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Die Hoffnung ist blau und eisig

Europa hat auf dem Mars Wasser entdeckt. In den bunten Photos der Spezialkameras, die jetzt um die Welt gehen, sieht man in der unteren Bildhälfte einen hellblauen Fleck, das Wassereis des Südpols. Die Wissenschaftler halten es nun nicht mehr für ausgeschlossen, dass sich auf dem Wüstenplaneten doch Leben entwickelt haben könnte und schwärmen schon, dass man nun bei einem Marsbesuch kein Wasser mehr von der Erde mitbringen müsste. Aber man muss kein Molekularbiologe oder Astrophysiker sein, um beim Anblick dieser Bilder in Verzückung zu geraten. Sie tragen in sich einen für Jedermann leicht zu entschlüsselnden, archaischen Code. Wasser in der Wüste, das verspricht Hoffnung. Der Lebensquell hat sich an dem Ort behauptet, wo Leben eigentlich unmöglich ist.

 

Diese wissenschaftliche Sensation könnte in uns einen tief greifenden Bewusstseinswandel herbeiführen. Dass wir vom Weltraum fasziniert sind und seit jeher nach den Grenzen unserer Welt suchen, gehört zu den Grundkonstanten unserer Wahrnehmung der Welt. Doch die Parameter dieser Wahrnehmung haben sich immer wieder verschoben, und unser heutiges Wissen vom Universum und der Lage der Erde in ihm haben wir mit einem hohen Preis bezahlt. Und diese Lage ist nicht gerade rosig: Wir sind völlig allein im Weltraum, umgeben von toten Planeten, eingehüllt in absolute Leere und Nichts. Adalbert Stifter fing als einer der ersten dieses „kosmische Erschrecken“ in seiner Erzählung „Der Kondor“ ein. Als die junge Frau Cornelia mit dem Fluggerät Kondor von der Erde abhebt, verliert die Erde plötzlich ihre Geborgenheit. „Das ganze Himmelsgewölbe“, schreibt Stifter, „die schöne blaue Glocke unserer Erde, war ein ganz schwarzer Abgrund geworden, ohne Maß und Grenze in die Tiefe gehend - jenes Labsal, das wir unten so gedankenlos genießen, war hier oben völlig verschwunden, die Fülle und Fluth des Lichtes auf der schönen Erde.“ Cornelias Reaktion drückt Stifter so genial wie einfach in zwei Worten aus, die sie gerade noch über die Lippen bringt: »Mir schwindelt…«.

 

Seit dem 19. Jahrhundert gehört dieser Schwindel zu den Voraussetzungen unseres modernen Daseins. Etwas unvornehmer hat das Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“ beschrieben. Die Erde ist dort nichts als ein „unbedeutender, nichtsnutziger Planet am Rande der Milchstrasse“. Wir haben uns gegen diese Einsicht gewehrt und uns, wie im Falle Jules Vernes und dem Raumschiff Enterprise in die „unendlichen Weiten“ unserer Phantasie geflüchtet. Wir haben uns fremde Welten mit aufregenden Abenteuern und faszinierenden Zivilisationen ausgemalt. In Wahrheit aber war der Weltraum immer kalt, unwirtlich und staubig. Und bei aller Euphorie hat man sich auch bei der Mondlandung gefragt, was es denn bringen soll, wenn der Mensch seinen Fuß auf einen Planeten setzt, auf dem wir sowieso nie werden leben können. Und den verzweifelten und absurden „Ist da jemand“-Rufen unserer Raumfahrtbehörden, dem Versenden freundschaftlicher Funksignale in die Untiefen des Alls wollte niemand antworten. Aber wir trösteten uns mit Captain Kirk, Star Wars und der Vorstellung eines Weltraumes als eines großen Abenteuerspielplatzes, während es auf unserem eigenen Planeten zunehmend enger wurde.

 

Seit dem 23. Januar 2004 ist das anders. Endlich haben wir ein vertrautes Zeichen im Weltraum entdeckt. Die Wissenschaft gibt uns einen Teil der Hoffnung wieder, die sie uns einmal geraubt hat. Wir haben in der Wüste des Weltraums eine Oase gefunden, und sie kann uns nicht nur deshalb als Ressource dienen, weil wir heute schon wissen, dass uns in nicht allzu langer Zeit auf der Erde das Wasser ausgehen wird. Das gefrorene Wasser am Südpol des Mars könnte auch zum Quell neuer Utopien werden. Denn jetzt, wo wir auf der Landkarte des Weltraums einen kleinen blauen Fleck eintragen können, hat das All ein Stück seiner Trostlosigkeit verloren.

 

München, den 30.01.2004

Martin Schneider

 

 

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