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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Empfehlungen der Redaktion im Jahre 2004

15. Dezember 2004

Thorsten Valk:
Poetische Pathographie. Goethes Werther im Kontext zeitgenössischer Melancholie-Diskurse.
 

Die Melancholie bildet im ausgehenden 18. Jahrhundert das Gravitationszentrum zahlreicher moralphilosophischer Debatten und polarisiert die Intellektuellen. „Wie hältst Du’s mit der Melancholie“, lautet die Gretchenfrage unter rationalistischen Aufklärern und deren empfindsamen Gegnern. Der 1774 publizierte Werther-Roman thematisiert mit besonderer Intensität die unterschiedlichen Facetten der Melancholie – er schildert die von ihr ausgehenden Gefährdungen ebenso wie ihre inspirierenden Wirkungen und bringt damit die Melancholie in ihrer ganzen Bandbreite zur Darstellung. Die der Aufklärung verpflichtete Psychopathologie steht neben dem eigenwilligen Melancholiekult der Empfindsamkeit.

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05. Dezember 2004

*Erstpublikation* Gunter E. Grimm:
„Lieber ein unerträgliches Original als ein glücklicher Nachahmer“. Bürgers Volkspoesie-Konzept und seine Vorbilder

Gottfried August Bürger folgte mit seinem Programm einer „Volkspoesie“ Herders Spuren; die stilistischen Leitmaximen hießen „Popularität“, „Simplicität“, „Natur“ und „echter Ausdruck“. Vor dem Hintergrund dieses Programms werden Bürgers Einstellung gegenüber den zeitgenössischen Autoren und gegenüber der Tradition betrachtet. Bei seiner Vorbildsuche orientierte sich Bürger an den „Volksdichtern“ der Vergangenheit; Homer, Ossian und Shakespeare waren die Kronzeugen seines poetischen Ideals. Aufgewiesen wird dies an den Übersetzungen; als Probe aufs Exempel dient die Hexenszene aus Shakespeares „Macbeth“.

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19. November 2004

Wolfgang Lukas:
Abschied von der Romantik. Inszenierungen des Epochenwandels bei Tieck, Eichendorff und Büchner

Ausgehend von der Beobachtung, dass es zwischen ca. 1835–1840 in der Erzählliteratur zu einem gehäuften Auftreten romantischer Stoffe und Motive kommt, wird deren Verwendung in vier zeitgenössischen Erzählungen von Tieck, Eichendorff und Büchner näher untersucht. So sehr sich einige Texte auf der Oberfläche als ‚romantisch’ präsentieren, so handelt es sich doch nurmehr um das Zitat romantischer Modelle, deren Semantik zugleich stark transformiert ist. Im Mittelpunkt der untersuchten Texte steht das Problem der ‚Regression‘ auf eine ,alte poetische Zeit‘, die nun mit einer (Psycho)Pathologisierung und/oder Kriminalisierung des Figurenverhaltens verknüpft wird. Die Reinszenierung von ‚Romantik’, so kann gezeigt werden, etabliert eine Metaebene, auf der die Texte ihren eigenen literarhistorischen Ort als einen ‚post-romantischen’ reflektieren, und stellt selbst eine Form des definitiven Abschieds von der Romantik dar.

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16. November 2004

Wolfgang Lukas:
„Entzauberter Liebeszauber“.
Transformationen eines romantischen Erzählmodells an der Schwelle zum Realismus

Zahlreiche Elemente des Volksaberglaubens erfahren in der Literatur der Goethezeit und speziell der Romantik eine Neufunktionalisierung, und zwar vor allem im Rahmen des epochalen Erzählmodells der „Initiationsgeschichte“. Der „Liebeszauber“ ist eines der bekanntesten dieser Elemente und einer der beliebtesten Motivkomplexe der romantischen Literatur. Er repräsentiert eine der Gefahren, die dem Jüngling auf dem Wege der psychosexuellen Selbstfindung drohen können: Liebe, die der goethezeitlichen Anthropologie als notwendig zum Erreichen personaler Autonomie und zur Selbstfindung des Subjekts gilt, gerät hier zur Erfahrung von extremer Heteronomie; im Liebeswahnsinn verfällt das Subjekt einer solipsistisch-autoerotischen und projektiven Liebe. Ab 1825 beginnt dieses romantische Modell allmählich auszulaufen, doch stößt man in der zweiten Hälfte der 30er Jahre auf eine auffällige erneute Präsenz des Liebeszauber-Stoffs. Franz von Gaudy lässt 1838 einen Novellenzyklus Venetianische Novellen erscheinen, darunter solche mit dem Titel Liebeszauber und Frau Venus; Hermann Kurz publiziert in einer seiner ersten Sammlungen, Dichtungen von 1839, ebenfalls eine Novelle mit dem Titel Liebeszauber. An Hand der beiden genannten Liebeszauber-Novellen der heute (zu Unrecht) weitgehend vergessenen Autoren werden Transformationen dieses Erzählmodells näher untersucht.

 PDF-Fassung   (Kiel 2002)

 

05. November 2004

Wolfgang Adam:
Kanon und Generation. Der Torso vom Belvedere in der Sicht deutscher Italienreisender des 18. Jahrhunderts

Der Torso vom Belvedere, von Winckelmann zum >exemplum classicum< griechischer Kunst erhoben, ist für Goethe „das Wunder der Kunst“ schlechthin. An diesem Beispiel überprüft der Aufsatz die in den Forschungsfeldern Kanon und Generation praktizierten Methoden auf ihre Effizienz hin. Anknüpfend an Basisinformationen zur antiken Skulptur wird danach gefragt, worin eigentlich das Faszinosum dieser Statue für eine ganze Reihe einflußreicher deutscher Intellektueller gelegen hat- für Goethes Vater, Winckelmann, Goethe, Heinse und Schiller. Der letzte Abschnitt bietet eine thesenhafte Zusammenstellung der Ergebnisse. Die Studie geht von der Überlegung aus, daß der Blick auf den Verlauf einer Kanondebatte in der Vergangenheit die Analysekompetenz für Debatten der Gegenwart zu stärken vermag.

 PDF-Fassung   (Euphorion 2003)

 

02. November 2004

Wolfgang Adam:
Kleine Begebenheiten aus Italien. Ludwig Tiecks Reisegedichte

Nach Rolf Dieter Brinkmann ist Tieck der beste Typ, der Italien besucht habe. Dessen aus Tagebuchnotizen hervorgegangene Reisegedichte wurden jedoch wenig beachtet und kontrovers beurteilt. Die hier vorgetragene Lektüre konzentriert sich zunächst auf die poetologischen und ästhetischen Aspekte. Das Programm der Tieckschen Gelegenheitsdichtung wird skizziert und es wird gezeigt, in welcher Weise Tieck die antiquierte Form der Casuallyrik modernisiert und dadurch aufnahmefähig für neue Inhalte macht. Der zweite Teil befasst sich mit dem spezifischen Italienbild Tiecks. Es geht um seinen Blick auf das Land, auf dessen Bewohner, Geschichte und Kultur. Der dritte Abschnitt widmet sich der Wirkungsgeschichte. Wo liegen die Gründe für das Faszinosum, das für Brinkmann von Tiecks Reisegedichten ausgeht? Gibt es noch einen Ludwig Tieck als Anreger der Lyrik der Neuen Subjektivität zu entdecken?

 PDF-Fassung   (Heidelberg 2000)

 

22. Oktober 2004

Wolfgang Adam:
Wieder gelesen. Wolfdietrich Rasch: Freundschaftskult und Freundschaftsdichtung im deutschen Schrifttum des 18. Jahrhunderts

Wolfdietrich Raschs Habilitationsschrift „Freundschaftskult und Freundschaftsdichtung im deutschen Schrifttum des 18. Jahrhunderts“ (1936) zählt zu den bahnbrechenden Monographien der zwanziger und dreißiger Jahre, die methodisch Neuland betraten und der Erforschung der Literaturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts entscheidende Impulse gaben. Unter methodengeschichtlichen Gesichtspunkten kommt dem Werk ein exemplarischer Rang zu, denn es demonstriert einerseits anschaulich, zu welchen beachtlichen Ergebnissen eine geistesgeschichtlich orientierte Literaturwissenschaft führen kann. Andererseits zeigt die Studie aber auch deutlich die Erkenntnisgrenzen, die diesem Verfahren immanent sind. Nicht zuletzt arbeitet die kritische Re-Lektüre die Verbindung der geistesgeschichtlichen Methode mit dem Theorem der völkischen Dichtungsauffassung heraus: Die Freundschaftsbünde gelten Rasch als Vorformen der "völkischen Gemeinschaft".

 PDF-Fassung   (Amsterdam 1998)

 

16. Oktober 2004

Anne Bohnenkamp:
Goethes poetische Orientreise

Der Titel bezeichnet Goethes erstaunliche Begegnung mit den Dichtern des Orients in den Jahren von 1814 bis 1819 und das Werk, das daraus entstand: den West-östlichen Divan. Dieses Werk ist mindestens in doppelter Hinsicht eine ‘poetische’ Reise: eine Reise hin zu der Poesie des Orients und eine Reise mit den Mitteln der Poesie: der Phantasie und der literarischen Gestaltung. Der Ertrag dieser Reise ist „Weltliteratur“ avant la lettre.

 PDF-Fassung   (Goethe-Jahrbuch 2003)

 

24. September 2004

Albrecht Koschorke:
Der prägnante Moment fand nicht statt. Vaterlosigkeit und Heilige Familie in Lenz’ Hofmeister

Seit langem laboriert die Forschung an einer sachlichen Unstimmigkeit in Lenz’ Drama: Ein Kind kommt zur Welt, aber der Privatlehrer Läuffer, der sich der Verführung seiner Schülerin Gustchen bezichtet, kann nach den Zeitangaben im Stück der Vater nicht sein. Statt, wie eine Reihe von Interpreten, dieses Vaterschaftsrätsel auflösen zu wollen, nimmt die hier vorliegende Analyse das Faktum einer biologischen Leerstelle ernst. Sie findet Anhaltspunkte, die merkwürdigen Familiengründungsrituale bei Lenz nicht nur auf den zeitgenössischen Ehediskurs zurückzubeziehen, sondern über den Umweg literarischer Intertexte – vor allem Rousseaus Nouvelle Héloïse – auch mit der Motivgeschichte der Heiligen Familie in Verbindung zu bringen. Die Kausalitäten der Dramenhandlung, so lautet das Ergebnis, zerreiben sich zwischen einer unvollständigen und unstimmigen Allegorese des Übernatürlichen und der komödiantischen Gestaltung von Kontingenz.

 PDF-Fassung   (Würzurg 2002)

 

29. August 2004

Wolfgang Adam:
Freundschaft und Geselligkeit im 18. Jahrhundert

Das Verhältnis von Geselligkeit und Freundschaft wird ab Mitte des 18. Jahrhunderts neu bestimmt. Das Phänomen der Freundschaft erfährt eine tiefgehende Emotionalisierung; geschätzt werden nun die Qualitäten einer empfindsamen und unverstellten persönlichen Zuneigung. Der neue Leitwert der tugendhaften Freundschaft wirkt im Bereich des geselligen Umgangs strukturierend und ordnend. Der Aufsatz zeichnet die damit verbundenen sozialethischen und mentalitätsgeschichtlichen Veränderungen nach. Am literarischen Schaffen und der privaten Lebenseinrichtung Gleims wird die Intensität des Wandels beispielhaft abgelesen. Gleims noch in Halberstadt befindliche Sammlungen von Büchern, Erinnerungsstücken, Handschriften und Gemälden bilden ein grandioses Archiv der Freundschaft und Geselligkeit.

 PDF-Fassung   (Leipzig 2000)

 

21. August 2004

Ralf Klausnitzer:
Unsichtbare Kirche, unsichtbare Hand. Zur Imaginationsgeschichte geheimer Gesellschaften in der Vorromantik und bei Ludwig Tieck

Mit der erzählerischen Gestaltung geheimbündlerischer Akteure und konspirativer Machinationen agierte und reagierte der Autor Ludwig Tieck in einem Feld sozialhistorischer Vorgaben und kollektiver Imaginationen. Strukturiert wurde dieses Feld durch die imaginativ potenzierten und fiktional übersteigerten Aktivitäten von Arkangesellschaften, die seit der kontinentalen Ausbreitung masonischer Logen, der ominösen Bruderschaft der Gold- und Rosenkreuzer und des Illuminaten-Ordens zu einem forcierten Konventikel-Wesen führten. Die literarische Aneignung dieses Materials beeinflusste nicht nur die seit Beginn der 1780er Jahre beobachtbare Herausbildung der Trivial-Literatur, sondern auch Texte der klassischen und vorromantischen Höhenkamm-Produktionen. Dabei lässt sich in Tiecks Verarbeitung eine charakteristische Veränderung feststellen: Während Texte der Frühzeit wie der Briefroman William Lovell mit dem tragischen Ende ihrer Titelhelden schließen und sich in die von Schiller vorgeprägte Gestaltung der verderblichen Wirkungen von Geheimgesellschaften einreihen, demonstrieren Texte der Spätzeit wie die Novelle Die Wundersüchtigen die Wiedererlangung einer vernünftigen Verfügungsgewalt durch Reflexion und Aufklärung bzw. eine Möglichkeit zu satirischer Stellungnahme angesichts aktueller literarischer Entwicklungen.

 PDF-Fassung   (Bern 2004)

 

15. August 2004

Marianne Willems:
Stella. Ein Schauspiel für Liebende.
Über den Zusammenhang von Liebe, Individualität und Kunstautonomie

Der Beitrag geht aus von den innovatorischen, die Zeitgenossen irritierenden Momenten der Liebesdarstellung in ‘Stella’ und fragt nach deren Motivation. Die Analyse biographischer Zeugnisse zur Künstlerästhetik Goethes im entstehungsgeschichtlichen Kontext des Dramas demonstriert a) den Zusammenhang zwischen der Ausdifferenzierung der Liebe und der Kunst als Medien der Reflexion der sozial exkludierten Individualität; b) den Zusammenhang zwischen der Liebessemantik und dem Autorkonzept des Genies als Formulierungsmuster selbstbestimmter Individualität. Die paradoxen Anforderungen diese Konzepts werden als Koordinaten eines Grundkonflikts deutlich, der nicht nur in ‘Stella’ sondern auch in anderen ‘Sturm und Drang’-Dramen Goethes gestaltet ist. Damit ist ein neuer Zugang zum ‘Stella’-Drama geschaffen. Der Held des Dramas ist weder ein ‘Titan der Liebe’ noch ein entscheidungsunfähiger ‘Schwächling’ (von Wiese). Er ist eingebettet in eine letztlich auf sozialstrukturelle Bedingungen verweisende objektive Konfliktstruktur, die nur im poetischen Formulierungsmuster eine Lösung finden kann.

 PDF-Fassung (Aufklärung 9/2, 1996)

 

08. August 2004

Hans-Edwin Friedrich:
Autonomie der Liebe - Autonomie des Romans. Zur Funktion von Liebe im Roman der 1770er Jahre: Goethes Werther und Millers Siegwart


Seit Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ gilt Liebe als ein Medium zur Reflexion und Thematisierung der Exklusionsindividualität, einer Folge der gesellschaftlichen Umstellung von Stratifikation auf Funktion. In dem Aufsatz geht es darum, weitere Implikationen des Kommunikationsmediums Liebe im Roman zu beschreiben. Gegenstand der Analyse sind die beiden Erfolgsromane der siebziger Jahre, Goethes Die Leiden des jungen Werthers (1774) und Johann Martin Millers Siegwart. Eine Klostergeschichte (1776). In einem ersten Argumentationsschritt wird Werthers Konzeption von Liebe herausgearbeitet, in einem zweiten wird auf die poetologische Dimension der Liebessemantik hingewiesen. Millers Roman erweist sich als Versuch, die Liebe Werthers sozial zu reintegrieren, die Katastrophen der Liebe wenigstens notdürftig zu reparieren und die Autonomie des Romans zurückzunehmen.

 PDF-Fassung (Tübingen 2000)

 

31. Juli 2004

Holger Böning:
"Ist das Zeitungslesen auch dem Landmanne zu verstatten?"
Überlegungen zum bäuerlichen Lesen in der deutschen Aufklärung

Am Ende des 19. Jahrhunderts können wir in Deutschland von einer fast allgemeinen Lesefähigkeit sprechen. Zeitungen sind zu einem fest etablierten Medium täglicher Information auch für große Teile der unteren Schichten der Bevölkerung geworden. Tausende von Sachbüchern bieten Rat zu allen Lebenslagen. Dies alles ist während eines Zeitraumes von kaum mehr als einem Jahrhundert aus kleinsten Anfängen gewachsen, angestoßen auch durch diejenigen, die zunächst ängstlich darauf bedacht waren, Aufklärung auf die berufliche Sphäre zu beschränken. Als der Stein einmal ins Rollen gekommen war, rief die Ablehnung einer allgemeinen Aufklärung Gegenstimmen hervor, die schließlich die Oberhand behielten, auch wenn diejenigen niemals verstummten, die für eine eingeschränkte Volksbildung plädierten, und eine "Nation von denkenden Lesern" (R. Schenda) noch immer eine Utopie darstellt. So mancher Volksaufklärer jedenfalls gehörte zu den ersten, die gegen zahllose Widerstände derjenigen, die für die über Jahrhunderte dauernde deutsche Bildungskatastrophe verantwortlich zu machen sind, von einer solchen Utopie träumten und an ihrer praktischen Verwirklichung arbeiteten.

 PDF-Fassung  (Berlin 1995)

 

25. Juli 2004

Holger Böning:
Pressewesen und Aufklärung - Intelligenzblätter und Volksaufklärer

Schaut man in eines dieser Blätter, dann wird das Geflecht einer versunkenen Welt lebendig. Eines erklärt das andere. Ein Bauer sucht eine Magd für zehn Taler jährlich zu Martini. Gleich neben dieser Anzeige wird einer jener mehrbändigen Romane angeboten, die für die Literaturproduktion während der zweiten Hälfte des aufgeklärten Jahrhunderts typisch sind. Der Verleger nennt dabei exakt den halben Jahreslohn der Magd als Preis für seinen Roman. Wer etwas über die Lebenshaltungskosten im 18. Jahrhundert erfahren möchte, wer wissen will, was die Menschen lasen oder wie sie ihrer Trauer Ausdruck gaben, welche Auswirkungen Hungerkrisen hatten, welche Wertschätzung einzelnen Ständen entgegengebracht wurde, welche Theaterstücke Wanderbühnen aufführten oder wie alt Männer und Frauen wurden, der wird die Intelligenzblätter als bedeutende wirtschafts- und kulturhistorische Quelle entdecken. So nah am Alltag war sonst weniges, was in diesem Jahrhundert der Leserevolution die Presse der Buchdrucker verließ. 

 PDF-Fassung  (Berlin 2001)

 

19. Juli 2004

Hans-Edwin Friedrich:
“Die innerste Tiefe der Zerstörung”.  Die Dialektik von Zerstörung und Bildung im Werk von Karl Philipp Moritz

Moritz formuliert eine Apologie der Zerstörung: Qualen, Tod, Krieg, Katastrophen, Isolation sind ursprünglich Aspekte der zerstörerischen Seiten der Natur, die die Existenz des Menschen bedrohen. Dieser Bedrohung kann der Autor nicht mehr mit dem Rückzug auf die herkömmlichen metaphysischen Vorstellungen entgegentreten. Vielmehr bändigt er das aufbrechende Kontingenzbewußtsein vermittels des Gedankens der Bildung eines höheren Schönen. Zerstörung ist nicht mehr allgegenwärtige Bedrohung, sondern sie fügt sich als transitorisches Moment in einen Prozeß der Bildung ein und ist damit Teil einer neuen Ganzheit. “Der Zusammenhang der ganzen Natur würde für uns das höchste Schöne sein, wenn wir ihn einen Augenblick umfassen könnten.”.

 PDF-Fassung  Aufklärung 8.1 (1994)

 

11. Juli 2004

Sebastian Donat:
Goethe – Bildungspraxis eines Autodidakten

Ausgehend vom immensen Spektrum seiner Tätigkeitsfelder beschäftigt sich die Studie mit dem Modell und der Praxis des Wissenserwerbs Goethes, dieses Autodidakten und zugleich vielleicht letzten Universalgenies. Anhand ausgewählter Bereiche – Fremdsprachenerwerb, Bergbau und Mineralogie sowie Morphologie und Farbenlehre – werden Bildungsform und -motivation Goethes skizziert. Dabei entsteht das konkrete Bild eines Gegenentwurfs zur zeitgenössischen akademischen »Bücher- und Stubengelehrsamkeit«: natürliche Vielfältigkeit des Behandelten statt künstlicher Spezialisierung in Disziplinen, Innovation statt Wiederholung, selbständig erworbenes statt reproduziertem Wissen, individuelle statt kollektiver Ausbildung sowie Beschäftigung mit realen Gegenständen statt mit vorgefertigten Konzepten.

 PDF-Fassung  Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 5 (1999)

 

05. Juli 2004

Fotis Jannidis:
›Bildung‹ als ›Bestimmung des Menschen‹ Zum teleologischen Aspekt in Goethes Bildungsbegriff.

Die ideengeschichtliche Forschung der letzten Jahre hat Herkunft und Geschichte des Konzepts "Bestimmung des Menschen" in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eingehender untersucht. Die vorliegende Arbeit geht dagegen der Karriere der >sprachlichen Formel< "Bestimmung des Menschen" nach und wendet das Verfahren der kultursemiotischen Analyse auf ihr Vorkommen im Titel von Büchern und Texten an, um ihre vielfältigen kommunikativen Funktionen zu ermitteln.

 PDF-Fassung  Pädagogische Rundschau 53 (1999) 

 

27. Juni 2004

Hartmut Reinhardt:
Die Geschwister und der König. Zur Psychologie der Figurenkonstellation in Goethes „Iphigenie auf Tauris“

Die Studie versucht, die psychologischen Hintergründe von Goethes Schauspiel  'Iphigenie auf Tauris’ aufzudecken und für die Interpretation zu erschließen. Dabei  spielt das Geschwisterthema eine besondere Rolle im Hinblick auf Goethes leibliche Schwester Cornelia und die als Schwesternfigur aufgerufene Weimarer Hofdame Charlotte von Stein. So erhält das Stück das besondere Profil eines Frauendramas.

 PDF-Fassung  Meran (1999) 

 

 

07. Juni 2004

Birgit Nübel:
Knigge und seine Tochter Philippine oder Über den Umgang mit Frauenzimmern

Der Mann, so ist in den „Briefen über Erziehung“ zu lesen, ist nicht geeignet, seine Tochter zu erziehen, und die Frau erst recht nicht, über Erziehung zu theoretisieren. Adolph Freiherr Knigge aber tut beides: er erzieht seine Tochter selbst und er lässt Frauen – so die fiktive Amtsrätin Homann aus dem „Mildenburg“-Roman - über Fragen der Mädchenerziehung räsonieren. Die Grenzen väterlicher Erziehungsanstrengungen und weiblicher Bildungsambitionen sind dabei klar gesetzt: Um das häusliche Glück ist es allemal besser bestellt, wenn der Mann nicht „die Capaunen braten [...] und die Töchter ankleiden helfen muß“.

 PDF-Fassung  (Bremen 1998) 

 

01. Juni 2004

Lothar Bluhm:
„Du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis’ ...“
Wilhelm Meisters Lehrjahre zwischen ‚Heilung‘ und ‚Zerstörung‘

Die vorliegende Untersuchung überprüft die Leistungsfähigkeit der beiden kontroversen Lesarten der Lehrjahre als Geschichte einer ‚Heilung‘ oder einer ‚Zerstörung‘ anhand eines Bibelzitats im Romanausgang. Die Untersuchung der motivlichen Verflechtungen, der inter- und der hypertextuellen Bezüge erhellt die Komplexität und eine dieses Werk insgesamt prägende Poetik der Vorbehaltlichkeit.

  PDF-Fassung  (Trier 2001) 

 

 

17. Mai 2004

Karl Eibl:
Zur Wette im Faust

Die Inbrunst, mit der die Frage nach dem Ausgang der Wette(n) im Faust früher erörtert wurde, mutet heute fast grotesk an, ist aber immerhin ein Beleg dafür ist, daß man den Text auch in seinem literalen Ablauf ernst nahm. Heute schlägt das Pendel ins Gegenteil hinüber. Der Ausgang scheint uninteressant geworden zu sein. Es ist zwar wohltuend, wenn die Fixierung auf den 'juristischen' Abschluß der causa Faust und damit der harte Zugriff auf ein 'Ergebnis' suspendiert wird. Aber die so gewonnene Unbefangenheit sollte zu einem erneuten Blick auf diese pragmatische 'Hauptgräte' des Textes genutzt werden: Die Wette spielt nicht einfach "so oder so keine Rolle mehr"; Goethe hat vielmehr das Handlungsmuster derart mit Bedeutung versehen, daß es sich am Ende selbst aufhebt und dabei den Sinn des Dramas pointiert.

 PDF-Fassung  (Goethe-Jahrbuch 116, 1999) 

 

10. Mai 2004

Alexander Kosenina:
Pfropfreiser der Moral in allen Gattungen der Literatur Karl Philipp Moritz’ Beiträge zur Philosophie des Lebens und die Anfänge der Lebensphilosophie.

Lange vor Bergson, Dilthey oder Simmel, beträchtliche Zeit aber auch vor Schlegel, Schopenhauer oder Nietzsche, beginnt die Geschichte der „Lebensphilosophie“ im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts. Karl Philipp Moritz’ bisher wenig beachtete „Beiträge zur Philosophie des Lebens“ (1780 u.ö.) sind für die Entwicklung des Begriffs und des Konzepts einschlägig. Es handelt sich dabei um ein Ideen-Magazin nach der zeitgenössischen Mode unsystematischen, popularphilosophischen Selbstdenkens in Gestalt kleiner literarischer Reflexionsformen (Aphorismus, Beobachtung, Tagebuch, Selbstgespräch, Gebet, Dialog, Brief, Essay etc.).

 PDF-Fassung (Hannover-Laatzen 2003)

 

03. Mai 2004

Johannes Endres:
Novalis und das Lustspiel. Ein vergessener Beitrag zur Geschichte der Gattung.

Novalis und das Lustpiel – eine solche Verbindung scheint auf den ersten Blick nicht einzuleuchten. Doch hat sich der Denker und Dichter der ‚blauen Blume’ durchaus auch mit Überlegungen zur Komödie getragen: so mit dem Plan, selbst eine Komödie zu schreiben, sowie mit einschlägigen Reflexionen zur Geschichte und Poetologie dieser Gattung. Dabei werden Gemeinsamkeiten wie Differenzen zum romantischen Lustspiel-Diskurs sichtbar, die das komische Drama im Zentrum der Novalisschen Poetik lokalisieren.

  PDF-Fassung  (Aurora 1998)

 

26. April 2004

Dieter Borchmeyer:
Welthandel - Weltfrömmigkeit - Weltliteratur
Goethes Altersfuturismus

Globalisierung - so merkwürdig es auf den ersten Blick scheint: der späte Goethe hat in seinem Greisen-Avantgardismus davon nicht nur etwas geahnt, er hat sie in seinen letzten Lebensjahren zum Angelpunkt einer neuen Epoche der Literatur gemacht, in der sich zugleich ein neues Weltethos spiegelt. “Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen.“

  PDF-Fassung  (München 2004)

 

 

19. April 2004

Albrecht Koschorke:
Brüderbund und Bann.
Das Drama der politischen Inklusion in Schillers Wilhelm Tell

Trotz allen ideologischen Überschwangs läßt sich die Rütlischwurszene in Schillers ‚Tell’ als eine kühl kalkulierte dramatische Versuchsanordnung lesen, in der die Bedingungen von politischer Inklusion ermittelt werden. Dem Prozeß der Bildung eines einheitlichen und untrennbaren sozialen Körpers geht eine Serie von repräsentationslogischen Manövern voraus, die den Zugang dem neu entstehenden Ganzen beschränken. So allumschließend die Inklusion sich gibt, so sehr hängt sie paradoxer Weise von exkludierenden Maßnahmen ab. Schillers Leistung besteht in der Genauigkeit seiner politischen Choreographie, die im Staatsfestspiel des ‚Tell’ auch diese Abspaltungsvorgänge verzeichnet.

  PDF-Fassung  (München 2003)

 

12. April 2004

Marianne Willems:
Wider die Kompensationsthese.
Zur Funktion der Genieästhetik der Sturm-und-Drang-Bewegung

Der Aufsatz präzisiert den Stellenwert der Genieästhetik des Sturm und Drang im Prozeß der Herausbildung einer Ästhetik autonomer Kunst. Die Geniekonzeptionen Herders, Goethes und Lenz’ werden gegenüber der semantischen Tradition differenziert und auf ihre Funktion innerhalb der Ästhetik hin untersucht. Zugleich wird aber auch nach ihrer Problemreferenz außerhalb der Sphäre der Kunst gefragt.

  PDF-Fassung  (Euphorion 1999)

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