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Der langweiligste Roman

- WIE ES KAM, DASS ICH EINEN DER LANGWEILIGSTEN ROMANE ALLER ZEITEN SCHRIEB -

Es begann alles mit einem Zeitungsartikel. Berichtet wurde über einen Schriftsteller, der, einst mit einer Sammlung von Kurzgeschichten als große Hoffnung der amerikanischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts hervorgetreten , nun seit über dreißig Jahren in seinem Apartment in New York saß und an einem Roman schrieb, von dem noch nie jemand eine Zeile gelesen hatte – und an dessen Existenz und sogar Möglichkeit darum inzwischen auch arg gezweifelt wurde. Trotzdem war der Journalist – der, N. B., einen sehr distinguierten, beinahe manierierten Stil pflegte – fasziniert von der Hieronymus-im-Gehäuse-artigen Gestalt, die da oben im fünfundzwanzigsten Stock eines Wolkenkratzers hockte, über den Straßenschluchten von Manhattan. Bei den Adlern. Mit dem Satzbau und Depressionen kämpfend. Mit Vorliebe Mahler hörend. Und Schönbergs „Verklärte Nacht“. „Schon seit einem halben Menschenleben“, las ich, mit Frühstücksbrötchen und Kaffee in meiner Küche sitzend, „befindet sich Hank Bullheimer auf einer der letzten großen literarischen Abenteuerreisen unserer Zeit. Er ringt mit den Dämonen seines Lebens – mit der Familie, dem trinkenden Vater und dem geistesgestörten Bruder, mit der masturbatorisch-schwülstigen Jugend und dem tragisch frühen Tod seiner geliebten Frau.“

Mir stand der Mund offen. Vergleiche mit Proust wurden angestellt, en passant die kanonischen Namen „Musil“ und „Joyce“ eingestreut. Eine Reise nach innen, durch die Korridore der Erinnerung gebe es zu bestaunen. Anlaß des Beitrags war, daß nun endlich im „New Yorker“ ein winziger Ausschnitt aus dem Opus Magnum, dessen Vollendung unmittelbar bevorstehe, veröffentlicht worden war. Und dieser Passus, so hatte kein Geringerer als der große Literaturkritiker Harold Bloom befunden, berechtige zu den schönsten Hoffnungen. Nun hatte ich von all den Dämonen, an denen Bullheimer sich seit mehr als drei Dezennien abarbeitete, keinen einzigen vorzuweisen – keinen Vater, der trank, keinen Bruder, der in eine Irrenanstalt eingewiesen worden war, nachdem er versucht hatte, mich nächtens zu verbrennen. (Ich hatte noch nicht einmal einen Bruder, genau genommen, sondern nur eine Schwester, und die war lieb und harmlos und Kindergärtnerin in der Nähe von Göppingen.) Und meine Jugend war, trotz gelegentlicher onanistischer Exzesse im Alter zwischen dreizehn und sechzehn Jahren, weitestgehend normal verlaufen. Verheiratet war ich bislang auch noch nicht gewesen. Meine Beziehungen waren immer auf eine zwar nervenaufreibende und traurige, doch im großen und ganzen unauffällige Art und Weise in die Brüche gegangen.

Und doch gab es natürlich auch in meinem Leben Dinge, mit denen ich nicht zurechtkam. Nachdem ich längere Zeit, so etwa zwei Wochen, darüber nachgedacht hatte (mit wachsender Verzweiflung, weil ich mir so unproblematisch, so gänzlich ungeeignet zum Schriftsteller vorkam), wurde mir klar, daß Menschen, die ich bisher für anständig und freundlich gehalten hatte, im Grunde, wenn man nur genau genug hinsah, ziemliche Lumpen waren. Z. B. mein Freund Arndt. Er lieh sich immer CDs von mir aus, die ich dann nie zurückbekam – oder doch erst nach Ablauf einer Frist, in der ich längst vergessen hatte, jene CDs je besessen zu haben.

Oder meine letzte Freundin, Judith. Sie hatte sich für mich von ihrem Freund getrennt, mit dem es schon seit geraumer Zeit nicht besonders gelaufen war, dann jedoch mit mir wieder Schluß gemacht, um zu ihm zurückzukehren. Ich hatte ihr zum Abschied alles Gute gewünscht und sie dabei sogar getröstet, weil sie solche Angst vor der Zukunft hatte, und jetzt erst wurde mir klar, wie bestialisch, wie unverantwortlich und grausam ihr Verhalten gewesen war – vorher hatte ich gedacht, es wäre einfach eine nette Vögelei gewesen, wenn auch leider nicht mehr – jetzt aber erkannte ich, wie manipulativ, wie eigensüchtig sie war! Ein richtiges Miststück! Ich hätte ihr, anstatt ihr zu helfen, ihre Habseligkeiten ins Auto zu packen, ein paar scheuern sollen! Und ihrem Freund die Autoreifen aufschlitzen. In der Nacht. Mit einem Fahrtenmesser, das ich mir zu diesem Zweck freilich eigens hätte anschaffen müssen.

Was bewog Menschen, so grausam zu sein, so rücksichtslos? Was war das, was in uns mordete, stahl, hurte und log?

Mein Vater zum Beispiel – war der wirklich ein gutmütiger alter Herr? Hatte er mich nicht gedrängt, Jura zu studieren? Und damit, nach vier Semestern, die erste wirkliche, tiefe Sinnkrise in meinem Leben ausgelöst? Und die Enttäuschung, die er zur Schau getragen hatte, als ich, bei einem meiner Besuche daheim, trotzig mitgeteilt hatte, ich sei fest entschlossen, von nun an Germanistik, Soziologie und Theaterwissenschaft zu studieren – war diese Enttäuschung nicht ein gemeiner Erpressungsversuch gewesen? Ein heimtückischer Anschlag auf meine persönliche Autonomie, auf mein Recht auf Selbstbestimmung? Auch meine Mutter, die nur die Achseln gezuckt und geseufzt hatte – was hatte nicht alles in diesem Seufzen und Achselzucken gelegen? Wieviel mörderischer Wille, den Sohn bloß nicht zur Entfaltung kommen zu lassen? Wieviel Neid auf meinen Willen zum gelungenen Leben – zu einem Leben der Erfüllung, das ihr selbst nicht vergönnt gewesen war? Das sie geopfert hatte, um ihre besten Jahre im Dienst an Mann und Kindern hinzubringen?

Das alles bewegte ich in meinem Herzen, und dann war mir klar, wie naiv ich bislang gewesen war – mit welch kindlich reinem Torenblick ich die Welt angeschaut hatte! Ich hatte gedacht, die Menschen wären gut und nett und, wenn man es schaffte, richtig auf sie zuzugehen, sogar hilfsbereit. Ha! Was für eine närrische Illusion! Wo hatte ich denn meinen Verstand gehabt? Es wurde Zeit, höchste Zeit, daß ich der ganzen unermeßlichen Verworfenheit der Welt ins Auge blickte!

 

München, den 14.11.2004

Robert Mattheis

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