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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Empfehlungen der Redaktion

25. Juni 2009

Gunter E. Grimm:
Die Macht des Gesanges“. Loreleys Verführungskünste in Opern des 19. Jahrhunderts

Das im ‚Biedermeier’ verbreitete Frauenbild bevorzugte introvertierte, sanfte und tugendhafte Frauen, häusliche, in der Familienpflege aufgehende Geschöpfe, die neben einer zahlreichen Kinderschar auch für den außer Hause arbeitenden Gatten zu sorgen hatte. Die vom Mutter- und Gattinnentypus abweichende Frau geriet leicht in den Ruf der Außenseiterin. Suffragetten waren wenig geschätzt, die männliche Phantasie liebte mehr das Exotische oder das Zauberhafte. Nichtbürgerliche Frauen waren Elfentypen, zarte Wesen der Lüfte oder des Wassers, Feen und Nixen. Die Literatur des 19. Jahrhundert wimmelt  von solchen Wasserfrauen, Melusinen und Undinen bis zur schönen Lau. Oder sie waren Unholdinnen, Hexen aller Art, wie man sie von Shakespeare her kannte, meist hässlichen Aussehens, geschmückt mit Warzen und Krallenfingern, und ausgestattet mit fataler Zauberkraft. Ludwig Richter, der durch seine Illustrationen von Ludwig Bechsteins Märchen besondere Popularität erlangte, hat drei solcher Zauberfrauen prototypisch fixiert: die „alte schlimme Hexe“, die Zauberin und die Nixe. 

Bereits im 19. Jahrhundert hatte sich die Ansicht etabliert, bei der Loreley-Geschichte handle es sich um eine Volkssage, die von verschiedenen Dichtern in mehr oder weniger einprägsame Verse gebracht worden sei. Dabei weiß man mittlerweile ja, dass der Erfinder dieser Sage oder dieses Mythos der Dichter Clemens Brentano war, dass Dichter wie von Heinrich von Loeben, Karl Geib, Heinrich Heine oder Joseph von Eichendorff diesen Stoff dankbar aufgriffen, wobei die Bilder der Zauberfrauen auf die jeweiligen Gestaltungen bestimmenden Einfluss nahmen. Die Bilderindustrie des 19. Jahrhunderts hat Heines dämonische Verführerin popularisiert und verharmlost – ganz in der Tradition der biedermeierlichen Märchenillustrationen. Loreley posierte als mehr oder weniger blonde und stämmige Germania-Figur auf ihrem Felsen und schickte die tumben Männer in den Tod. Die Lorelei-Illustration, die Adolf Ehrhardt 1853 für Bechsteins Sagenbuch sowie die Stahlstiche, die Jakob Felsing nach einem Gemälde Carl Ferdinand Sohns 1858 und Goldberg nach einem Gemälde von Wügen 1865 angefertigt haben, orientieren sich an dieser Bildtradition.

Das Motiv, wieso die verführerische Sirene Loreley auf dem Rheinfelsen sitzt, um dort ihr tödlich-betörendes Lied zu singen, blieb bei Heine im Dunkeln. Die kriminalistische Frage zielt auf ein Schicksal, das sich hinter der Beschreibung einer Situation auftut. Brentanos Ballade erzählt die ergreifende Geschichte einer unglücklichen Liebe, aber die Heinesche Loreley scheint mit dieser Gestalt wenig gemeinsam zu haben. Die Dramatiker, die sich des Sujets annahmen, mussten aber auf eine Geschichte zurückgreifen, und da bot sich in der Tat die Brentanosche Fassung an. Brentano hatte sich der Loreley-Figur in zwei Dichtungen angenommen, zum einen in der Ballade „Zu Bacharach am Rheine“, die in den Roman „Godwi“ von 1802 eingelagert ist, und zum andern in den „Rheinmärchen“, die 1846 posthum veröffentlicht wurden. Während die Lore Lay der Ballade sich selbst in den Rhein stürzt und ihr ritterliches Begleitpersonal in den Untergang treibt, figuriert die Loreley der „Rheinmärchen“ als eine ihr Blondhaar kämmende Zauberfrau, obendrein als Hüterin eines verborgenen Schatzes und ist außerdem mit dem Fluch belegt, einen Menschen lieben zu müssen und von ihm hintergangen zu werden. Sie ist jedoch keine Verderben bringende Zauberin.

Es wäre sonderbar, wenn Opernkomponisten nicht nach diesem dankbaren Stoff gegriffen hätten. Hatte bereits die Antike in der Gestalt Kirkes eine veritable Zauberin, und lieferte Ariost mit seinem „Rasenden Roland“ auch eine brauchbare Vorlage für Händels Oper „Alcina“, so boomten insbesondere im 18. Jahrhundert Zauberstücke und auch Zauberopern. Hier konnte die geheimnisvoll-magische Macht weiblicher Verführung auf die Bühne gestellt werden und die Männer als letzten Endes genasführtes schwaches Geschlecht entlarvt werden. Gehört nicht etwa auch Mozarts „Zauberflöte“, in der Magie und Zauberei eine große Rolle spielen, noch zu den Ausläufern dieses Typus?

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26. Mai 2009

Anton Philipp Knittel:
Carl Gustav Carus. Eine biografische Skizze

Die biografische Skizze stellt den Dresdner Arzt Carl Gustav Carus (1789-1869), Maler, Ästhetiker, Psychologe, Philosoph und Naturwissenschaftler, einer der letzten Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts, vor. Eigentümlich für diesen Polypragmatiker ist eine angestrebte Konvergenz ästhetischer und wissenschaftlicher Naturbetrachtung. Das gesamte Werk des „strengsten und behutsamsten unter den romantischen Denkers“, wie die Schriftstellerin Ricarda Huch ihn bezeichnet hat, lässt sich gar als Paradigma einer „epochalen Konstellation“ lesen, wie sie Karl Richter allgemein definiert hat.

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17. Mai 2009

Ernst Fischer:
„Immer schon die vollständigste Preßfreiheit“? Beobachtungen zum Verhältnis von Zensur und Buchhandel im 18. Jahrhundert

Wie drückend waren die Zensurverhältnisse im 18.Jahrhundert? Für das territorial zersplitterte Deutschland jener Epoche wird man eine flächendeckend zutreffende Antwort nicht geben können; überraschend aber, wie klar sich der Buchhandel zu dieser Frage geäußert hat: Friedrich Perthes zufolge herrschte damals die „vollständigste Preßfreiheit, der Sache und der That nach“. Das Rätsel dieser rückhaltlos positiven Bewertung löst sich im Blick auf die durchgehend glimpfliche Behandlung, die Buchhändler in Zensurangelegenheiten erfahren haben: Ihnen kam zugute, dass der Buchhandel inzwischen zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor aufgestiegen war und jede Einschränkung seiner Tätigkeit durch obrigkeitliche Kommunikationskontrolle unter Gesichtspunkten des merkantilistischen Territorialinteresses unerwünscht sein musste. Dieser Antagonismus zwischen Ökonomie und Zensur spiegelt sich auch in den kameralistisch-gewerbepolitischen Argumentationsmustern, die für die Behörden handlungsleitend geworden waren und dem Buchhandel – jedenfalls bis zur Französischen Revolution – beträchtliche Freiräume verschafft haben. Der Beitrag gibt den Blick frei auf einen Problemzusammenhang, der in der (immer noch stark vorurteilsbehafteten) Zensurgeschichtsschreibung häufig übersehen wird.

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14. April 2009

Katja Mellmann:
Das Buch als Freund – der Freund als Zeugnis. Zur Entstehung eines neuen Paradigmas für Literaturrezeption und persönliche Beziehungen, mit einer Hypothese zur Erstrezeption von Goethes Werther

Wenn der fiktive Herausgeber von Werthers Briefen seinen Lesern das Buch als einen "Freund" anempfiehlt, so legt er nahe, dass literarische Werke eine parasoziale Funktion erfüllen können. Dem korrespondiert in der Werkstruktur eine emotive Strategie der Figurenrede, die in der Empfindsamkeit zur Stimulation von Mitleid entwickelt wurde, von Goethe aber zur konsolatorischen Kommunikation von Individualität eingesetzt wird. Die Analyse dieser Technik wirft auch neues Licht auf das so genannte Wertherfieber, das - entgegen dem Forschungstopos vom Missverständnis des Werks durch eine unreife Leserschaft - nun als geglückte Kommunikation einer jugendlichen Sub- oder Pop-Kultur erscheint.

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03. März 2009

Rudolf Drux:
„Aber abseits wer ist’s?“. Goethes Harzreise im Winter und die Rhapsodie des Johannes Brahms (im Kontext romantischer Winterreisen)

Mit seinem hymnischem Gedicht ‘Harzreise im Winter’, in dem Goethe auf seinen im Dezember 1777 unternommenen „Ritt“ durch den Harz und die Besteigung des verschneiten Brocken rekurriert, hat er zwei für die romantischen Versionen winterlicher Reisen konstitutive Diskurse vorgeprägt: Zum einen ist ihnen die Reflexion über ihre poetische Gestaltung eingeschrieben, zum andern vermittelt die Schilderung frostiger und lebloser Landschaften eine (wie auch immer geartete) krisenhafte Situation und melancholisch-weltschmerzliche Stimmung. Diese wird in Goethes Gedicht mit der Frage nach dem einsamen ‚Menschenfeind’ hervorgerufen, der sich in die Öde zurückgezogen hat. Die ihm gewidmeten Strophen V-VII hat Brahms 1869 in seiner Rhapsodie vertont und mit seiner Komposition die Gewissheit einer Erlösung aus unglückseliger „Selbstsucht“ zum Ausdruck gebracht. Hingegen deutet Goethe nur die Möglichkeit einer Heilung der zur Werther-Zeit grassierenden „Empfindsamkeits-Krankheit“ in den vielschichtigen Bildern seiner ‚Harzreise’ an, mit denen er die Symbolik seiner klassischen Dichtung antizipiert.

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02. März 2009

Katharina Mommsen:
Goethe und unsere Zeit. Festrede im Goethejahr 1999 zur Eröffnung der Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft im Nationaltheater zu Weimar am 27. Mai 1999

Goethe und unsere Zeit - das Thema ist wichtig, denn erst wenn wir das Verhältnis Goethes zu unserer Zeit und das Verhältnis unserer Zeit zu Goethe geklärt haben, wissen wir, was wir eigentlich tun, wenn wir uns mit Goethe beschäftigen, welchen Sinn es hat.

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08. Februar 2009

Stefan Schweizer:
Zwischen Poesie und Wissen. E.T.A. Hoffmanns Der Magnetiseur. „... und die Welt wird neu geordnet“. Kontinuität und Bruch.

Der vorliegende Aufsatz über E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Magnetiseur (1814) will textimmanente Komponenten mit kontextanalytischen Teilen verbinden. Die textimmanente Analyse umfasst dabei konventionelle erzähltextanalytische Fragen wie z.B. diejenigen nach den Erzählsituationen, der Figurenanlage und den Figurenkonstellation. Die rein textimmanent verfahrende Analyse sollte aber, um den wünschenswerten Analyseertrag zu erbringen, durch eine Kontext-Analyse ergänzt werden, welche um den Themenbereich des Mesmerismus bzw. Magnetismus und der Traumforschung der Anthropologie der Romantik kreist. Ein innovativer Aspekt des Aufsatzes liegt demnach darin, dass dezidiert und en detail ein wesentliches Element des Kontextes der Hoffmann-Erzählung in die Analyse einbezogen wird. Der angesprochene Kontext besteht aus Schuberts Magnetismus-Theorie, welche Hoffmann nachweislich bekannt war und ihm in schriftlicher Form vorgelegen hat.

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31. Januar 2009

Katharina Mommsen:
Herzogin Anna Amalias »Journal von Tiefurth«
als Erwiderung auf Friedrichs II. »De la littérature allemande«

Der Vortrag beleuchtet das «Journal von Tiefurth« der Herzoginmutter Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach vom Sommer 1781 in seinem politischen Zusammenhang mit des preussischen Königs Friedrich II. Manifest »De la Littérature Allemande« von Ende 1780. Beide Erscheinungen, die man gewöhnlich nur als beiläufige Fußnoten zur Literaturgeschichte zur Kenntnis genommen hat, werden durch Detektiv-Philologie in einen schlüssigen politischen Zusammenhang gesetzt, der beiden erst ihre rechte Bedeutung gibt.

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05. Januar 2009

Martin Dönike:

»... Durch List und den ganzen Inbegriff jener Künste, die die Notwehr dem Schwachen an die Hände gibt«.
Zur Denkfigur der Notwehr bei Kleist

Der Aufsatz widmet sich einem 1810 in Heinrich von Kleists Berliner Abendblättern erschienenen Distichon mit dem programmatischen Titel „Nothwehr“ und unternimmt es, die in den beiden Versen geschilderte Technik der Täuschung und Verstellung vor dem Hintergrund der französischen Besetzung Preußens zu deuten. Dabei zeigt sich, daß das Notwehr-Distichon nicht nur als Lektüreanweisung zur Entschlüsselung der in den Abendblättern abgedruckten, vermeintlich pro-französischen Nachrichten zu verstehen ist, sondern darüber hinaus eine Denkfigur formuliert, der für Kleists Werke eine gewisse Schlüsselfunktion zukommt.

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05. Januar 2009

Hiltrud Häntzschel:

"Hitler bei Betrachtung von Goethes Schädel“. 
Das Goethe-Jahr 1932 in der populären Presse

1932 befindet sich die Weimarer Republik an ihrem politischen, wirtschaftlichen und  gesellschaftlichen Tiefpunkt. Was ließe sich angesichts des angeschlagenen Selbstbewußtsein der Nation besser instrumentalisieren als der hundertste Todestag des Olympiers Goethe, als die Epiphanie des Unsterblichen, als ein "Ehrenjahr des deutschen Menschen und der deutschen Kultur". Nicht nur in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Goethes Werk und den gigantischen staatlichen Feierlichkeiten, mehr noch in den populären Medien, in allen Radiosendern, in sämtlichen Zeitungen, in allen politischen Lagern, von Nationalsozialisten und Katholiken, von Juden und Kommunisten wird Goethe auf fatale Weise ideologisch vereinnahmt.

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Das Fach- und Kulturportal der Goethezeit