Ich interessierte mich für mich selbst ... beinahe ausschließlich ... und war mir dabei doch vollkommen gleichgültig. Ich ging mit mir selbst taktlos um. Ebenso hielt ich es mit der Literatur. Immer beherrschte mich das brennende Verlangen zu lesen – aber ich las nicht. Ich blätterte in den Büchern, stellte sie aber meist schon nach kurzer Benutzung zurück ins Regal, gewissermaßen verlegen. Manche Gedanken sprangen mich an, wenn ich die Bücher aufklappte, erzeugten in mir die Freude des Wiedererkennens – ah, soso, das habe ich auch schon gedacht, so ähnlich meine ich auch empfunden zu haben usw. – aber zugleich erschreckte mich dieses Wiedererkennen auch. Denn wenn auch das schon aufgeschrieben war ... was war dann an meiner Existenz überhaupt noch bewahrenswert? – Vielleicht war es genau diese Sehnsucht – daß etwas Bewahrenswertes an meiner Existenz sei -, die mich dazu trieb, mich dem äußersten inneren Chaos anzuvertrauen. - Noch etwas anderes kam hinzu. Denn ich war mir nie sicher, ob ich tatsächlich wiedererkannte – oder ob ich mir nur einbildete, wiederzuerkennen. Befand sich meine Existenz wirklich auf der Höhe von Literatur? Das hätte ich als Triumph empfunden.
Legte ich es also letztendlich darauf an, Literatur und Leben einander so weit anzunähern, daß sie ineinander übergingen?
Die junge Französin, die zu mir sagte, nachts, auf der Terrasse, im Sommer: „Du möchtest außergewöhnlich sein.“ Sie fügte nicht hinzu: „Und nichts ist gewöhnlicher als das.“ Aber dieser Zusatz tauchte in meinem Geist sofort auf. Ja. Sie hatte recht. Ich wollte tatsächlich außergewöhnlich, außerordentlich, bedeutsam – bewahrenswert sein. Etwas, das auszulöschen Kummer bereiten würde. Ich saß da in der Nacht, in meinem Jackett, während eine Zigarette zwischen meinen Fingern niederbrannte und die Französin wieder ins Haus hineinging, und fragte mich, ob ich mich jetzt als gescheitert zu betrachten hätte.
Mein Verlangen nach Kontemplation, das in Verblödung mündet. Die Sucht, es sich leicht zu machen. Das Ausweichen vor der Entscheidung, vor dem wirklichen Wesen des Selbst. Ich will mich nicht annehmen. Ich will nicht wissen, wer ich wirklich bin. Statt dessen betreibe ich Selbstmystifikation, Selbstvernebelung. Ich trinke zuviel.
Ich wollte eine literarische Gestalt sein, wie Monsieur Teste. Ein reines Denkphänomen. Ein Schatten auf den Ereignissen; dabei empfand ich gerade das, die Ereignisse, als schattenhaft. Der Alkohol versieht die Schatten mit einem Glitzerrand.
Jeder Wahrnehmung schloß sich unmittelbar die Überlegung an, warum es so war, wie ich es wahrnahm; beinahe war diese Frage in die Wahrnehmung schon eingeschlossen, Teil der Wahrnehmung. Ich nahm wohl beinahe eher diese Frage nach dem Warum wahr, als das, was diese Frage ausgelöst hatte, selbst. Die Dinge ängstigten mich. Nur indem ich sie durch Reflexion auflöste, wurden sie erträglich.
Empfindungen waren auf beunruhigend abstrakte, wesenlose Art und Weise in mir ... Geister von Gefühlen, Ahnungen von innerem Leben, Phantome von Freude. Alles war wie in Klammern gesetzt. Ich, eine Parenthese. In weiter Ferne schwebte Freude vorbei, der Rauch von Zigaretten, seltsam beglückend durch seine Flüchtigkeit. Der Abglanz von Erinnerungen. Ich machte mir kaum die Mühe, sie näher ins Auge zu fassen; ich griff nicht nach ihnen. Mir schien es besser so. Ich wollte sie nicht halten. Warum?
Geschrieben nur aus einem einzigen Grunde: zur Veröffentlichung.
Was lieben wir an manchen Texten? Z. B. Michel Leiris, z. B. Paul Valéry? (Ich könnte diese Bücher an mich drücken, zähneknirschend vor Verlangen.) Nicht auch eine bestimmte Form der Beleuchtung? Das Licht der Laternen, das des Nachts die Straßen beschienen hat, durch die die Autoren zogen? Die Art, wie eine bestimmte Form von Einsamkeit in den Häuserschluchten widerhallt? Ich liebe nur großstädtische Dichter; ländliche, bukolische Dichtung ist nichts für mich. In der Natur gibt es keine Echos. Oder doch zumindest diese spezifischen Echos nicht, auf die ich es abgesehen habe.
Die Parodie: eine feste Form. Das hält mich. Man erkennt die Umrisse. Das verleiht Halt. Der Trost der Form. Es sind die Spuren, in denen man gehen kann. Ich habe Angst, in eine Gletscherspalte zu stürzen.
Und die Eitelkeit, natürlich.
München, den 08.11.2004
Robert Mattheis