goethe

Etwas sperriger und dämlicher, aber doch irgendwie geiler Monolog

Der ICE fährt mit gespenstischem Tempo über ein nachtdunkles Land dahin. Dieses Land ist Deutschland. Ein Mann sitzt in einem Abteil, zweite Klasse. Er ist etwa vierzig Jahre alt, vielleicht älter. Auf seinen Knien hat er ein Notizbuch, den Stift hat er zwischen die Lippen geklemmt. Er hat soeben die Abteilbeleuchtung ausgeschaltet, d. h. er sieht nichts von dem, was er sich notiert hat. Er hat sich manches notiert. Ergeben hat sich nichts. Man kann auch seine Gesichtszüge nicht genau erkennen. Früher hat er das Leben geliebt, jetzt ist er sich nicht mehr so sicher. „Das Leben ist schon eine verdammt komplizierte Angelegenheit …“ Er arbeitet an einem Artikel, der am nächsten Morgen fertig sein soll. Er ist Redakteur eines international operierenden geisteswissenschaftlichen Internetportals, und man hat ihn dazu verdonnert, etwas Feuilletonistisches abzusondern.

In der Regel hilft in solchen Fällen ein Bier, aus dem unversehens drei, vier Biere werden; aber das Bier im Zug ist zu teuer, viel zu teuer, selbst das Weizenbier … unverschämt.

In seinem Gesicht zeigt sich immer noch kein Ausdruck.

Wir halten mal das Hörrohr an seinen Kopf:

„Ich müßte mir etwas Reflexives aus dem Kreuz leiern … etwas über Goethe am besten noch … Goethe … was verbindet man damit? Ich glaube, jemand von Daimler-Chrysler – oder war’s BMW? – hat mir mal gesagt, Goethezeitportal, ja, das könne er sich vorstellen als Kooperationspartner – Goethe sei ja für die Literatur, was Mercedes (oder BMW, das weiß ich ja nicht mehr genau) für die Automobilbranche ist …“

Sein eigentliches Problem ist die Form. Der Stoff und die Form. Das ist ihm schon klar. Er gäbe gerne dem Formlosen eine Form, findet aber nichts, das sich zur Formung, zur Verformung, Umformung oder Neuformung – er findet einfach nichts, das sich anbietet.

Warum bietet sich denn auch nichts an, Himmel noch eins!? Ist das denn zuviel verlangt, daß sich mal etwas anbietet?

Er wollte – ach, sagen wir’s ruhig! – er hat einmal davon geträumt – in jener Zeit, da er das Leben noch liebte – oder doch wenigstens dem Leben emotional noch verbunden war; vielleicht war’s auch eher Haß als Liebe? – damals jedenfalls träumte er davon, Werke des Geistes zu vollbringen. Der Erkenntnis sein Leben zu widmen. Wie Schopenhauer einmal gesagt hat: „Das Leben ist eine mißliche Angelegenheit; ich habe beschlossen, mein Leben damit hinzubringen, daß ich über das Leben nachdenke.“ So in der Art. Schopenhauer hat es zweifellos weniger holprig formuliert. Ich glaube, er hat es Herder gegenüber so ausgedrückt … ist das möglich? Herder? Herder und Schopenhauer? Seine Mutter, Johanna, anerkannte Schriftstellerin, Intellektuelle, Salonlöwin, ging zu Goethe zum Teetrinken.

Salonlöwin? Wie komme ich denn darauf? Meine ich nicht die Madame de Staël? Auf die Heinrich Heine so schimpft? Weil er auch über „L’Allemagne“ schreiben wollte?

Ah, denkt der Redakteur, Herder, Schopenhauer, Goethe, Heine … das wird ja schon … aber es ist ja auch wirklich schwierig! Und draußen zieht das nachtblinde Land vorbei. „Der Vater der Nacht hat sein dunkles Gewand über die Ebene gebreitet“, denkt der Redakteur, ohne sich erklären zu können (oder zu wollen), woher dieser Gedanke stammt …

Was wäre der Stoff? Der Stoff, aus dem er etwas zaubern, etwas schaffen könnte? Ach! Er legt das Notizbuch zur Seite, auf den leeren rotgepolsterten Platz neben ihm. Dann legt er die Füße hoch. Sein Gesicht, ein schwacher Schimmer, gleitet über den Schattenriß von Landschaft da draußen. Das ist Deutschland, denkt er, das Land der Dichter und Denker, der Mörder und Henker. Ein Land der Humorlosen. Ein Land der ernsten, bärbeißigen Rechthaber. Ein Land, das keinen Spaß versteht, in dem sich jungen Männer in schweißdunstigen Bierkellern gegenüberstehen und sich mit Säbeln die Fressen zerhacken, um … ja, um was? Um sich ihre Männlichkeit zu beweisen? Oder den Grad von Dummheit, zu dem unsere Spezies fähig ist? Sich aufzuschwingen vermag? Wie ein Extremsport sei das Verbindungsfechten, hat unser Redakteur einmal gehört, gelesen, aufgeschnappt. Ja, überhaupt – das Aufschnappen! Man schnappt etwas auf, und damit versucht man sich dann eine Welt zu deuten, die einfach, geben Sie’s doch zu, viel zu komplex ist, als daß Sie sie auch nur ansatzweise verstehen könnten. Man kann das Meyersche Lexikon auswendig lernen oder sogar den Brockhaus in x Bänden – man kann sich die Encyclopaedia Britannica eintrichtern, und was weiß man? Was hat man kapiert? Nichts. Man kann auch auf einem marokkanischen Friedhof sitzen, irgendwo in Tanger, und einen Joint rauchen und darauf warten, daß aus der Sonne der Mond wird, und das kann man sein Leben lang tun – und am Ende weiß man doch nicht wesentlich weniger als jener, der sich die Lexika dieser Welt eingetrichtert hat.

Gut, das sind relativ triviale Reflexionen. Sicher. So ein Zeug wird einem für gewöhnlich zu Weihnachten aufgetischt, unter dem Label: „Wir können ja ganz dankbar sein, auch wenn wir vergänglich sind.“ Dankbar? Wofür? Erklärt mir das mal eben einer? Wie? Keine Lust? Ich auch nicht.

Platt, ja. Banal. Voraussehbar. Aber das ist der Gang der Dinge. Bekanntlich sind 97 Prozent der Gedanken, die wir heute denken, identisch mit jenen, die wir gestern gedacht haben.

 

München, den 27.11.2004

Robert Mattheis

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit