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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Empfehlungen der Redaktion im Jahre 2006

04. Dezember 2006

Dieter Heimböckel:
Eichendorff mit Kleist. Das Schloß Dürande als Dichtung umgestürzter Ordnung

Der vorliegende Beitrag unterzieht Joseph von Eichendorffs Novelle „Das Schloß Dürande“ einer anagrammatischen Lektüre, indem er Kleists Werke im Sinne von Jean Starobinski als abwesend gegenwärtig denkt. Damit erweisen sie sich in unterschiedlichen Zusammenhängen (thematisch, erzählerisch und sprachlich) als anschlussfähig, andererseits teilt sich der subversive Charakter, der sie auszeichnet, unmittelbar auch dem Eichendorff-Text mit. Gerade aber weil es der Novelle gelingt, den Eindruck stilistischer Unverwechselbarkeit zu erwecken, treibt sie die Subversion auf die Spitze. Das macht sie in einem (im Vergleich zu Kleist) ganz anderen, vielleicht deshalb jedoch umso radikaleren Sinne zu einer Dichtung umgestürzter Ordnung.

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01. Dezember 2006

Timo John:
Adam Friedrich Oeser 1717-1799. Studie über einen Künstler der Empfindsamkeit

Oeser bestimmte fast ein halbes Jahrhundert das künstlerische Leben Leipzigs. Neben seiner Arbeit als erster Direktor der Leipziger "Zeichnungs-, Mahlerey- und Architectur-Academie" war er über zehn Jahre lang als Künstler am Weimarer Musenhof der Herzogin Anna Amalia tätig und prägte dort bis zu Goethes Rückkehr aus Italien den Kunstgeschmack in der thüringischen Residenzstadt. Oeser ging in erster Linie als Freund Johann Joachim Winckelmanns und Zeichenlehrer Goethes in die Kunstgeschichte ein. Eine Untersuchung seines facettenreichen künstlerischen Schaffens, das im Spannungsfeld zwischen den Theorien eines akademischen Klassizismus und dem Bedürfnis nach einer gefühlsbetonten Kunst seiner Auftraggeber lag, hat bislang nicht stattgefunden. Die aus der Dissertation des Autors an der Universität Halle-Wittenberg (2000) hervorgegangene Publikation zeigt die Bedeutung des kulturhistorischen Phänomens der Voraussetzungen für den Niederschlag dieser Erscheinung in Oesers Kunstschaffen. Um sein künstlerisches Werk stilistisch neu einordnen zu können, wurden Oesers Sujets (Landschaftsdarstellung, Gartengestaltung, Denkmale der bürgerlichen Aufklärung, Allegorie, Deckenmalerei, Christuszyklus in der Nikolaikirche Leipzig) anhand des von Richard Hamann definierten Begriffs eines "empfindsamen Klassizismus" untersucht.

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23. November 2006

Petra Mayer:
E.T.A. Hoffmanns Meister Floh: Eine grotesk märchenhafte Satire

„Das Buch hat keine Haltung, keinen großen Mittelpunkt, keinen inneren Kitt.“ Dieses niederschmetternde Urteil Heines hallt bis heute in der Rezeption von E.T.A. Hoffmanns sogenanntem Kunstmärchen "Meister Floh" nach. Die vorliegende Bachelor-Arbeit begreift die monierte Heterogenität jedoch nicht als Defizit, sondern als bewusst angelegtes Stilmittel. Die Analyse zeigt Hoffmanns kunstvollen Einsatz von Gestaltungsprinzipien der literarischen Groteske (Brüche, Ambivalenzen, Digressionen, intertextuelle Bezüge, Metafiktion) und legt gleichzeitig Bezüge zur menippeischen Satire offen. Eine Gattungsrevision wird so unvermeidlich: Nein, Meister Floh ist kein Märchen, sondern eine grotesk märchenhafte Satire – und zwar in der menippeischen Tradition.

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11. November 2006

Jutta Assel:
Deutsche Bilderbibeln im 19. Jahrhundert. Insbesondere nazarenische Bilderfolgen zum Alten und / oder Neuen Testament

Der Aufsatz behandelt die kinder- und volkspädagogisch orientierten Bilderbibeln im Zusammenhang eines kurzen Aufrisses der konstanten Diskussion um ihre Funktion. Vorgestellt werden insbesondere nazarenische Bilderfolgen von Julius Schnorr von Carolsfeld, Friedrich Olivier, Wilhelm von Kügelgen u.a. Eine Auswahlbibliographie der Bilderbibeln für Kinder und Jugendliche sowie der schulischen Wandtafeln und illustrierter Prachtbibeln ergänzt den Beitrag.

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16. Oktober 2006

Philipp W. Hildmann:
Von sinnlichen Brüdern und Kuttenstinkern. Jeremias Gotthelfs Auseinandersetzung mit den konfessionellen Konflikten seiner Zeit

Kein Thema hat die Schweiz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nachhaltiger geprägt, als die konfessionellen Konflikte, die bis hin zum blutigen Bürgerkrieg von 1847 ausgetragen wurden. Inmitten dieser Kämpfe steht der streitbare reformierte Pfarrer Jeremias Gotthelf als schreibender Augenzeuge. Der vorliegende Beitrag geht in detailgenauen Analysen den Spuren nach, die diese Auseinandersetzungen in seinem umfangreichen Gesamtwerk hinterlassen haben.

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04. September 2006

Philipp W. Hildmann:
Die Christenheit oder Europa oder Von Novalis lernen? Zur Relevanz eines romantischen Referenztextes im aktuellen Europadiskurs

So oft im Europadiskurs der vergangenen Jahre der Versuch einer Bestimmung dessen unternommen wurde, was denn die innere Identität dieses Europa jenseits einer bloßen Zweckgemeinschaft für Wirtschaft und Sicherheit ausmache, gelangte ein Text in großer Regelmäßigkeit zu Ehren der Zitation: Novalis Rede Die Christenheit oder Europa (1799). Doch hält dieser geschichtsphilosophische Essay wirklich, wofür er im aktuellen Europadiskurs vereinnahmt wird? Lassen sich diesem frühromantischen Zeugnis Impulse abgewinnen, die zu einer Präzisierung der strittigen Unbestimmtheit einer europäischen Identität beitragen können? Gibt es triftige Gründe dafür, weshalb Europapolitiker noch heute Novalis lesen sollten? Oder müssen wir nach eingehender Prüfung doch von einem „unnützen“ Aufsatz sprechen, wie dies der ungekrönte König der Romantik, Ludwig Tieck, bereits 1837 unverblümt getan hat?

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04. September 2006

Thomas Borgstedt:
Frühromantik ohne Protestantismus.
Zur Eigenständigkeit von Clemens Brentanos ‚Godwi’-Roman

Clemens Brentanos erster und einziger Roman „Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter – Ein verwilderter Roman“, weicht von den geläufigen Modellen der Frühromantik, vom Bildungs- und vom Künstlerroman, erheblich und substantiell ab. Den Roman durchzieht eine christlich-katholische Bildwelt, die sich von den ursprünglich ästhetisch motivierten Betrachtungen christlicher Kunst durch die Frühromantiker abhebt, und die daran erinnert, daß sich Brentano konfessionell von den durchweg protestantischen Jenaer Romantikern unterscheidet. Der Aufsatz untersucht wesentliche Tendenzen des Romans unter dem Gesichtspunkt ihrer konfessionellen Signifikanz. Es zeigt sich, dass entscheidende Merkmale des Texts, und zwar gerade auch diejenigen, die im Kontext einer späteren Moderne anschließbar geblieben sind, aus der konfessionellen Differenz von frühromantischem Diskurs und Brentanoscher Adaption hervorgehen. Dabei soll die kulturelle Differenz selbst als Motor der Diskurserneuerung sichtbar werden, indem sie zu motivieren vermag, was sonst allein der Singularität des Dichters zugeschrieben werden müßte.

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03. September 2006

Steffi Roettgen:
Johann Dominicus Fiorillo. Kunstgeschichte und die romantische Bewegung um 1800.

Untersucht werden die Darstellungsmethode Fiorillos in seiner Kunstgeschichte Spaniens (1806) und Englands (1808). Zum Vergleich dienen sein berühmtestes Werk, die „Geschichte der zeichnenden Künste“ (1798-1801), die der Malerei Italiens galt, und Luigi Lanzis „Storia Pittorica della Italia“ (1809, dt. 1830). Deutlich werden auch die Arbeitsweise und die Quellen Fiorillos.

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21. August 2006

Gunter E. Grimm:
„Halb zog sie ihn, halb sank er hin..“
Lektüre im Briefwechsel zwischen Johann Gottfried Herder  und Caroline Flachsland

Dazu aus einer Rezension in www.literaturkritik.de von Christoph Schmitt-Maaß zum Sammelband „Geselligkeit und Bibliothek“:

„In seinem anregenden Aufsatz geht Gunter E. Grimm den im Briefwechsel zur Sprache kommenden Lektüren Herders und seiner späteren Ehefrau Caroline Flachsland nach. Diesen falle, so Grimm, eine entscheidende Bedeutung im Selbstverständigungsprozess der späteren Eheleute zu: Herders konservatives Frauenbild erfahre durch Caroline Flachslands Lektüren Brechungen und Wandlungen.“

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21. August 2006

Gunter E. Grimm:
Antikerezeption am Beispiel anakreontischer Musen-Gedichte

Der Beitrag behandelt am Beispiel von Gleims Musengedichten ein breites Spektrum typischer Einsatzmöglichkeiten des Musentopos und schlägt den Bogen zur Gegenwart, wo andere Techniken dieses traditionelle Muster ersetzen.

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21. August 2006

Gunter E. Grimm:
„das Beste in der Erinnerung“. Zu Johann Gottfried Herders Italien-Bild

Herders Italienbild hat sich stufenweise herausgebildet: Am Anfang steht eine Vorerwartung, die sich aus Lektüren und fremden Erwartungen speist; die eigenen Reiseerfahrungen differenzieren die Stereotypen in ständigem Vergleich mit der deutschen Heimat und mit Goethes Italienerfahrungen; die Erinnerungen danach kehren wieder zu gewissen Klischeehaltungen zurück. Der Beitrag zeigt, dass sich einerseits die Differenziertheit seiner Italienerfahrungen, wie sie sich in den unterschiedlichen Beobachtungen seiner Briefe manifestierte, mit dem zeitlichen Abstand zunehmend verlor, sich andererseits die bereits während der Reise vorhandene (latente) Tendenz einer Wirklichkeitsverdrängung verstärkte. In der Erinnerung hat sich der ‚Traum’ von Italien an die Stelle der erlebten Wirklichkeit gesetzt.

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10. Juli 2006

Achim Geisenhanslüke:
„Mit den Menschen ändert die Welt sich.“ 
Humanität, Mythos und Geschichte in Goethes Iphigenie auf Tauris und Novalis’ Hymnen an die Nacht

Der Bezug zwischen Goethe und Novalis wird meist im Blick auf die Tradition des Bildungsromans gesetzt. Demzufolge knüpft der Heinrich von Ofterdingen an den Wilhelm Meister an, um zugleich über das Vorbild hinauszugehen. Der Aufsatz entwickelt eine ähnliche Perspektive, verschiebt den Akzent aber, indem er den Schwerpunkt auf den Vergleich der Darstellung des Verhältnisses von Mythos und Geschichte in Goethes Iphigenie auf Tauris und Novalis’ Hymnen an die Nacht legt.

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10. Juli 2006

Achim Geisenhanslüke:
Aspekte der Marienlyrik um 1800: Schlegel – Novalis – Hölderlin

Trotz der Ablehnung des Marienkults im Protestantismus kommt es in der Sattelzeit um 1800 zu einer auffälligen Wiederkehr der Figur Marias in Gedichten von Friedrich Schlegel, Novalis und Hölderlin. Leitfaden der Untersuchung ist die Frage nach Kontinuität und Wandel des Marienbildes, der trinitarischen Aspekte der Mariendichtung sowie der geschichtsphilosophischen Implikationen moderner Marienlyrik im Kontext einer Aufwertung der Weiblichkeit, der im Rahmen der romantischen Orientierung am christlichen Vatergott zugleich enge Grenzen gesetzt bleiben.

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10. Juli 2006

Achim Geisenhanslüke:
Allegorie und Schönheit bei Moritz

Spätestens seit Goethes Abwertung der Allegorie zugunsten des Symbols scheint der Begriff der Allegorie in literarischen und poetologischen Schriften der Zeit deplaziert. Das gilt auch für Karl Philipp Moritz, der eine scharfe Unterscheidung von Allegorie und Schönheit aufgrund der Folie Äußerlichkeit-innere Vollkommenheit vorlegt. Der Aufsatz diskutiert die kritischen Prämissen von Moritz’ Allegoriebegriff auf dem Weg zur späteren Diskreditierung des Begriffes.

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10. Juli 2006

Achim Geisenhanslüke:
„Drum sind auch alle französische Trauerspiele Parodien von sich selbst.“
Racine und die Rezeption der klassischen französischen Tragödie bei Schiller und Goethe

Der Aufsatz orientiert sich an der Kritik der französischen Bühne bei Lessing und Lenz, um darauf hinzuweisen, dass die scheinbare Ablehnung der französischen Klassik insbesondere am Beispiel Racines eine Revision erfordert. Schillers Wallenstein und Goethes Iphigenie, so die These des Aufsatzes, sind dem Theater viel mehr verpflichtet, als es die Kritik der französischen Klassik vermuten lässt.

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29. Juni 2006

Alexander Ritter: 
„[...] ich bin freygebohrener Hamburger, und lasse meine Freyheit durch nichts unter der Sonne beschränken“. Edition der Korrespondenz des ‚freien Schriftstellers’ Johann Gottwerth Müller (gen. von Itzehoe) mit seinem Verleger Johann Christian Dieterich (Göttingen) zwischen 1788 und 1791

Johann Gottwerth Müller (1743-1828), erfolgreicher Romancier der Spätaufklärung, arbeitet zwischen 1770 und 1808 mit dreizehn Verlegern zusammen, darunter den Verlagsbuchhändlern Johann Christian Dieterich und Friedrich Nicolai. Während der Freundschafts- und Geschäftsbeziehung zu Dieterich von 1782/83 bis 1800 veröffentlicht Müller zwischen 1783 und 1791 bei ihm drei mehrbändige Romane und einen Kommentar. Die Edition der nicht komplett überlieferten Korrespondenz umfaßt dreizehn Schreiben Müllers. Inhaltlich handelt es sich um Texte, die – paradigmatisch für die Autor-/Verleger-Beziehung der Zeit – geschäftliche Aspekte wie Buchprojekte, Ausstattungs-, Druck- und Distributionsfragen behandeln, grundsätzliche Fragen der freien Schriftstellerexistenz und Verlegerabhängigkeit erörtern, aber auch private Anliegen der Freundschaft, Familien und Krankheit erwähnen.

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29. Juni 2006

Alexander Ritter:
Medizinale Fachliteratur in der  Aufklärer-Bibliothek des 18. Jahrhunderts. Zum Buchbestand des medizinisch gelehrten‚ freien Schriftstellers’ Johann Gottwerth Müller (Itzehoe)

Der spätaufklärerische Romancier und studierte, aber nicht praktizierende Mediziner (Studium 1762-1770) hinterläßt innerhalb seiner rd. 13.000 Bände umfassenden enzyklopädischen Bibliothek einen medizinalen Buchbestand von mehr als 280 Büchern. Die Ausführungen analysieren und dokumentieren diesen Bestand, der in exemplarischer Weise den medizinalen Diskurs vom 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert vorstellt und mit den Publikationen aus dem 18. Jahrhundert den Übergang von der humoral- zum solidarpathologischen Gesundheits-, Kranksheits- und Therapieverständnis markiert.
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22. Juni 2006

Christian Begemann:
Poiesis des Körpers. Künstlerische Produktivität und Konstruktion des Leibes in der erotischen Dichtung des klassischen Goethe

Goethes Römische Elegien und Venezianische Epigramme entfalten eine "Poiesis des Körpers" in einem doppelten Sinn.

1. In ihren selbstreflexiven poetologischen Passagen zeigen sie Liebe und Sexualität als die Affektbasis der Hervorbringung von Kunst, die sich selbst erotisch auflädt. Sie entwerfen damit eine Anthropologie des künstlerischen Prozesses in nuce.

2. Damit verzahnt ist die Arbeit an einem neuen Blick auf den weiblichen Körper und an der Konstitution eines spezifischen Geschlechtskörpers des Künstlers selbst. Dieser Vorgang beinhaltet zugleich eine Verschiebung und Umformierung der Sexualität.

Diese Aspekte werden in Zusammenhang gebracht

1. mit epochenspezifischen kulturhistorischen Phänomenen (Attitude und Tableau vivant; Blick auf die antiken Statuen; Konjunktur des Pygmalionmythos),

2. mit Goethes ästhetischen Reflexionen. Im Zusammenhang mit der Bestimmung des ambivalenten Verhältnisses von Kunst und Natur entwerfen diese eine Ästhetik des lebendigen Kunstwerks: Kunst wird in Natur verankert und in Analogie zum natürlichen Leben - so die Leitmetaphorik - "gezeugt" und "geboren". Diese Gesichtspunkte umreißen eine Art Biologie der Kunst, in die sich die erotische Dichtung nahtlos einfügt, indem sie Kunstschöpfung auf Sexualität bezieht.

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06. Juni 2006

Monika Meine-Schawe:
"... alles zu leisten, was man in Kunstsachen nur verlangen kan".
Die Münchner Akademie der bildenden Künste vor 1808

Die Münchner Akademie der bildenden Künste gilt zu Unrecht als späte Gründung unter den deutschen Akademien. Nur die 1808 im Zuge der allgemeinen Verwaltungsreform im Königreich Bayern reformierte Institution wird im Allgemeinen zur Kenntnis genommen. Es ist die Akademie Johann Peter von Langers und Peter von Cornelius'. Zahlreiche Künstlergrößen gingen daraus hervor, die die süddeutsche Kunst des 19. Jahrhunderts nachhaltig prägten. Doch hatte diese Einrichtung ihre Vorgeschichte, die weit in das 18. Jahrhundert, noch vor die 1770 durch Kurfürst Maximilian III. Joseph gegründete sogenannte "Zeichnungsschule" zurückreicht.

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26. Mai 2006

Thomas Anz:
Nachwort zu Caroline von Wolzogens Roman  „Agnes von Lilien“

Jetzt neu zu entdecken: ein heute fast vergessener Liebes- und Erfolgsroman aus dem kulturellen Milieu der Weimarer Klassik, geheimnisvoll, spannend und schön! Und ein ungemein aufschlussreiches Dokument seiner Zeit, ihrer Zwänge und Ängste, ihrer Sehnsüchte und ihres Begehrens nach Freiheit. Autorin ist Friedrich Schillers Schwägerin Caroline von Wolzogen, geborene von Lengefeld, die Schwester seiner Frau Charlotte. Sie liebte ihn, und er sie. Auch davon erzählt der Roman - in der verschlüsselten Logik einer traumhaften Phantasie. Schiller hat an ihm mitgearbeitet und den ersten Teil in seiner Zeitschrift "Die Horen" veröffentlicht. Anonym. Einige, so die Brüder Schlegel, glaubten, Goethe sei der Autor. Manche Ähnlichhkeiten mit seinem kurz zuvor erschienen "Wilhelm Meister" waren unverkennbar. Als das Rätsel, an dem ganz Weimar mitriet, sich löste, machte der Roman Caroline von Wolzogen zu einer berühmten Frau. Goethe kritisierte an ihm einen Mangel an künstlerischer Bearbeitung, zeigte sich jedoch nach der Lektüre mit "Erstaunen" von dem Talent der Autorin begeistert. Er räumte ein, "daß eine solche Natur, wenn sie einer Kunstbildung fähig gewesen wäre, etwas Unvergleichliches hätte hervorbringen können." Ob die Autorin mit diesem Roman nicht doch etwas Unvergleichliches hervorgebracht hat, kann man jetzt überprüfen. Schon damals sahen das viele anders als Goethe. Zum Beispiel seine Mutter. Ihr hatte Christiane Vulpius im Auftrag des Sohnes den Roman zugeschickt, und sie bedankte sich mit den Worten: "0! lassen Sie dieser trefflichen Frau meinen besten Dank für dieses herrliche Produkt kund und zu wissen tun."

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26. Mai 2006

Eberhard Scheiffele:
Therapeutic Theatre and Spontaneity: Goethe and Moreno

Moreno noted a similarity between a late 18th Century play by the great German scholar and artist, Goethe, and some elements of psychodrama, which can be substantiated; however, Goethe was not, as Moreno suggested, an early promoter of spontaneity. The similarities and contrasts between these two men are intriguing.

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17. Mai 2006

Natalia Igl:
Görres’ Teutsche Volksbücher in der ideologischen Konstellation der Zeit. Eine Untersuchung der Referenzprobleme und Strategieentwürfe der Volksbuchschrift mit Blick auf den gesellschaftlichen Strukturwandel und dessen Folgeprobleme

Die Studie geht von der These aus, dass die Teutschen Volksbücher ein kulturpolitisches Programm entwerfen, das in Reaktion auf den sozialstrukturellen Umbruch um 1800 ein Identifikationsangebot enthält. Auf die Problemlage, wie sie sich durch die Umstellung von stratifikatorischer auf funktionale Differenzierung und die damit einhergehende Exklusionsindividualität ergibt, antwortet ein völkischer bzw. nationaler Mythos, „der sich in der Narration seiner Ursprungsgeschichte seine eigene, unhintergehbare Höchstinstanz schafft.“ Die Frage nach dem übergeordneten sozialstrukturellen Referenzproblem wird ergänzt durch eine biographische Perspektive: In ihr erscheint die Volksbuchschrift als Ergebnis eines Strategiewechsels von Görres’ und als „Verlagerung von der politischen auf eine wissenschaftliche und vor allem kulturelle Handlungssphäre“ in seinen Heidelberger Jahren.

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04. Mai 2006

Dieter Heimböckel:
Ein „Meer von Stille“ oder Von der Ungleichheit des Gleichen. Zum Wiederholungsstil in Joseph von Eichendorffs Das Marmorbild

Schon nach der Lektüre weniger Verse oder Zeilen aus einem Gedicht oder Prosastück Eichendorffs stellt sich ein Gefühl der Vertrautheit ein. Daß dieser Effekt entsteht, ist im wesentlichen der sprachlich-motivischen Begrenzung bzw. einem Verfahren zuzuschreiben, das in immer neuen Anläufen auf gleiche oder ähnliche Bilder, Motive und sprachliche Wendungen rekurriert. Eichendorffs Wiederholungsstil zeichnet sich jedoch weniger durch seine Formelhaftigkeit aus als vielmehr durch den darin aufgehobenen Akt ihrer Auflösung. So geht mit der Wiederkehr des Gleichen ein Vorgang semantischer Entgrenzung einher, der das Bewahrende, das in der Formel vordergründig aufgehoben ist, zugleich transzendiert.

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04. Mai 2006

Gunter E. Grimm:
Goethe und das Nibelungenlied

Schon Friedrich sah im Niblungs-Sang
viel Barbarei und wenig Klang:
„O“, rief entsetzt er: „Lieber ist
Homer mir als der teutsche Mist!“

Auch Goethe hielt sich erst zurück,
eh er genoss das Niblungs-Glück.
Doch dann – voll Kenntnis – akurat
Zwei Kärtchen er gekritzelt hat.

Draus wird, o Leser, sonnenklar,
dass Er ein ‚Niblungs-Spezi’ war.
Zeugen nicht seine frischen Werke
Von Brunhilds Kraft, von Siegfrieds Stärke?

Die von Gunter E. Grimm zusammengestellte Dokumentation „Goethe und das Nibelungenlied“ versammelt die Dokumente zu Goethes Beschäftigung mit dem Nibelungenlied in chronologischer Folge. Erkennbar wird dabei, dass Goethe sich – entgegen einer landläufigen Meinung – in verschiedenen Phasen seines Lebens mit älterer deutscher Literatur und insbesondere mit dem Nibelungenlied und dessen Illustrierung intensiv beschäftigt hat. Höhepunkte seiner Beschäftigung  ist die Erstellung zweier Karten zu den verschiedenen Reisen der Burgunden (nach Island und an den Hof König Etzels) sowie der Abdruck des wenig bekannten Gedichtes „Die Romantische Poesie“, in dem Figuren aus dem Nibelungenlied auftreten.

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28. Februar 2006

Christian Begemann:
Eros und Gewissen.
Literarische Psychologie in Ludwig Tiecks Erzählung
Der getreue Eckart und der Tannenhäuser

Diese Märchenerzählung von 1799 schreitet in einem mythisierenden Szenarium von hoher Raffinesse die Sehnsüchte und inneren Zwänge aus, die sich am Ende der bürgerlichen Aufklärung ausgebildet haben. Sie macht auf diese Weise nicht weniger als eine neue psychische Struktur, das Resultat lang- wie kurzfristiger sozialer Prozesse, sichtbar, und zwar in einem doppelten Sinn: Denn diese ist nicht nur auf Inhaltsebene Gegenstand der Erzählung, sondern schreibt sich strukturbildend dem Text selbst ein. In psychogenetischer Perspektive wird erkennbar, daß sich die Romantik, selbst wo sie es will, nicht von dem befreien kann, was ihr die Aufklärung hinterlassen hat.

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17. Februar 2006

Christian Begemann:
Brentano und Kleist vor Friedrichs Mönch am Meer.
Aspekte eines Umbruchs in der Geschichte der Wahrnehmung

In den "Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft" von Brentano und Kleist läßt sich ein wahrnehmungsgeschichtlich signifikanter Bruch nachweisen. Geht Brentano von der romantischen Konzeption der Sehnsucht aus, so stehen hinter dem Text Kleists die Theo¬rie des Erhabenen und die Assoziation des Panoramas. Diese konkurrierenden Positionen gründen in unterschiedlichen Begriffen vom Subjekt.

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09. Februar 2006

Stefan Grosche:
"Zarten Seelen ist gar viel gegönnt" –
Naturwissenschaft und Kunst im Briefwechsel zwischen Carl Gustav Carus und Goethe

Der Aufsatz wirft einen differenzierten Blick auf Anerkennung und Ablehnung, Übereinstimmung, Differenzen und Missverständnisse im Briefwechsel zwischen dem Dresdner Mediziner und Maler Carl Gustav Carus (1789-1869) und Goethe. Der zehnjährige, bis 1828 andauernde Briefwechsel beginnt mit der Zusendung des “Lehrbuchs der Zootomie“ (1818). Goethe, in seinen naturwissenschaftlichen Ansichten im Alter vereinsamt, begrüßte das Lehrbuch enthusiastisch. Im Verlauf des Briefwechsels bringt Carus auch drei Sendungen mit Bildern, die von Goethe gewürdigt werden, auf den Weg nach Weimar. Die hier präsentierten Ergebnisse wurden im Zusammenhang der historisch-kritischen Edition des Briefwechsels erarbeitet.

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05. Februar 2006

Gerhard Kölsch:
Johann Georg Trautmann  – ein Nachahmer Rembrandts im 18. Jahrhundert

In der Kunst des 18. Jahrhunderts sind zahlreiche deutsche, italienische und französische Maler und Graphiker bekannt, die mit Arbeiten „in Rembrandts Manier“ die Wirkungsgeschichte des holländischen Meisters fortführten. Diese Nachahmungen fanden in einer neuen Bewertung Rembrandts in der Kunsttheorie – etwa durch den Dresdener Kunstschriftsteller Christian Ludwig von Hagedorn – eine Grundlage und entsprachen gleichermaßen dem lebhaften Interesse zeitgenössischer Kunstsammler an Gemälden und Graphiken Rembrandts. Das enge Zusammenwirken von Kunstmarkt, Kunstgeschmack und Kunstproduktion kann an Beispiel des Frankfurter Malers Johann Georg Trautmann (1713-1769) exemplarisch dargestellt werden.

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05. Februar 2006

Alessandro Costazza:
»Wenn er auf einen Hügel mit euch steiget. Und seinem Auge sich, in mildem Abendschein, Das malerische Tal – auf einmal zeiget.«. Die ästhetische Theorie in Schillers Gedicht Die Künstler.

Nachdem die Einflüsse von Moritz' ästhetischen Ideen auf Schillers Gedicht Die Künstler hervorgehoben und dargestellt worden sind, folgt eine Rekonstruktion der zwei bzw. drei unterschiedlichen Kunstauffassungen, die im Gedicht oft unvermittelt nebeneinander enthalten sind. Erst eine Rückführung auf Baumgartens Ästhetik bzw. auf die Leinbniz-Wolffsche Metaphysik und insbesondere auf die ästhetische Diskussion der Schul- und Popularphilosophie ermöglicht alsdann ein angemessenes Verständnis der im Gedicht enthaltenen erkenntnistheoretischen Reflexion über das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft. Diese Rückführung dient schließlich auch einer poetologischen Rechtfertigung der "Gedankenlyrik" bzw. des "philosophischen Gedichts".

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25. Januar 2006

Lothar Bornscheuer:
Zur Geltung des 'Mythos Geld' im religiösen, ökonomischen und poetischen Diskurs

„Lothar Bornscheuer untersucht die „Geltung des Mythos Geld“ und zeigt an Beispielen von der Antike bis zu Rilke die alltagsmythische und vor allem auch heilsmythische Relevanz der mythischen Rede über das Geld. Er gelangt zu der Schlussfolgerung, dass sich „seit Beginn dieses Jahrhunderts, die Diskurse über Gott, Geld und Kunst endgültig ineinander zu schieben beginnen. Ein „ästhetischer Monetarismus“ ist zu beobachten, der in Gestalt von Kunstgebilden allem Wesentlichen ein sichtbares Äquivalent aufzustellen und ihm doch zugleich allen bestimmten Wert- und Bedeutungsgehalt zu nehmen und alle höheren Werte wie die des Goldes und des Geldes, des Schicksals und des Göttlichen ineinander zu verwandeln“ vermag und der als „ästhetische Abstraktion die Imitation des Wesens und der Bewegung des Geldes darstellt.“ Genau in dieser Verwandtschaft von Tausch und Täuschung liegt die Relevanz für die Rede über den Mythos Geld, die Grundlegendes zum Stellenwert des Mythischen formuliert.“
(Aus der Einleitung des Bandes von Rolf Grimminger und Iris Hermann)

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20. Januar 2006

Helmut Pfotenhauer:
Winckelmann und Heinse. Die Typen der Beschreibungskunst im 18. Jahrhundert oder die Geburt der neueren Kunstgeschichte

Die Kunstbeschreibung unterliegt im 18. Jahrhundert einschneidenden Wandlungen. Sie wird nachdrücklicher als je zuvor ästhetisch und sie wird mehr denn je geschichtsbewußt. Auf der einen Seite soll die Beschreibung im sprachlichen Nachvollzug der Ästhetisierung Rechnung tragen. Kunstbeschreibungen werden selbst künstlerisch und mobilisieren literarische Potentiale, sie werden narrativ und psychologisch; aus dem Bild wird eine Geschichte, aus dem stillgestellten Moment visueller Darstellung wird bewegtes, handlungsträchtiges Seelenleben. Kunstbeschreibung gerät zur Beschreibungskunst. Oder es wird desto nachdrücklicher die Alternative gesucht, das Begreifen der Distanz durch objektivierende Kategorien wie Stilgeschichte oder die Rekonstruktion des Früheren durch die Kritik der Überlieferung. Der Aufsatz arbeitet sich ergänzende Grundtypen der Kunstbeschreibung und Beschreibungskunst heraus, für die die Namen Winckelmann und Heinse einstehen.

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17. Januar 2006

Alessandro Costazza:
Das „Charakteristische“ ist das „Idealische“. Über die Quellen einer umstrittenen Kategorie der italienischen und deutschen Ästhetik zwischen Aufklärung, Klassik und Romantik

Angesichts der oft verwirrenden Uneinigkeit und Unbestimmtheit, mit denen der angeblich "irrationale" und "anti-klassische" Begriff vom "Charakteristischen" interpretiert und verwendet wird, wird hier zunächst die tief "rationalistische" Natur von Hirts Verständnis dieser ästhetischen Kategorie hervorgehoben. Diese "rationalistische" Auffassung des "Charakteristischen" wird alsdann durch die Rückführung von Hirts Idee auf ihre möglichen Quellen, d.h. auf Spallettis Saggio sopra la bellezza und von hier aus auf das "particolareggiamento" bei Conti und Muratori und weiterhin auf die rhetorische Kategorie der enárgeia bzw. der evidentia zusätzlich begründet. Genau diese Kategorien liegen aber auch der Auffassung der "Idealisierung" in den "klassischen" Kunstauffassungen Winckelmanns und Mengs zu Grunde. Diese scheinbar paradoxe Übereinstimmung vom "Charakteristischen" und "Idealischen" vermag nun manche Missverständnisse in der Diskussion über das "Charakteristische" etwa bei Goethe, Fernow, Schelling oder Hegel zu erklären. 
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13. Januar 2006

Alessandro Costazza:
Ein Aufsatz aus der Zeit von Moritz’ Weimarer Aufenthalt. Eine Revision der Datierung und der Zuschreibung von Goethes Aus der Zeit der Spinoza-Studien

Der von Suphan und Dilthey Goethe zugeschriebene Text der sogenannten Spinoza-Studie wird in diesem Aufsatz, ausgehend von einem Brief Knebels an Herder und aufgrund einer sowohl stilistischen als auch inhaltlichen Analyse, als Produkt einer gemeinschaftlichen Diskussion interpretiert, die am 16. Dezember 1788 zwischen Goethe, Karl Philipp Moritz und der Weimarer Gesellschaft stattfand. Es stellt sich dabei heraus, daß der erste Teil der Spinoza-Studie im Wesentlichen von Moritz stammt, während der zweite Teil der Studie als implizite Kritik Goethes am ersten Teil gelesen werden kann.

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08. Januar 2006

Jan Knopf:
Goethes schlechteste Verse oder Wie Versmaße „Liebe“ definieren

Der Aufsatz zeigt, dass in Goethes Elegie „Alexis und Dora“ die Schilderung von „Jammer und Glück“ in „liebender Brust“ eine kunstvolle poetische Konstruktion und keinesfalls abgebildete Wirklichkeit ist. Der poetologische Epilog weist der Dichtung die Aufgabe zu, das Erleben zu negieren und zu bewahren. Die Kunstwirklichkeit ist nicht mit der Lebenswirklichkeit identisch: die Als-ob-Konstruktion ist vielmehr Resultat eines Phantasie-Spiels mir dem Zweck, das Gemüt der Leser aufzuheitern.

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03. Januar 2006

Lothar Bornscheuer:
"... und suche das Gründliche was als Capital Interessen tragen muß"
Zur historischen Existenzgründung des "Dichtergenies" auf dem Buchmarkt an den Beispielen Klopstocks und Goethes


Bis ans Ende des 17. Jahrhunderts war die Masse der geschriebenen Literatur weitgehend zweck- und zielgerichtete Gebrauchsliteratur, deren Erschaffung für die meisten Autoren eine Freizeitbeschäftigung bedeutete. Klopstock war der Erste, der das Dichten von Anfang an zu seinem Lebensinhalt und Hauptberuf erklärte und dafür eine zeituntypische professionelle Geschäftstüchtigkeit entwickelte. Den von Klopstock vorgelebten ästhetischen und ökonomischen Autonomieanspruch hat Goethe für sich selbst noch entschieden gesteigert und auch praktisch realisiert; das Spannungsverhältnis zwischen dem nicht rationalisierbaren genie-ästhetischen Dichtungs- und Selbstverständnis auf der einen Seite und der marktwirtschaftlichen Kalkulierbarkeit der eigenen literarischen Werte auf der anderen Seite blieb jedoch stets virulent. 

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01. Januar 2006

Ingrid Oesterle:
Der 'Führungswechsel der Zeithorizonte' in der deutschen Literatur. Korrespondenzen aus Paris, der Hauptstadt der Menschheitsgeschichte, und die Ausbildung der geschichtlichen Zeit 'Gegenwart'

Die durch Verzeitlichung vollzogene Abstraktion von den vielen Geschichten zum Kollektivsingular Geschichte und, verbunden damit, von den vielen Zeiten und Anwesenheiten zu einer Gegenwart, bringt im Nachhinein, als Anreiz zur Kompensation des Erfahrungsverlustes, einen gesteigerten Unmittelbarkeits- und Empiriebedarf hervor, zu dem Anschauungs- und Lokalisierungswunsch gehören. Für die deutschen Pariskorrespondenten wird mit Ausbruch der Französischen Revolution Paris die Hauptstadt der zur singularisierten Zeit, der Gegenwart, zugespitzten, zur Zukunft hin offenen, singularisierten Geschichte. Der Deutsche, der nach Paris reist, fährt aus einem Land voller Ungleichzeitigkeiten in ein Land der Gleichzeitigkeit, aus einem Land, das „nur Geschichten“ (L. Börne) hat, in ein Land mit „Geschichte“.

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