-Bahn, auf der Fahrt ins Büro, den Kopf darüber zerbrechen, was ich, dieser anonyme Schreiberling mit dem Namen „Mark Deeh“, ihnen mit seinen Zeilen wohl sagen wollte. Da mußte ich mir schon ein bißchen Mühe geben. Das war ja kein Tagebucheintrag, bei dem man herumholzen durfte, wie man wollte.

Mehr Zeit verging. Und dann:

Ah, ich hab’s, dachte ich: „Ein Film über die Zerstörbarkeit des menschlichen Herzens“.

Das ist gut, das nehm ich, dachte ich, nahezu begeistert, auf alle Fälle erleichtert, und tippte:

„Ein Film über die Zerstörbarkeit des menschlichen Herzens.“

Und jetzt: Medias in res!

„Worum geht’s?

Halt. Vorab möchte ich feststellen, daß ich den Film für die wirkliche, die gelungene Umsetzung von Thomas Manns Novelle ‚Der Tod in Venedig‘ halte. Wie Realität und Wahn sich durchdringen, vermischen, unauflösbar miteinander verschmelzen, wie man wohl sagen muß; wie die Welt eindringt in unseren Kopf und der Inhalt unseres Kopfes hinausströmt in die Welt und diese kontaminiert; wie unsere Vorstellungen, Gefühle und Gedanken uns hinabziehen können ins Hadesreich, in Verderben und Verdammnis: das wird in diesem Film zum Erlebnis. Bei Visconti wird’s nur zu Musik. Und die stammt bekanntlich von Gustav Mahler.

Noch einmal also: worum geht’s?

Ein Mann, von Beruf Restaurator, gespielt von Donald Sutherland – übrigens überragend gespielt –, verliert seinen kleinen Sohn, der in einem Teich ertrinkt. Donald Sutherland stürzt dem Kind hinterher, ins Wasser, kann es aber nicht mehr retten. Es ist bereits tot. Schwer erschüttert fährt Donald Sutherland daraufhin nach Venedig, wo er mit der Restauration einer Kirche beauftragt ist. Immer wieder greift der Tod nach ihm, stupst ihn leicht, spielt mit ihm, an allen Ecken und Enden findet Donald Sutherland Hinweise auf den Tod. Das ist der imaginäre, der phantasmatische Tod. Den realen Tod bringt ein psychopathischer Mörder ins Spiel, der in Venedig umgeht und den Leuten die Kehle durchschlitzt. Bei diesem Mörder handelt es sich um einen Zwerg, der aber in seinem roten Plastikmäntelchen von hinten aussieht wie das Kind von Donald Sutherland, als es tot im Teich schwamm. Diese Ähnlichkeit wird Donald Sutherland denn auch zum Verhängnis, als er eines Abends den Mörder durch Venedig verfolgt und dann, als er glaubt, sein Kind eingeholt zu  haben, endlich, sein totes, so sehr geliebtes und vermißtes Kind – da dreht der Verfolgte sich plötzlich um, ist gar kein geliebtes und vermißtes Kind, sondern eine psychopathisch grinsende Mißgeburt und schneidet ihm den Hals durch. In Donald Sutherlands entsetzensgeweiteten Augen, die uns, die Betrachter, nun anstarren, verschmelzen Realität und Phantasma: die Realität offenbart ihre phantasmatische, traum- bzw. albtraumhafte Struktur, und der Wahn weist die Seite an ihm vor, die immer schon der Wirklichkeit zugehörte.

Dieses abrupte, unerwartete Ende korrespondiert mit dem von ‚Invasion der Körperfresser‘, wo es wiederum Donald Sutherland ist, der – wider Erwarten, ja, es ist geradezu ein Schockmoment – seinen Arm hebt, auf die letzte Überlebende zeigt, die sich ihm in dem hilfesuchenden Glauben genähert hatte, er sei noch einer der Ihren, ein Mensch, und jenes markerschütternde, für die außerirdischen Invasoren charakteristische Wimmern bzw. Heulen ausstößt, das die Kameraden zu Hilfe ruft.

Im Grunde, glaube ich, handelt es sich sowohl bei ‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘ als auch bei ‚Invasion der Körperfresser‘ – von ‚Der Tod in Venedig‘ ganz zu schweigen – um Variationen des Orpheus-Motivs. Dessen moderne Fassung lautet: ‚Drah di net um, der Kommissar geht um.‘ Es ist immer riskant, dem zu trauen, was einmal war. Was fort ist, sollte man in seinem Fort-Sein belassen. Denn dem Toten/Fremdgewordenen nähert man sich nur um den Preis, selbst tot oder ein Fremder zu werden.“

 

25

Frau Bühler hatte pikanterweise gerade rittlings auf mir gesessen, als das Telefon klingelte. Ich hatte es klingeln lassen und einfach weitergemacht. Das sind bekanntlich nicht die Momente, in denen man ein bißchen plauschen möchte. Dann war der Anrufbeantworter drangegangen:

„Mark, hier ist deine Mutter. Dein Vater ist gestorben.“

Aufgelegt.

„Was ist los?“ beschwerte sich Frau Bühler.

„Hast du nicht gehört?“

„Ja, doch, dein Vater ist gestorben. Ich meine, ja schrecklich, sicher. Aber deswegen brauchst du doch nicht plötzlich mit dem Ficken aufzuhören! Ich meine, wie komme ich mir denn da vor, als die Gefickte, wenn du einfach so mittendrin aufhörst, als würdest du ein Steak essen oder was?“

„MEIN VATER IST GESTORBEN! Würdest du dir das bitte klarmachen, ja?“

(Nehmen Sie die Versalien bitte als Umschreibung für die Regieanweisung: „Brüllt; spricht zumindest so laut, daß man nicht mehr guten Gewissens von ‚lautem Sprechen’ sprechen kann“.)

„Ach, hör auf! Jetzt komm schon. Komm und schieb ihn ...“

„FRAUKE! DAS KANN DOCH ALLES NICHT WAHR SEIN!“

„Genau das habe ich auch gerade gedacht.“

Sie sprang vom Bett runter und zog sich an.

Ich sagte: „Was tust du da? Was ist denn jetzt los?“

„Das war’s dann wohl für heute.“

„Was soll das?“

„Mark, du mußt dich irgendwann in deinem Leben entscheiden. Verstehst du?“

„Du meinst, äh ... Was?“

„Ich bin die Frau, die du fickst.“

„MEIN VATER, Frauke. Mein Vater IST GESTORBEN!“

„Du hast mir immer die Ohren vollgejammert, daß er so ein Unmensch wäre ...“

Hatte ich das erwähnt?

„... und jetzt wo er tot ist, bedeutet er dir mit einem Mal so viel? Oh, nein, mein Lieber, das kaufe ich dir nicht ab!“

Was las diese Frau nur für Bücher? Ich weiß nicht, warum, aber tatsächlich war es das, was ich in diesem Moment dachte: „Was liest die nur für Bücher?“ Diesen ganzen Scheiß mußte sie doch aus irgendwelchen Büchern haben, oder? Ich versperrte ihr den Weg:

„Kannst du dir nicht vorstellen, daß das alles ein bißchen komplizierter ist als in deinen ‚Beim nächsten Fick wird alles anders‘-Romanen?“

Sie fuhr herum und scheuerte mir eine. „Was glaubst du, wer ich bin, du Arschloch?“ zischte sie. „Was erlaubst du dir?“

„Au“, rief ich, und mir schossen die Tränen in die Augen.

„Ich bin nicht deine hirnlose kleine Fickmaus, die du ab und an mit deinem Schwengel bearbeitest und dann nach Hause schickst, merk dir das! Ich bin eine Frau, die auf ihren eigenen Beinen steht, und ICH war es, die sich DICH zum Ficken ausgesucht hat!“

„Okay.“ Mir kam’s so vor, als wimmerte ich.

„Ich bin eine Frau aus Fleisch und Blut. Ich habe AUCH Gefühle.“

„Schon gut. Schon gut.“

„Und ich ficke DICH.“

„Gut.“

„Du kannst auf mir nicht einfach so herumtrampeln wie auf einem Gemüsebeet ...“

„Ja, ich habe ...“

„... oder auf einem Fußball! Ich bin ein denkendes, fühlendes ...“

„Ja. Ja.“

„... Wesen“

Wir schwiegen jetzt beide.

„Das war mein Vater auch“, sagte ich dann.

Sie sah mich einen Augenblick lang an. Ich machte wohl keinen besonders stabilen Eindruck. Sie nahm mich in den Arm. „Tut mir leid, Mark. Tut mir leid für dich. Aber du mußt mich auch verstehen.“

 

26 (EPILOG & SATYRSPIEL)

 

Ein Tiger mit naturfeuerroten Schamhaaren. Einem solchen ist – einER solchen ist – das liegt in der Natur der Sache – alles zuzutrauen. Aber was ich da hörte – sie schob sich doch tatsächlich ihr Handy in die Fotze! Jedenfalls klang es so. Und wenn sie es nicht getan hat – dann weiß ich nicht, was sie getan hat, um solche Geräusche zu produzieren! Ich lag jedenfalls auf meinem Sofa und konnte gar nicht mehr an mich halten vor Lachen. Es zerriß mich fast. Ich lachte mich schlapp und hätte mir fast in die Hosen gepißt vor Lachen.

 

Berlin, den 21.04.2004

Robert Mattheis

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit