goethe

Goethe natürlich

Man ist also versucht … nein, nein, man ist vielmehr gezwungen … ja, man ist gezwungen, sich mit einer bitterernsten, mit einer sozusagen bierernsten Überheblichkeit zu äußern, wenn man ex cathedra spricht – und was ist ein Internetportal mit dem alten Goethe im Namen anderes als eine cathedra, ein Hochsitz des Geistes? Von dem aus man Jagd macht auf die Schwachen, auf die … Schwachsinnigen? Ah, nein – zu scharf, das geht zu weit. Das klingt so … nicht schön. Das klingt so nach Jagdgewehr und Jägermeister und Geweihen an der Wand, die einen anstieren mit toten Augen, während man mit dem Silbermesser das Fleisch vom Knochen kratzt, und immer wieder suchen die Augen, heimlich, huschend und rasch, in den toten knöchernen Augenhöhlen nach einem Zeichen der Aufmerksamkeit, nach einem höhnischen Zwinkern, nach einem Memento mori, und des Hausherrn Kopf ist schon gerötet, der Tag an der frischen Luft war anstrengend, angenehm zwar, doch auch anstrengend, das ist jetzt nicht mehr zu verbergen, nach dem fünften Kognak nicht mehr. Es wird also Wein entkorkt … machst du das, mein Lieber? Selbstverständlich, mein Lieber. Ach, ist das Leben schön, ist das Leben dumm, reihum, dideldum, trinkt man sich eins; dann geht’s schon, dann geht’s schon irgendwie, irgendwie geht’s dann weiter. Irgendwie geht’s dann schon weiter ... Aber halt – wo waren wir? Wo hielten wir gerade, bevor wir überfahren wurden vom „train of thoughts“ (Hume)? Ah, Hume, ja, nein, Goethe. Goethe, darunter stellt man sich doch etwas Schönes vor, nicht wahr? Etwas Klangvoll-Kräftiges, Kräftigendes, wie eine Brühe? Kein dünnes Süppchen, sondern etwas mit Mark darin, Markklößchen, etwas, das durch Mark und Bein geht oder die Differenz markiert zum bloß so Dahingeplauderten … Wenn einer sich schon die Mühe macht, etwas hinzuschreiben, dann sollte er, gefälligst, auch etwas zu sagen haben. Ja, sicher, man kann ein „Kleines“ vor das so hochtrabend-stolz mit den Blättern raschelnde Wort „Feuilleton“ setzen, um die Fallhöhe etwas herabzusetzen … aber dennoch … aber man bleibt ja dennoch verpflichtet … in der Pflicht … ach, die elende Pflicht … die elende Skribentenpflicht … man linst hinauf, blinzelt – donnert’s schon? Grollt’s majestätisch herab? Wie? Noch nicht? Dräut nur so winterlich vor sich hin? Rauscht und bauscht sich im Gewölk, knallt aber nicht? Ein bißchen Geschwätz ist uns noch vergönnt? Dann schnell, bevor die Lizenz zum Quatschen … Es forderte ja einer, der besten einer, nicht unserer Besten natürlich, aber doch der Besten, die nicht in jedem Fall uns gehören oder unsereiner sind … der forderte, wie auch immer, daß man so schreiben solle, wenn man schon schreiben wolle – wozu man natürlich nicht verpflichtet ist – das muß man ganz klar sagen – es kann in seiner Freizeit ja jeder tun, was ihm beliebt – wenn man aber schreiben wolle, gegen alle Vernunft, dann solle man wenigstens so schreiben wie ein Kind, das in einen Busch pieselt, oder, anders, etwas mehr auf Brauenhöhe gesagt, man solle so schreiben, wie der selige Rabelais geschrieben hat, denn der schrieb wie ein Kind, das in einen Busch pieselt: um sich zu erleichtern. Ja, Sie haben ganz richtig gehört: um sich Erleichterung zu verschaffen. Die Notdurft verrichten. Sie wissen schon. Und ein bißchen Respekt vor der Sprache, meine Damen und Herren, ein bißchen Respekt vor der Sprache hat auch noch niemandem geschadet. Wer weiß denn in jedem Fall, was er da so von sich gibt? Was da aus seinem Mund quirlt? Wo ihn das hinführt? Warum er sich hinreißen läßt? Worüber er redet, während er glaubt, er rede über sich? Über wen reden wir denn, wenn wir von Goethe reden? Heißt, über ihn reden, nicht, nicht er nicht sein müssen? Wer wären wir denn, wenn wir er wären? Beziehungsweise natürlich … ach, wissen Sie was? Mir wird das alles zu kompliziert.

 

München, den 21.11.2004

Robert Mattheis

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit