In der „Vogue“ Nummer 5/2004 erschien ein Gespräch von Alexander Kluge und Christoph Schlingensief. Gesamteindruck: peinlich. Nach dem Satz: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ geht es rapide bergab.
Woran liegt das?
Das liegt daran, daß Schlingensief das Gespräch, ausgehend von diesem Satz, sofort ins Private zerrt. Er spricht von einem „Liebesunglück, das ich gerade ein bißchen mit mir herumschleppe“.
Man muß aber der Gerechtigkeit halber sagen, daß auch die Redaktion aufs Schönste versagt hat. Wenn Kluge zitiert wird: „Musik macht glücklich ohne Sinn. Es läßt sich nicht genau sagen, warum man bewegt wird durch Musik. Da fließt etwas, ja?“, und man weiß, daß Kluge hinter jedem dritten Wort ein „Ja“ einfügt, einfach, um sich durch seine Sätze zu hangeln, um die Intensität des Gesprächs aufrecht zu erhalten – dann kann man nicht umhin festzustellen, daß es vom Redakteur idiotisch ist, das „Ja“ am Ende stehen zu lassen. Vor allem, weil der nächste Satz von Schlingensief beweist, daß er es nicht als Frage auffaßt, sondern als Aussage. Schlingensief sagt nämlich: „Also erst die Musik, dann die Sprache.“ Das ist ja keine Antwort. Es ist eher eine zweite Stimme, die einem Duett beigesteuert wird.
Nun bleib mal auf dem Teppich ...
Okay, okay.
Und dann sind da noch die Bilder.
Himmel, die Bilder, ja.
Christoph Schlingensief oben ohne, parsifalartig, machomäßig ...
Und Kluge sitzt etwas ratlos herum, mit verkniffenem Mund. Ein etwas größenwahnsinniger Studienrat, so sieht er aus.
Eigentlich sind es wirklich gar nicht die Sätze, die hier so blamabel sind. Es ist die Aufmachung. Es ist der Rahmen, das Heft. Das, was man mit dem Heft verbindet – leerer Glamour, Neureichtum, Affektiertheit.
Zum Teil sind es auch schon die Sätze. Da wird dauernd so eine Innigkeit angesteuert, so eine ... es gibt da eine Tyrannei der Intimität, auch einen Terror der Intimität, der von Schlingensief ausgeht. Aber Kluge geht darauf ein, auf seine Weise. Hier, hör mal. Schlingensief sagt – es geht um das letzte Silvesterfest in Berlin, wie alle herumgeballert hätten – er sagt: „Da stand ich am Fenster, habe wieder die ‚Matthäuspassion’ aufgelegt. Tränenüberströmt und mit Gänsehaut blickte ich hinunter auf die Straßen mit der gleichen Ohnmacht, die mich während des Irakkriegs drei Wochen lang ans Bett gefesselt hat.“ Ist das ein Horror oder nicht? Das hat doch etwas von einem exhibitionistischen Akt! Das ist derselbe Schock, den wir beim Lesen erleben, wie ihn ein kleines Mädchen bekommt, wenn es durch den Park läuft, und plötzlich entblößt einer sein Gemächt vor ihr.
Ja, meinetwegen, schön ist das nicht. Das ist aber auch ein Extremfall, dieser Absatz. Vor allem ist doch aber das Heft, in dem man diese Sätze zu lesen bekommt, schuld daran, daß alles so gründlich in die Hose geht. Wenn ich das hier mal vorlesen darf: „Den meisten ist das vertraute Unglück näher als das unvertraute Glück.“ Das ist doch ein leuchtender Satz? Der ist doch nicht intimitätsterroristisch? Der ist doch brillant! Und es geht fast noch klüger weiter: „Man muß es eben wagen. Selbst wenn das in einem neuen vertrauten Unglück enden könnte.“
Aber wenn man das in der „Vogue“ liest, meinst du, schaudert es einen?
Mich schaudert bei der Vorstellung, was ein „Vogue“-Leser dabei denkt. Wie der das auffaßt. Wie der das anfaßt. Daß der dann denkt: „Ja, ganz genau, so isses!“ Dabei hat er noch nie in seinem Leben etwas gewagt. Der hat immer nur Papas Autos kaputt gefahren.
Was ist denn das für eine Haltung, die da bei dir zum Vorschein kommt?
Und über diesen so sensiblen, klugen, tiefen Sätzen, wie gesagt, Schlingensief oben ohne, entschlußherb-männlich ins Aus starrend. Entblößung mit allen Mitteln. Vollkommen beknackt. Das ist wie Bob Dylan, der für Damenunterwäsche Werbung macht.
Du meinst also: doof und geschmacklos, aber kein Grund zur Sorge, oder?
Ich bin nicht besorgt.
(...)
Das Fiasko fängt schon beim Einleitungstext an. Da heißt es: „Alexander Kluge: Seine Filme sind Kult.“ Und dann: „Als Autor fehlt ihm eigentlich nur der Nobelpreis.“ Was ist das für ein Text? Was würdest du sagen?
Ein Werbetext?
Das klingt für mich exakt so wie die Sätze aus den Anzeigen, von denen es ja etwa vierhundert in der „Vogue“ gibt. Guck mal diesen hier zum Beispiel, gleich von der nächsten Seite: Das Produkt XY, steht da, „schafft den Durchbruch in der kosmetischen Hautpflege medizinischen Ursprungs.“ Jetzt fehlt ihm nur noch der Nobelpreis, möchte man hinzufügen. Es stimmt, daß Kluge ein hochdekorierter, hochinteressanter, hochintelligenter Autor ist. Aber das mit dem Nobelpreis – das ist das Klingeln der Narrenschellen. Und die Narrenkappe trägt nicht Kluge! Sind denn wirklich die Autoren, die den Nobelpreis haben, die besten?
Nabokov bekam ihn nicht.
Joyce auch nicht. Borges auch nicht. Proust auch nicht.
Aber Thomas Mann!
Und Hermann Hesse. Es ist ja auch keine Schande, den Nobelpreis zu haben – den bekommt man ja nicht für seine Idiotie verliehen! Aber dieser Satz hat nur eine Funktion; er soll suggerieren: Königsklasse. Überhaupt klasse. Klasseinterview. Klasse Leute. Klasse Heft. Es ist ein leerer, hohler Satz. Ein ärgerlicher Satz. Werbungsgequatsche.
Noch seltsamer kommt mir das mit den Kult-Filmen vor ...
Ja, das ist vollkommener Unsinn! Alexander Kluges Filme sind Kult? Quentin Tarantinos Filme sind Kult. Takeshi Kitanos Filme sind Kult. Woody Allen ist Kult. Aber Alexander Kluge? Seine Filme sind verdammt anstrengend, und das disponiert nicht unbedingt ...
Vielleicht ist gemeint: Kult im Sinne von Arno Schmidt? Dessen Bücher sind ja auch hochgradig anstrengend, überbetont extravagant, programmatisch sperrig.
Du meinst, Arno Schmidt ist ein Kultautor? Der „Vogue“-Leser liest den Satz: „Arno Schmidt ist ein Kultautor“ und denkt: Oh, das stimmt? Denkt der nicht eher: Hat der denn schon wieder ein Buch rausgebracht?
(...)
Das Problem ist im Grunde ganz einfach zu erklären. Journalismus ist prinzipiell unfrei. Insofern ist er auch geistfeindlich. Wenn ich das so sage, meine ich es ganz ernst. Lese ich es hingegen in der „Vogue“, ist es ein Schabernack. Das ist dann wie Goebbels, der von der Redefreiheit schwärmt.
Na, nun mach aber mal einen Punkt!
Okay, das ist polemisch. Ich will die „Vogue“ ja auch gar nicht mit dem Dritten Reich assoziieren ... Siehst du? Auch das ist schon wieder Journalismus. Da herrschen unglaubliche Zwänge. Die legen sich auf jeden Satz. Juristische Zwänge sind das, hauptsächlich, glaube ich. Aber auch Machtfragen spielen eine Rolle. Man darf als Journalist zum Beispiel nicht naiv sein. Man muß die Machtposition, die Macherposition besetzt halten. Kluge und Schlingensief aber SIND naiv. Künstler müssen naiv sein. Wenn sie jetzt aber als Journalisten auftreten, als Leute, die sich journalistisch äußern und hervortun wollen, dann unterwerfen sie sich Zwängen. Sie unterwerfen ihre Naivität Zwängen. Und dadurch wird der Naivität ihr Gutes genommen, und was bleibt, ist das Lallen von Kindern, die nicht erwachsen werden wollen.
Machen wir mal die Probe aufs Exempel. Kluge spricht vom Verreisen, vom Fliegen. Es geht darum, daß die Seele eine Weile braucht, um nachzukommen. Da sagt er: „Die Wiedervereinigung der Seele mit dem Körper ist immer etwas Wundervolles. Manchmal ist es gar nicht meine eigene Seele, die nachkommt, sondern die meiner Geliebten. Das ist besonders schön.“
Solche Sätze – oder doch Sätze, die sehr ähnlich klingen – hat man so oft von zweitklassigen Schauspielerinnen gehört, daß man gleich denkt: Das ist jetzt eine zweitklassige Schauspielerin, die sie nicht mehr alle hat! Der Satz reicht ja weit hinaus über das Reflexionsniveau einer zweitklassigen Schauspielerin. Das hört man ja sofort. Aber rein formal gehört er eben zu zweitklassigen Schauspielerinnen. Also ist man zwar irritiert, denkt aber in die falsche Richtung weiter – und landet bei einer zweitklassigen Schauspielerin, die sie nicht alle hat. Das ist das Problem des Journalismus: Er ist ein Formalismus. Die Form führt uns den Inhalt ein, wie ein Zäpfchen. Merkt man gar nicht. Wenn du in der „Bild“-Zeitung ein Gedicht von Georg Trakl veröffentlichst und drunter schreibst: „Herzlichst, Ihr Franz-Josef Wagner“, dann denkt der Muffel in der U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit: „Schön. Der ist echt ein heller Kopf, der Wagner. Klingt fast wie ein Gedicht.“ Gäbe man ihm dasselbe Gedicht als Reclam-Text, verzöge er sein Gesicht.
Na, das Beispiel ist ein bißchen unrealistisch, oder? Sagen wir lieber: Man gibt ihm ein Gedicht von Erich Fried.
Okay. Soviel an Zugeständnis bin ich bereit zu machen.
Gut. Dann wollen wir jetzt mal langsam zum ...
Laß mich das hier noch vorlesen, bitte, ja? Es ist das Ende des Textes. Es geht um die Frage: „Wo liegt die Seele?“ Kluge fragt das. Jetzt also.
Schlingensief: Ja, sie liegt hier, glaube ich, wo der Pförtner ist.
Kluge: Also etwas oberhalb des Zwerchfells.
Schlingensief: Und das gehorcht niemandem.
Kluge: In der Nähe des Zwerchfells und bewegt vom Atem, ja? Deshalb ist die Seele so sehr mit dem Lachen verbunden. Und mit der Freiheit. Und mit der Liebe.
Schlingensief: Und mit dem Glück.
Berlin, den 07.06.2004
Robert Mattheis