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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Jutta Assel | Georg Jäger

Johann Heinrich Dannecker:
Ariadne auf dem Panther

Johann Heinrich Dannecker, Ariadne auf dem Panther

Ariadne auf dem Panther

Privates Foto. Mit Dank an Karin Nunnenmacher.

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Gliederung

1. Friedrich Rückert: Bei der Abführung von Daneckers Ariadne von Stuttgardt nach Frankfurt 
2. Ariadne in der antiken Mythologie 
3. Ariadnes Hochzeit mit Bacchus. Ausschnitt aus August Wilhelm Schlegel: Ariadne (1790) 
4. Goethe und Dannecker 
5. Daten zur Biographie Danneckers und zur Entstehung der Ariadne 
6. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

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 Friedrich Rückert: Bei der Abführung von Daneckers Ariadne von Stuttgardt nach Frankfurt 

Traur', o Stuttgardt, tief im Grame,
     Traure! Deine schönste Dame,
     Ariadne war ihr Name,
     Ariadn' ist dir geraubt,
     Ariadne, die vor allen
     Schönen, die ich hier sah wallen,
     Als die schönste mir gefallen
     Mit dem stolzerhobnen Haupt.
Trauern müssen wir und klagen:
     Der sie von uns fort will tragen,
     Ach, der Trauer-Leichenwagen
     Steht vor ihres Vaters Haus.
     Um mit uns sich zu vereinen,
     Müssen selbst die Wolken weinen,
     Und die Sonne darf nicht scheinen,
     Da sie zieht zur Stadt hinaus.
Ob dich Damen ohne Leiden
     Können sehn von hinnen scheiden?
     Ja, sie mußten dich beneiden,
     Als du hier noch standst zur Schau.
     Kummervoll dir nachzublicken,
     Wird sich für die Männer schicken,
     Die nicht mehr ihr Aug' erquicken
     An der Glieder edlem Bau.
Ariadne, rührt nicht deine
     Brust die Thräne, die ich weine?
     Ach, du bist von Marmelsteine,
     Und es schlägt in dir kein Herz.
     Selbst vom Vater, Ariadne,
     Harte Tochter, ungerathne,
     Nimmst du Abschied ohne Schmerz.
Sieh doch an den lieben Vater;
     O, um dich wie vieles that er.
     Mit der Hand geformt dich hat er;
     Und so lässest du nun ihn? -
     Fühllos bist auch du, Bildhauer,
     Wie dein Bild, der ohne Trauer,
     Ruhiger, als wir Beschauer,
     Du sie sehn kannst von dir ziehn.
Du bist glücklicher zu preisen:
     Deine Tochter läßt du reisen,
     Um für dich in weitern Kreisen
     Einzusammeln reichern Ruhm.
     Doch wir andern, die getrieben
     Wir uns fühlten, sie zu lieben,
     Was ist uns für Trost geblieben
     Nach entführtem Heiligthum?
Heute klag' ich noch und weine,
     Aber morgen will ich eine
     Wählen, nicht von Marmelsteine,
     Zum Ersatz für den Verlust.
     Du von Stein, die ich verliere,
     Reit' auf deinem Panterthiere,
     Reite du dahin, und ziere
     Dort die fremde Stadt mit Lust.

Quelle:
Rückert-Gedichte gewidmet zur Goethe-Shakespeare-Tagung vom 27. - 30. August 1938. Frankfurt am Main. Hauserpresse Hans Schaefer. Hier S. 3-5.
 

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Friedrich Rückert. Zeichnung von Julius Schnorr von Carolsfeld, 1818 Friedrich Rückert. Zeichnung von Julius Schnorr von Carolsfeld, Rom 1818. Paul Ortwin Rave: Das geistige Deutschland im Bildnis. Das Jahrhundert Goethes. Berlin: Verlag des Druckhauses Tempelhof 1949, S. 324.

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Friedrich Rückert, geb. am 16. Mai 1788 in Schweinfurt und gest. am 31. Januar 1866 auf Neuses bei Coburg, Dichter, Übersetzer (orientalische, indische Dichtungen) und Sprachwissenschaftler. 1828 Professor für orientalische Sprachen in Erlangen, entsagte er 1849 seiner akademischen Tätigkeit und zog auf sein Gut Neuses bei Coburg. Fruchtbar und virtuos auf allen Gebieten der Poesie.

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2. Ariadne in der antiken Mythologie

Ariadne. Die Tochter des Königs von Kreta, Minos des Zweiten. Als Theseus von Athen ausgezogen war, um jenen schimpflichen Tribut von Jünglingen und Mädchen zu lösen, welche die Athener alljährlich nach Kreta senden mußten, damit sie dem Minotauros, einem Ungeheuer, halb Mensch, halb Stier, dessen Aufenthalt in dem berühmten Labyrinth war, als Speise vorgeworfen würden, gelang es dem Helden, die Liebe der Königstochter zu gewinnen. Sie gab ihm heimlich einen Garnknäuel, damit es ihm möglich werde, den Ausgang aus dem Labyrinth wieder zu finden. Theseus ging hinein, tödtete den Minotauros, befreite die Gefangenen und fand glücklich den Ausgang. Vater und Vaterland dem Geliebten aufopfernd, folgte Ariadne ihm auf sein Schiff, aber schon auf der Insel Naxos mochte er ihrer überdrüssig sein, und schiffte sich heimlich ohne sie, mit seinen Gefährten und den Befreiten ein. Verzweifelnd fand sich Ariadne verlassen, und wollte sich in das Meer stürzen, wie sie in weiter Ferne die weißen Segel von Theseus's Schiff verschwinden sah, aber da kam ein anderes Schiff mit Epheukränzen geschmückt, Thyrsusstangen waren die Masten, Blumengewinde die Taue; es war Bacchus, der mit dem Gefolge seiner Mänaden von dem großen Zug nach Indien heimkehrte, und auf Naxos landete. Er tröstete die Verlassne, bat um ihre Liebe, und als sie einen Zweifel an seiner Aufrichtigkeit wagte, warf er, als Zeichen seiner Gottheit, ihre goldne Stirnbinde gen Himmel, wo sie seitdem als das Sternbild Corona strahlt. Ihm folgte nun Ariadne auf seinem Triumphzug, und theilte seinen Glanz und Ruhm.

Diese schöne Mythe ist häufig zum Stoff künstlerischer Behandlung gewählt worden, und Poesie, dramatische Kunst, Malerei und Plastik haben sich an Ariadne auf Naxos versucht. Den meisten Ruf hat in neueren Zeiten die von Danneker in Marmor ausgeführte Ariadne erlangt, die sich in dem Bethmann'schen Museum in Frankfurt am Main befindet. Man kann nichts Zarteres und Herrlicheres sehen, als dieses hohe Meisterwerk deutscher Kunst, welches sich kühn neben die hochgefeierten antiken Bildwerke stellen kann.

Quelle:
Conversations Lexikon. Hrsg. von Carl Herloßsohn. Neusatz und Faksimile der 10-bändigen Ausgabe Leipzig 1834 bis 1838 (Digitale Bibliothek; 118) Berlin: Directmedia 2005. Art. "Ariadne", S.285f.

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Johann Heinrich Dannecker, Ariadne auf dem Panther, Rückseite

Ariadne auf dem Panther - Rückseite

Quelle:
Johann Heinrich Dannecker. Das Leben, das Werk, der Mensch. Mit einer Einführung von Adolf Spemann. München: F. Bruckmann 1958.

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3. Ariadnes Hochzeit mit Bacchus.
Ausschnitt aus August Wilhelm Schlegel:
Ariadne (1790)

Die Romanze verbindet die Klage der Verlassenen, die auch eine Rückschau auf ihre Liebe zu Theseus enthält, mit der Tröstung durch Bacchus, der Hochzeit mit ihm und ihrer Vergötterung. Der folgende Ausschnitt gibt nur die Bacchus-Handlung wieder.

Aber horch! von was für lauten Stimmen
Wird die Klage plötzlich überschallt?
Voll Getümmels wird der nahe Wald,
Alles scheint in neuem Glanz zu schwimmen.
Bacchus lenkt heran sein Tigerpaar,
Bacchus naht, umringt von seiner Schaar;
Eines Pardels Fell um seine Lenden,
Einen Thyrsus in den Händen.
   [...]
   Als er nun das schöne Weib in Trauer
Hier an diesem wüsten Ort erblickt,
Hält er plötzlich still und schaut entzückt,
Und sein Herz erbebt in süßem Schauer.
"Schau, Silen! erkennst du die Gestalt,
Welche dort mit leichtem Tritte wallt,
Jene dort im flatternden Gewande
An dem flutumrauschten Strande?
   Wuchs und Größe, wie voll Würd' und Adel!
Wie viel Reiz um Nacken, Brust und Leib!
Sahest du auf Erden je ein Weib
So wie diese sonder Fehl und Tadel?
Ha, fürwahr! das sag' ich ohne Spott:
Schöner gieng mit ihrem lahmen Gott
Selbst Cythere nicht zur Hochzeitskammer.
Doch sie scheint voll Weh und Jammer.
   [...]
   Nein, noch soll ihr Leben nicht den Adern,
Nicht der Odem ihrem Mund' entfliehn!
Sie der Macht des Hades zu entziehn,
Wollt' ich selbst mit dem Verhängniß hadern;
Und schon eil' ich zu der Dulderin,
Schenk' ihr Trost und neubelebten Sinn,
Bringe nach dem Sturm ihr Frühlingswetter,
Bringe mich ihr zum Erretter!
   Aber keiner folge meinem Schritte,
Von euch Satyrn und Thyaden nach!
Bleibt allhier und kühlt an diesem Bach
Eure Becher nach gewohnter Sitte!
Schrecken sollt ihr nicht mit tollem Schwarm
Die Verlaßne dort in ihrem Harm;
Sollet ihre Klag', ihr leises Stöhnen
Nicht durch euren Jubel höhnen."
   [...]
   "O des Argen! So dich zu verlaßen!"
Bacchus rief's, und hielt vor Zorn sich kaum;
"Mag er fliehn bis an der Erde Saum,
Meine Rache soll ihn dennoch faßen!
Aber nun, o Nymphe, schone dein!
Er vergaß dich: so vergiß auch sein!
Laß mich dir den süßen Becher mischen,
Und dein mattes Herz erfrischen!"
   Sprach's und bot ihr dar vom Saft der Traube.
Längst durchlief ihn schon geheime Glut;
Seine Schläfe schwellte reges Blut
Unter krausem kühlen Rebenlaube.
Funken blitzten von den Augen ihm,
Mit des heißen Durstes Ungestüm
Lüsterte den schönen Götterknaben
Nach der Liebe süßen Gaben.
   Und schon hielt sein Arm sie fest umschlungen,
Und im Kuße, voll verwegner Lust,
Haucht' er Flammen in die junge Brust,
Die noch kaum mit Qual und Angst gerungen.
Was sie jüngst des Aegeus Sohn erlaubt,
Ward ihr leicht von einem Gott geraubt:
Einmal schon verstrickt in Amors Bande,
War sie schwach zum Widerstande.
   Während Bacchus so in stiller Grotte
Aphroditens goldne Früchte stahl,
Harrt' auf ihn am Wiesenborn im Thal
Zechend seine weinbelaubte Rotte.
Ahndung von des Gottes hoher Lust
Hatte jetzt gewaltig jede Brust
Uebermannt, sich jedes Sinns bemeistert,
Alle Zungen wild begeistert.
   Evoë, du starker Nymphenzwinger!
Also scholl ihr Dithyrambus laut,
Jubel deiner göttergleichen Braut,
Und Triumph dir, großer Thyrsusschwinger!
Hast du nicht sie glorreich unterjocht,
Daß ihr zartes Herz voll Inbrunst pocht,
Daß, von tausend Wonnen überschüttet,
Lispelnd sie um Gnade bittet?
   Doch du selbst, Gigantenüberwinder,
Gabst dem Mädchen dich entwaffnet hin.
Ha! gefeßelt hat sie Kraft und Sinn
Dir, du wunderstarker Sinnenbinder!
Lechzend pflückst du was ihr Mund dir beut,
Diese Frucht voll reiner Süßigkeit.
Gleicht die Traub' in Chios Weingefilde,
Gleicht sie ihrem Kuß an Milde?
   Preis dem Bacchus! Tanzt im Festgetümmel,
Evoë! und schwingt den Thyrsusstab,
Tanzet hügelauf und thalhinab!
Unsre Feier schalle bis zum Himmel.
Seht, schon tanzt den hochzeitlichen Chor
Luna uns mit heller Fackel vor!
Evoë! wie an den lichten Höhen
Jauchzend sich die Sterne drehen!
   So erklang an Naxos Felsgestaden
Jubel, Paukenschlag und Cymbelschall.
Nymphen wachten auf am Waßerfall,
Staunend horchten rings die Oreaden.
Fortgewirbelt von des Taumels Flut
Sprang die Mänas; voll der raschen Wuth,
Lärmend mit Krotalen und Posaunen,
Sprangen krausgelockte Faunen.
   Milde duftend thaute nun der Morgen,
Schwächer blinkte der Plejaden Chor;
Ariadne wankte still hervor
Aus der Gruft, die Bacchus Kampf verborgen.
Sie auf ihn nachläßig hingelehnt;
Er, durch frohen Siegerstolz verschönt,
Strebt die Wölkchen, die ihr Aug' umdüstern,
Wegzuschmeicheln, wegzuflüstern.
   Ariadne! Geberin der Wonne!
Sterblichen geziemt der Kummer nur:
Aber du, bei meinem höchsten Schwur!
Sollst unsterblich glänzen wie die Sonne.
Stammst du nicht aus meines Vaters Blut?
Auf dann! komm und hege Göttermuth!
Führen will ich dich zu Jovis Throne,
Gottheit fodern dir zum Lohne;
   Dir zum Lohne will ich Gottheit fodern,
Ew'ge Schönheit, ew'gen Jugendglanz;
Deiner Scheitel halbverwelkter Kranz
Soll zum Denkmal bei den Sternen lodern."
Also sprach er; ihn und seine Braut
Grüßten neue Dithyramben laut.
Beide wurden auf beschwingtem Wagen
Zum Olymp emporgetragen.

Quelle:
Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky. Großbibliothek (Digitale Bibliothek; 125) Berlin: Directmedia 2005, S. 478.818-478.833.

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August Wilhelm Schlegel. Gemälde von Johann Friedrich Tischbein (?), um 1800August Wilhelm Schlegel. Gemälde von Johann Friedrich Tischbein (?), um 1800. Paul Ortwin Rave: Das geistige Deutschland im Bildnis. Das Jahrhundert Goethes. Berlin: Verlag des Druckhauses Tempelhof 1949, S. 220.

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August Wilhelm Schlegel, geb. am 8. September 1767 in Hannover und gest. am 12. Mai 1845 in Bonn), Dichter, Übersetzer (Shakespeare, Calderon) und Sprachforscher. 1796 Professor in Jena, Verbindung mit Schiller. 1818 Professor für Sanskrit an der Universität Bonn; Errichtung einer indischen Druckerei.

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4. Goethe und Dannecker

Goethe kannte und schätzte Dannecker. Persönlich begegnete er ihm im September 1797 bei seinem Aufenthalt in Stuttgart. Goethe hielt die Schaffensumstände Danneckers in Stuttgart für wenig förderlich und wünschte den Bildhauer für Weimar zu gewinnen. Geplante Weimaraufenthalte, von denen im Folgenden die Rede ist, realisierten sich jedoch nicht.

Johann Heinrich Dannecker, Schiller-Büste, 1794

Postkarte ohne Titel. Verso: F. A. Ackermann's Kunstverlag, München, Serie116: 6 Schiller-Portraits. Nr. 1458: Schiller-Büste von Dannecker (1794). Nicht gelaufen.

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Goethe an Friedrich Schiller,
Stuttgard den 30. Aug. 1797.


Wir [Goethe und Gottlob Heinrich von Rapp] gingen gleich zu Professor Dannecker bey dem ich einen Hektor der den Paris schilt, ein etwas über Lebensgröße in Gyps ausgführtes Modell fand, so wie auch eine ruhende, nackte, weibliche Figur im Charakter der sehnsuchtsvollen Sappho, in Gyps fertig und in Marmor angefangen, ferner eine kleine traurend sitzende Figur zu einem Zimmer-Monument. Ich sah ferner bey ihm das Gypsmodell eines Kopfes vom gegenwärtigen Herzog, der besonders in Marmor sehr gut gelungen seyn soll, so wie auch seine eigne Büste, die ohne Übertreibung, geistreich und lebhaft ist. Was mich aber besonders frappirte, war der Originalausguß von Ihrer Büste, der eine solche Wahrheit und Ausführlichkeit hat, daß er wirklich Erstaunen erregt. Der Ausguß, den Sie besitzen, läßt diese Arbeit wirklich nicht ahnden. Der Marmor ist darnach angelegt und wenn die Ausführung so geräth, so giebt es ein sehr bedeutendes Bild. Ich sah noch kleine Modelle bey ihm, recht artig gedacht und angegeben, nur leidet er daran, woran wir modernen alle leiden: an der Wahl des Gegenstands.

Quelle:
Johann Wolfgang Goethe: Briefe, Tagebücher, Gespräche. Eingerichtet von Mathias Bertram. 2. Ausgabe (Digitale Bibliothek; 10) Berlin: Directmedia 2000, S. 6236.

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Bericht Danneckers
über den Aufenthalt Goethes in Stuttgart
1. bis 6. September 1797.

Sie [Wolzogen] haben mich schon längst aufgefordert, Ihnen Nachricht über des Herrn Geheimen Raths v. Goethe Aufenthalt in Stuttgart zu geben. Was soll ich Ihnen sagen? Sie kennen seine ungeheure Kunstkenntniß, seine Liebe zum Großen, Vollendeten, Charakteristischen, Schönen. O, ich bin äußerst glücklich, einige schöne Meinungen, die mir nun Gesetze bleiben, von ihm gelernt zu haben; ja, was er mir sagte, war in mir zwar wie ein Nebel schon ehe er zu mir kam, aber daß ich's nicht ausdrücken konnte; nun wüßte ich's gleich zu Tausenden anzuwenden. Das ist gewiß, daß ich in meinem Leben nichts mehr ausführen werde, das nicht sozusagen in sich eine Welt ausmacht. Täglich waren wir beisammen, und er machte mir ein Compliment, daß ich für groß halte, indem er mir sagte: "nun habe ich Tage hier verlebt, wie ich sie in Rom lebte ..... Meinem Schwager [Rapp] und seiner Frau, meinem lieben Weibchen und mir las er eines Abends seine Elegie [>Hermann und Dorothea<] vor."

Quelle:
Johann Wolfgang Goethe: Briefe, Tagebücher, Gespräche. Eingerichtet von Mathias Bertram. 2. Ausgabe (Digitale Bibliothek; 10) Berlin: Directmedia 2000, S. 28120. Aus: Literarischer Nachlaß der Frau Caroline von Wolzogen. Leipzig 1848. I, 462 f.

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Goethe an den Herzog Carl August,

Tübingen den 11. Sept. 1797.

 Prof. Dannecker ist, als Künstler und Mensch, eine herrliche Natur, und würde, in einem reichern Kunstelemente, noch mehr leisten als hier, wo er zu viel aus sich selbst nehmen muß.

Quelle:
Johann Wolfgang Goethe: Briefe, Tagebücher, Gespräche. Eingerichtet von Mathias Bertram. 2. Ausgabe (Digitale Bibliothek; 10) Berlin: Directmedia 2000, S. 6251.

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Goethe an Johann Heinrich Dannecker,
Weimar am 15. Jan. 1798.
[Concept, Auszug.]

 Ich freue mich sehr zu vernehmen daß mein Andenken unter Ihnen lebt, und kann versichern daß ich mich oft in Ihre Nähe wünsche. Unter allen Künstlern bedarf der Bildhauer fast am meisten durch eine immerwährende Unterhaltung sich die strengen Forderungen seiner Kunst zu vergegenwärtigen, so wie seine Arbeit den Liebhaber zu ernster und lebhafter Theilnahme auffordert.

Versäumen Sie nicht mir einen Abguß der Büste des Prinzen Carl sobald sie fertig ist zu schicken, ich wünschte dadurch unsern gnädigsten Herrn zu bewegen, daß er sich und seiner Familie gleichfalls durch Ihre Hand ein marmornes Denkmal stiftete, es wäre mein Wunsch daß Sie auch einmal in einer guten Jahrszeit zu uns kämen und manches Portrait zu weiterer Bearbeitung wieder mit zu sich nach Hause nähmen.

Quelle:
Johann Wolfgang Goethe: Briefe, Tagebücher, Gespräche. Eingerichtet von Mathias Bertram. 2. Ausgabe (Digitale Bibliothek; 10) Berlin: Directmedia 2000, S. 6417.

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Goethe an Johann Heinrich Dannecker,
Weimar den 7. October 1798.
[Concept, Auszug.]

 Wenn Ihnen das erste Stück der Propyläen, einer Zeitschrift die ich bey Herrn Cotta herausgebe, in die Hände fällt, so lesen Sie doch das Capitel von den Gegenständen der bildenden Kunst, ich werde mich künftig darauf beziehen, wenn ich meine Gründe angebe warum ich die leidende Andromacha, von ihren Verwandten umgeben, für keinen günstigen Gegenstand halte.

Ihren Eifer für Ihre Kunst weiß ich zu erkennen und zu schätzen und erinnere mich oft mit lebhaftem Vergnügen der nützlichen und angenehmen Stunden, die wir zusammen zugebracht. Warum können wir nicht auf einige Zeit näher beysammen seyn um uns über gewisse Grundsätze zu vereinigen von denen, nach meiner Überzeugung, alles abhängt, von denen aber der Künstler, durch die Richtung unsers Jahrhunderts, leider oft abgelenkt wird.

Quelle:
Johann Wolfgang Goethe: Briefe, Tagebücher, Gespräche. Eingerichtet von Mathias Bertram. 2. Ausgabe (Digitale Bibliothek; 10) Berlin: Directmedia 2000, S. 6783f.

Erläuterungen, "Capitel von den Gegenständen":
In dem Aufsatz "Über die Gegenstände der bildenden Kunst" (1797) heißt es:

Von der bildenden Kunst verlangt man deutliche, klare, bestimmte Darstellungen. Ob diese nun bis auf den höchsten Grad der Ausführung möglich seien, dabei kommt viel auf den Gegenstand an, und es ist also von der größten Bedeutung, was der Künstler für Gegenstände wählt und welche er zu behandeln geneigt ist.

Vgl. die Auszüge in Johann Wolfgang Goethe: Über Kunst und Literatur. Eine Auswahl. Hg. u. eingel. von Wilhelm Girnus. Berlin: Aufbau-Verlag 1953. Gegenstand, S. 362-366. | "die leidende Andromacha": vgl. Danneckers Entwurf für ein Relief "Andromaches Klage am Leichnam Hektors", 1798. Eine Zeichnung hatte der Bildhauer Goethe zukommen lassen, der sich kritisch äußerte (Brief an Schiller, 21. Juli 1798). Gauss: Dannecker. Der Zeichner (siehe Kap. 5 unter Literatur), Katalog Z 65.

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Goethe an Gottlob Heinrich Rapp,
am 2. April 1800.
[Concept, Auszug.]

 Die Nachricht, daß unser schätzbarer Dannecker sich über den Homer verbreitet, ist mir äußerst erfreulich. Möchten Sie ihn bereden daß er mir etwas von seinen Zeichnungen zuschickte, so könnte daraus eine angenehme Unterhaltung auch in der Ferne entstehen. Für mich würde es um so erfreulicher seyn seine Behandlungsart dieser Gegenstände kennen zu lernen, als ich vor kurzem die Flaxmannischen Arbeiten zu sehen Gelegenheit gehabt habe und darüber bisher so manches gesprochen und für und wider geurtheilt worden ist.

Quelle:
Johann Wolfgang Goethe: Briefe, Tagebücher, Gespräche. Eingerichtet von Mathias Bertram. 2. Ausgabe (Digitale Bibliothek; 10) Berlin: Directmedia 2000, S. 7338f. Vgl. Wiedergeburt griechischer Götter und Helden. Homer in der Kunst der Goethezeit. Eine Ausstellung der Winckelmann-Gesellschaft im Winckelmann-Museum Stendal 6. November 1999 bis 9. Januar 2000. Mainz: Philipp von Zabern 1999. Zu Dannecker siehe die Katalognummern IV.18 bis IV.22.

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Goethe an Sulpiz Boisserée,
Weimar den 14. Jan. 1820.

 So werth und lieb uns nun aber auch die Gegenwart Herrn Danneckers seyn würde, wenn er sich entschließen könnte uns zu besuchen, so ist doch auch diese Zumuthung bey einer so weiten Entfernung, wie mir scheinen will, etwas stark. Damit ich aber von meiner Seite einer so wohlgemeynten und ehrenvollen Unternehmung gern entgegen komme, so will ich mich den Monat April in Weimar halten; Herr Professor Dannecker soll mir und den Meinigen willkommen seyn, einige Zimmer zu seiner Wohnung und eine anstoßende Werkstatt bereit finden; da wir denn nichts mehr wünschen als daß ihm der Aufenthalt in jedem Sinne möge gefällig und erfreulich seyn.

Quelle:
Johann Wolfgang Goethe: Briefe, Tagebücher, Gespräche. Eingerichtet von Mathias Bertram. 2. Ausgabe (Digitale Bibliothek; 10) Berlin: Directmedia 2000, S. 15551f.

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Goethe an Christoph Ludwig Friedrich Schultz,
Jena den 1. September 1820.

 In Frankfurt am Main trat seit einem Jahre eine Gesellschaft zusammen angesehener, reicher Personen, die mir ein Denkmal errichten wollen, wovon eine Colossalbüste das Hauptsächlichste seyn soll. Dannecker, bekannt in Frankfurt und geschätzt, durch Schillers Büste berühmt, erhielt den Auftrag, entschloß sich zur Hierherkunft, ward aber, durch die traurigen Gesundheitsumstände seiner Frau, von Monat zu Monat abgehalten, so daß er endlich diesem Geschäfte entsagen mußte, zu welchem er denn Herrn [Christian Daniel] Rauch an seiner Stelle empfahl.

Quelle:
Johann Wolfgang Goethe: Briefe, Tagebücher, Gespräche. Eingerichtet von Mathias Bertram. 2. Ausgabe (Digitale Bibliothek; 10) Berlin: Directmedia 2000, S. 15985f.

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5. Daten zur Biographie Danneckers
und zur Entstehung der Ariadne 

Johann Heinrich Dannecker, Bildnis von Gottlieb Schick

Postkarte ohne Titel. Verso: 1/1. [Gottlieb] Schick, Bildnis Danneckers. Signet Ludwig Schaller, Stuttgart, Marienstr. 14. Galerie-Postkarte. Original im Königlichen Museum der bildenden Künste zu Stuttgart. Reihe I: Schwäbische Meister um 1800. Photogr. u. Verlag von L. Schaller, Stuttgart. Nicht gelaufen.

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Johann Heinrich (von) Dannecker, geb. 15. Oktober 1758 zu Stuttgart und gest. daselbst 8. Dezember 1841 als Hofrat und Kunstschul-Direktor.

Dannecker wuchs unter armen Verhältnissen auf, bis ihn der Herzog 1771 in seine Militär- und Kunstpflanzschule auf der Solitude (Karlsschule) aufnahm. Anfangs zum Tänzer bestimmt, gelang ihm der Übertritt zu den Künstlern; Schüler u.a. des Bildhauers Pierre Francois Lejeune und der Maler Adolph Friedrich Harper und Nicolas Guibal. Unter seinen Mitschülern schloß er einen Freundschaftsbund mit seinem Kunstgenossen Philipp Jacob Scheffauer, dem Kupferstecher J.G. Müller, dem Musiker Johann Rudolf Zumsteeg und mit Friedrich Schiller. Wie die übrigen Bildhauer-Eleven hatte er für die herzoglichen Bauten (Schloß Hohenheim etc.) Modelle zu Stukkaturarbeiten, Karyatiden, Genien und ähnlichen Ornamentfiguren zu entwerfen, auch nachdem er 1780 aus der Karlsschule entlassen und als Hofbildhauer angestellt war.

Weitere Ausbildung erhielt er 1783 in Paris, wo er u.a. 1785 einen sitzenden Mars als Probestück seiner Pariser Studien an den Herzog nach Stuttgart schickte. Im selben Jahr wanderte er mit Scheffauer nach Italien, wo er in Alexander Trippel – durch seine Goethe- und Herderbüsten bekannt – und Canova Vorbilder fand. Er hielt sich von 1785 bis 1789 in Rom auf. Hier festigten sich seine Kenntnisse der antiken Kunst; er bildete sich zu einem der großen deutschen klassizistischen Bildhauer aus.

1790 nach Stuttgart zurückgekehrt, wurde er von Herzog Karl zum Professor der bildenden Künste an der Karlsschule ernannt und erhielt allerei Aufträge. In seiner privaten Zeichenschule unterrichtete er u.a. den Maler Gottlieb Schick. "Schillers Besuch in der Heimath im Jahr 1793 gab Veranlassung, daß der Freund die Büste des Dichters lebensgroß modellierte und ihm dieselbe in Marmor zum Geschenk machte." (Wintterlin) Von einer weiteren Büste nach Schillers Tod, 1805 begonnen, aber erst 1819 in Marmor vollendet, gibt es Wiederholungen. Weitere Werke des Bildhauers sind u.a. "Ein um seinen Vogel trauerndes Mädchen", eine liegende "Sappho", "Der zürnende Hektor" und 1804 die Marmorstatue einer "Trauernden Freundschaft".

1808 heiratete Dannecker Heinrike Rapp, die Schwester des mit Goethe bekannten Kaufmanns und Kunstsammlers Heinrich Rapp. Danneckers Haus war ein Treffpunkt von Gelehrten, Dichtern, Politikern und Künstlern in Stuttgart.

Neben seinen Auftragsarbeiten für den Hof konzipierte Dannecker plastische Arbeiten aus eigenem Antrieb: Eine in diesem Sinne freie Skulptur ist die "Ariadne auf dem Panther", Entwurf 1803 (kleines Tonmodell), Ausführung der Marmorarbeiten 1812-14. 1810 kaufte der Frankfurter Bankier Simon Moritz von Bethmann, der die Statue im Atelier Danneckers gesehen hatte, die Ariadne. Sie kam erst 1816 in Frankfurt zur Aufstellung, jedoch nicht in dem von Dannecker vorgesehenen eigenen Rundtempel. Die Ariadne "wurde zu einer Hauptattraktion Frankfurts, >das gesamte reiselustige Europa ist hier vorbeigekommen<, heißt es in einem Bericht des Jahres 1847." (Faltblatt) Heute befindet sich die im Krieg schwer beschädigte, restaurierte "Ariadne auf dem Panther" im Liebighaus in Frankfurt am Main (Ausführung in carrarischem Marmor, 157x136x63 cm), ein Abguß nach dem restaurierten Original befindet sich im Garten.

Johann Heinrich Dannecker: Ariadne auf dem Panther. Zeichnung nach der 1814 vollendeten Ausführung in Marmor, um 1816

Dannecker: Ariadne auf dem Panther. Zeichnung nach der 1814 vollendeten Ausführung in Marmor, um 1816. Quelle: Gauss: Dannecker. Der Zeichner (siehe unten). Katalog Z 157. Stuttgart, ehemals Württemberische Landesbibliothek, 1944 verbrannt.

In der Besprechung des ersten Gipsmodells im "Teutschen Merkur" vom Januar 1805 heißt es:

Die Idee des Künstlers, die sich prima vista ausspricht, war: Bezähmung der Wildheit durch die Schönheit. Ariadne ist in der Fülle des Lebens, als Jungfrau von vier- bis fünfundzwanzig Jahren dargestellt ... die Geliebte des Fülle liebenden Bacchus: das Gesicht idealisch schön, und doch sehr charakteristisch; groß, und doch zur Liebe einladend; der Hals, weich und voll elastischen Lebens; von Gesundheit und Jugend strotzend der üppige Busen. - Das reizende Muskelspiel unter dem Busen, und an beiden Hüften hinab; der schöne Bau, und das muthwillig spielende Leben des so schwer zu behandelnden Unterleibs ... Ariadne wiegt sich auf dem Thiere; ihre Attitüde ist nachlässig, muthwillig, schäkerhaft, üppig, zur Wollust einladend ... berauschend durch weibliche Reize; hinreißend durch eine alle Zauber der Weiblichkeit verrathende Stellung, doch - wie jedes Ideal wirken soll - mehr ins Anschauen absolvirt, als die Sinnlichkeit des Kunstvertrauten herausfordernd ...

Zit. n. von Holst: Dannecker. Der Bildhauer, siehe unten, S.291. Zum Tonmodell von 1803 siehe Katalog Nr. 100 mit Abbildungen.

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Literaturhinweise

* Friedrich Wintterlin, Artikel "Dannecker" in der Allgemeinen Deutschen Biographie, Bd. 4, 1876, S. 740-744.
* Ariadne. Ausstellung im Liebighaus 4.2.-13.5.79, Faltblatt.
* Adolf Spemann: Johann Heinrich Dannecker. Das Leben, das Werk, der Mensch. Mit einer Einführung von Adolf Spemann. München: F. Bruckmann 1958.
* Christian von Holst: Johann Heinrich Dannecker. Der Bildhauer. Stuttgart: Staatsgalerie Stuttgart, Edition Cantz 1987. Katalog Nr. 100-101.
* Ulrike Gauss: Johann Heinrich Dannecker. Der Zeichner. Stuttgart: Staatsgalerie Stuttgart, Edition Canz 1987. Katalog Z 157.

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Johann Heinrich Dannecker, Ariadne auf dem Panther, Vorder- und Rückseite

Postkarte. Die berühmte Ariadne von Dannecker (1758-1841), die der Künstler auf einem Panther reitend darstellte, gefertigt aus einem Block carrarischem Marmor, aufgestellt im Bethmann-Museum, Frankfurt a.M., Friedbergerlandstr. 10. Verso: M. Jacobs, Postkarten-Verlag, Frankfurt a.M. No. 985. Im Briefmarkenfeld: 393820. Nicht gelaufen.

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Johann Adam Ackermann, Zeichnung nach der Marmorskulptur &quot;Ariadne auf dem Panther&quot; von Johann Heinrich Dannecker

Johann Adam Ackermann (1781-1853), Zeichnung nach der Marmorskulptur "Ariadne auf dem Panther" von Johann Heinrich Dannecker. In: Ketterer, 422. Auktion, 2015, Nr. 220.

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Prof. Dr. Georg Jäger
Ludwig-Maximilians-Universität München
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