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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Georg Jäger

Rezeptionsdokumente zu Goethes Werther

G. J.: Die Leiden des alten und neuen Werther (Literatur-Kommentare 21)
München: Carl Hanser 1984, S.107-145. Redaktionell bearbeitet.

 

 

Inhalt

Der Roman als Krankheitsgeschichte: 1. Johann Caspar Lavater 2. Friedrich von BlanckenburgWerther als Identifikationsfigur - Das Wertherfieber: 3. Friedrich Daniel Schubart 4. Karl Philipp Moritz 5. Friedrich Christian Laukhard 6. Wilhelm Heinse, Töchtererziehung 7. Wilhelm Heinse, Rezension 8 Heinrich August VezinMoralische und theologische Kritik - Werther als Selbstmörder 9. Johann Melchior Goeze 10. Johann August Schlettwein 11. Christian Garve 12. Johann Michael Sailer

 

Zugehöriger Aufsatz:

»Goethes Werther im gesellschaftlichen Kontext.
Rezeptionsdokumente als Interpretationshilfen«

 

Der Roman als Krankheitsgeschichte

1. Johann Caspar Lavater: Vermischte Schriften. 2. Bd. Winterthur: Steiner (1781). S. 127-29.

Lieber Freund!

Mehr Parabeln und Geschichten, und weniger kahle Vorschriften und Moralen an Ihren Sohn! Und ich hoffe, daß es Ihnen besser gelingen wird. So lehrte die ewige Weisheit vor Jahrhunderten und Jahrtausenden. In einer ruhigen Stunde bey einem frohen, harmlosen Mittags- oder Abendeßen – Wenn Ihr und Ihrer Gattin und Ihres Sohnes Herz guter Dinge ist – diese, jene Geschichte erzählt; Erst solche, die keine Beziehung haben, zwischen ein eine von der Seite treffende, dann eine noch treffendere, wie's der gute Genius auf die Lippe legen wird – ohne Stich und Blick – und etwas kühlendes sogleich darnach – Keine Applikazion! Vorwürfe noch viel weniger. – Und was am wenigsten wirken will, wird am meisten wirken.

Historiam morbi zuschreiben, ohne unten angeschriebene Lehren, a. b. c. d. – sagte mir einst Göthe, da ich ihm einige Bedenklichkeiten über seinen Werther an's Herz legte – ist tausendmal nüzlicher, als alle noch so herrliche Sittenlehren. Geschichtlich oder Dichterisch dargestellt; »Siehe das Ende dieser Krankheit ist Tod! Solcher Schwärmereyen Ziel ist Selbstmord!« Wer's aus der Geschichte nicht lernt, der lernts gewiß aus der Lehre nicht.

Den 10.Jul. 1777.

 

Erläuterungen

 

Lavater, Johann Caspar: Zürich 1741-1801 Zürich. Geistlicher, dessen philosophisch-theologische Schriften auf unterschiedliche religiöse und literarische Gruppen von der Aufklärung bis zur Romantik wirkten. Intoleranz und die Neigung zum Obskur-Wunderbaren ließen ihn »zum Synonym für Schwärmerei und Irrationalismus« (NDB) werden. Freundschaft mit Goethe in den 7oer Jahren.

Vgl. Hans Gerhard Gräf: Nachträge zu Goethes Gesprächen, I. Johann Kaspar Lavater. In: Jahrbuch der Goethe-Gesellschaft 6. 1919. S. 283-85. »Man darf als gewiß annehmen, daß Goethe diese wichtigen Worte im Jahre 1774 zu Lavater gesprochen hat, sei es in Frankfurt am Main, wo Lavater [...] am 23. Juni abends eintraf und bis zum 28.Juni täglich mit Goethe zusammen war, sei es auf der sich anschließenden Genie-Reise« mit Lavater und Basedow. Mit Tagebuchzitaten vom 24. Juni bis 15. Juli zur Werther-Lektüre Lavaters.

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2. [Friedrich von Blanckenburg], Rez.: Die Leiden des jungen Werthers. Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung, 1774. In: Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste. 18. Bd. 1. St. Leipzig 1775. S. 46-95. Auszüge. Reprint: Texte zur Romantheorie II. Mit Anmerkungen, Nachwort u. Bibliographie von Ernst Weber. München 1981, S. 392-441.

Obgleich alle unsre Leser hoffentlich diesen ausserordentlich rührenden Roman [...] bereits kennen, so werden wir ihnen dennoch den Inhalt desselben hier vorlegen, nicht um sie an die bloßen Begebenheiten zu erinnern, sondern mit ihnen zu untersuchen, welch Verhältniß sich zwischen diesen Begebenheiten und dem Charakter der handelnden Personen befindet, – und auf welche Art also die Katastrophe herbey geführt worden ist? – Indem hierdurch die feine dichterische Behandlung dieser Geschichte ins Licht gesetzt werden wird, erhalten unsre Leser zugleich Gelegenheit, ihren Werth und Unwerth, worüber so viel und so mancherley gestritten wird, desto richtiger zu beurtheilen. Wenn es gewiß ist, daß unsre Art zu denken und zu empfinden, nur die Wirkung aller der Zufälle und Begebenheiten seyn kann, vermöge welcher wir vielmehr so, als anders gebildet worden sind: so ist es zu richtiger Beurtheilung unsrer Handlungen nothwendig, jene Begebenheiten und Zufälle und das Verhältniß, das sich zwischen den, durch sie erhaltenen Vorstellungen und Empfindungen, und der, aus diesen erfolgten That befindet, so anschauend als möglich vor sich zu sehen. Im menschl. Leben wird uns dieser Anblick nie, oder höchst selten nur, an uns zu Theil; aber das Genie, in seinen Werken, verschafft uns oft das Schauspiel einer Reihe in einander gegründeter Begebenheiten und Empfindungen, und weidet uns zugleich dadurch auf die, dem menschlichen Geist anständigste und reizendeste Art, – an dem Anblicke von Vollkommenheit.

[Im Werther sieht Blanckenburg Grundgedanken seiner Romantheorie – Versuch über den Roman (1774, Reprint Stuttgart 1965) – bestätigt: die Geschichte als lückenloser psychologischer Ursache-Wirkungs-Zusammenhang; das Werk des Genies als eigenständiger Mikrokosmos, ähnlich vollkommen wie die Welt als Schöpfung Gottes. Der Werther zeige schlüssig in einer für den Leser nachvollziehbaren Weise, wie sich aus Charakteranlagen, Umständen und Begebenheiten ein Schicksal formt:

Der Dichter wollte uns [...]die innre Geschichte eines Mannes geben, und wie aus der Grundlage seines Charakters allmählig seine Schicksaale [!] sich entwickelten, und wurden.

Empfindsam und schwermütig, wie Werther von Haus aus ist, sucht er die Einsamkeit und flieht die Geschäfte.

Wenn die Beschäftigung mit Gegenständen und Schönheiten der Natur vorzüglich die Folge, gleichsam die Wirkung einer großen Empfindsamkeit ist: so muß der Genuß dieser Schönheiten, es sey nun in Homer, oder in der Natur selbst, oder wo es wolle, diese Empfindsamkeit wieder vermehren; denn sie kann nur Genugthuung und Befriedigung durch das erhalten, was Nahrung für sie ist. Auf diese Art wachsen und werden alle unsre Neigungen. [...] Die Wirkung einer vorhergehenden Ursache wird immer Ursache der folgenden Wirkung in der Natur, und so auch in diesem Werk. Und dieß fortgehende Werden des einem aus dem andern ist Handlung.

Zuletzt stellt B. die Wertfrage im Hinblick auf den gesellschaftlichen Nutzen des Werther:]

Der Irrthum hierbey [bei Beantwortung der Frage: »ob denn auch der Dichter die Menschen geradewegs zur Nachahmung bilden könne?«] entsteht aus der Leichtigkeit, oder Gewohnheit, – weil es jetzt regnet, uns vorzustellen, daß es immer regnen werde. Indem wir Werthern vor unsern Augen zum Selbstmörder werden, und es ihn auf eine so täuschende, wahre Art werden sehen, daß wir unsern Blick auf nichts, als ihn zu werfen, vermögend sind: so können wir natürlich in dem Augenblicke auch keine andere Vorstellung, als Selbstmord, im Kopfe haben. So geht es uns auch in andern Fällen, daß wir immer, wann wir uns Folgen davon denken wollen, die Sache selbst nur allein gegenwärtig behalten, und also in den Folgen nichts, als sie sehen. Aber, wann wir das Spiel unsrer Empfindungen sind, indem wir die Empfindungen und Leidenschaften anderer beurtheilen, so kann denn dieß auch nicht Beurtheilung heissen. Dazu gehört auch ein Blick auf das wahre Verhältniß, das die Sache zu den Dingen hat, auf welche sie wirken soll. – – Wir wollen es gar nicht leugnen, daß das größte Mitleid sich unsrer Seele beym Anblick des edlen Jünglings bemeistert hat, daß wir seinem Geschick und seinem Herzen manche Thräne geopfert haben; aber ist denn diese Empfindung in unsern Zeiten gefährlich, oder ist sie ihnen nicht angemessen? oder können wir sie nicht mehr ertragen? [...] Ich weiß, daß verschiedene Leute, einige aus gewissen Grundsätzen, andre aus irrigem Wahn, uns gern alles Gefühl der Menschheit nehmen, uns gern zu kalten Drahtpuppen machen möchten; aber giebts keine Uebel unter uns? erleichterts nicht den armen unglücklichen Bedrängten, Theilnehmung seines Elends im Auge seines Mitmenschen zu lesen? [...] Aber es fehlt viel, daß wir die Natur so weit in uns getödtet hätten, um nur noch für uns ganz allein zu leben; und Dank dem Dichter, der sie wieder in ihre Rechte einzusetzen, die mancherley Bande, mit welchen die Vorsicht 1 Menschen an Menschen knüpft, um sie desto glücklicher zu machen, der gänzlichen Verachtung zu entreissen – und in der allgemeinen Familie der Menschheit, die Wärme, die Theilnehmung anzufachen sucht, die die Kinder Eines Haußes, eines für das andere beleben sollte. – Und der Reitz dieses Gefühls lohnt die, die dessen fähig sind, auf die reizendste Art! Freylich läßt sich dieß fühllosen Klötzen nicht beweisen; freylich wird dieß Gefühl solchen Menschen peinlich, unerträglich werden; aber wehe diesen Weichlingen! Und ist dieser Ausruf zu hart für die, in welchen Natur und Wahrheit ausgestorben, oder weggekünstelt sind? – Wir wollen nicht Schwärmer 2 bilden; aber wir fühlen es lebendig in uns, daß Empfindsamkeit das edelste Geschenk der Vorsicht sey, und gehörig gepflegt und erzogen, die menschlichsten Tugenden und wahre Glückseligkeit hervorbringe, – daß der Spott über sie aus heimlichem Neid entstehe, weil ihr Besitz uns glücklich macht, und unabhängig von gewissen Wahn, und Thorheiten und Einbildungen, – und folglich auch von diesen Spöttern, die die Sclaven dieser Thorheiten sind, und sich einbilden, ihre Großmeister zu seyn. – Die Religion selbst will uns nicht zu Starrköpfen bilden und beschäftigt sich mehr mit unserm Herzen, als mit unserm Verstande. – Und wann nun der Dichter durch das Vergnügen unterrichten, und dieser Unterricht uns lehren soll, besser zu werden, kann er seinen Zweck sicherer erreichen, als wenn er das Gefühl des Mitleids in uns zeugt, belebt, nähret? – So viel können wir versichern, daß wir noch immer von der Lektüre der Leiden des jungen W. moralisch besser weggegangen sind, als von allen Untersuchungen, ob W. wohl gehandelt habe; und wie er hätte handeln sollen, oder handeln können? Höchstens hätten wir hier unsern Kopf mit einigen Ideen bereichert; dort gewannen wir zärtliche Theilnehmung an dem Geschick unsrer Mitbrüder. – [...]

[...] – – Und eben hieraus [indem wir uns in die »ganze Lage« Werthers versetzt finden] werden wir nun noch den wichtigsten Nutzen ziehen können. Wir sind auf die anschauendeste Art, mit dem menschlichen Herzen überhaupt und besonders mit alle den Eigenthümlichkeiten eines empfindsamen Herzens bekannt gemacht worden, indem wir Werthers ganze Denk- und Empfindungsart vor unsern Augen gleichsam werden und wachsen sahen; und Aeltern, Lehrer, die ihr Kinder, Untergebene habt, aus welchen ihr diese höhere Empfindsamkeit hervortreten seht, nehmet nicht der weichgeschaffenen Seele die Kraft weiter zu gehen, durch Uebung stärker zu werden; fesselt sie nicht! tödtet sie nicht! aber seht an dem unglücklichen W. welchen Weg sie nehmen kann; und lernt, mit der genauen Kenntniß ihres Ganges an ihm, sie desto besser und sicherer leiten. Wer kann sichrer führen, als der alle Abwege kennt? Ihr werdet, wann ihr, wie ihr es sollt, auch auf die allerkleinsten Bewegungen Acht habt, jezt die kleinste Verwirrung gewahr werden, und den ersten Schritt zum Verderben entdecken können; und wenn es euch nun hier gezeigt wird, wie ihr euer Kind, euern Schüler auf die beste Art zurück bringen sollt: ist nicht die erlangte Kenntniß, das Wichtigste bey der Sache? und könnt ihr hier mehr erwarten? Den Fleiß, die Aufmerksamkeit, und richtige Begriffe von euerm Geschäfte und eurer Pflicht müssen euch andre lehren. Aber Beyträge zur richtigen Ausbildung und Lenkung der Empfindungen, könnt ihr aus Dichtern am gewissesten, und allein aus ihnen erhalten. Freylich müßt ihr sie aber nicht zum Zeitvertreibe lesen. – Und du, der du glücklich genug bist, einen Werther zum Freunde zu haben, brauche die Macht der Freundschaft über ihn, wenn du ihn allmählig Werthern ganz ähnlich werden sähest, sein Herz zu Beschäftigungen oder Zerstreuungen zu leiten, die ihn glücklich machen können. Verlaß ihn nicht im Augenblick, da seine eigene Empfindungen seine Mörder werden! – Wenn wir zürnen könnten, so wäre es mit diesem Wilhelm, daß er, den Werther so schätzte, so liebte, nicht hinflog, ihn zu retten; er hätte es können müssen! Und wollten wir Unwahrscheinlichkeiten aufsuchen: so getraueten wir uns, sie hier zu finden. – Aber wir wollen lieber aus dieser Geschichte Werthersche Charaktere kennen, richtig beurtheilen; und über die Verhältnisse zwischen Menschen und ihren Zufällen, und den gegenseitigen Einfluß von Begebenheit und Charakter, und das Werden und Wachsen aller unsrer Neigungen denken lernen. –

    So glauben wir, daß man überhaupt die Werke der Dichter lesen, und anwenden müsse.

 

Erläuterungen und Anmerkungen

Blanckenburg, Friedrich von: Moitzlin b. Kolberg 1744-1796 Leipzig. Offizier bis 1776, danach literarisch tätig in Leipzig. Sein Versuch über den Roman (1774) ist ein Markstein in der Geschichte der Romanpoetik wie auch der ästhetischen Anerkennung der Gattung.

1: Vorsehung. zurück

2: Schwärmerei: übertriebene, krankhafte Empfindsamkeit, die den Realitätsbezug verloren hat. Zur Schwärmerkritik der Aufklärung s. Hans-Jürgen Schings: Melancholie und Aufklärung. Stuttgart 1977. zurück

Werther als Identifikationsfigur
Das Wertherfieber

3. Fried[rich] Daniel Schubart. In: Deutsche Chronik. 1774. 3. Vierteljahr. 72. St. 5.December. S. 574-76.

Da sitz ich mit zerfloßnem Herzen, mit klopfender Brust, und mit Augen, aus welchen wollüstiger Schmerz tröpfelt, und sag dir, Leser, daß ich eben die Leiden des jungen Werthers von meinem lieben Göthe – gelesen? – Nein, verschlungen habe. Kritisiren soll ich? Könnt ichs, so hätt ich kein Herz. Göttinn Critica steht ja selbst vor diesem Meisterstücke des allerfeinsten Menschengefühls aufgethaut da. Mir wars, als ich Werthers Geschichte las, wie der Rahel im 11ten Gesang des Meßias, 1 wie sie im himmlischen Gefühl zerrann, und unter dem Gelispel des wehenden Bachs erwachte. – Ein Jüngling, voll Lebenskraft, Empfindung, Sympathie, Genie, so wie ohngefähr Goethe, fällt mit dem vollen Ungestümm einer unbezwinglich haftenden Leidenschaft auf ein himmlisches Mädgen. Die ist aber schon verlobt, und vermählt sich mit einem braven Manne. Aber diese Hinderniß verstärkt nur Werthers Liebe. Sie wird immer unruhiger, heftiger, wütender, und nun – ist jede Wonne des Lebens für ihn tod. Er entschließt sich zum Selbstmorde, und führt ihn auch aus. Diesen simplen Stof weiß der Verfasser mit so viel Aufwand des Genies zu bearbeiten, daß die Aufmerksamkeit, das Entzücken des Lesers mit jedem Briefe zunimmt. Da sind keine Episoden, die den Helden der Geschichte, wie goldnes Gefolg einen verdienstlosen Fürsten, umgeben; der Held, Er, Er ganz allein lebt und webt in allem, was man liest; Er, Er steht im Vorgrunde, scheint aus der Leinwand zu springen, und zu sagen: Schau, das bin ich, der junge leidende Werther, dein Mitgeschöpf! so mußt ich volles irdenes Gefäß am Feur aufkochen, aufsprudeln, zerspringen. – Die eingestreuten Reflexionen, die so natürlich aus den Begebenheiten fliessen, sind voll Sinn, Weltkenntniß, Weisheit und Wahrheit. Thomsons Pinsel 2 hat nie richtiger, schöner, schrecklicher gemalt, als Göthes. Soll ich einige schöne Stellen herausheben? Kann nicht; das hiesse mit dem Brennglas Schwamm anzünden, und sagen: Schau, Mensch, das ist Sonnenfeur! – Kaufs Buch, und lies selbst! Nimm aber dein Herz mit! – Wollte lieber ewig arm seyn, auf Stroh liegen, Wasser trinken, und Wurzeln essen, als einem solchen sentimentalischen Schriftsteller nicht nachempfinden können. Ist bey Stage 3 zu haben.

 

Erläuterungen und Anmerkungen

Schubart, Christian Friedrich Daniel: Obersontheim (Württemberg) 1739-1791 Stuttgart. Lehrer, Organist. Des Landes verwiesen, vom Herzog 1777-87 in Hohenasperg willkürlich eingekerkert, bei seiner Freisetzung zum Theaterdirektor und Hofdichter ernannt. Volkstümlicher, sozialkritischer Lyriker und Publizist.

1: F. G. Klopstock: Der Messias, 11.Gesang. Erlösung und leibliche Auferstehung Rahels nach dem Opfertod Christi:

Ihr daucht' es, als ob sie in Thränen zerflösse,
Sanft in Freudenthränen; hinab in schattende Thale
Quölle; sich über ein wehendes blumenvolles Gestade
Leicht erhübe; dann neugeschaffen unter den Blumen
Dieses Gestades, und seines Dufts Gerüchen sich fände.

Werke u. Briefe. Hist.-krit. Ausg. Abt. Werke: IV 2. Der Messias. Bd. 2: Text. Hg. von E. Höpker-Herberg. Berlin, New York 1974. 11. Gesang, V. 385-89. zurück

2: James Thomson: The seasons, 1726-30. »Unter den beschreibenden Gedichten, so wohl durch Plan als Ausführung, unstreitig das beste [...].« J.G.Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste. Tl. 2. 2. Aufl. Leipzig 1792. S.354. zurück

3: Buchhändler in Augsburg, bei dem auch die Deutsche Chronik zu haben war. zurück

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4. Karl Philipp Moritz: Anton Reiser. Ein psychologischer Roman. 4 Tle. Berlin: Maurer 1785-90. Tl. 3, S.92-98.

Zu diesem allen kam nun noch, daß gerade in diesem Jahre die Leiden des jungen Werthers erschienen waren, welche nun zum Theil in alle seine damaligen Ideen und Empfindungen von Einsamkeit, Naturgenuß, patriarchalischer Lebensart, daß das Leben ein Traum sey, u. s. w. eingriffen. –

Er bekam sie im Anfange des Sommers durch Philipp Reisern 1 in die Hände, und von der Zeit an, blieben sie seine beständige Lektüre, und kamen nicht aus seiner Tasche. – Alle die Empfindungen, die er an dem trüben Nachmittage auf seinem einsamen Spaziergange gehabt hatte, und welche das Gedicht an Philipp Reisern veranlaßten 2, wurden dadurch wieder lebhaft in seiner Seele. – Er fand hier seine Idee vom Nahen und Fernen wieder, die er in seinen Aufsatz über die Liebe zum Romanhaften bringen wollte 3 – seine Betrachtungen über Leben und Daseyn fand er hier fortgesetzt – »Wer kann sagen, das ist, da alles mit Wetterschnelle vorbeiflieht?« 4 – Das war eben der Gedanke, der ihm schon so lange seine eigne Existenz wie Täuschung, Traum, und Blendwerk vorgemahlt hatte. –

Was aber nun die eigentlichen Leiden Werthers anbetraf, so hatte er dafür keinen rechten Sinn. – Die Theilnehmung an den Leiden der Liebe kostete ihm einigen Zwang – er mußte sich mit Gewalt in diese Situation zu versetzen suchen, wenn sie ihn rühren sollte, – denn ein Mensch der liebte und geliebt ward, schien ihm ein fremdes ganz von ihm verschiedenes Wesen zu seyn, weil es ihm unmöglich fiel, sich selbst jemals, als einen Gegenstand der Liebe von einem Frauenzimmer zu denken. [...]

Aber die allgemeinen Betrachtungen über Leben und Daseyn, über das Gaukelspiel menschlicher Bestrebungen, über das zwecklose Gewühl auf Erden; die dem Papier lebendig eingehauchten ächten Schilderungen einzelner Naturszenen, und die Gedanken über Menschenschicksal und Menschenbestimmung waren es, welche vorzüglich Reisers Herz anzogen. –

Die Stelle, wo Werther das Leben mit einem Marionettenspiel vergleicht, wo die Puppen am Drath gezogen werden, und er selbst auf die Art mit spielt oder vielmehr mit gespielt wird, seinen Nachbar bei der hölzernen Hand ergreift, und zurückschaudert 5 – erweckte bei Reisern die Erinnerung an ein ähnliches Gefühl, das er oft gehabt hatte, wenn er jemanden die Hand gab. Durch die tägliche Gewohnheit vergißt man am Ende, daß man einen Körper hat, der eben so wohl allen Gesetzen der Zerstörung in der Körperwelt unterworfen ist, als ein Stück Holz, das wir zersägen oder zerschneiden, und daß er sich nach eben den Gesetzen, wie jede andere von Menschen zusammengesetzte körperliche Maschine bewegt. – Diese Zerstörbarkeit und Körperlichkeit unsers Körpers wird uns nur bei gewissen Anfällen lebhaft – und macht daß wir vor uns selbst erschrecken, indem wir plötzlich fühlen, daß wir etwas zu seyn glaubten, was wir wirklich nicht sind, und statt dessen etwas sind, was wir zu seyn uns fürchten. – Indem man nun einem ändern die Hand gibt, und bloß den Körper sieht und berührt, indem man von dessen Gedanken keine Vorstellung hat, so wird dadurch die Idee der Körperlichkeit lebhafter, als sie es bei der Betrachtung unseres eignen Körpers wird, den wir nicht so von den Gedanken, womit wir ihn uns vorstellen, trennen können, und ihn also über diese Gedanken vergessen.

Nichts aber fühlte Reiser lebhafter, als wenn Werther erzählt, daß sein kaltes freudenloses Daseyn neben Lotten in gräßlicher Kälte ihn anpackte. 6 – Diß war gerade, was Reiser empfand, da er einmal auf der Straße sich selbst zu entfliehen wünschte, und nicht konnte, und auf einmal die ganze Last seines Daseyns fühlte, mit der man einen und alle Tage aufstehen und sich niederlegen muß. – Der Gedanke wurde ihm damals ebenfalls unerträglich, und führte ihn mit schnellen Schritten an den Fluß, wo er die unerträgliche Bürde dieses elenden Daseyns abwerfen wollte – und wo seine Uhr auch noch nicht ausgelaufen war. – 7

Kurz, Reiser glaubte sich mit allen seinen Gedanken und Empfindungen, bis auf den Punkte der Liebe, im Werther wieder zu finden. – »Laß das Büchlein deinen Freund seyn, wenn du aus Geschick oder eigner Schuld keinen nähern finden kannst.« – An diese Worte dachte er, so oft er das Buch aus der Tasche zog – er glaubte sie auf sich vorzüglich passend. – Denn bei ihm war es, wie er glaubte, theils Geschick, theils eigne Schuld, daß er so verlassen in der Welt war; und so wie mit diesem Buche konnte er sich doch auch selbst mit seinem Freunde nicht unterhalten. –

Fast alle Tage ging er nun bei heiterm Wetter mit seinem Werther in der Tasche den Spaziergang auf der Wiese längst dem F[l]usse, wo die einzelnen Bäume standen, nach dem kleinen Gebüsch hin, wo er sich wie zu Hause fand, 8 und sich unter ein grünes Gesträuch setzte, das über ihm eine Art von Laube bildete – weil er nun denselben Platz immer wieder besuchte, so wurde er ihm fast so lieb, wie das Plätzchen am Bach 9 – und er lebte auf die Weise bei heiterm Wetter mehr in der offenen Natur, als zu Hause, indem er zuweilen fast den ganzen Tag so zubrachte, daß er unter dem grünen Gesträuch den Werther, und nachher am Bache den Virgil oder Horaz las. –

Allein die zu oft wiederholte Lektüre des Werthers brachte seinen Ausdruck sowohl als seine Denkkraft, um vieles zurück [...]. Indes fühlte er sich durch die Lektüre des Werthers, eben so wie durch den Shakespear, 10 so oft er ihn las, über alle seine Verhältnisse erhaben; das verstärkte Gefühl seines isolirten Daseyns, indem er sich als ein Wesen dachte, worin Himmel und Erde sich wie in einem Spiegel darstellt, 11 ließ ihn, stolz auf seine Menschheit, nicht mehr ein unbedeutendes weggeworfenes Wesen seyn, das er sich in den Augen andrer Menschen schien. – Was Wunder also, daß seine ganze Seele nach einer Lektüre hing, die ihm, so oft er sie kostete, sich selber wiedergab! –

 

Erläuterungen und Anmerkungen

Moritz, Karl Philipp: Hameln 1757-1793 Berlin. Wechselvolles Leben, Aufstieg vom Hutmacherlehrling zum Gymnasialprofessor; 1786-88 Italienreise (Kontakt mit Goethe), 1789 Prof. der Theorie der schönen Künste und der Altertumskunde an der Akademie der Künste in Berlin. Mitbegründer empirischer Psychologie (Magazin der Erfahrungsseelenkunde, 10 Bde., 1783-93). Von seinen Romanen arbeitet der Anton Reiser (4 Tle., 1785-90) die eigene Jugend- und Leidensgeschichte psychologisch auf.

Reiser – »etwas über sechzehn Jahr« (Bd. 3, S. 17/18) – besucht das Lyzeum (etwa: Kollegstufe des Gymnasiums) in Hannover; arm, isoliert und von seinen Mitschülern verachtet, wird er sich selbst verhaßt. Aus der »wirklichen Welt«, die ihm im Gefühl seiner »Verächtlichkeit und Weggeworfenheit« unerträglich ist, rettet er sich »in die Bücherwelt« (Bd. 3, S. 45, 47).

1: Freund, nicht Verwandter Antons. Philipp hatte »den Kopf beständig voll romanhafter Ideen, und war immer in irgend ein Frauenzimmer sterblich verliebt; wenn er auf diesen Punkt kam, so war es immer, als hörte man einen Liebhaber aus den Ritterzeiten.« (Bd. 2, S. 85-86) zurück

2: Bd. 3, S. 66-70. Damals schrieb er an Philipp: »Vom Regen durchnetzt und von Kälte erstarrt kehr' ich nun zu dir zurück, und wo nicht zu dir – zum Tode – denn seit diesem Nachmittage ist mir die Last des Lebens, wovon ich keinen Zweck sehe, unerträglich.« zurück

3: Anton wollte »einen Aufsatz über die Liebe zum Romanhaften«, der das eigene Verhalten hätte kritisieren müssen, »in das H...sche [Hannoversche] Magazin« einrücken lassen (Bd. 3, S. 91). zurück

4: Werther, Tl. 1, 18. Aug. zurück

5: Tl. 2, 20. Jan. zurück

6: Tl. 2, Brief an Lotte vom 21. Dez. zurück

7: Tl. 2, 8. Dez. Dazu Anton Reiser. Bd. 2, S. 187. zurück

8: So schon Bd. 3, S. 76, über das Plätzchen am Bach. zurück

9: Bd. 3, S. 76-77. »Diß Plätzchen besuchte er nie, ohne seinen Horaz oder Virgil in der Tasche zu haben.« zurück

10: Über das Erlebnis Shakespeares in der Wielandschen Übertragung Bd. 3, S. 47-50: »er lebte nicht mehr so einzeln und unbedeutend [...] – denn er hatte die Empfindungen Tausender beim Lesen des Shakespear mit durchempfunden.« zurück

11: Vgl. Werther, Tl. 1, 10.May. zurück

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5. F[riedrich] C[hristian] Laukhard: Leben und Schicksale, von ihm selbst beschrieben, und zur Warnung für Eltern und studierende Jünglinge herausgegeben. Ein Beitrag zur Charakteristik der Universitäten in Deutschland. 1. Tl. Halle: Michaelis u. Bispink 1792. S. 141-43.

Die Procession nach dem Grabe des armen Jerusalems wurde im Frühlinge 1776 gehalten. Ein Haufen Wezlarischer und fremder empfindsamer Seelen beiderlei Geschlechts beredeten sich, dem unglücklichen Opfer des Selbstgefühls und der Liebe eine Feierlichkeit anzustellen, und dem abgefahrnen Geiste gleichsam zu parentiren. Sie versammelten sich an einem zu diesen Vigilien festgesetzten Tage des Abends, lasen die Leiden des jungen Werthers von Herrn von Göthe vor, und sangen alle die lieblichen Arien und Gesänge, welche dieser Fall den Dichterleins entpreßt hat. Nachdem dies geschehen war, und man tapfer geweint und geheult hatte, gieng der Zug nach dem Kirchhof. Jeder Begleiter trug ein Wachslicht, jeder war schwarz gekleidet, und hatte einen schwarzen Flor vor dem Gesicht. Es war um Mitternacht. Diejenigen Leute, welchen dieser Zug auf der Straße begegnete, hielten ihn für eine Procession des höllischen Satans, und schlugen Kreutze. Als der Zug endlich auf den Kirchhof ankam, schloß er einen Kreis um das Grab des theuren Märtyrers, und sang das Liedchen »Ausgelitten hast du, ausgerungen«. 1 Nach Endigung desselben trat ein Redner auf, und hielt eine Lobrede auf den Verblichnen, und bewies beiher, daß der Selbstmord – versteht sich aus Liebe, – erlaubt sey. Hierauf wurden Blümchen aufs Grab geworfen, tiefe Seufzer herausgekünstelt, und nach Hause gewandert mit einem Schnupfen – im Herzen.

Die Thorheit wurde nach einigen Tagen wiederholt; als aber der Magistrat es ziemlich deutlich merken ließ, daß er im abermaligen Wiederholungsfall thätlich gegen den Unfug zu Werke gehen würde, so unterblieb die Fortsetzung. Hätten lauter junge Laffen, verschossene Hasen und andere Firlefänze, wie auch Siegwartische Mädchen 2, rothäugige Kusinchen und vierzigjährige Tanten dieses Possenspiel getrieben; so könnte mans hingehen lassen: aber es waren Männer von hoher Würde, Kammerassessoren, und Damen von Stande. Das war doch unverzeihlich! [...]

Das Grab des jungen Werthers wird noch immer besucht, bis auf den heutigen Tag.

 

Erläuterungen und Anmerkungen

Laukhard, Friedrich Christian: Wendelsheim b. Alzey 1757-1822 Kreuznach. Nach abgebrochenem Studium Vagabundenleben, Militär, zeitweilig Lehrer, Geistlicher, freier Schriftsteller. Seine Autobiographie (F. C. L.s Leben und Schicksale, 6 Bde., 1792-1802), gedacht als »Beitrag zur praktischen Pädagogik«, charakterisiert die gesellschaftlichen und politischen Zustände der Zeit.

1: [Carl Ernst v. Reitzenstein]: Lotte bey Werthers Grab. Wahlheim 1775. Populäres Werther-Lied: Lotte, von Albert nicht mehr geliebt, beweint Werther und sehnt sich nach dem Grab; Albert verzeiht nach seinem Tod, auch Gott vergibt, so daß Lotte, Werther und Alben vereint »die Seeligkeit des Himmels« genießen. zurück

2: Johann Martin Miller: Siegwart. Eine Klostergeschichte, 1776. Dieses Werk, das die unglückliche Liebesgeschichte romanhaft ausweitet, löste nach dem >Werther-< ein >Siegwartfieber< aus. zurück

 

3. Die Frau als Leserin
Für und gegen Fantasiebildung

6. [Wilhelm] H[einse]: Frauenzimmer-Bibliothek. In: Iris. 1. Bd. Düsseldorf 1774. 3. St. December. S. 53-77. Auszug S. 58-63. (Reprint Bern 1971.)

Ohne viel Umschweife zu machen, will ich aufrichtig sagen, was ich denke. Alles beruht auf der Erziehung. Unsere Töchter werden nicht so erzogen, daß sie dereinst gute Leserinnen seyn könnten. Wie müßte ein Mädchen erzogen werden, welches eine gute Leserinn, eine glückliche Gattin und Mutter werden sollte?

Hätt' ich eine Tochter, welcher der Himmel eine Seele der besten Art in einen schönen Leib gegeben, o wie wollt' ich sie lieben, wie zärtlich für ihre Glückseligkeit sorgen, für die Glückseligkeit ihres künftigen Geliebten!

Im Frühlinge seh' ich auf frohen Hügeln mit ihr den Morgenstern aufgehn, und die reinen Töne einer erwachenden Nachtigall sollen die Melodieen hervorlocken, die in ihrer Seele schlummern; die auf schwebende Morgenröthe das Gefühl des Himmels in ihr erwecken; und die frische Gluth der empor steigenden Sonne den Sinn der Gottheit in ihrem Herzen entzücken. Dann sollen Veilchen und Mayblumen, der blüthenvolle Hayn, oder Rosen ihr ein Bild der weiblichen Schönheit werden; der vorübereilende Bach und ein singendes Landmädchen ein Bild der glücklichen Thätigkeit.

Nach und nach erzähl' ich ihr auf Spaziergängen und bey Tische das Schönste und Beste von den Menschen; von Griechenland, Italien und Deutschland; von den Geschöpfen und Gewächsen der Erde, und den Gestirnen des Himmels; und ihre Mutter wird sie, in Blumen sitzend unter lieblich kühlen Schatten, die weiblichen Künste lehren.

Im Gewitter erkennt sie sichtbarlich die Herrlichkeit des Geistes, des Beherrschers der Natur in allmächtigen Blitzen und Donnerschlägen.

Ihre Träume sind Eingebungen höherer Geister; und gleich einer jungen Griechin glaubt sie Erscheinungen.

In einer hellgestirnten Sommernacht, wann die ganze Natur einen Traum von Paradiesen schlummert, würd' ich mit ihr von ohngefehr an dem Grabe ihrer liebsten Freundin, oder ihrer ehemahligen Gespielen vorüberwandeln, und sie nicht verhindern, den Schein des Monds, durch die blühenden Linden in der Ferne, für deren Geister zu halten; selbst vor Furcht ein wenig zusammenfahren, und Schauer auf Schauer möchten immer ihre zitternde Seele an meiner Brust durchwetterleuchten.

In Empfindung besteht die Glückseeligkeit unsers Lebens; und deren Quellen liegen im Herzen verborgen. Das muß mit Furcht und Schrecken, mit heftigen Gefühlen durchrissen werden, wenn die Adern darinn entstehn, sich eröfnen sollen, woraus die Empfindungen fliessen.

Erschrecken Sie nicht, meine zärtlichen Damen; wenn dieß auch ein wenig schmerzlich ist, so rinnt doch zugleich aus diesem Schmerz eine warme Wonne, die in der That uns glücklicher macht, als das lauterste Vergnügen. Gewiß haben Sie auch dergleichen Schmerzen empfunden. Und wie erhöh'n sie die Menschheit?

Nach dieser leichten Erziehung wird meine Tochter einst Hamlet und Makbeth, und Othello 1 hören, und das höchste Leben dabey durch ihre Seele strömen. Die Leidenschaften werden sie mit ihren starken Armen umwinden. Sie wird jeden guten Dichter und wahren Weisen verstehn, so bald sie seine Sprache versteht. Sie wird ihren Gemahl, wenn er Adel des Geistes hat, und ihre Kinder, und alles, was um sie ist, glücklich machen; der Zug ihrer Liebe wahr und mächtig, wie die Natur seyn. Sie wird Gott gleich der Schwester des Tasso lieben, und die Unglücklichen mit ihrer inniggefühlten Ueberzeugung von einem bessern zukünftigen Leben trösten. Ihr Gefühl wird das Schöne von dem Häßlichen, die wahre Glückseeligkeit des Menschen von der Puppenglückseeligkeit unterscheiden; und iedem in seiner Unschuld Verirrten wird sie einen neuen Geist, der zum Guten sich zieht, ins Herz zaubern. Für sie, für das Kind der Natur ist alles in der Natur voll Leben, Kraft und Geist, wenn die Kinder, die man fern von Wald und Busch und Thal und Au und Quell' und Bach und Nachtigall, ausser den Blüthen und Blumen des Frühlings, ohne Morgen- und Abendröthe, im Kefich erzieht – in Donnerschlägen durch elektrisches Feuer zerrißne, und in den zärtlichen Melodieen einer verliebten Nachtigall nur mit der Kehle eines dummen Vogels sanft bewegte Luft hören, und eine himmlische Erscheinung für Mondschein ansehn. Zwar für das, was es ist; aber was ist ein Ding in der Welt nicht, wenn man's recht betrachtet? Einige kalte Philosophen, deren Gefühl ihnen nicht vergönnt, einen Begriff von Leben zu haben, behaupten ja sogar, daß, im Grund, alles eine Masse von Sonnenstäubchen sey; die Sonne selbst und unsere zärtlichste Empfindung.

 

Erläuterungen und Anmerkungen

Heinse, Wilhelm: Langewiesen b. Ilmenau 1746-1803 Aschaffenburg. Nach wechselnden Tätigkeiten und einer langersehnten Italienreise ab 1786 im Dienst der Mainzer Erzbischöfe. Verkünder eines pantheistischen Vitalismus und >ästhetischen Immoralismus<. Hauptwerk: Ardinghello und die glückseligen Inseln (1787).

Der Aufsatz geht unmittelbar Heinses enthusiastischer Werther-Rezension voraus (s. Nr. 7) und charakterisiert seinen Erwartungshorizont.

1 Anm. v. Heinse: Trauerspiele eines englischen Dichters, mit Namen Shakespear. zurück

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7. [Wilhelm Heinse], Rez.: Die Leiden des jungen Werthers. Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung 1774. In: Iris. 1. Bd. Düsseldorf 1774. 3. St. December. S. 78-81. (Reprint Bern 1971.)

Wer gefühlt hat, und fühlt, was Werther fühlte; dem verschwinden die Gedanken, wie leichte Nebel vor Sonnenfeuer, wenn er's bloß anzeigen soll. Das Herz ist einem so voll davon, und der ganze Kopf ein Gefühl von Thräne. O Menschenleben, welche Gluth von Quaal und Wonne vermagst du in dich zu fassen! Da liegt er im Kirchhof unter den zwo Linden im hohen Grase. Tief ist sein Schlaf, niedrig sein Küssen von Staub; und o wenn wird es Morgen im Grabe, zu bieten dem Schlummerer: Erwache! Armer Werther! Unglücklichere Lotte!

Ich hofte nicht, als ich die vorhergehende Einleitung schrieb, 1 daß ich nach ihr unsern Leserinnen eine solche Schrift anzeigen würde. Die reinsten Quellen des stärksten Gefühls von Liebe und Leben in allem fliessen in lebendigen Bächen in unentweyhter Heiligkeit darinnen; und auch dann noch, wenn es bis zur höchsten Leidenschaft anströmt. Jede Leserin nehme sie in einer der glücklichen stillen Stunden in die Hand, wann die Ebbe der Seele wieder Fluth geworden ist. Die Geschichte davon ist so einfach und natürlich, als eine seyn kann; nicht Roman, sondern allein Darstellung der Leiden des jungen Werthers aus seinem ganzen Wesen bis aus dem Mittelpunkte des Herzens heraus.

Es sind einige Briefe darinn, die unter das Vortreflichste gehören, was das starkfühlende Herz der stärksten Geister je hervorgebracht hat. Zum Beweise will ich folgende anführen 2: S. 8, 26, 91, 103, 159 und den letzten. S. 66, 100, 153, 170, und in den folgenden läßt Werther an einigen Stellen den Petrarca unter sich, in dessen Gedichten man alles heftige Leiden und heilige Entzücken von Liebe vereinigt findet, was vor und nach ihm empfunden worden ist; und so brennende Wonnegluth, wie S. 207, 210, und 211, hat die Seele des S. Preux 3 nicht durchglüht.

Doch, es verdrießt mich, daß ich so von einem Buche reden muß, wo alles lebendige Gestalt hat. Wer hat zum Beyspiele jemals so viel Vergnügen bey einem Kindergemählde, und wenn es von dem größten Meister gewesen wäre, empfunden, als bey S. 30, 48, 60? Welche Landschaften voll Leben! und welch ein himmlisches Gewächs in seiner Vollkommenheit ist Lotte! S. 106 und den folgenden sagt sie mehr für das Herz, als Plato bey seinen tiefsinnigsten und erhabensten Beweisen von der Unsterblichkeit des Menschen. S. 193 können unsere Leserinnen den Celten Ossian in seiner Wahrheit kennen lernen. Wer kann vor Empfindung etwas über den Gesang der Minona, und Ullins, und die Klagen Armins sagen, wenn er auch nur einen Schatten von den Gefühlen des Barden dabey hat! diese Schweere läßt sich nicht aus der Sphäre des Herzens winden.

Was wahr und falsch und nicht neu in diesem Buche sey, mit welchem ändern Werke zu seinem Nachtheil man es vergleichen müsse, ob der junge feurige Werther sich an einigen Stellen nicht richtiger und dem Wohlstande gemäßer habe ausdrücken sollen, und wie er von seiner thörichten Leidenschaft sich hätte befreyen können; und dergleichen weltweise Betrachtungen überlaß ich denen Politikern, die der gute Werther S. 23 beschrieben hat, denen unter unsern Leserinnen zu sagen, die was davon zu hören verlangen. Die Genieen müssen sichs zuweilen gefallen lassen, daß ihnen diese Herrn hier und da einen Wasserbau anlegen. Muß doch der mächtige Vater Rhein so seinen schönen Schlangenlauf am Ende verändern, um einige fruchtbare Wieselein zu machen, nach dem kleinen Interesse der tausend Beherscher seiner Ufer sich seiner Kräfte begeben, und in mancherley Zickzack sich brechend traurig zur Ruh ins Meer sich wälzen.

Für diejenigen Damen, die das edle volle Herz des unglücklichen Werthers bey Lotten für zu jugendliche unwahrscheinliche Schüchternheit, und seinen Selbstmord mit einigen Philosophen für unmöglich halten, ist das Büchlein nicht geschrieben. Die ändern werden's vielleicht, wie ich, zu den wenig einzelnen Büchern legen, die sie des Jahrs mehr als einmal lesen.

Habe warmen herzlichen Dank, guter Genius, der du Werthers Leiden den edlen Seelen zum Geschenke gabst.

 

Erläuterungen und Anmerkungen

Heinse, Wilhelm: Langewiesen b. Ilmenau 1746-1803 Aschaffenburg. Nach wechselnden Tätigkeiten und einer langersehnten Italienreise ab 1786 im Dienst der Mainzer Erzbischöfe. Verkünder eines pantheistischen Vitalismus und >ästhetischen Immoralismus<. Hauptwerk: Ardinghello und die glückseligen Inseln (1787).

1: Frauenzimmer-Bibliothek, s. Nr. 6. Der Aufsatz, der der Rezension unmittelbar vorausgeht, schließt mit folgender Note: »Ausser der allgemeinen Büchersammlung wird unsern Leserinnen noch jedes neuherausgekommene und uns bekannt gewordene Buch angezeigt werden, das wir für wichtig genug halten, mit allem Reize der Neuheit von denselben gelesen zu werden.« – Vgl. J. M. R. Lenz (Briefe über die Moralität der Leiden des jungen Werthers. Werke und Schriften. Hg. v. Britta Titel u. Hellmut Haug. Bd. 1. Stuttgart 1966, S.386):

Er verehrte Goethes Widmungsexemplar »demjenigen Frauenzimmer das ich unter allen meinen Bekannten am höchsten schätzte und das sich in einer Situation befand die derjenigen in der Lotte war äußerlich ziemlich ähnlich schien: weit entfernt nur auf den Gedanken zu kommen, daß ihr das Buch gefährlich werden könnte, gab ich es mit dem unbesorgtesten festesten Zutrauen, es werde ihr Herz zu den Empfindungen bilden die allein das zukünftige Glück ihres Gemahls ausmachen und befestigen können.

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2: Die Seitenzahlen können nach dem Reprint der Erstausgabe (Dortmund 1978, Die bibliophilen Taschenbücher Nr. 20) verglichen werden. zurück

3: Geliebter Juliens in Rousseaus Julie ou la Nouvelle Héloïse, 1761. zurück

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8. Heinrich August Vezin: Familiengespräche. Braunschweig: Schulbuchhandlung 1791. Drittes Gespräch, S. 77-126. Auszüge.

 

 

WILHELM UND EMMA.

(Im Kamine lodert eine Flamme hell auf, als von brennendem Papiere.)

 

Emma.

Also gar keinen?

Wilhelm.

Nicht einen einzigen.

Emma.

Gar keine Ausnahme machst du?

Wilhelm.

Keine.

Emma.

Es ist doch sonderbar. Seit Erfindung der Buchdruckerkunst werden Romane geschrieben und gelesen. Wohin man sieht und hört, liest alles Romane. Und du ...?

Wilhelm.

Und ich allein will klüger seyn, als alle meine Zeitgenossen sind, als unsere Väter waren – nicht so, Emma? – Ein gemeiner Irrthum, Liebe, hört dadurch, dass er gemein ist, nicht auf, Irrthum zu seyn, und in Sachen, die Moral und Sitten betreffen, findet keine Verjährung Statt.

Emma.

Warum werden denn gute Romane so allgemein bewundert, ihre Verfasser so gepriesen? Du selbst, Wilhelm, ich wette – du schriebest selbst einen –

Wilhelm.

– wenn ich könnte. Das thäte ich, denn ich halte einen vollkommen guten Roman für das non plus ultra der Dichtkunst. Ich glaube, dass zu keinem Geistesprodukte mehr Kenntnisse und mehr Kraft, mehr Erworbenes und mehr Angebornes gehöre. Alle die Eigenschaften und Talente, deren manche einzeln schon hinreichen, einen guten Schriftsteller in andern Gattungen zu bilden, muss der Romandichter in sich vereinen, wenn er nicht ein Stümper seyn, und sein Werk sich nur über das Mittelmässige erheben soll. Um so mehr ist es also zu verwundern, dass so Viele, die weder die Welt, noch die Menschen kennen, weder Laune, weder Kraft, weder Sprache, noch Gefühl haben, einen Roman schreiben zu können, wähnen, sobald sie nur einige schwülstige, oder empfindsame Phrasen an einander zu reihen verstehn.

Emma.

Du wolltest also wol etwas schreiben, was deine eigenen Töchter nicht lesen dürften?

Wilhelm.

Tadelst du den Apotheker, der Gifte feil hat, oder den Künstler, der Dolche schmiedet? Wer wird aber desfalls Gift jedem Unerfahrnen, Kindern Dolche in die Hände geben? [...]

Emma.

Also bloss die armen Mädchen, die ohnehin so viel entbehren müssen, sollen auch ein Vergnügen entbehren ...

Wilhelm.

– das ihnen Kopf und Herz verderben würde. In den grossen Haupt- und Residenzstädten, bei den durch und durch verderbten Völkern, wo die sorgsame Mutter nicht die Wahl hat, ob ihre Tochter verderbt werden solle oder nicht, nur den Wunsch haben kann, dass sie so wenig, als möglich, verderbt werde, und mit Anstand – falle: da mögen auch Mädchen Romane lesen. Das ist aber bei uns, Gott Lob! der Fall nicht. Und ist denn, was für viele Menschenklassen gut ist, für alle gut? Der Mann verliert dadurch nichts an seinem Werthe, dass er Taback raucht. Sollen desfalls junge Mädchen ihren lieblichen Athem verpesten, und trotz Kräuterweibern schmauchen? Was bei Staatsmännern Klugheit heist, heist das bei uns nicht anders? Ich trinke mein Glas Wein bei der Mahlzeit, sollen meine Mädchen mir Bescheid thun? Würdest du deine Töchter in Wochenstuben herumführen, sie Dinge hören lassen, worüber du mit andern verheiratheten Frauen unbedenklich sprichst?

Emma.

Das sagst du doch mir nicht, Wilhelm? Du weisst ja, wie oft ich die Unbesonnenheit der guten Barbe getadelt, welche Sachen, die kaum eine Ehefrau der ändern ins Ohr zu raunen sich getrauet, in Gegenwart ihrer 15jährigen Tochter ohne alle Vergoldung spricht. Nein, darin stimm ich dir völlig bei, die Imagination des Mädchens muss so rein bleiben, als ihre Sitten; und darum muss sie nicht Reden hören, woran sie im einsamen Kämmerchen klauben und ihrer Einbildungskraft Bilder vorbeiführen kann, die Sinne und Blut erhitzen.

Wilhelm.

Wie ein Psycholog gesprochen und dennoch soll sie Romane lesen?

Emma.

Unter Romanen und Romanen ist, meines Bedünkens, ein sehr grosser Unterschied. Giebt es nicht einige, in welchen die Gefahren und Verführungen, denen unser Geschlecht ausgesetzt ist, so anschaulich und dabei so schrecklich, dargestellt werden, dass sie daraus lernen können, ihnen zu widerstehn? Leichter – sagt ja schon das Sprichwort – kommt niemand in der Gefahr um, als wer sie nicht kennt. Giebt es nicht andere, in welchen die grössten, schönsten, vollkommensten Charaktere geschildert werden, die ihnen zum Muster dienen und bei der Wahl ihrer Freunde und Freundinnen sie leiten können? Nicht wieder andere, die das Gefühl erhöhen, dem Herzen eine gewisse Wärme mittheilen, und in die Seele eine sanfte, melancholische Stimmung bringen, die für das Interesse der Tugend und für die Theilnahme an fremden Leiden von so hohem Werthe ist?

Wilhelm.

Sophistin! – Aber in der That, ich sollte von dir und nicht du von mir lernen. Denn da hast du die Dichtungsgattung, Roman genannt, so kunstgerecht in ihre natürlichen drei Unterabtheilungen gebracht, dass ich nichts hinzuzusetzen weiss. Auch ich denke mir nur drei Romangattungen. Sie stellen nämlich entweder Welt und Menschen dar, wie sie sind, oder, wie sie seyn sollten, oder, wie ein Schwärmer sie sich träumt. Erstere würde ich die Fieldingsche, die zweite die Richardsonsche, 1 die letztere aber die Siegwartsche Manier 2 nennen. 3 [...] Wenn ich dir nun von jeder Gattung insbesondere zeige, dass sie jungen Mädchen, wo nicht gleich schädlich, doch alle schädlich sind: so bin ich doch, weil ich den Carl von Burgheim 4 ins Kamin warf, in deinen Augen kein Mordbrenner mehr? [...]

Emma.

Nun kömmt also die Reihe – ich will es nur gestehen – an meine Lieblingsromane, die du, ungerechter Richter, mit dem Namen der Siegwartschen Manier hast brandmarken wollen. Nein, es giebt deren viele, die die Benennung nicht verdienen, die eine so wohlthätige Wärme, eine zwar etwas schwärmerische, aber so süss melancholische Stimmung in die Seele bringen, so liebevoll, so gutthätig, so theilnehmend machen, alle Kräfte der Seele in hohes, sanftes Gefühl für alles, was gut und schön ist, so auflösen – Hier sollst und musst du scheitern. Hier erwarte ich dich.

Wilhelm.

Und hier wirst du mich finden. Unleugbar ist diese ohne Vergleich die gefährlichste unter allen Romangattungen. Hier ist alles verkehrt, mithin nicht wie es ist, auch nicht wie es seyn sollte; sondern so, dass, wenn es so wäre, schon längst auf unserm Erdengrunde das Unterste zu oben, und alles durch einander geseufzt seyn würde. Hier ist alles verstellt, und verkrüppelt, und verkümmert, keine Mannheit und keine Weibheit, kein Saft und keine Kraft, lauter Herzen von Butter und Gehirne von Stippmilch, gekäutpapierne Männchen und pomadene Weibchen ...

Emma.

Verläumdung, eitel Verläumdung! Wo findet man mehr ausdauernde Beharrlichkeit, feste Anhänglichkeit?

Wilhelm.

Das ist eben das Unglück. Solche und noch weit schönere Namen 5 führen in deinen Romanen unbiegsamer Starrsinn, Widersetzlichkeit gegen Eltern, Vormünder und Erzieher, steifer Eigensinn von einem Gegenstande nicht zu lassen, der einmal aus Uebereilung ohne alle Prüfung gewählt ist. Muss nicht die Romanheldin selbst dann, wenn sie, wie von ihrem Daseyn, überzeugt ist, dass der Gegenstand ihrer Liebe diese gar nicht verdiene, von äusserst schlechter Denkart und Sitten sey, dennoch nicht ablassen? Muss sie nicht Vater und Mutter, Freunde und Verwandte, und alle, die sie lieben, lieber ins Grab sich härmen sehn, als ablassen? ihr und der Ihrigen zeitliches und ewiges Glück lieber verscherzen, als ablassen? Staunen erregende Wirkungen habe ich von diesen Grundsätzen im gemeinen Leben gesehn. Mädchen, die, statt einer sträflichen Neigung sich zu schämen, und, wenn sie ja sie nicht besiegen konnten, wenigstens im Stillen zu leiden, damit gross thaten und prahlten; die die ganze Welt dadurch zu interessiren glaubten, wodurch sie sich bei der ganzen Welt lächerlich machten; die Eltern, welche sie über alles liebten, ohne Gewissensbiss und Reue, Gesundheit, Glück, Ruhe raubten, um ihrer Chimäre von Beständigkeit nicht ungetreu zu werden [...]

Emma.

Aber warum soll denn jeder individuelle Karakterfehler, jede Verirrung eines überspannten Gehirns auf die Rechnung der daran vielleicht ganz unschuldigen Romane kommen? [...]

Wilhelm.

Darauf will ich jetzt kommen. Du hältst die wohlthätige Wärme, und die süsse Schwärmerei, die sie der Seele mittheilen, für sehr ersprieslich [...] »Zur Zufriedenheit, sagt Garve 6, so wie zur allgemeinen Geselligkeit, sind moralische Sinne von einer etwas stumpfern, gröbern Art nöthig.« – Aufrichtig, Emma, wenn alle Kräfte der Mädchenseele in hohes, sanftes Gefühl für alles was gut und schön ist 7, aufgelöst sind, wenn sie so liebevoll, so gutthätig, so theilnehmend, so wohlthätig warm, so süss melancholisch und schwärmerisch ist – kann dann derjenige, der sich in ihr Herz hineinzustehlen sucht, wol eine günstigere Stimmung sich wünschen? Die in ein Gefühl in abstracto, womit sie nirgend hin, und wovon sie gar keine Anwendung zu machen weiss, ganz aufgelöste arme Unschuldige, deren ganzes Wesen in einer ihr selbst unbewußten, dunkeln Sehnsucht nach praktischer Ausübung ihrer Theorie, in Drang und Schmachten besteht, die sich par maniere de parler jede Woche wenigstens zweimal den Tod wünscht, weil zu früh Empfindungen in ihr rege gemacht wurden, die, ihrer Lage und ihren Verbindungen unanpassend, sie nur beunruhigen und quälen – wird die den ersten Gegenstand, der ihre unbestimmten und schwankenden Gefühle zu fixiren sich darbietet, nicht mit warmer Liebe umfassen? nicht den ersten, den sie zu interessiren vielleicht nur wähnt, für ihren Burgheim halten, einen Roman spielen, ehe sie der Ruthe entwachsen ist, und so – hundert gegen eins zu wetten – einem verruchten Böswicht zum Opfer werden? – Emma, Emma, ein in Wallung gerathenes, durch langes Schmachten nach Liebe für jeden, den ersten den besten, Eindruck empfänglich gemachtes Herz ist unendlich gefährlicher, als empörte Sinne. [...] Kommt die allgewaltige Liebe, kommen hohe Gefühle, kommt Schwärmerei ins Spiel; dann kann nur ein Wunder die Schwärmerin retten. Alles bekommt dann einen Anstrich von Edlem, und die niedrigsten Handlungen die edelsten Namen. Sinnliche Ausschweifungen werden dann auf die Rechnung des zu zärtlichen Gefühls geschrieben, und oft wähnt die nur noch ein schwaches liebendes Mädchen zu seyn, die wirklich schon eine Schamlose, eine Verbrecherin ist, und beruhigt sich am Ende wol gar damit, dass ihre Sünde die verzeihlichste unter allen sey. Nein, Emma, unstreitig sicherer ist diejenige, die vor dem ihr fremden Worte: Liebe zurückschreckt, als die, der dieses furchtbare Wort durch Lesen, Unterredungen und Nachdenken geläufig geworden ist. [...]

 

Erläuterungen und Anmerkungen

Vezin, Heinrich August: Hannover 1745-1816. Ab 1774 tätig in der Osnabrücker Land- und Justizkanzlei, 1799 Rat, seit 1808 Richter des Tribunals der ersten Instanz zu Osnabrück. In den Aufsätzen der zeitweise von ihm redigierten Westphälischen Beiträge folgt er dem Vorbild J. Mösers. Daneben juristische Schriften.

Das Familiengespräch. Wilhelm und Emma erschien zuerst 1789 anonym in den Westphälischen Beiträgen und im Hannoverischen Magazin. »Ein den Zeitumständen so sehr gemäßer, und überhaupt so vortreflicher Aufsatz; daß wir glauben, es wäre gut; wenn er in allen Wochenschriften abgedruckt würde.« (Hannoverisches Magazin, 27. Jg., St. 46-48, 8.-15. Juni 1789, Sp. 721-58; hier Sp. 721/2 Anm.). Vezin bezieht sich nicht mehr unmittelbar auf den Werther, sondern schon auf die durch ihn ausgelöste Welle empfindsamer Liebesgeschichten, für die prototypisch Johann Martin Millers Siegwart. Eine Klostergeschichte (1776, Reprint 1971) steht.

1: Henry Fielding (Tom Jones, 1749) repräsentiert den humoristisch-realistischen, Samuel Richardson (Pamela, 1740/41; Clarissa, 1747/48; Sir Charles Grandison, 1753/54) den empfindsam-didaktischen Romantypus. zurück

2 Im Siegwart wird das sentimentale Element des Werther romanhaft aufbereitet; durch abenteuerliche Wendungen der unglücklichen Liebesgeschichte, mehrere Handlungsstränge, Gesellschafts- und zahlreiche Rührszenen bringt es Miller auf über 1000 Seiten. zurück

3 Anm. Vezins: »Die logische Vollständigkeit dieser Eintheilung des Romans, als Gedicht betrachtet, wird gar nicht behauptet. Hier war nur nöthig, die Gattungen in sofern von einander zu unterscheiden, als sie mindern oder mehrern Einfluss auf die Sitten haben; oder vielmehr nur die drei verschiedenen im Romane, als Lesebuch betrachtet, vorkommenden Darstellungsarten zu trennen [...].« zurück

4: Geschichte Karls von Burgheim und Emiliens von Rosenau. In Briefen. Von dem Verf. des Siegwarts. 4 Bde. Leipzig: Weygand 1778-79. zurück

5 Anm. Vezins: »>Die Liebe gleicht alle Stände aus. Lieber mit dem geliebten Gegenstande in einer Hütte, als mit jedem andern in einem Pallaste wohnen.< Diese und ähnliche Grundsätze, wovon die Romane wimmeln, wie manche unglückliche Ehe haben die nicht gestiftet, wie manches arme Mädchen ins Verderben gestürzt!« zurück

6: Christian Garve (1742-98), Popularphilosoph. Vgl. Dok. 11. zurück

7 Anm. Vezins: »Wie meisterhaft manche Romanleserin dies Gute und Schöne zu versinnlichen und zu personificiren wisse, erhellet daraus, dass wol nicht leicht ein Romanheld, der ihr gefällt, seyn wird, dessen Figur sie nicht so genau zu zeichnen wüsste, als ob sie ihn gesehn hätte, wenn gleich der Dichter ihn gar nicht portraitirt hat. Sie weiss pünktlich, wie lang, oder wie kurz, wie dick, oder wie schmal er ist, was er für Haar, für Augen, und zumal was für ein Piedestal er hat. Dieses von ihrer Einbildungskraft geschaffene Bild nun, mit dem sie sich Abends niederlegt, und Morgens wieder aufsteht, ist das nicht eben so gefährlich, eben so schädlich, als ein geheimer Liebhaber? zurück

 

Moralische und theologische Kritik
Werther als Selbstmörder

9. (J[ohann] M(elchior] Goeze:) Kurze aber nothwendige Erinnerungen über die Leiden des jungen Werthers, über eine Recension derselben, und über verschiedene nachher erfolgte dazu gehörige Aufsätze. Aus den freyw. Beytr. zu den Hamb. Nachr. aus dem Reiche der Gelehrsamkeit, um solche gemeinnütziger zu machen, besonders abgedruckt. Hamburg: Schröders Wittwe 1775. (Reprint bei Klaus R.Scherpe: Werther und Wertherwirkung. Bad Homburg v.d.H., Berlin, Zürich 1970.)

 

Aus dem XXXV. und XXXVI. Stücke. Seite 284.

Zu den Schriften die der Herr Verfasser als sichtbare Beyspiele der Ausbrüche des Verderbens unsrer Zeiten anführet, rechnen wir billig noch die Leiden (Narrheiten und Tollheiten solte es heissen) des jungen Werthers, einen Roman, welcher keinen andern Zweck hat, als das Schändliche von dem Selbstmorde eines jungen Witzlings, den eine närrische und verbotene Liebe, und eine daher entsprungene Desparation zu dem Entschlusse gebracht haben, sich die Pistole vor dem Kopf zu setzen, abzuwischen, und diese schwarze That als eine Handlung des Heroismus vorzuspiegeln, einen Roman, der von unsern jungen Leuten nicht gelesen sondern verschlungen wird, und über dessen Verfasser noch viele Aeltern Ach! und Weh! schreyen werden, wenn sie nun ihre grauen Haare mit Herzeleid in die Grube bringen müssen, wenn er ihre Söhne verleitet, die Denkungsart des Werthers anzunehmen, in seine Fußstapfen zu treten, und wenn sie die unsinnigen Leidenschaften ihres Herzens nicht sättigen können, Hand an sich selbst zu legen [...] Natürlich kann die Jugend keine andere als diese Lehren daraus ziehen: Folgt euren natürlichen Trieben. Verliebt euch, um das Leere eurer Seele auszufüllen. Gaukelt in der Welt herum: will man euch zu ordentlichen Berufsgeschäften führen, so denket an das Pferd, das sich unter den Sattel bequemte, und zu schänden geritten wurde. 1 Will es zuletzt nicht mehr gehen, wohlan, ein Schuß Pulver ist hinlänglich aller eurer Noth ein Ende zu machen. Man wird eure Grosmuth bewundern, und den Schönen wird euer Name heilig seyn. Und was ist zuletzt das Ende von diesem Liede? dieses: lasset uns essen und trinken und fröhlich seyn, wir können sterben wenn wir wollen. Ohngefähr sind wir geboren, und ohngefähr fahren wir wieder dahin, als wären wir nie gewesen. [...]

 

Aus dem XLI. und XLII. Stücke, Seite 321.

Einem jeden Christen, der für das Wort seines Heylandes: Ich sage euch, wer ein Weib ansiehet, ihr zu begehren, der hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen, Matth. 5, 28. noch einige Ehrerbietung hat, der die Worte des heil. Johannes : Wir wissen, daß ein Todtschläger nicht hat das ewige Leben bey ihm bleibend, 1 Joh. 3,15; als einen Lehrsatz ansiehet, welcher sich auf ein unveränderliches Urtheil unsers allerheiligsten und allerhöchsten Richters gründet, muß nothwendig das Herz bluten, wenn er die Leiden des jungen Werthers lieset. Das gelindeste Urtheil, das man von dieser Schrift fällen kann, ist dieses: sie ist der verwegenste Widerspruch gegen beyde. Allein, könnte man sagen, wem leuchtet es nicht in die Augen, daß der Verfasser seinem Helden nichts weiter, als eine platonische Liebe zuschreibt, welche sich blos an den Vollkommenheiten des geliebten Gegenstandes ergötzet, und von welcher alle sinnliche Begierden, und das, was man im gewöhnlichen Verstande, Wollüste nennet, himmelweit entfernt sind. Diese Entschuldigung könnte vielleicht Kindern scheinbar vorkommen: vernünftige und gesetzte Leute aber muß solche allezeit beleidigen. Wäre dieses die Absicht des Verfassers gewesen; so hätte er seinen Held ganz anders charakterisiren, und ihn durch und durch, als ein Wesen aus einer höhern Sphäre abbilden müssen; so hätte er ihn ein ganz anders Ende nehmen lassen müssen. Was ist die platonische Liebe zwischen zwo jungen Personen von beyden Geschlechten? eine leere Abstraction. Und gesetzt sie wäre möglich; so muß derjenige Verfasser seine Leser für elende Dumköpfe ansehen, der von ihnen verlangen kann, daß sie ihm zu gefallen glauben sollen, daß eine platonische Liebe in der Seele eines Menschen wohnen könne, der so denket, so handelt, als er durchgehends seinen Werther und noch zuletzt S. 206, 207 des 2. Th. 2 denken und handeln läßt. Und gesetzt, es wäre eine wirklich platonische Liebe gewesen, welche Werthers Herz so gewaltig eingenommen; so ist die platonische Liebe verflucht, welche so gerade zum Selbstmorde führt. [...]

Man bedenke um Gotteswillen, wie viele unsrer Jünglinge, mit Werthern in gleiche Umstände gerathen können, und solches insonderheit in der gegenwärtigen Epoche, da es als die höchste Weisheit angesehen wird, junge Seelen, nicht sowohl durch Gründe der Religion in eine recht christliche Fassung zu setzen, als vielmehr dieselben mit lauter phantastischen Bildern anzufüllen, und die Empfindungen in ihnen, weit über ihre Grenzen hinaus zu treiben. Mit einer solchen Gesinnung kommen sie in die grosse Welt, und hier finden sie Menschen, die ganz anders denken und urtheilen. Ihre Eigenliebe, und die Einbildung die sie sich selbst von ihren Vollkommenheiten gemacht haben, giebt ihnen Muth, verwegene Schritte zu thun, zu verlangen, daß andere ihre Schwärmereyen bewundern sollen: und wenn sie alsdenn erfahren müssen, daß sie sich lächerlich und verhaßt machen; so werden sie wütend. Kann man glauben, daß der Verfasser der Leiden des jungen Werthers seine Schilderung übertrieben habe, da er Werthern in die Worte ausbrechen läßt: »man möchte sich dem Teufel ergeben über alle die Hunde die Gott auf Erden duldet, ohne Sinn und Gefühl an dem wenigen, was darauf noch etwas werth ist.« 3Werthern diesen Unsinn in die Feder gab? Es hatte sich jemand gefunden, der ein Paar Nußbäume, welche Werther abgöttisch verehrete, weil er mit seiner Lotte unter denselben gesessen hatte, hatte umhauen lassen. In ihrer Liebe folgen sie blos ihrer Leidenschaft, ohne Religion und Vernunft zu Rathe zu ziehen. Schlagen ihnen ihre Wünsche auch hier fehl; ist noch dazu eine öffentliche Beschimpfung eine Frucht ihrer Thorheit; so wird ihr erster Gedanke darauf gehen, ihrem gedrängten Herzen auf eine gewaltsame Art Luft zu machen. Sie werden diesen schrecklichen Gedanken nicht gleich in der ersten Wuth vollziehen. Sie werden, wie Werther, erst manche Ueberlegung anstellen. Gründe der Religion, Aussichten in die Ewigkeit, werden freylich auf eine solche verwilderte Seele wenig Eindruck machen. Das einzige, was sie noch auf eine Zeitlang von der Vollziehung des Selbstmordes zurück halten wird, ist die Vorstellung der Schmach und Schande, welche das Gedächtniß eines vorsetzlichen Selbstmörders zum Gräuel macht. Diese Vorstellungen wegzuräumen, werden ihnen die Leiden des jungen Werthers vortrefliche Dienste thun. Das falsche Licht in welchem der Verfasser seinen Held erscheinen lasset, die Thränen welche die Schönen, die sich Werthers zu Liebhabern wünschen, auf sein Grab hingeweinet, die Lobsprüche, welche demselben in Zeitungen beygelegt werden, das Zeugniß, das ihm die Schmeichler der verderbten Sitten geben, daß sein Busen von Tugend geglühet, der Segen, welchen ein auf seinem selbst errichteten Throne sitzender Recensent, über seiner Asche gesprochen, daß Friede über derselben seyn müsse, 4 der ehrwürdige Name eines Märtyrers, mit welchem selbst diejenigen, die das Ansehen haben wollen, als ob sie die That misbilligten, den Selbstmörder beehret haben; alle diese Dinge zusammen genommen, werden solche elende Menschen trunken machen, und sie reitzen, den Weg zu betreten, auf welchem Werther an seinen Ort gegangen ist. [...] Und was war es, daß

Da das Sprichwort eine völlig gegründete Wahrheit ist: daß derjenige der sein eigen Leben nicht achtet, allezeit der Herr über das Leben eines andern sey; so haben Obrigkeiten und Regenten die allergrößteste Ursach, auf Schriften aufmerksam zu seyn, welche der unbesonnenen und brausenden Jugend den Grundsatz: daß die Vorstellung, daß sie diesen Kerker verlassen können, wenn sie wollen, ein süsses Gefühl der Freyheit sey, 5 einzuflössen suchen. Denn Schriften von der Art als die Leiden d. j. W. sind, können Mütter von Clements, Chatels, Ravaillacs, und d'Amiens 6 werden. [...]

 

Erläuterungen und Anmerkungen

Goeze, Johann Melchior: Halberstadt 1717-1786 Hamburg. Geistliche Laufbahn, ab 1755 Hauptpastor an St. Katharinen in Hamburg, 1760-70 auch Senior des Geistlichen Ministeriums. In Flug- und Streitschriften vertrat er offensiv die lutherische Orthodoxie, u. a. in der Auseinandersetzung mit Lessing (Fragmentenstreit).

Die Freywilligen Beyträge zu den Hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit (1772-78), von ihren Gegnern »Schwarze Zeitung« genannt, dienten der lutherischen Orthodoxie als Kampforgan gegen die >Neologen<, die Vertreter einer bibelkritischen Vernunftreligion, sowie alle aufklärerische und kritische Literatur. Hinweise auf den sittlichen Niedergang und die drohende gesellschaftliche Auflösung gehörten zum Argumentationsfundus der Orthodoxen.

1: Tl. 1, 22. Aug. zurück

2: Die Seitenzahlen können nach dem Reprint der Erstausgabe (Dortmund 1978, Die bibliophilen Taschenbücher Nr.20) verglichen werden. zurück

3: Tl. 2, 15. Sept. zurück

4: Anfang und Ende der von Goeze zitierten Werther-Rezension in der Staats- und Gelehrten Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten, 1774, Nr. 171, 26.Oct. (nach dem Original): »Diese Schrift gehört nicht für die Leute, deren eherne Rechtschaffenheit es ihnen zur Sünde macht, eine warme Samariter-Thräne über die Asche des unglücklichen Jünglings zu weinen, dessen Geschichte sie enthält. [...] Und so Friede über die Asche dort unter den beyden Linden!«; zurück

5: Tl. 1, 22. Mai, Ende. zurück

6: Attentäter auf französische Könige. zurück

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10. [Johann August Schlettwein]: Des jungen Werthers Zuruf aus der Ewigkeit an die noch lebende Menschen auf der Erde. Carlsruhe: Maklott 1775. S. 18-26.

Lieben! betet für mich, betet, daß ich meine verabscheuungswürdige Sinnlichkeit, die mich nun vor allen Seeligen mit Schande und Schaam überziehet, und vor Gottes Richterstuhle ganz in Staub niederwirft, betet, daß ich diese Sinnlichkeit in ihrer ganzen Heßlichkeit recht lebendig empfinde, mich nicht mehr mit Phantasien täusche, wie vormals, und meine Martern nicht dadurch vergrössere und verlängere! Lieben! ich will – muß euch meinen Unwerth ganz entdecken. –

Man ließ überhaupt von den ersten Jahren meiner Besinnung an nichts ermangeln, meine Sinne zu belustigen. Man führte mich also auch oft in reizende Gärten, und alle meine Sinnen wurden da mit den Ausflüßen der schönen lieblichen Natur getränkt. – Von den abwechslenden prächtigen Farben der Blumen bezaubert, von den balsamischen Düften der blühenden Gewächse trunken, von den liebetönenden Stimmen der Vögel entzücket, erhoben sich da die Seelen meiner Führer und Begleiter nicht zu Gott, der alle diese Quellen der süssesten Wonne für die Menschen erschaffen hat, o Lieben! nicht zu diesem guten Gotte erhoben sich die Seelen, sondern sie fielen – itzt sehe ich's mit peinigenden Schauer – fielen zu der niedrigsten Lust hinunter. Wie gräßlich ist diese Lust hier vor meinen Augen in den Büchern der Wahrheit abgedruckt! – meine Führer und Begleiter aßen und tranken mit Uebermaaß, verdarben durch nichtswürdige Chartenspiele die Stunden, die Gott ihnen nur zum Genuß seiner Wohlthaten, zum dankvollen Andenken an Ihn, zur Erhöhung ihrer Fähigkeiten, und Veredlung ihrer Herzen, und zur gegenseitigen Mittheilung ihrer Vollkommenheit in Wahrheit und Liebe, gegeben hat; von nichts ändern unterredeten sie sich, als von den Reichthümern ihrer Nachbarn, von Festen und Bällen der Ueppigkeit und Eitelkeit, von den Lustbarkeiten der Jagd, von den Moden in Kleidungen, und von den vielen Schattirungen der Sinnlichkeit. Wenn man von Menschen etwas würdiges und groses sagen wollte, so rühmte man an ihnen Geburt, artige Manieren, schöne Stellungen, leichten belustigenden Witz, Känntniß von den Schriften der schönen Geister, und poetisches Genie. – Aber von den Früchten des Geistes, von Wahrheit, Weisheit, Gerechtigkeit, Güte, Sanftmuth, Demuth, Versöhnlichkeit, warmer reiner Liebe, uneigennütziger treuer Thätigkeit für die bedrängte Mitmenschen, fester Beharrlichkeit im wohlwollenden Arbeiten bey dem Undank der Welt, war nie, oder nur höchstselten die Rede. [...]

Nie machte man mir, wenn meine Talente sich entfalteten, und sichtbar sich weit ausbreiteten, die Güte dessen empfindbar, welcher mir mein Wesen mit allen seinen Fähigkeiten geschenkt hatte; nie entzündete man in meinem Herzen Inbrunst zum Danke gegen Gott, und zum Lobe seiner Herrlichkeit und Gnade. Aber immer erhob man meine Seelenkräfte sehr hoch; verglich meine Lebhaftigkeit, die man aus Unverstand mit dem Namen eines göttlichen Genie belegte, mit der Seelenträgheit meiner Gespielen, und opferte mir in großen Vorzügen Achtung und Ehre, ohne mich die Wahrheit fühlen zu laßen, daß Gott allein, und nicht mir, die Ehre gebühre. – Da wurde ich nun je mehr meine Fähigkeiten aufblüheten, immer inniger in mich selbst verliebt [...], und ich wurde ein Jüngling, der Gott weder kannte noch liebte, und die Ehre, Gottes Bild zu seyn, weder verstund, noch empfand, und über die engen Grenzen des thierischen niedrigen Lebens nicht hinüber fühlen konnte. –

Nun waren alle meine Fibern zu lauter körperlichen thierischen Kitzel aufgespannt; in Eitelkeit und Stolz fühlte ich meine elende Stimmung als die vorzüglichste des Menschen, und meine Einbildung erhob mich in jedem leichten Einfalle über alles, was um und neben mir war. – Nun gefiel mir nichts, als Genuß sinnlicher Lust; ich hatte an nichts Geschmack – welche marternde Schande! an nichts hatte ich Geschmack, als an dem, was meine äußern Sinne rührte, an nichts, als an Ausschweifungen der Triebe meines Körpers, und dann an poetischen Bildern, diesen fressenden Giften für die Reinigkeit und Heiterkeit der Seele, und für den Wahrheitssinn. Da wurde nun mein ganzes Ich für die sanften reinen Strahlen der Wahrheit immer härter und unbiegsamer.

Nun zum ruhigen Nachdenken über Wahrheit unfähig; nun zum beseligenden Nachforschen über die Kräfte und Wunder Gottes in der Natur unbeholfen; nun zur Betrachtung und Empfindung der unsichtbaren allgegenwärtigen Gottheit, und der Bestimmung des Menschen zur Ewigkeit verstimmt, konnte meine Seele in der großen weisen Ordnung der Gerechtigkeit und Liebe, durch welche Gott alle Glieder in der unendlichen Kette der Natur in einer ewigen Fortdauer mit einander verbindet, keine Ruhe, keine Freude empfinden. – Nun nur auf der Oberfläche der Körper, wie ein Insect, herumflatternd, und durch die Düfte der körperlichen Wollust ganz wie der Maykäfer betäubt, lebte ich nur dem Irrthum und Taumel. Ganz unbekannt mit der reinen Wahrheit- und Gottesfreude irrete und taumelte ich, der körperlichen Lust völlig überlassen, so fort. – Wo nur ein Geschöpf durch körperliche Reize meine äusern Sinne berührte, und ich in dessen körperlicher Aneignung mir Lust sahe, da brannte mein Herz von entflammter Begierde, mich von seinen Süßigkeiten voll zu saugen, und alle Unschuld, Wahrheit, Gerechtigkeit, und Güte verabscheute ich, die mir das Zugreifen nach dem Gegenstande zum Saugen meiner thierischen Lust versagten. Um meinen brennenden Durst zu löschen, war ich ungestümm und saugte wo ich konnte, bis ich von Wollust trunken ohne Besinnung, und ganz Insect, niedersank, und mehr zu saugen ohnmächtig hingestreckt lag. Lieben Seelen! ich war ganz Ungeheuer und Greuel, wenn ich zu Befriedigung meiner körperlichen Lust Drang fühlte; alles war ich, was ich um meiner ausschweifenden Leidenschaften willen seyn wollte; ungerecht, ungehorsam, grausam, unbarmherzig, ein Verläumder der Religion, ein Feind und Spötter Gottes, ein niederträchtiger, ein Mörder, alles, alles – Gott! ein Ungeheuer voll wilder thierischer Brunst, und zu wütendem Brande entflammt – ein Selbstmörder

 

Erläuterungen

Schlettwein, Johann August: Weimar 1731-1802 Dahlen (Mecklenburg). 1763-73 als Vertrauensmann des Markgrafen Karl Friedrich in badischem Dienst, 1777-85 Prof. der Politik wie der Cameral- und Finanzwissenschaft an der Univ. Gießen. Deutschlands »Haupt-Physiokrat«, umfassende schriftstellerische Tätigkeit.

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11. Chr[istian] Garve: Über die Leiden des jungen Werther. Aus einem Briefe. In: J[ohann] J[akob] Engel: Schriften. Bd. 1: Der Philosoph für die Welt. 1. Tl. Berlin: Mylius 1801. S. 26-40. Auszug. (Reprint Frankfurt a. M. 1971. Zuerst 1775.)

[...] Sie befragen mich wegen meiner Gedanken über den Selbstmord. Nach meiner Einsicht, kommt dabei alles auf die eine Betrachtung an: daß der Mensch in wichtigen Dingen, die nicht von ihm herkommen, nicht durch ihn geordnet und erhalten werden, ihm nicht einmal recht bekannt sind, den Lauf der Natur durch unwiederbringliche Veränderungen so wenig als möglich stören müsse. Diese Betrachtung wird noch stärker für den, der eben diesen nicht von ihm herkommenden, von ihm nicht eingerichteten Dingen den verständigsten, größten, mächtigsten, besten Geist zum Urheber, Anordner und Aufseher giebt. Indem er sich dem Lauf der Natur überläßt, vertraut er sein Schicksal der höchsten Einsicht an; indem er diesen Lauf stört, bringt er Wirkungen hervor, die zunächst von seiner Blindheit und Unwissenheit abhangen. Ich weiß nicht, sagt Werther selbst, was das heißt: Leben, Sterben. Ich weiß es, bei Gott! auch nicht. Aber wie kann ich es also wagen, meine Hand in diese Dunkelheit auszustrecken, und dort Streiche zu versetzen, die mein Auge nicht absieht? [...]

Ich sehe nehmlich in dem großen Universum, in dem ich bin und fortlebe, eine Sphäre, die für meine Erkenntniß, Beurtheilung und Activität bestimmt ist. Da findet Kunst, Wissenschaft, Erfahrung der Folgen, Verbesserung der Mittel; mit Einem Worte, eine Absicht und ein Entwurf, Statt. So weit als diese Erkenntniß der Folgen reicht, so weit darf ich auch eigne Einrichtungen und Veränderungen in der Natur machen. Ich sehe ab, wo das hinauslaufen wird wenn ich mir den Arm glücklich ablösen lasse; ich werde mit Einem Arme fortleben, und im Zustande und Genüsse der Menschheit, obgleich mit Unbequemlichkeit und Schmerzen, verharren. Aber wenn ich mich umbringe! Ja, da weiß ich nichts mehr von meinem Selbst; ich weiß keine der Folgen, die der Schuß ins Gehirn auf mein denkendes und wollendes Wesen hervorbringen wird. Leben und Tod kann also nicht zu meiner Sphäre gehören. Es ist die höchste Sphäre des Geistes, der mich geboren werden, wachsen, leben, und sterben läßt; der alles weiß was vor mir war, weiß, was nach mir seyn wird; der einen Plan und Hülfsmittel hat, die eher anfangen und weiter reichen, als mein Leben.

Doch, etwas anders ist, untersuchen: ob es der Natur des Menschen und der Dinge gemäß, das heißt, erlaubt sei, sich zu ermorden; etwas anders die Frage: wie ein Mensch, der durch Unglück und Leidenschaft dazu getrieben wird, abgehalten; wie der noch nicht unglückliche, aber sehr empfindliche und schwermüthige Mensch davor bewahret werden soll? Ohne Zweifel nur durch Verhütung der Leidenschaft selbst.

Und das ist ein neuer Grund wider den Selbstmord. Der Zustand der Seele, in welchem man dazu fähig ist, ist allemal ein zerrütteter, verdorbener Zustand. Keine Wahrheit in dem Anblick der Dinge; keine Richtigkeit in der Schätzung derselben; keine Voraussehung einer oft nahen Zukunft; kein Nebenblick auf das Umstehende: eine unglückliche Vereinigung aller Seelenkräfte auf einen einzigen schwarzen Punct!

Dies macht bei Werthern einen Theil seiner Schuld aus, daß er diese Einschränkung und Concentration seiner ganzen großen Empfindsamkeit auf jeden kleinen Gegenstand für ein Verdienst hält, sich darin mehr und mehr übt, und alles was seine Aufmerksamkeit auf mehr wichtige Objecte ziehen könnte, für Zerstreuung, für Abhaltung von dem Streben nach Vollkommenheit ansieht. Daher auch sein Stolz; der sonst mit der Liebe gegen die geringsten Menschen, und selbst gegen Pflanzen und Insecten, die er zu seiner vorzüglichsten Eigenschaft macht, so wenig bestehen kann. [...]

Indem er also auf der einen Seite die Natur im Ganzen, und bis in ihre gemeiniglich von uns völlig vergessenen und vernachlässigten Werke, lebendig, schön und interessant findet; so findet er auf der andern Seite, gerade in dem wichtigsten Theil der Schöpfung, unter den Menschen, sehr wenige seiner Achtung und Liebe würdig. Hier sind ihm Alle unter seiner Vorstellung und Erwartung, so wie jene Dinge seine Vorstellung übertreffen. Aus dieser Lage des Gemüths entsteht zuerst Hang zur Einsamkeit und zu bloßem ungeselligen Nachdenken; zweitens Mangel an öftern angenehmen und das Gemüth erheiternden Eindrücken, die aus der Achtung und Liebe gegen Andre entspringen; drittens Haß und Widerwillen dieser Andern gegen den, von dem sie sich so unbillig verachtet sehn, ohne daß sie seine größern Vollkommenheiten kennten oder Genuß davon hätten; viertens gegenseitiger verstärkter Abscheu auf Seiten des Stolzen. Und nun lassen Sie so ein Herz, das gegen die todte Natur empfindlich, gegen die Menschen erbittert, gleichgültig oder stolz ist; lassen Sie es nun noch von einer heftigen Liebe angegriffen werden, und darin unglücklich seyn: was bleibt wohl übrig? Einen einzigen Menschen hatte der Unglückliche nun gefunden, der ihm recht werth war; dieser Mensch ist dahin. Unter dem übrigen großen Haufen besinnt er sich auf nichts so Schätzbares, das ihm diesen Verlust erträglich machen könnte. Er weiß, er wird nicht von ihnen geliebt. Die einsame, todte, stille Natur scheint ihm viel edler und größer. So wird also die ganze Empfindlichkeit des Herzens darauf gespannt, das menschliche Leben, so wie wir es jetzt haben, zu hassen, und nur die Existenz der Natur zu lieben, mit der wir uns im Tode zu vereinigen scheinen. –

Man hat die Leiden Werthers hie und da für ein gefährliches Buch gehalten, das zum Selbstmord verführte. [...] Jede That ist aus einem doppelten Gesichtspuncte zu betrachten: aus dem einen, wenn sie begangen worden ist; aus dem ändern, wenn sie begangen werden soll. Beide Gesichtspuncte sind wichtig. Wer mir die ganze Entstehungsart einer verwerflichen Handlung zeigt; wer mir aus dem Charakter, aus der Lage des Menschen die Gründe derselben entwickelt; wer mir die Fehlschlüsse, die irrigen Grundsätze aufdeckt, denen gemäß er verfahren ist: der verdient meinen aufrichtigsten Dank; denn er befördert meine Kenntniß des Menschen, meine Liebe des Menschen, meine Duldsamkeit, meine Klugheit. Aber nie muß er dabei den andern Gesichtspunct vergessen; das heißt, er muß mir die Fehlschlüsse als Fehlschlüsse, die irrigen Begriffe als irrig, die falschen Gründe als falsch, und die daher entspringenden verwerflichen Handlungen als wirklich verwerflich zeigen. Dieses nicht gethan oder nicht genug gethan zu haben, ist wohl der größte Vorwurf, den man dem Verfasser der Leiden Werthers machen kann, und gegen den er sich vielleicht am wenigsten rechtfertigen ließe. -

 

Erläuterungen

Garve, Christian: Breslau 1742-1798 Breslau. Privatgelehrter, repräsentativer moralphilosophischer Essayist der Spätaufklärung. Hauptsammlung seiner Abhandlungen: Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, der Literatur und dem gesellschaftlichen Leben (5 Bde., 1792-1802).

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12. J[ohann] M[ichael] Sailer: Ueber den Selbstmord. Für Menschen, die nicht fühlen den Werth, ein Mensch zu seyn. München: Lentner 1785. S.64-76, 101-05.

Letzter allzusammenfassender Grund wider den Selbstmord.

Der Selbstmord ist nach allen Beziehungen 1 betrachtet, ein Inbegrif von allem, was grauvoll[!] heissen kann. Denn

1. in Beziehung auf Gott ist er

    Undank gegen den ersten Wohlthäter. So oft ließ Er seine Sonne über mir aufgehen, und ich spräche voll Unmuths: nun will ich seine Sonne nimmer sehen? So oft ließ er mich die Süsse des Schlafes geniessen, und die labende Kraft der frischen Quelle erfahren, und ich spräche voll Ueberdruß: Dieser seiner Wohlthaten bin ich satt: geniesse sie, wer will, mir sind sie eckelhaft, unausstehlich? – – Und so spricht die That jedes Selbstmörders.

    Ungehorsam gegen den Herrn des Lebens. Er sprach zu mir: arbeite, dulde, kämpfe, hoffe, bis der Abend kommt, wo es heißt: nun ist's des Schweißes, des Kampfes, des Harrens genug: Und ich gäbe zur Antwort: ich kann und will nicht warten, bis der Abend anbricht, ich will das Tagewerk enden, ehe der Hausvater die Glocke zieht, und den Feyerabend ankündet? – – Und so spricht die That jedes Selbstmörders.

    Unglaube an die unerschöpfliche Weisheit, die auch da noch Mittel zu helfen ausfindig machen kann, wo die menschliche Weisheit keine mehr sieht. Wer an einen Blick glaubt, der alle Begebenheiten wie Eine übersieht, der Abgründe durchblicket, der die Mitternacht wie Mittagshelle schaut, der Auswege sieht, wo nichts als Untergang drohet; wer an diesen Einen (überall Hülfe ersehenden) Blick glaubt, kann nie auf die Empfindung der Verlegenheit, nie auf den Ausdruck der Kurzsichtigkeit gerathen: mir ist nimmer zu helfen.

    Mistrauen auf die unermüdliche Liebe, die zum Helfen nie zu träge, nie zu bequem, nie zu eigensinnig, nie zu selbstsüchtig, nie zu ohnmächtig werden kann. Wenn Gott aufhören kann, Liebe zu seyn, dann wird der erleuchtete Gottesverehrer, der auf diese Liebe vertraut, anfangen, Selbstmörder werden zu können.

 

2. In Beziehung auf das Individuum des Selbstmörders ist der Selbstmord:

    Feigheit, Mangel an Starkmuth. Denn sobald das Leben anfängt eine Last zu werden, so ist es kein Heroismus mehr, dieselbe abzuladen: Heroismus ist's, dieselbe noch länger fortzutragen. Je größer die Bürde, desto größer die Tragkraft, die ihr nicht unterliegt: je drückender der Druck, desto muthiger der Muth, der ihn aushalten kann: je schauerweckender der Anblick des Feindes, desto männlicher die Mannskraft, die ihm unerschrocken entgegen tritt.

    Niederträchtigkeit, sein eigner Henker zu seyn. Seine Hände mit dem Blute seines Bruders färben, ist niedrig, und wird von der Empfindung aller Menschen als niedrig erklärt: soll es adelich seyn, selbe mit eignem zu färben? Man hat eine zurücktretende Empfindung von dem Diener der öffentlichen Gerechtigkeit, 2 der den Schwertschlag an einem Strassenräuber vollbracht, und noch warm von der Hinrichtung eben die Bühne verlassen hat: sollte der werdende Selbstmörder nicht zurücktreten vor sich selbst, wenn es ihm, im Augenblicke vor der Selbstmordung, durch den Sinn führe: Du dich mit deinem Blute beflecken???

    Gleichgültigkeit gegen den hohen Werth des Lebens, und gegen die in alle den mannigfaltigen Auftritten des länger fortdauernden Lebens noch ersteigliche Stufen von Tugend und Weisheit und Seligkeit. [...]

    Eine Art von Wahnsinn, ohne die sich kein Selbstmord denken läßt. Wie viel Abschreckendes liegt in der unbezweiflichen Wahrheit: kein gesunder Verstand räth zum Selbstmorde, keine gesunde Willenskraft stimmt zum Selbstmorde ein: kein gesunder Gedanke, und keine gesunde Empfindung leiht Kraft zum Selbstmorde her – Also krank, fürchterlich krank am Verstande und Herzen muß der seyn, der eine Versuchung zum Selbstmorde für bedenkenswerth finden kann.

 

3. In Beziehung auf andere ist der Selbstmord

    Gefühllosigkeit gegen seine Verwandte, Freunde, denen der Selbstmörder das allergrößte Herzeleid verursachet, das er kann.

    Gefühllosigkeit gegen sein Vaterland, gegen den Staat, dem er ein Glied raubt, und damit alle Dienste, die es ihm noch hätte thun können.

    Gefühllosigkeit gegen die unglücklichen Lebenssatten, denen er durch sein Beyspiel die Summe der Versuchungen zum Selbstmorde vermehrt.

    Gefühllosigkeit gegen die Elenden, Trostlosen, Rathbedürftigen, Nackten, Hungerigen, denen der Selbstmörder, wenn er sein Leben nicht selbst geendet hätte, durch Rath, Speise, Decke, Geld die Last des Lebens hätte erleichtern können.

    Gefühllosigkeit gegen die christliche Kirche, in der wir leben. Welchen Schandflecken hängt der Selbstmörder dem Christennamen an? Christenname und Selbstmord, Christenglaube und Selbstmord, Christenberuf und Selbstmord, Christengeduld und Selbstmord, Christengebet und Selbstmord, Christenfreude und Selbstmord, Christenwandel und Selbstmord, Christentod und Selbstmord – Nein, diese Widersprüche kann keine Vernunft vereinen! Wo Selbstmord ist, da kann Christenthum – erleuchtetes, aufgeklärtes, redliches Christenthum nicht seyn.

 

4. Graunvoll ist der Selbstmord in Beziehung auf Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

    Was in Absicht auf die Vergangenheit den Gedanken an das genossene Gute undankbar verbannet; den Vorsatz, das gestiftete Gute mit neuem zu vermehren zernichtet, und den Plan, das verübte Unrecht wieder gut zu machen zerreisset;

    Was in Absicht auf die Gegenwart nur Gewalttätigkeit ist, und Gewaltthätigkeit zur Selbstzerstörung;

    Was in Absicht auf die Zukunft den unsterblichen Geist gerade in seinem allerschreckbarsten Zustande, wo alle seine Kräfte auf die traurigste Weise verstimmt sind, – der Ewigkeit in den Schoos wirft;

    Was also der redliche Zurückblick auf die Vergangenheit, der gerade Anblick der Gegenwart, der geschärfte Hinausblick in die Zukunft – graunvoll finden, und eben darum mit Einer Stimme misbilligen: – – wie kann dieß von aufgehelltem Gewissen gebilliget werden?

 

5. Graunvoll in Beziehung auf Ursachen, That, Folgen.

    Die Ursachen, die zum Selbstmord verleiten, sind entweder fürchterliche Ausschweifungen des Herzens, oder schauervolle Verirrungen des Verstandes, oder, was gewöhnlicher ist, beydes zugleich – allemal Schwäche, bemitleidenswürdige Schwäche.

    Die That selbst ist auf einer Seite fast immer qualvoller als alles Elend, wovon man sich durch den Selbstmord zu befreyen sucht, und auf der andern sinnlose Wut gegen seine Natur, unersetzliche Zerstörung der menschlichen Existenz.

    Die Folgen, bloß in Absicht auf die Person des Selbstmörders, sind graunvoll genug, als: Unfähigkeit, neue Verdienste um das Wohl der Menschen zu sammeln; Unfähigkeit, die unnennbaren Freuden, die überwundene Versuchung zum Selbstmorde verschaffet haben würde, zu geniessen; Unfähigkeit, dem Schöpfer für die schöne Morgenröthe, die nach etlichen finstern Stunden – mit nie gesehenem Glänze in das noch sehende Auge gestralet hätte, kindlichfroh zu danken;

Und dann –– ganz umgeänderte Schicksale der Zukunft, der Ewigkeit, die offenbar einen andern Gang genommen hätten, wenn der Selbstmörder die Hand, die ihm einige Tropfen Wermut in den Lebenskelch getröpfelt, dankbar gesegnet hätte, statt daß er den Lebenskelch (mit all seiner Süsse und Bitterkeit) zertrümmert hat.

 

 

Scheingrund für die Selbstmorde à la Werther.

»Die Liebe (wenn sie unbezwingbare Leidenschaft geworden, und wie bald bricht der feuerschwangere Funke in helle, unbesiegliche Flammen aus?) spannt die Empfindung, bis sie überspannt ist – und überspannte Empfindung kann sich nicht mehr tragen, und nicht herunterspannen: also muß sie sich tödten, und den Körper auch mit.«

 

 

Zuerst eine Antwort ohne Kompliment.

Wenn der Kranke mit der Krankheit spielet, und die Krankheit immer mächtiger werden läßt: so wird sie endlich so mächtig werden, daß keine Arzney mehr dagegen wirken kann. – Jzt liegt er todt da, der vor zehen Tagen noch gesund war, und dessen Krankheit vor zwey Tagen noch heilbar gewesen wäre

 

Nun kömmt mich hohe Lust an zu fragen:

1. Wenn die Krankheit etliche Augenblicke vor dem Sterben unheilbar ist: war sie es auch, da sie noch im Keime schlief, oder die erste Aeusserung ihres Lebens von sich gab? –

Antwort im Namen der Menschheit:

Nein.

2. Wenn der kranke Nachbar seine Krankheit so lange streichelte, bis sie zur unheilbaren Sucht erwuchs, bin ich recht daran, wenn ich mich auch auf dieses Streicheln des kranken Theiles verlege? –

Antwort im Namen der Menschheit:

Nein.

3. Wenn es Afterärzte gäbe, die die Mode, mit der Krankheit zu tändeln, bis sie unbändig wird, als Menschenweisheit, Urgenie, edle Empfindsamkeit, Geistesstärke, Gesundheit der Seele zu rühmen wüßten: sollte sich ein Vernünftiger von den Rezepten dieser Marktschreyer leiten lassen?

Antwort im Namen der Menschheit:

Nein.

 

Dann eine Stelle aus der besten Rezension der Leiden des jungen Werthers.3

Ich glaubte mich an der Wahrheit zu versündigen, wenn ich diese Stelle, die es verdiente, daß alle feurige Jünglinge sich selbe als ein Ordensband umhiengen, und alle Mädchen an ihre Rechte bänden, nicht als die kompleteste, und sinnlichste Antwort auf den erwähnten Scheingrund hieher setzte:

Ja, die Lieb' ist'n eigen Ding; läßt sich's nicht mit ihr spielen, wie mit einem Vogel. Ich kenne sie, wie sie durch Leib, und Leben geht, und in jeder Ader zuckt, und stört, und mit'm Kopf und der Vernunft kurzweilt. Der arme Werther! Er hat sonst so feine Einfälle, und Gedanken. Wenn er doch eine Reise nach Pareis, oder Pecking gethan hätte! So aber wollt' er nicht weg von Feuer und Bratspieß, und wendet sich so lange dran herum, bis er caput ist. Und das ist eben das Unglück, daß einer bey so viel Geschick und Gaben so schwach seyn kann. Und darum sollen sie unter der Linde an der Kirchhofmauer neben seinem Grabhügel eine Grasbank machen, daß man sich darauf hinsetze, und den Kopf in die Hand lege, und über die menschliche Schwachheit weine. – Aber, wenn du ausgeweinet hast, sanfter, guter Jüngling! wenn du ausgeweinet hast; so hebe den Kopf frölich auf, und stemme die Hand in die Seite! denn es giebt Tugend, die, wie die Liebe, auch durch Leib, und Leben geht, und in jeder Ader zuckt, und stört. Sie soll, dem Vernehmen nach, nur mit viel Ernst, und Streben errungen werden, und deßwegen nicht sehr bekannt, und beliebt seyn; aber wer sie hat, dem soll sie auch dafür reichlich lohnen, bey Sonnenschein, und Frost und Regen, und wenn Freund Hain mit der Hippe kommt.

Im Grunde thut jeder Selbstmörder à la Werther, was Fritze gleich nach dieser Stelle sagt:

Nun mag ich auch nicht länger leben,
Verhaßt ist mir des Tages Licht;
Denn Sie hat Franze Kuchen geben,
Mir aber nicht.

 

Erläuterungen und Anmerkungen

Sailer, Johann Michael: Areding b. Schrobenhausen (Oberbayern) 1751-1832 Regensburg. Priester, 1780-82 Prof. an der Univ. Ingolstadt, 1784-94 an der philosophisch-theologischen Lehranstalt in Dillingen, 1799 Prof. der Moral- und Pastoraltheologie an der neueingerichteten Univ. Ingolstadt (später Landshut), 1821 Domherr in Regensburg, 1822 Coadjutor des Bischofs von Regensburg, 1829 dessen Nachfolger. Bedeutender Kirchenmann, Moral- und Pastoraltheologe von offenem Geist und irenischer Gesinnung.

1Anm. Sailers: »Fasse mich recht, lieber Leser: ich sage nicht, daß der Selbstmörder alle diese Beziehungen im Augenblicke der Selbstmordung vor Augen habe: denn so ein Ebenteuer von Greuelthäter ist nicht gedenkbar, der alle diese Beweggründe, nicht zu sündigen hell anblickte, und dennoch sündigte. Ich warne nur den Jüngling vor Greuelthat, ich beschreibe nicht die Empfindung des Selbstmörders. Ich bin Arzt, der vor dem Gifttranke warnet, nicht Dichter, der die Gänge malet, wie ein Mensch zum Gifttrinken mit Bewußtseyn, kommen kann.« zurück

2Anm. Sailers: »Dem man in gewisser Rücksicht doch Achtung schuldig ist.« – Scharfrichter gehörten zu den unehrlichen Berufen. zurück

3: ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen. Tl. 1. Hamburg 1775. Als Rezension zuerst in: Der Deutsche, sonst Wandsbecker Bote, 22. Oct. 1774. M. Claudius hat das Epigramm erst in der Werkausgabe der Besprechung angehängt. – Die zeitgenössische Diätetik empfiehlt Reisen gegen Hypochondrie, vgl. Moritz August v. Thümmel: Reisen in die mittäglichen Provinzen von Frankreich, 1791-1805. zurück

 

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