goethe

Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

 Jutta Assel | Georg Jäger

Antonio Canova
Werkauswahl in lithographierten Umrissen

Optimiert für Firefox
Stand: Juli 2015

 

  • Die Werke Canova's. Sammlung von lithographirten Umrissen nach seinen Statuen und Bas-reliefs. Begleitet von einem erlaeuternden Text über jedes einzelne Werk nach den Urtheilen der Graefin Albrizzi und den besten Critikern, nebst dem Leben Canovas von H[enri] de Latouche [1785-1851]. Herausgegeben von Fried. G. Schulz in Stuttgart. Stuttgart: Schulz [1825 oder 1826]. – 2. wohlfeile Aufl. 1835.

 Erläuterung:
"nach den Urtheilen der Graefin Albrizzi": Gemeint ist Isabella Teotochi Albrizzi (1760-1836), die in Venedig und in der Villa Albrizzi-Franchetti in San Trovaso (Treviso) einen berühmten Salon unterhielt. Sie veröffentlichte: Opere di scultura e di plastica di Antonio Canova descritte da Isabella Albrizzi nata Teotochi, Venezia 1809. Nuova edizione aumentata, Pisa 1821-1824. Vgl. Adriano Favaro: Isabella Teotochi Albrizzi. Udine, Gaspari Editore 2003.

Französische Ausgabe: Oeuvre de Canova: recueil de gravures d'après ses statues et ses bas-reliefs; executées par M. [Achille] Reveil [1800-1851], accompagné d'un texte explicatif, et d'un essai sur sa vie et ses ouvrages par M. H. de Latouche. Paris: Audot 1825.  

*****

Gliederung  

        1. Werkauswahl in lithographierten Umrisssen
        2. Henri de Latouche: Ueber das Leben und die Werke Canova's
        3. Biographische Angaben zu Henri de Latouche
        4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

*****

1. Werkauswahl in lithographierten Umrissen

"Wir müssen hier unsern Lesern bemerken, dass die beiliegenden Skizzen, so sorgfältig wir über ihrer Ausführung wachten, doch keine vollkommne Idee vom Verdienste Canova's in seinen Compositionen geben können. Die Feinheiten des Details, die oft so gewandte Manier, mit der Gesicht, Hals, Hüfte, Extremitäten behandelt sind, entgehen zuweilen den kleinen Verhältnissen unsrer Zeichnungen. Es gibt mittelmässige Statuen, die bei dieser Uebertragung durch den Griffel gewinnen könnten, wenn nur die Anordnung des Gegenstands gut wäre; dagegen kann ein Meisterwerk seine Vollendung in einer trocknen und abgekürzten Uebersetzung verlieren. Doch glauben wir, durch ehrende Zeugnisse ermuthigt, sagen zu dürfen, dass unsre Umrisse wenigstens dazu dienen, die Marmorbilder denjenigen zurück zurufen, die sie gesehen haben, und bei anderen ein Verlangen rege zu machen, ihre Schönheiten mehr in der Nähe zu betrachten." (Aus dem Text zu Venus und Adonis)

Ausgewählt wurden aus Canovas plastischen Arbeiten – die nach der Inhaltsangabe des vorliegenden Werkverzeichnisses "53 Statuen, 12 Gruppen, 14 Cenotaphe, 8 große Monumente, 7 kolossale Figuren, 2 kolossale Gruppen, 54 Büsten, 29 Bas-reliefs" umfassen – 16 Umrisslithographien nach Statuen. Wie bei Flaxmans Zyklen wurde nicht nur die einfache Konturlinie verwendet, sondern die Linienstärke variiert, z.B. zwischen Außenkontur und Binnenzeichnung; auch wird der Linienfluss manchmal unterbrochen bzw. es werden gelegentlich Schattenschraffuren eingesetzt: dies alles dient der Herausarbeitung der Plastizität der Figuren.

Um den Einsatz dieser graphischen Mittel zu zeigen, wurden die nuancierten Linien nicht oder nur in geringem Maße verstärkt; auch wurden die Bilder nicht ausgeschnitten, um ihre Platzierung im graphischen Blatt beizubehalten wie auch die Tonwerte des Papiers, da das Entfernen der Farbe zu "toten" Reproduktionen ohne Tiefe führt.

Die Titel sind dem "Chronologischen Verzeichniss der Bildhauerarbeiten Antonio Canova's" entnommen. Die erläuternden Texte sind den lithographierten Umrissen beigegeben. Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen.

 

 

Titelblatt
1793 Gruppe von Amor und Psyche, liegend, in Carrarischem Marmor, in dem königlichen Palast zu Compiegne bey Paris.
1795 Gruppe von Adonis und Venus, in Carrarischem Marmor, für den Marchese Salsa Berio zu Neapel.
1803 Colossale Statue des Kaisers Napoleon in Carrarischem Marmor. Eine Kopie in Bronze gegossen befindet sich in der Brera zu Mailand.
1805 Statue von Naploeons Mutter, sitzend. (Diese Statue wurde nach Paris gebracht.)
1805 Venus Victrix, liegend; Statue in Marmor.
1805 Theseus über den Centaur triumphirend, kolossale Gruppe. Sie wurde 1819 vollendet und nach Wien gebracht.
1805 Statue einer Tänzerin, in Marmor, für die Kaiserin Josephine.
1808 Todtendenkmal für Giovanni Volpato, in der Kirche der heil. Apostel zu Rom.
1809 Zwei andere Tänzerinnen, die eine für den Fürsten Rossaumoffsky, die andere für Hrn. Domeniko Manzoni zu Forli.
1812 Kolossale Büste, Canova selbst darstellend.
1814 Die drei Grazien, Gruppe in Marmor, für die Kaiserin Josephine.
1818 Modell einer sitzenden Statue von Washington, mit einer Tafel in der Hand, wie er seine letzten Rathschläge der Versammlung der vereinigten Staaten schreibt.
1818 Modell einer kolossalen Statue Pius VI., für die St. Peterskirche in Rom. Ausgeführt in Marmor 1822.

*****

2. Henri de Latouche:
Ueber das Leben und die Werke Canova's

 

Ueber das Leben und die Werke Canova's
Brief an Herrn ***

[Die uneinheitliche Rechtschreibung und Zeichensetzung wird übernommen. Zusätze in eckigen Klammern.]

Gegen das Ende des Jahres 1813, an einem Abende jener Octobertage, die zu Rom noch so schön sind, und welche der Wandrer benützt, um Ruinen, oder zuweilen die Arbeiten gleichzeitiger Künstler zu beschauen, waren wir ausgegangen, eine Pflicht der Höflichkeit gegen einen unsrer Landsleute zu erfüllen, der ein bedeutendes Amt bei der französischen Verwaltung bekleidete. Wenn die Nacht einbricht, so verschwinden eure schönsten Träume in Rom; da ihr nicht mehr mit den Denkmälern der vergangenen Jahrhunderte leben könnet, so müsst ihr wohl wieder Mitbürger der Gegenwart werden.

Die französische Familie war, ohne Licht in dem grossen Saale des Pallastes N. um ein ungewohntes Feuer versammelt. Hingerissen durch das Gespräch des einzigen Italiäners, der zugegen war, hatte Niemand bemerkt, dass die Besuchsstunde herannahte, und dass die Etiquette Lakaien, Reverenzen und Lichter verlangte. Ich trat geräuschlos ein. Der Herr des Hauses hiess mich mit einer stummen Geberde auf einem Stuhle neben dem seinigen Platz nehmen, und empfahl mir mit einem Winke Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit war leicht: nie hatte ich das Toscanische mit so·viel Grazie und Feinheit reden hören. Die Erzählung des Fremden schien voll Feinheit und Beredsamkeit.

Bald aber verdrängten ihn andere Besuche; er entfernte sich mit der etwas gezwungenen Bescheidenheit seines Landes; als er uns verlassen hatte, sagte mein Landsmann zu mir: "Wissen Sie, wer dieser Mann ist? - Es ist Canova!"

Ich hatte gerade an diesem Tage mehrere Stunden in den Werkstätten des Künstlers zugebracht, wo er nicht zugegen war; und, meine Einbildungskraft noch ganz erfüllt von seinen Schöpfungen, die ich bewundert hatte, war ich auf seine Gegenwart wie vorbereitet. Ich fühlte etwas von der Bewegung des Reisenden, der einen Strom, den er vor sich hinfliessen sieht, nur mit halben Blicken betrachtet, bis ihm eine Stimme in das Ohr flüstert: "Es ist der Euphrat!" oder: "Es ist der Nil!" da kehrt er um, und kann nicht müde werden, ihn zu betrachten. Ich rief meinem Gedächtnisse die Worte, die ich so eben gehört hatte, zurück; meine Phantasie wiederholte sich die edle und anmuthige Gestalt, die mir erschienen war, und ich behielt ein unauslöschliches Bild von ihr. Ich sollte den Künstler nicht wieder sehen. Alle Franzosen wurden durch die Gewalt der Ereignisse genöthigt, Rom zu verlassen; wer mir damals gesagt hätte, dass ich einst einer von denen seyn würde, die es versuchen würden, über die Werke und die Person Canova's zu sprechen, der würde einen sonderbaren Wechsel in dem Gegenstande meines Staunens bewirkt haben.

In der That, wie viele Bedingungen, um diese Pflicht gehörig erfüllen zu können, mangeln einem namenlosen Kunstliebhaber? Die Künstler sind gewohnt, zu glauben, man müsse selbst den Pinsel führen, um über Malerei urtheilen zu können, und den Marmor bemeisselt haben, ehe man sich das Recht anmassen darf, über den Eindruck abzuurtheilen, den Werke der Bildnerey hervorbringen. Ich will nicht untersuchen, ob diese Ansicht, anstatt ihre Kunst zu erheben, sie nicht vielmehr herabwürdigt, nicht z. B. beweisst, dass sie unter der Musik und der Poesie steht, welche die Gesammtheit ihrer Zuhörer herbeirufen, sie zu beurtheilen d. i. sie zu fühlen: aber was wäre ein Talent, dessen Bewunderung ein Geheimniss wäre, oder das, um uns zu rühren, die Einweihung in die Mysterien seines Verdienstes erforderte? Das aber glaube ich, dass man hier, um über Sculptur zu sprechen, die tiefere Kenntniss der Geschichte dieser Kunst durch ihre Denkmäler in einem Grade besitzen müsste, wie ich ihn erreicht zu haben mir nicht schmeicheln darf, und wie sie ein Dagincourt und noch kürzlich Graf Cigognara entwickelt haben. Ich glaube, um Canova gehörig würdigen zu können, wäre es zweckmässig, vorher mit ächt philosophischer Critik den Zustand der Sculptur in Europa darzustellen, zu der Zeit, da der italienische Künstler ihr einen neuen Impuls gab, oder vielmehr sie zur Natur und Antike, von welchem sie sich scheiden zu wollen schien, zurückführte.

Unfähig dieser schweren Pflicht vollständig zu genügen, will ich wenigstens eine rasche Uebersicht der Revolutionen geben, welche diese schöne Kunst seit ihrem Wiederaufblühen erfahren hat.

Man weiss, dass die Sculptur, in den ältesten Jahrhunderten auf den Gipfel der Vollkommenheit getragen, des Altares der Götter Griechenlands gewürdigt, deren Bildnisse sie durch die Hände eines Phidias, Praxiteles, Polyclet darstellte, zu den Römern überging, um ihren Heroen ein zweites Leben zu geben, his zu der Zeit, wo Constantin mit den heidnischen Religionen auch die Künste, die sie verherrlichten, stürzte, und Roms Genie unter dem Himmel jener Barbaren auslöschte, die er in sein Reich einzuladen schien. -

Seit dem eilften Jahrhundert schien Rom, das die Funken eines heiligen Feuers ewig bewahren wird; die Auferstehung der bildenden Künste vorzubereiten. Die Barbarey begann ums Jahr 1230 vor dem Genius eines Nikolaus von Pisa zu weichen. Diese erste Epoche der Sculptur hat nur unbekannte Namen hinterlassen. Diotisalvi, Bonanni, Rinaldo widmeten ihren Meisel den Bildern des Christenthums, der Ausschmückung einiger Tempel zu Mailand , Florenz, Orvietto und Venedig, und ohne die Einbildungskraft anzuregen, rührten sie schon zuweilen das Herz.

Donatello und Ghiberti sind die berühmtesten Meister der zweiten Epoche. Die Lombardey, Toscana, die Staaten von Venedig fangen an sich mit herrlichen Denkmalen zu decken. Mailands Dom, die Karthause von Pavia erheben sich unter dem Schutze der Fürsten. Der hervorstechende Charakter dieses glücklichen Alters ist Einfalt und Ausdruck. Die Künstler bemühen sich mehr zu rühren, als zu überraschen, in höchst zierlichen Compositionen; nie macht die Hand mehr Ansprüche, als der Gedanke. Balducci's Kunst hätte sich der VoI1endung genähert, wenn man an ihm nicht etwas Kühnheit, Leichtigkeit in der Ausführung, Idealität im Styl vermisste.

Michel-Angelo tritt auf. Das Einfache und Rührende macht dem Grossartigen, Schrecklichen, Erhabenen Platz. Die Bildhauerkunst ist erwachsen; sie muss sich mit diesem ausserordentlichen Geist vermählen. Sollte auch das Siegel der Wahrheit unter dem Riesenhaften sich verwischen: lasst immerhin den Baumeister der Peterskirche sich als Fürsten aller bildenden Künste bemächtigen. Aber seine Nachahmer werden die Sculptur herabwürdigen, werden sich mit Hervorbringung von Effekten abquälen; wenn "der König des Schreckens" verschwunden ist, werden seine Nachfolger das Reich verunehren. Die italienischen Fürsten, von der Wuth zu beschirmen verzehrt, werden die Kunst auf ihrem klassischen Boden irre führen, und Frankreich wird einem Lombardi, Bandinelli und einigen andern mit Vortheil die Namen Jean Cousin, Jean Goujon, Germain Pilon entgegenstellen.

Eine vierte Ideenreihe folgt, wo Bernini den Vorsitz führt. Er war, wie man nur allzu gut weiss, der Tyrann der Künste zu Rom, wie es der Maler Lebrun zu Versailles war. Beide vermeiden das Einfache und Natürliche, um sich ins Gemachte und Manierirte zu werfen. Beide machen das Kreutz vor den geraden Linien: die Architektur, wie die Sculptur beugten sich unter ihr Joch. Algardi und Fiamingo werden das Opfer des Widerstandes, den sie dem schlechten Geschmack und dem Protektorate Bernini's leisten; und der unsterbliche Poussin stirbt durch die Intriguen des französischen Malers im Exil zu Rom. Die Bildnerey, im Vaterlande der Pujet, der Pigal, der Coustou, der Houdon noch immer unterstützt, fällt jenseits der Alpen in Verachtung, trotz der Liebe des Reisenden für so viele Werke des Alterthums, trotz den Entdeckungen zu Herkulanum, den Schriften Winkelmanns, den Arbeiten eines Mengs, dem Eifer einiger aufgeklärten Akademien … Aber gegen das Jahr 1760 erschien anfangs nur schüchtern ein neues Talent, um über den Horizont der Künste zu leuchten.

Damals (1757) ward zu Possagno, einem armen, unbekannten Dörfchen am Fusse der venetianischen Alpen, Antonio Canova geboren, der Sohn eines Steinmetzen. Als dreijährig verlor er seinen Vater. Seine Mutter Angela Zardo, verheirathete sich zum zweitenmal. Sein väterlicher Oheim, der auch das Handwerk seines verstorbenen Bruders trieb, nahm den jungen Waisen zu sich, und liess sich von ihm in seinen Arbeiten vom zartesten Alter an unterstützen. Eines Tags, da er ihn in das Landhaus eines reichen Patriciers von Venedig, Giovanni Faliero, geführt hatte, um, ich weiss nicht, welchen plumpen Zierrath eines Altars auszubessern, oder eins der Standbilder, die seinen Garten schmückten, fiel es dem jungen Canova, der in die Speisekammer gelassen worden war, ein, aus einem Stück Butter einen Löwen zu modelliren: und sein Werk auf die Tafel des Senators gebracht, sezte die Gäste in Erstaunen.

Faliero interessirte sich für das Kind; er brachte Tonino (mit diesem Namen bezeichnete er ihn noch viele Jahre nachher) bei einem unbekannten Bildhauer unter, und sorgte für seine Erziehung. Seine ersten Versuche waren zwei Fruchtkörbchen, die noch heutzutage zu Venedig im Pallaste Farsetti, jezt in dem Hotel von Grosbritannien aufbewahrt werden. Er war vierzehn Jahre alt; die Dankbarkeit trieb ihn, seinem Wohlthäter eine Statue zu machen; er verfertigte die Eurydice, aus weichem Stein; wir haben den Umriss in unser Werk aufgenommen. Diese erste Figur, öffentlich den Augen seiner Landsleute ausgestellt, machte Eindruck auf ihren Stolz und ihre Grossmuth. Die Regierung beschloss, den jungen Künstler nach Rom zu schicken und ihm dort 300 Dukati auszusetzen. Diese schwache Unterstützung ermuthigte seine Arbeiten. Der Senator Faliero empfahl ihn dem Botschafter Venedigs beim heiligen Stuhl, und der Anblick der Meisterwerke entwickelte vollends, ohne dass der junge Künstler fremden Unterricht genossen hätte, die Anlagen, die er von der Natur empfangen hatte.

Wir wollen ihm nicht Schritt vor Schritt auf seiner Laufbahn folgen; er setzte von seinem Auftreten an in Erstaunen, und eine strenge Beobachtung der Natur brachte die ersten Kenner, die nach Rom berufen worden, um über seine Gruppe des Dädalus und Icarus zu urtheilen, auf den Glauben, dass die meisten Glieder nach einem lebendigen Modell geformt worden. Der Ambassadeur Zuliano gab ihm einen Marmor, aus welchem er den Theseus hervorzauberte, den Besieger des Centauren. Der Freundschaft Volpato's verdankte er das Grabmal Laurentius Ganganelli's; und mit fünf und zwanzig Jahren war sein Ruf gegründet; die Mächte der Erde waren seinem Talente zinsbar.

Aus einem seltsamen Zartgefühl zog Canova niemals Schüler. "Junge Leute von glücklichen Anlagen, sagte er, würden das Verdienst ihrer Arbeiten verlieren, wenn sie in mein Attelier kämen; denn man würde ihre Fortschritte mir zuschreiben, und ich will ihrem Ruhme nichts benehmen." Uebrigens verliess er seine eigne Arbeit, um Rath zu geben, sobald man ihn verlangte. Oft verschaffte er Künstlern, die noch keinen Ruf hatten, Aufträge; mehr als einmal trug er selbst sogar Arbeiten auf, nur um dem Talente Muth zu machen. So verdankt man z. B. seiner Freigebigkeit einen Theil der Büsten grosser Männer, die anfangs im Pantheon standen, später in die Sääle [sic!]des Capitols zerstreut wurden.

Seine erste Erziehung war so gut als Nichts gewesen; aber er machte diesen Nachtheil der Armuth gut, indem er die Erholungs- und Nachtstunden dem Studium der schönen Wissenschaften widmete. Oft liess er sich während langer Tage, zur Arbeit vorlesen. Besondern Gefallen hatte er an den Schriften des Polyb, des Tacitus, und den unendlichen Schöpfungen Homers. "Ihre Werke sind meine Lust, schrieb er im Jahr 1794 an [Melchiore] Cesarotti [1730-1808]. Sie fragen mich, wie ein Mann, der wie ein Taglöhner arbeitet, von Sonnenaufgang bis zum Untergang, sich noch mit Poesie beschäftigen könne; aber, wenn es gleich wahr ist, dass ich erst aufhöre mich abzuarbeiten, wenn mir das Tageslicht versagt, so ist es auch wahr, dass man mir unaufhörlich vorlesen muss. Schon dreimal habe ich die acht Bände Ihrer Ilias und Ihrer Odyssee angehört; Text und Noten sind für mich, wie Worte des Sacraments; sie bewahren mich vor den Vorurtbeilen des Pöbels; sie härten meinen schwachen Geist."

Canova erfuhr viel ungerechte Critiken; nie setzte er seinen Verächtern etwas andres entgegen, als sein Schweigen und seine Werke. So stellte er als Antwort auf [Karl Ludwig] Fernow's [1763-1808] strengen Tadel, im J. 1798 den Blicken seiner Neider nur die Statue des Paris und die Gruppe des Hercules und Lichas aus. In seinem dreissigsten Jahre verlor er all sein Vermögen, das er sich durch seine Arbeiten erworben, und unter andern Summen, die er bei einem Banquier stehen hatte, auch die, die ihm für das Monument Clemens XIII. ausbezahlt worden war. "Ich bin - schrieb er an Joseph Faliero - von Kindheit an an's Elend gewöhnt. Ich bitte Gott nur, mir Kraft zu verleihen, meine Anstrengungen auszuhalten. Wenn er mir meine Gesundheit erhält, so hoffe ich doch noch, dass meine armen Eltern, die wenigen Jahre, die sie noch zu leben haben, in Wohlbehagen zubringen werden.["]

So wenig die Angriffe Uebelwollender ihm wehe thaten, so wenig nahm ihn übertriebenes Lob ein. Er hatte die Gewohnheit, ironisch-naiv zu lächeln, wenn seine Schmeichler, um ihren Geist glänzen zu lassen, vor seinen Ohren sich bemühten, die tausend Schönheiten aufzuzählen, die sie an seinen Werken entdeckten. Weit entfernt, Vortheil aus dieser Folter ihrer Einbildungskraft zu ziehen, und sich die Feinheiten, die sie entdeckt haben wollten, zuzuschreiben, versicherte er, dass er an Alles das nicht gedacht habe; dass er seinen Gedanken frey ausgeführt, mit dem einzigen Verlangen, dass er klar und in den Schranken des Ziemenden dargestellt seyn möchte.

Einer seiner Biographen versichert, dass er dem Zauber der Liebe mehr als einmal sich hingegeben. Man findet wenig Spuren dieses tyrannischen Gefühls in einem so beschäftigten Leben. Der Mann, der vor dem Greisenalter unterliegend, nach Reisen und langen Aufenthalten an allen Höfen Europa's, drei und fünfzig Marmorstatuen, zwölf Gruppen, vierzehn Sarkophage, acht grosse Monumente, neun kolossale Figuren oder Compositionen, vier und fünfzig Büsten, sechs und zwanzig Basreliefs, im Ganzen hundert und sechs und siebenzig Werke verfertigt, ohne zwei und zwanzig Tableaux und eine unzählige Menge Zeichnungen, Studien, Modelle zu rechnen, hat er die Stunden seines Lebens verloren, um sich unglücklich zu fühlen? Und hat Canova wohl je jene tödtlichen Qualen begriffen, die das Talent zu brechen, die es gleich im Quell zu vertrocknen scheinen, aber nur um es in der Folge mit aller Melancholie der Erinnerungen anzuschwellen, diesen dichterischen Wahnsinn Pygmalions, diese göttliche Verehrung Michel Angelo's gegen die Marquisin von Pescaro? Ein Italiener und ein Bildhauer beschränkt gemeiniglich seine Leidenschaften auf den Genuss der Schönheit; die Gewohnheit Modelle zu betrachten, und vielleicht unbewusst eine geheime Nachahmung der leichtsinnigen Neigungen, wie sie die Griechen empfanden, schützten seine Seele vor jener Gewalt, die oft einen so unseeligen, aber zuweilen erhabenen Charakter in nachdenklichern und phantastischern Geistern annimmt.

Er verheirathete sich nicht, aus Furcht, ehliche Sorgen und Familienlasten möchten sich in seine Werkstätte drängen. Im Ganzen war er selbst sich Alles. Weder die bürgerliche Gährung seit 1789, noch die wunderähnlichen Ereignisse, welche seitdem, zwanzigmal die Gestalt Europa's verwandelt haben, galten so viel bei ihm, dass sie ihn zerstreut hätten: seltsame Stärke der Seele, oder wunderbare Eigenliebe! Höchst transscendente oder höchst beschränkte Philosophie! Man hat Mühe, sich den Künstler zu denken, eine Bacchantin modellirend, oder Amor und Psyche gruppirend, während Championnet die dreifarbigen Fahnen unter dem Thore del popolo einführt, oder während kaiserliche Gensdarmen aus dem Pallaste Monte Cavallo das greise Haupt der christlichen Kirche entführen, das des Bildners eifrigster Beschützer gewesen war. Und doch war er wirklich so unbeweglich gleichgültig! Er beleidigte keine Gewalt; er widerstand keinem Sieger, und hätte dieser nur einen Tag zu herrschen gehabt. Keinem Menschen verweigerte er die Ehren seines Meissels; es war, als hätte er aus Bescheidenheit den Handwerker mit dem Künstler verbinden wollen. Usurpatoren, legitime Majestäten, Murat, Ferdinand, die Erzherzoge von Florenz, den Vicekönig von Italien, den Prinzregenten von England, die letzten Stuarte, Madame Lätitia, eine Tochter Marien Theresiens, den Papst und den gekrönten Kerkermeister, der ihn zu Fontainebleau gefangen hielt: gemüthsruhig zeichnete Canova alle die Gestalten, die am politischen Horizont vorübergiengen, und schien zur Errichtung so vieler Monumente blos seiner Hände zu bedürfen.

Ueberlassen wir es Andern, diese Resignation zu preissen; den Egoismus Ueberlegenheit zu nennen, und Lebensart, die Verläugnung alles Gefühls, das dem Künstler nicht Vortheil bringt. Wenn unsrem Künstler eine solche Biegsamkeit seines Talentes eigen ist, das sich schmiegt, wie es das moderne Italien im Angesichte aller bewaffneten Völker Europens that: so fühlt man dagegen, dass der trotzige Landsmann Dante's, Michel Angelo, weniger Gelegenheiten, sein Genie zu üben, benützt haben würde. Er verliess Rom, er floh nach Florenz; er ist entschlossen, an den Hof des Grossherrn zu gehen; wenn der Papst seine Forderungen nicht mildert, oder vielmehr seine Drohungen nicht in Bitten verwandelt. Das ist der Künstler! Der Genius eines Salvator Rosa ist nicht mehr für die Malerei begeistert: er hat gehört, dass Neapel aufsteht; dass sein Valerland das Joch der fremden Unterdrücker abschütteln will. Da verlangt er keine Werkstätten mehr; .nicht mehr nach dem Pinsel greift seine Hand. Die einzigen Nebenbuhler, die es niederzuwerfen gilt, sind die Spanier. Der Schöpfer der Pythonissa und des Prometheus ist nur noch ein Volkstribun, der am Rathe der Freiheit Theil nimmt, und die schönsten Tage seiner Jugend für die unsichre Hoffnung seines Landes aufs Spiel setzt. Und doch haben Salvator, und besonders Michel Angelo ein höheres Lebensalter erreicht, als Canova; sie haben viel weniger Werke hinterlassen: hat je ihrRuhm unter diesen grossmüthigen Abhaltungen gelitten?

Im Jahr 1802 ward unser Künstler nach Paris gerufen, um das Portrait Napoleons zu fertigen. Diess Bild, erst in Bronze, dann in Marmor ausgeführt, hat seltsame Schicksale gehabt: im friedlichen Besitze des Marmors ist Se. Herrlichkeit der Lord Wellington; der Bronze hat sich in eine obscure Akademie Mailands geflüchtet. Die Zeitungen dieses Landes wollten uns in der neuern Zeit glauben machen, dass die Unterhaltungen Canova's mit dem ersten Consul im Jahr 1802 und mit Napoleon im Jahr 1810, in dem Augenblicke, wo die Statue Marien Louisens errichtet ward, sich durch eine grosse Freimüthigkeit und edle Kühnheit von Seiten des Künstlers ausgezeichnet haben. Wenn wir jenen Künstler wieder in Paris finden, das er der eroberten Kunstschätze beraubte, nachdem er so lang im Solde Frankreichs gestanden, so werden wir sehen, welchen Glauben man jener Unabhängigkeit der Aufführung beimessen darf; dann wollen wir untersuchen, ob es wahrscheinlich ist, dass ein Herz, das die Rechte vergessen kann, die das Unglück ansprechen darf, fähig ist, einen grossen Widerstand gegen das Glück zu entwickeln.

Zwischen jenen beiden Reisen war Canova zu Wien gewesen, um das Monument der Erzherzoginn Marie Christine aufzustellen. Alle Ehren, alle Decorationen, alle Titel, alle Pensionen, die sich der Ehrgeitz eines Künstlers von der Freigebigkeit der Fürsten nur wünschen kann, hatte er erhalten. Er ward zum Marquis von Ischia, zum Ritter vom goldenen Sporn, zum Präsidenten oder Mitglied von zwanzig Akademieen ernannt. Man hat Medaillen zu seiner Ehre geschlagen. Eine Menge Städte haben ihm ihr Bürgerrecht geschickt. Er hat Tabacksdosen von England, Gnadengeschenke von allen Mächten des Nordens erhalten; aber, und diess darf nicht verschwiegen werden, er verwandte einen grossen Theil dieses Reichthums auf die Unterstützung des Unglücks, und auf die Aufmunterung der Künste. Er gab zu den Unterhaltskosten von drei Eleven (in der Sculptur; Malerei oder Architektur) in den römischen Staaten das Geld her. Er hatte Preisse gestiftet, Summen für gewisse archäologische Stiftungen eingeräumt, endlich einen grossen Theil seiner jährlichen Einkünfte den Hospitälern zufliessen lassen. Diess ist so wahr, dass, als er auf seine Kosten in seinem Geburtsorte Possagno eine Kirche wollte bauen lassen, er seine Vermögensumstände nicht hinreichend fand, und deswegen die einträglichsten Arbeiten mit dem ersten Jugendeifer, mit jener Anstrengung wieder vornahm, zu der ihn Anfangs nur die Armuth verurtheilt hatte. Diese Kirche, nach den Rissen des Architekten Selva erbaut, deren Anordnung jedoch Canova selbst mehr als Einmal geändert und berichtigt hat, konnte nicht unter seinen Augen vollendet werden. Seine Reste ruhen darinn. Seine Erben setzen die an gefangenen Arbeiten fort.

Doch wir wollen uns diese traurigen Erinnerungen nicht zu frühe vergegenwärtigen. Wir sind jetzt im Laufe seines an erzählenswerthen Begebenheiten nicht allzu reichen Privatlebens, an der letzten Reise nach Paris angekommen, die er im Jahr 1815 unternahm. Er kam in diese Stadt, um die Kunstwerke zurückzufordern, die ehemals dem Kirchenstaat gehört hatten; und obgleich er keine öffentliche Sendung darthun konnte, keinen diplomatischen. Charakter besass, so belagerte er doch die französischen Ministerien und Museen auf eine Weise, die bald zu ermüden anfieng. Bald sollicitirte er für den Papst, der im December 1804 vergessen habe, diese Forderung, als Bedingung einer bedeutenden Nachgiebigkeit, zu machen .... und bald vergass er, als gehorsamer Besorger der Reclamationen Venedigs, auf eine undankbare Weise, dass Paris auch ohne ihn genug Beraubungen würde erfahren müssen. Besonders vergass er - und man hat überhaupt die Erinnerung daran zu sehr verloren - dass die Franzosen den grössten Theil der italienischen Meisterwerke durch die Artikel des Traktats von Tolentino rechtmässig besassen. Der Sieger hatte damals von den Fürsten lieber dieses Opfer verlangt, als das Gold ihrer Völker. Diese Eroberung geistiger Schätze schien ihm der französischen Waffen würdiger, als der Schweiss des Armen, der nur allzuoft die Erniedrigung der Höfe abkaufen muss. Aber Canova, vom Hochmuthe des Sieges trunken, und auf fremde Protection gestützt, behandelte die Conservatoren der schon verödeten Museen, wie die Verhehler einiger niederträchtig entwendeter Gegenstände. Als er einst in Verlegenheit war, seine Ansprüche vor einem der französischen Minister geltend zu machen, der durch seinen Geist und noch mehr durch die Geschmeidigkeit seines politischen Gewissens berühmt ist, murmelte er: "Sono ambasciatore del Papa." - "Emballatore" wollen Sie sagen, erwiederte die Excellenz.

Man muss Canova selbst hören, in einem Brief an einen seiner Freunde (Paris, vom 2. October 1815. An den Grafen Cicognara), der mit vielen andern im Jahr 1823 zu Venedig gedruckt worden ist, wie er von den Anstrengungen spricht, welche er machte, um dieses Frankreich zuberauben, wo sein Talent nur allzusehr geehrt worden war:

"Es wäre doch wahrhaftig ein Scandal, wenn alle ihre Kunstwerke wieder erhielten, und Rom allein ausgenommen bliebe. Ich bin daher von den allirten Mächten bevolImächtigt, den grössern und bessern Theil unsrer Malereien und Bildwerke zurückzunehmen; ich sage, den grössern Theil, denn ich bin genöthigt, einige davon hier zu lassen: doch darf ich wählen. Ich habe den Trost, Ihnen zu sagen, dass unsere venetianischen Gemälde schon in meinen Händen sind und jetzt eben eingepackt werden. Das berühmte Nachtmahl von Paul (Veronese) wird hier bleiben. Man wird Ihnen sagen, der Kaiser von Oesterreich hahe meine Meinung in dieser Hinsicht hören wollen, um die Beweggründe zu rechtfertigen, warum das Bild bleiben und ein Tausch vorgenommen werden sollte. Die Beweggründe waren die, dass die Leinwand nicht transportirt werden könne, ohne sie zu zerschneiden oder gänzlich zu verderben. Allein ich hatte nicht den mindesten Antheil an dem Entschlusse, der gefasst war, ehe man mit mir darüber gesprochen. Die vier Pferde sind vom Triumphbogen abgenommen, sie werden nach Venedig zurückkehren. Der Kaiser hat gesagt, er wolle sie nach meinen Vorschlägen aufstellen lassen: ich habe ihm geantwortet, dass sie, zwei und zwei, auf jeder Seite des Thores am herzoglichen Pallaste, St. Georg gegenüber, sehr gut stehen würden. Diese Nachricht mag Ihnen zur Regel dienen. Sie können sich kaum denken, welchen Anlauf von Cabalen ich in diesem Land auszuhalten hatte!

"Sagen Sie doch ja, dass, als ich erfahren, der Kaiser von Oesterreich wolle mich über die Vorschläge in Beziehung auf das Nachtmahl befragen, ich geantwortet: noch nie hätte ich das Interesse und die Ehre meines Vaterlandes verrathen; und nie diesen Tausch gebilligt. Es war ein Glück für die, welche ihn vorgeschlagen, dass ich zu spät kam, und als es nicht mehr Zeit war. Ich sage Ihnen das, damit Sie die Wahrheit wissen, und dieselbe auch andern mittheilen.

"Die hauptsächlichen Meisterwerke der Sculptur sind in meinen Händen, d. h. in einer österreichischen Kaserne, wo sie verpackt werden. Sie werden mit den besten Gemälden eingepackt, die ich wieder erhalten konnte, ohne ein genaues Verzeichniss zu haben, wie ich es brauchte, und jeden Augenblick von Rom erwarte. Wenn etwas hier bleibt, so ist es nicht mein Fehler, sondern der Fehler dessen, der mich abgesandt hat, ohne alle Hoffnung des Gelingens, ohne ein einziges Document für das, was ich reclamiren sollte. Uebrigens ist das Beste genommen, und alles durch die Macht der preussischen, österreichischen und englischen Bajonette. Diese drei Mächte beschützen uns ganz besonders; und England bezahlt die Fracht von Paris bis Rom. Seltsame Sache!"

Ja wohl, seltsame Sache! Ketzer, die alljährlich das Bild des Papstes in Effigie verbrennen, die die Katholiken Irlands von allen Aemtern ausschliessen, sind so blind in ihrem Hasse gegen eine Nation, die ihre Nebenbuhlerin ist, dass sie das päpstliche Gouvernement salarieren, um so schnell als möglich einen Feind auszuziehen, den seine Verträge nicht mehr schützen!

Die Transfiguration Raphaels, der Apoll von Belvedere, der Laocoon wurden zu Rom mit dem Pompe des Triumphs aufgenommen, der einst die Schritte eines Scipio, eines Paul Aemil, eines Titus begleitete. Canova wurde zum Markese ernannt. Das war sein Antheil an der Ovation, welche das Kunstinteresse vielleicht sogar denjenigen empfahl, deren Vaterland in Trauer versenkt war; denn die Wahrheit muss doch wohl gestehen, dass der Himmel Roms, seine Palläste, die zahlreichen Künstler, die sich aus ganz Europa dort versammeln, diese Hauptstadt der poetischen Welt noch immer geeigneter, als irgend einen Ort der Erde machen, jene Meisterwerke aufzubewahren.

Canova gieng sodann nach London. Er wurde mit Eifer und Aufmerksamkeit von der ganzen Nation aufgenommen, deren Freigebigkeit ihm so viel Bewunderung eingeflösst. Sein Talent benützte die Untersuchung der Marmorwerke des Phidias, die ins brittische Museum verbannt sind. Vielleicht war zum erstenmal, seit der Expedition Lord Elgins, der Anblick dieser dem Pantheon entrissenen Reste dem Genius der Künste Nutzen bringend. Canova, in sein Vaterland zurückgekehrt, setzte selbst die an seine Bewunderung am meisten gewöhnten Kenner durch die Vervollkommnung seines Styls und der erhabensten Schöpfungen seines Talents in Staunen.

Aber diess Talent war dem Erlöschen nahe. Man muss hier nachholen, dass das Leben des berühmten Künstlers seit mehreren Jahren durch eine Magenlähmung bedroht war. Anstatt nach St. Petersburg zu gehen, wo er, um eine Statue des Kaisers Alexander auszuführen, welche den Pallast des dirigirenden Senats schmücken sollte, erwartet war, begab sich Canova gegen die Mitte des Monats September im Jahr 1822 nach Possagno, und nach einigen Leidenstagen, die jedoch das Vergnügen versüsste, die heimische Erde bewandeln und den Tempel aufsteigen sehen zu dürfen, den er Gott errichtet hatte, suchte er vergebens Hülfe in Venedig, und starb daselbst am 13. October desselben Jahres, in einem Alter von fünfundsechszig Jahren.

Man erzählt, in seinen letzten Augenblicken habe sein Haupt von dichterischer Eingebung gestrahlt; seine Physionomie war neu belebt, seine Augen vergrösserten sich, sein Blick hatte etwas vom Charakter himmlischer Anschauung; die Symptome aller Schmerzen verschwanden. So mochte er seyn, sagte einer der Umstehenden, als er den Gedankten vom Denkmal Clemens XIV. fasste; oder vielmehr schien es, als ob alle Ideen, die seine Arbeiten während seines ganzen Lebens beseelt hatten, sich jetzt seinem sterbenden Blicke vorstellten.

Der Patriarch von Venedig wollte die heiligen Gebräuche persönlich vollziehen. Das akademische Corps folgte den Resten des berühmtesten seiner Mitglieder, nachdem es seinem Andenken den Tribut einer Trauer-Lobrede bezahlt hatte. Während der Ceremonie bemerkte man, dass die einzige Lampe, die der Feierlichkeit ihren düstern Schimmer lieh, in der bronzenen Urne ruhte, die während mehrerer Jahrhunderte dazu gedient hatte, die Stimmen der Patricier im grossen Rathe zu sammeln. Diese Art von Candelaber schien ganz natürlich zu der letzten Ebrenbezeugung zu stimmen, die einer der letzten Zierden Venedigs enviesen ward. Rom setzte Canova'n eine Statue. Pius VII. liess ihm in der Apostelkirche ein feierliches Hochamt halten. Florenz, Treviso, Udine, Lodi, bezeugten öffentlich ihren Schmerz; die venetianischen Künstler eröffneten in ganz Europa eine Subscription, um ihrem Meister ein Denkmal zu errichten; Könige und Kaiser, damals auf dem Congress zu Verona versammelt, trugen alle mit Stolz dazu bei. -

Canova, dessen Werken wir in grosser Zahl gerechtes Lob ertheilt haben, er der Bildner der Frauen, er, der Haare, Extremitäten, Ohren, sogar die Nägel mit einer Feinheit ausführte, die selbst das Alterthum nicht gekannt hat, war doch nicht ganz frei von Irrthümern und Fehlern. Die Kritik hat mit Recht eine gewisse Geziertheit seines Styls in der Wahl der Stellungen, und die etwas manierirte Grazie seiner Figuren getadelt. Jene Grazie, die er aber auch oft rein und rührend getroffen hat, ist der hervorstechende Charakter seines Talentes. Diese Bedingung, die erste um den Beifall der Weltleute zu erhalten, sie ist es, welche die Schöpfungen seines Meissels in so hohem Grade populär gemacht hat. Es wäre schwer zu erklären, wie er eine Bahn hätte verlassen sollen, die, ohne ihm die Achtung der Kenner zu rauben, ihn täglich immer erneuten Triumphen der Eigenliebe und dem grössten Vermögen entgegenführte, das sich je ein Bildhauer der neuern Zeiten erworben hat. Wie wenige Menschen geizen nach Arbeiten, die ihren Lohn erst in der Zukunft finden, nach Opfern, die erst im Grabe gelohnt werden! Man muss der Verfasser Athaliens [Racine: "Athalie", 1691] oder des verlornen Paradieses [Milton: "The Paradise lost", 1658-65] seyn, um ohne Bedauern die Sorge, das Genie zu belohnen, einer Zeit anvertrauen zu können, die man nicht mehr erleben wird.

Wenn es gerecht ist, die Schönheiten ersten Ranges anzuerkennen, die sich in den Figuren der büssenden Magdalena, des weinenden Genius auf dem Grabmal Rezzonico's, eines Herkules, eines Theseus, einer Hebe, einer Polymnia, an der Gruppe der Grazien, an der strengen Statue von Napoleons Mutter finden, so ist es auch billig zu bemerken, dass die Vertheilung seiner Personen auf dem Grabmal Clemens XIII. der Grösse und dem Effect schadet; dass die Gewande, welche die Religion bedecken, zu schwer sind; dass derselbe Vorwurf die Composition trif[f]t, welche die Stadt Padua unter der Gestalt einer mit Mauerzinnen gekrönten Frau darstellt; dass die Wolken, auf denen Hebe ruht, nicht leicht genug sind; dass in der Bildsäule des Perseus der untere Theil des Rumpfes verfehlt, dass die ganze Figur des Palamedes ein Irrthum ist; endlich, dass einige Amoretten zu Neapel, und mehrere Bas-reliefs, die wir in unsern Umrissen nicht mit aufgeführt haben, des Ruhmes unwürdig sind, den sich Canova erworben hat.

In Frankreich ist Canova mit einer Partheilichkeit und mit einer Missgunst beurtheilt worden, die beide von einem gerechten Urtheil gleich weit entfernt sind. Wenn übrigens etwas den Widerwillen aufgeklärter Geister, eine Ueberlegenheit überall anzuerkennen, wo sie sich antreffen lässt, rechtfertigen könnte, so könnte der Widerwille gewisser französischer Künstler als rechtmässig erscheinen durch die unmässigen Lobhudeleyen, die öffentlich an den Künstler verschwendet worden sind: wie denn ein Akademiker sich nicht gescheut hat, einer alten Freundschaft die gesammte französische Schule, und namentlich Künstler aufzuopfern, die sich durch sehr hohe und ernste Eigenschaften auszeichnen, die dem Ruhme und selbst dem Talente Canova's fremd geblieben sind. -

Die Feinde Canova's haben ihm vorgeworfen, künstliche Mittel und einige Charlatanerien angewandt zu haben, um seinem Marmor eine harmonischere Farbe zu verschaffen, und seinem Fleische mehr Morbidezza zu geben. Gewiss aber war der mächtigste Zauber, dessen er sich bedienen konnte, um zu verführen, das Geheimniss seines Meissels; was seine andern Mittel betrifft, so hat er daraus nie ein Geheimniss gemacht. Man weiss, dass er, um neuen Werken einen günstigen Teint zu geben, den die Antiken haben, sich einer enkaustischen Farbe bediente, mit der er mehrere seiner Statuen überzogen hat. Man vermuthet, dass die Antiken eines Apollo, einer Venus und eines Antinous, die uns durch ihre markichten Umrisse entzücken, einst künstlich so zubereitet worden; mehrere Schriftsteller, unter andern Plinius, haben uns die Versicherung hinterlassen, dass Praxiteles dem Nicias die Sorge anvertraute, seinen Werken eine günstigere mildere, und gleichere Farbe zu geben. Phidias hat Elfenbein und Gold angewandt: wem ist jemals eingefallen, eine Anklage hieraus gegen ihn zu bilden?

Zwei Thatsachen gehören dem Leben Canova's an, die wir wegen der innigen Verbindung, in welcher sie mit der Geschichte seiner Zeit stehen, nicht mit Stillschweigen übergehen dürfen.

Die kolossale Statue Ferdinand IV, die durch den Drang der Ereignisse, welche diesen Fürsten zu dem klugen Entschlusse nöthigten, sich in Sicilien zu verschanzen, unterbrochen worden war, wäre vielleicht nie vollendet worden; sie schmachtete in einem dunkeln Winkel von Canova's Werkstätte: als einer der französischen Krieger sie entdeckte, der damals auf einem europäischen Throne sass. "Vollenden Sie sie, sagte Joachim zu dem Künstler: es ist ein Denkmal, das der Geschichte des Reichs angehört."

Wenige Zeit verstrich, so starb der Beschirmer der Statue, erschossen auf Befehl des Urbildes (x).

Das Pferd, das die Statue Carls des Dritten, Königs von Spanien, trägt, wurde für die Bildsäule Napoleons modellirt. Der Eroberer schätzte das Talent Canova's ganz besonders; doch war er nie ganz mit seinen Bemühungen zufrieden, wann jener es versuchte, sein eignes Bild auszudrücken. Vor dem nackten Athleten, der sein Porträt seyn sollte, hatte der Kaiser zu einem seiner Höflinge gesagt: "Meint dieser Bildhauer, ich gewinne meine Schlachten mit Faustschlägen?" Und in Gegenwart des Bildners fügte er hinzu: "Es gibt Niemand, der mit diesem Werke zufrieden wäre, als Sie und mich." Der Künstler vertheidigte sich mit der Gewandtheit eines Schmeichlers; und als man ihn fragte; warum die nämliche Heldengestalt, in der Composition zu Pferde, die er entworfen hatte, den Blick rückwärts kehre; so antwortete er: "E prova che sta il primo di tutti."

Von diesem arbeitvollen Leben des Künstlers ist ein Ruf übrig geblieben, der über die Grenzen von Europa hinaus gedrungen ist. Der Senat von Carolina hat gewünscht, dass Washingtons Züge durch den gewandten Meissel dargestellt wurden, der bisher nur Fürsten beseelt hatte. Canova musste, als er diese Einladung von Seiten eines freien Volkes erhielt, wohl ahnen, dass die Sculptur, oder wenigstens die Bedingungen ihrer glücklichen Fortschritte in der Zukunft eine Aenderung erleiden werde. Wie könnte man denken, dass unter Regierungen, welche die Einführung von Gesetzen, die dem Volke das Recht ertheilen, über der Verwendung seines Goldes, und dem Nutzen der Opfer, die es bringen will, zu wachen: dass unter solchen man den Marmor zu Darstellungen eines Ganymedes, einer Iris, eines Minotaurus verbrauchen werde? Eine gleichmässigere Vertheilung des Vermögens hat einer guten Anzahl von Prälaten den Vortheil benommen, Erigone's aufzutragen, oder Androgynen und Callipygen verfertigen zu lassen. Die Sitten, die uns die Revolution hinterlassen hat, widerstehen selbst in den Herzen unsrer Wechsler der Begünstigung solcher Ueberlieferungen der alten guten Zeit. Sollte wohl jetzt bei den Handlungen eine ungewohnte Sittlichkeit Bedürfniss werden, wenn sie in das Gebiet der Künste übergehen sollen, und bei den Fürsten, Eigenschaften, die man bisher nicht gefordert hat, um zu der Ehre eines Denkmals zu gelangen?

* Nach der Versicherung öffentlicher Blätter der damaligen Zeit, war die Begnadigung Murats vom Könige Ferdinand ausgesprochen; der Ueberbringer dieser Botschaft kam aber zu spät.

*****

3. Biographische Angaben zu Henri de Latouche

Henri de Latouche, mit vollem Namen: Hyacinthe-Joseph Alexandre Thabaud de la Touche, geboren 2. Februar 1785 in La Châtre und gestorben 9. März 1851 in Chatenay-Malabry, war ein französischer Schriftsteller, Journalist und Dichter.

— — — —

Delatouche, geb. 1785, war während des Kaiserreichs im Verwaltungssache in Rom angestellt u. widmete sich nach der Restauration der Tagesschriftstellerei, nachdem er schon 1810 als dramatischer Dichter aufgetreten war. Er wurde Mitarbeiter des Constitutionel, dessen Unterdrückung er 1817 in Folge einer Indiscretion herbeiführte. Besonderes Verdienst erwarb er sich 1819 durch die Herausgabe der Gedichte André Chenier's. Er entwickelte eine große journalistische Thätigkeit u. trat als Kritiker, Dichter u. Romanschriftsteller an die Spitze der Romantischen Schule. Seit 1825 redigirte er den Merkur u. nahm 1830 lebhaft Theil an der revolutionären Bewegung. Durch den Cynismus seiner Schriften, seine Neigung zu Mystisicationen u. zu beißenden Besprechungen u. satyrischer Verhöhnung von Personen u. Zuständen erregte er großen Anstoß. Seit 1831, wo sein neuestes Lustspiel auf dem Théâtre français durchfiel, griff er mit mehr Bitterkeit als Verstand die Kritik an u. gab sich, je mehr sein literarischer Ruf sank, einem düstern Pessimismus hin. Er starb fast vergessen 1851 in Paris.

Quelle:Pierer's Universal-Lexikon. 4. Auflage 1857–1865. DVD-ROM-Ausgabe, Neusatz und Faksimile (Digitale Bibliothek; 115) Berlin: Directmedia 2005. Hier Bd. 4, S. 810; digitale Ausgabe S. 57466. Artikel gekürzt.

*****

4. Rechtlicher Hinweis und Kontaktadresse

Alle Vorlagen entstammen einer privaten Sammlung. Die private Nutzung und die nichtkommerzielle Nutzung zu bildenden, künstlerischen, kulturellen und wissenschaftlichen Zwecken ist gestattet, sofern Quelle (Goethezeitportal) und URL (www.goethezeitportal.de/index.php?id=3450) angegeben werden. Die kommerzielle Nutzung oder die Nutzung im Zusammenhang kommerzieller Zwecke (z.B. zur Illustration oder Werbung) ist nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung der Verfasser gestattet. Ein Rechteinhaber ist dem Goethezeitportal nicht bekannt, ggf. bitten wir höflichst um Nachricht.

Kontaktanschrift:
Prof. Dr. Georg Jäger
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Deutsche Philologie
Schellingstr. 3
80799 München

E-Mail: georg.jaeger07@googlemail.com


zurück zum Anfang

zur ersten Seite

Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit