goethe

Der Benn

„Kongestion“, dachte der Dichter und Mediziner Benn, der mit dem Lebendigen so seine Schwierigkeiten hatte, „alles eine Kongestion, wenn’s gut war.“

Er hatte weit gedacht; weit gebracht hatte es ihn nicht. In der Jugend hatte er mit Kaffee und Hunger experimentiert, hatte Schleusen öffnen wollen, grammatikalische Schauer erlebt, sich Worten hingegeben, als wären sie fleischliche Genüsse. Sonntagnachmittage auf dem Sofa, zwischen Entsetzen, Ekstase und Erschöpfung. Dazu das Berliner Licht und dies verfluchte Jungsein. Jetzt pflegte er ein bißchen die Masche des alt und altersweise gewordenen Herrn, hinter dessen skandalöser, aristokratischer Unerschrockenheit sich Milde verbarg. Der so dichtete, als spräche man nicht darüber, wie man lebt. Ultima necat. Kaffee trank er, um auf die Beine zu kommen. Der junge Mann, der er einst gewesen war, weit entfernt von der heutigen Saturiertheit, hatte geschrieben: „Ich bin mir noch sehr fern.“ Aber ich wollte Ich werden, dachte Benn jetzt. Es war ein vertrauter Gedanke, ein alter Freund. Der junge Hebbel. Der alte Benn.

Zwei Weltkriege lagen zwischen den beiden, zwei tote Ehefrauen, Rönne, die Gehirne, fünfhundert Gedichte. Der alte Benn war Hautarzt, und er würde an Rückenmarkskrebs sterben. Eine merkwürdige Ironie. Auf seine Weise hatte er sich immer bemüht, Rückgrat zu zeigen. 1933 war ihm das nicht so recht gelungen, aber auch vielen anderen nicht, die nicht daran dachten, deswegen an Rückenmarkskrebs zu sterben. Vielleicht mußte man auch Rückgrat haben, um daran sterben zu können. Schwamm drüber, Sela, er hatte seine Seinsstunden gehabt, manchmal waren sogar ganz ordentliche Gedichte dabei herausgekommen, eine Handvoll vielleicht. Seltsamerweise fühlte er sich unbegabt dazu, etwas anderes zu sein als junger Hebbel oder alter Benn. Mitglied der Preußischen Akademie der Dichtung – auf seine Person angewendet, klang es völlig unglaubwürdig. Heinrich Mann konnte das, und dessen Bruder konnte das. Ihm lagen die Mittellagen nicht. Überhaupt, die Mitte! Das Talent zur Langeweile, und sei’s zur gepflegten, war ihm nicht gegeben; Langeweile war etwas, das man aushalten mußte, mehr war dazu nicht zu sagen. Auch lange Romane lagen ihm nicht; überhaupt, diese Familiengeschichten, die waren mehr als nur ein bißchen altmodisch, sie waren passé, und zwar ganz entschieden! Radardenken, dem gehörte die Zukunft. Von allen Seiten strömte es herein, drängte heran. Wörter, die ihre Schwingen öffnen würden, auch sie, mächtig, aber ohne Lehre - darum hieß es wach bleiben, die Schleusen geöffnet halten. Ein bißchen mit Pathos, ein bißchen locker. Man mußte einstecken können, Nehmerqualitäten zeigen. Er war wieder verheiratet, der Weltruhm kam wie ein verspäteter Segen. Nur die Jugend war eben fort. Er rauchte immer noch, er trank gerne ein Bier. Man ging in der Öffentlichkeit damit um, als wäre es amoralisch, Bier zu trinken. Jeder macht sich so seinen Reim, auch der Lyrikleser. Er mochte die Frauen, aber na ja, Sie wissen schon. Vulnerant omnes.

 

München, den 16.08.2004
Robert Mattheis

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit