Bekanntlich gab es früher ein eigenes Genre für Menschen, die den Stift nicht ruhig halten konnten und von einem unstillbaren exhibitionistischen Drang gequält wurden – für jene Leute, anders gesagt, die heute die Chatforen des Internet besetzt halten – den sogenannten „Briefroman“. „Die Leiden des jungen Werther“ wäre ein denkbares und sehr naheliegendes Exemplum. Der Briefroman ist ein reflexives Genre; es wird tage-, ja wochen- und monatelang nur bramarbasiert, eine Jeremiade jagt den nächsten Galimathias, und am Ende macht es Peng!, und einer liegt in seinem Blut da – leichtsinnigerweise hatte sein Schwager, Leutnant der Reserve, eine geladene Pistole in der Schreibtischschublade aufbewahrt. Wahlweise wandert unser Herr Unglückliches Bewußtsein in die Klapsmühle, wo er solange toben darf, bis er seine Besinnung wiedererlangt hat (was meistens natürlich nicht der Fall ist, wie auch?).[1]
Gut.
In den letzten Tagen ist mir ein Briefwechsel in die Hände gelangt, den ich von nun an Stück für Stück zu veröffentlichen gedenke – nachdem ich ihn eingehend manipuliert und revidiert habe! Vielleicht erinnern Sie sich, daß Horaz damals, so vor zweitausend Jahren, eine Epistel an die Pisonen („Epistula ad Pisones“) schrieb – seine Poetik, „ars poetica“. Ich habe mich an die Vorgaben gehalten, die Horaz gleich am Anfang macht. Da ich unversehens einmal die Gelegenheit hatte, Herausgeber zu spielen, habe ich vom Vorrecht der schrankenlosen Kolportage Gebrauch gemacht; ich habe „zum Kopf eines Menschen [...] den Hals eines Pferdes“ hinzugefügt „und Gliedmaßen, von überallher zusammengelesen, mit buntem Gefieder“ bekleidet, „so daß als Fisch von häßlicher Schwärze endet das oben so reizende Weib“.[2] Ob das, was dabei herauskam, nützlich oder erfreulich ist (Sie wissen schon: „Aut prodesse volunt aut delectare poetae“), kann ich leider nicht garantieren.
Na ja, lesen Sie selbst; am Ende stirbt schon keiner, und 2000 Jahre hat weder die Herausgeberarbeit in Anspruch genommen noch kostet Sie die Lektüre!
Tübingen, im Februar 2004
Dietmar C. Petit
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Lieber Freund!
Früher war die Dichtung ein heiliger Hain; Apoll jagte mit seinem Bogen und Ingrimm die frevlerischen Einbrecher fort, die glaubten, es gäbe nackte Nymphchen beim „Lolita“-Lesen zu erspähen. Heute aber? Hat sich der Unterschied zwischen Literatur und Prostitution zu einem Fall für die Medienwissenschaften verflüchtigt.
Aber es gibt auch Novitäten, durchaus. Früher war's ja nicht selten, daß ein Autor die Pose des harten Hundes einnahm, um die Welt das Ausmaß seiner Verletzlichkeit nicht erkennen zu lassen (prototypisch: Ernest Hemingway). Heute gibt es den umgekehrten Fall: Da nimmt eine Autorin die Pose des Sensibelchens ein, schmerzerfahren, um zu verschleiern, daß sie ein Haufen Rotz in Damenstrümpfen ist (Prototyp: Walburga Holofernes[3]). Ach, Falschheit! Falschheit! Ich ertrage sie einfach nicht! Das ist wirklich mein größter Fehler - mit der Falschheit nicht umgehen zu können!
Lieber Clemens,
ob die Konkurrenz von Film und Fernsehen tödlich für den Roman ist ... für den Roman à la Tolstoi mag das stimmen. Aber es gibt ja auch andere Romanformen, nicht, die was anderes versuchen, als sich auf diese (Tolstoi-) Seite oder auf die von „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ etc. zu schlagen. Als die Fotographie stark wurde, haben sich Picasso und Konsorten von der (‚richtigen’) Gegenstandsdarstellung abgewandt. Man muß also immer schön gegensteuern. Und wenn jetzt Drehbuchschreiben angesagt ist, muß man etwas Unverfilmbares schreiben.
Ach, mein lieber Achim,
ich ging gestern Abend heim – vorher war ich erst mit Lukas in „Kill Bill Vol. 2“ gewesen und hatte anschließend mit Lukas bei Magnus noch „The Limey“ von Steven Soderbergh gesehen – und so lief ich also heim, und ich dachte darüber nach, daß meine Zeit im Weinberg des Romanschreibens vorbei sei. Ich nahm Abschied. Ich hielt es immer für die Pointe der Kunst, daß sie unverkäuflich sei, sperrig und bittersüß, und daß ein Roman eine Schöne sein müsse, die man sich zu erobern habe – keine, die einen gleich anspringt und fragt: „Willst du einen geblasen haben? Für nur 12,95 Euro?“ Ich hatte, mit einem Wort, den Kopf voller Flausen. Und nun nahm ich Abschied, löste mich auf in eine salzige Wehmutsspülung. Ich werde es mir nicht mehr antun! dachte ich. Ich habe genug gelitten, mich genug zum Narren gemacht![4] Dein kluger Freund Rainer[5] hat recht: Die Zeit ist vorbei für Typen, die noch interessiert, was in Menschen vor sich geht. In Menschen geht ganz offensichtlich nichts mehr vor sich, wenn sie sich für Pazifisten halten, zugleich aber Armeehosen tragen. So etwas wäre nur als Geistesstörung erklärlich – oder als totaler Wahrnehmungsausfall. Hoffen wir mal, daß letzteres der Fall ist.
Ja, mein Freund,
auch ich hänge den Dichterboxhandschuh an den Nagel. Ich wäre nur dazu bereit weiterzumachen, wenn ich in der Lage wäre, wie Ambrose Bierce zu schreiben; das wäre ein Autor für den Augenblick. Er könnte diesen Kalten Bürgerkrieg beschreiben, der auf unseren Straßen, in unseren Hirnen tobt. Aber ich bin nicht Ambrose Bierce. Vielleicht sollte ich versuchen, mich so weit abzukühlen, bis ich seine Eistemperatur erreicht habe? Seinen Gletscherblick auf die Dinge?
Wo Du „Kill Bill Vol. 2“ erwähntest: Da gibt es diese Szene, wo David Carradine zu Uma Thurman sagt: „Du bist die geborene Killerin!“ Genau das bin ich nicht. Ich hasse es zu töten. Ich bin zu sentimental, zu weich für diese Welt. Ich bin ... und Du, fürchte ich, bist es auch ...
Oh Mann, Achim,
Uma Thurman – eine tolle, tolle Frau! Und was für ein Film! Wenn ich diesen Film sehe, kann ich verstehen, daß manche unserer Popjournalisten einfach nur noch preisen wollen; daß sie auf die Knie niedersinken und anbetend die Hände erheben und ausrufen: „San Quentin[6], erlöse uns!“ Was für ein Werk ... ich war tagelang wie benommen. Hochherzig ist Dein Rückzug von der Literatur, und meiner ist es auch. Aber natürlich werde ich nicht aufhören zu kritzeln, Seiten zu bedecken, die Wahrheit aufzuschreiben, damit künftige Generationen sagen können: Ja, da war jemand, der hat Widerstand geleistet, hat die Fackel gehalten auch in tiefster Nacht!
Sag mir doch, Clemens,
wieso komme ich eigentlich immer auf diese spezifische Form des Scheiterns zurück? Auf dieses Unvermögen, nuttig zu sein? Gerade so, als wäre es kein Triumph? Sondern wirklich eine bittere Niederlage? Was bohrt da? Der Wunsch, nuttig zu sein? Sich verkaufen zu können? Käuflich zu sein? Verkäuflich? Was hätte man denn davon? Außer, daß es alles viel einfacher machte?
Auch Du machst es Dir leicht, wenn Du Lyrizität von Metrum und Reim abhängig machst! Wir leben schließlich nicht zu Schnitzlers Zeiten! Das ist ungefähr so, als wollte man Musik nur das nennen, was sich an die Dur-Moll-Tonalität hält. Ich habe nichts gegen Metrum und Reim, wenn man beides zu nutzen, d. h. zu verlebendigen versteht. Der Jon Schubert[7] kann das aber nicht, und deswegen sollte er tunlichst seine Finger davon lassen. Deine diesbezügliche Mutmaßung ist also goldrichtig. Ich weiß aber nicht, ob es unbedingt nur mit der Persönlichkeit, mit der menschlichen und dichterischen Substanz zu tun hat. Vielleicht ist die strenge Formsprache einfach etwas, in das man hineinwachsen muß, das man trainieren muß.
Wahrscheinlich hat Schubert den Fehler begangen, gleich seinen ersten Versuch in dieser Richtung zur Veröffentlichung freizugeben; wahrscheinlich mangelte es ihm an Selbstkritik oder am Abstand, um Selbstkritik überhaupt entwickeln zu können. Das sehe ich doch an mir, an meinen Gedichten: „Kleve und Umgebung“ fand ich gut, als ich's geschrieben hatte, aber jetzt ... – „Keine Wie-Vergleiche“, hatte Dr. Benn gefordert. Los geht es aber: „Die Wellen lecken das Ufer wie eine Kuh ihr neugeborenes Kalb“. Und natürlich gibt es im weiteren Verlauf noch mehr „wie“s. Auf der anderen Seite sind da aber Verse drin, die ich immer noch gut finde, z. B.: „Jetzt pißt der Regen die Wiesen voll; // die Vögel, die armen Schweine –“ Darunter würde ich auch heute meinen Namen setzen. Das größere Problem bei dem Kleve-Gedicht war aber der Rhythmus; ich müßte es komplett umschreiben.
Lieber Achim!
Oho! Ein neues Aufflackern, merke ich, Deines poetischen Furors! Das ist ein veritables Programm, was Du mir da geschrieben hast: „Literatur sollte sich in Negation üben. In Negativität. Texte sollten es sich wieder zur Aufgabe machen, die Haut der Dinge aufzuritzen, anstatt nur schmeichelnd darüber hinzufahren, zoomend und gaffend. Was wir brauchen, ist ein Surrealismus, der Adorno gelesen hat!“ Ich bin vollkommen einverstanden. Du bist aber, glaube ich, auch wenn es Dir so scheinen mag, nicht der einzige, der diese Notwendigkeit sieht. Bei den Prosaschreibern ist, wenn ich mich nicht sehr irre, Julia Schoch auf Deiner Seite, auch Antje Rávic Strubel, auch Marcel Beyer; bei den Lyrikern mein Gewährsmann Hendrik Jackson, der sich für eine „poetische Radikalität“ stark macht, was doch zweifellos einer Kampfansage an den „Pop“ gleichkommt. Und es gibt bestimmt noch mehr Namen, die man nennen könnte. Kein Grund, sich auf verlorenem Posten zu wähnen.
Vielleicht ist die Botschaft bei den Lektoraten noch nicht angekommen, aber die Uhr der schicken Dandys und telegenen Eintagsfliegen ist abgelaufen, jetzt ist wieder das substantielle Schreiben und die widerborstige Weltwahrnehmung am Zuge. Daran habe ich gar keinen Zweifel!
Grundsätzlich gilt: Auch die Lektüre des Mittelmäßigen oder Schlechten kann uns zur Kreativität anspornen. Nur darf man es eben nicht affirmativ lesen, sondern man muß kritisch bleiben!
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[1] Es gehört nicht GANZ hierher, aber der neugegründeten Zeitschrift „Monopol“ entnehme ich, daß Harald Schmidt im Augenblick öffentlich aus der Neuübersetzung des „Fänger im Roggen“ vorliest. Natürlich hat der amerikanische Werther nicht mit Feder und Papier gearbeitet, als er seine Erinnerungen fixierte, sondern sich des Mediums Tonband bedient!
[2] Ich zitiere die Übersetzung von Eckart Schäfer, aus der Reclam-Ausgabe.
[3] Es ist offensichtlich, daß ich hier von meinem Recht, Namen zu ändern, auf ziemlich läppische Art und Weise Gebrauch gemacht habe! (D. C. Petit.)
[4] Der arme Clemens war mit insgesamt acht Romanen bei insgesamt 508 Verlagen gescheitert. Der gewiefte Leser kann sich an dieser Stelle schon ungefähr ausrechnen, wie es mit ihm weitergehen wird ... oft ist die Kunst ja der letzte Notnagel, an denen jene hängen, die prädestiniert sind für Cliffhanger – ohne Fortsetzung!
[5] Dieser Name wurde nicht geändert. Falls das jemanden interessiert.
[6] Gemeint ist natürlich Quentin Tarantino, der Regisseur von „Kill Bill Vol. 1 & 2“.
[7] Vgl. Fußnote 3.
Berlin, den 03.05.2004
Robert Mattheis