Die zwei Dichter saßen da, der junge und der alte. Die Sonne sank, die Schatten wuchsen über die Terrasse, das Land lag friedlich da. Richard Wolf zog an seiner Zigarre. Er war schon ordentlich betrunken, und doch wollte diese Traurigkeit nicht von ihm weichen. Sonst half das Trinken immer. Jetzt aber nicht. Dabei war der Abend warm und schön, und das Gespräch mit dem jungen Kollegen war hoffnungsvoll gewesen. Die Erzählungen würden über die Menschen hinauswachsen, hatte der junge Mann gesagt. Und das sei gut so. Denn die Erzählungen seien menschlicher als die Menschen – Richard Wolf hatte da nicht widersprechen können. Ihr gemeinsamer Traum lebte also. Doch auch daraus folgte heute kein Trost. Die Traurigkeit schien sich ein für allemal in Richard Wolf festgesetzt zu haben.
Ob das an der Krankheit lag? An den Schmerzen? Nein, dachte der alte Dichter. Nein. Er war etwas wirr im Kopf, taumelig (alkoholbedingt), aber das erkannte er mit desto größerer Klarheit, daß der Tod ihm egal war, daß auch die Schmerzen ... er hatte sich daran gewöhnt. Der Tod spielte keine Rolle mehr. Das Leben dafür eine um so größere. Und das – genau das bedrückte ihn. Sein Leben bedrückte ihn.
Und er konnte sich nicht genau erklären, warum.
Er hatte das Leben immer so genommen, wie es gekommen war. „Ich habe eine andere Verantwortung“, hatte er gedacht. Eine Verantwortung, die ihn in vielen Dingen, in denen andere Menschen hochverantwortlich waren, unverantwortlich sein ließ. Er hatte immer geglaubt, das sei alles nicht bedeutsam, der menschliche Kleinkram, der Alltag. Die Frauen, die Kinder. Die Quisquilien des Daseins.
Doch heute war etwas anders. Heute war alles anders. Richard Wolf hatte einen Brief bekommen. Geschrieben von einer Jugendliebe. Aber was hieß „Jugendliebe“? Das war ja alles so lange her! Es war am Anfang der Zeiten gewesen, als der später weltberühmte Schriftsteller gerade seine ersten zaghaft ernsthaften Gedichtversuche geschrieben hatte. Da hatte er jemanden geliebt. Eine, die Charlotte geheißen hatte. Idiotisch, dachte der Dramatiker und paffte den Rauch seiner Zigarre in die milde, rosenfarbige („rosenfingrige“, dachte er kurz) Abendluft. Charlotte. Ausgerechnet! Ein Name, der ganz Literatur zu sein schien – und damals doch für das genaue Gegenteil gestanden hatte, für das Leben. Wenn sie seine Liebe erwidern würde, die blonde, lustige Charlotte, hatte Richard gedacht, fast widerwillig – sollte er mit ihr eine Familie gründen? Kinder haben? Einen bürgerlichen Beruf ausüben? War das nichts? Auch auf diese Art konnte man der Gesellschaft dienen.
So hatte er damals gedacht, an seiner Berufung, an seinem Talent zweifelnd. Es war ein Gedankenspiel gewesen, ein Zögern. Mehr nicht.
Eine Verknalltheit.
In dem Brief hatte nichts Besonderes gestanden. Keine späten Geständnisse. Keine Revisionen eines gelebten Lebens, das ohnehin nicht mehr zu ändern war. Es war ein schlichter Brief, beinahe unbeholfen formuliert, der schwache Versuch einer Annäherung über die Gräben der Jahre hinweg. Oder vielleicht nicht einmal das. Und doch hatte dieser Brief an etwas gerührt in dem Weltberühmten, Sterbenden, der eigentlich sehr zufrieden hätte sein müssen mit seinem Schicksal, mit der Art, wie die Dinge für ihn gelaufen waren.
Es war keine tragische Geschichte gewesen damals. Überhaupt nicht. Er hatte sie vergessen, sobald die erste literarische Anerkennung kam, das Lob eines seinerzeit weltberühmten Dramatikers, der Zigarre rauchte. Auch jetzt konnte er sich nicht genau erinnern. Er sah diese Charlotte nicht einmal bildhaft vor sich, er wußte nur noch, daß sie blond gewesen war und lustig, ein frisches Mädchen mit Zopf. Kindisch! Es war idiotisch, auf so eine Sache einen Gedanken zu verschwenden, dachte der Dramatiker. Ein Brief von einer ihm letztlich gänzlich Unbekannten. Was war daran?
Ja, was denn nur?
Er müsse jetzt leider gehen, sagte der junge Kollege und erhob sich. Auch er war etwas taumelig, hielt sich kurz an seinem Stuhl fest. Die zweite Flasche „Four Roses“ war so gut wie leer. Richard Wolf schenkte sich den letzten Schluck ein. Das sei aber sehr schade, sagte er, den Whisky hinunterkippend, daß er, der Jüngere, schon gehen müsse. Ja, es gehe morgen zurück nach Frankfurt, sagte der Jüngere. Und er müsse den letzten Bus bekommen. Sie schüttelten sich die Hände, wobei Richard Wolf die Zigarre in seine Linke hinübergab. Der Jüngere ließ ihn nicht aufstehen: „Nein, bleiben Sie doch bitte sitzen, ich finde schon hinaus.“ Richard Wolf war es ganz recht. „Ich schreibe Ihnen“, sagte der junge Schriftsteller zum Abschied, schon in der Tür verschwunden. Der alte Dichter winkte ihm, sich mühselig umwendend, zu und sagte: „Ja.“ Von drinnen hörte er die Stimme seiner Frau, die sich um den Gast kümmerte.
Berlin, den 20.07.2004
Robert Mattheis