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Goethe, Schiller und die Goethezeit auf Google+

Dieter Borchmeyer
»DuMont Schnellkurs Goethe«

Goethe in Weimar
(1775-1786)

Herzoginmutter Anna Amalia

Freundin und Förderin der Künste. Gemälde von Johann Georg Ziesenis.

 

Entscheidung für die politische Praxis

Goethehaus in WeimarDaß Goethe im nächsten Jahrzehnt so gut wie nichts Literarisches mehr publiziert, hängt mit seiner bewußten Entscheidung für das >tätige Leben<, das >unmittelbar Nützliche< zusammen: "Meine Schriftstellerei subordiniert sich dem Leben", schreibt er am 14. Mai 1780 an Kestner, "doch erlaub ich mir", setzt er mit einiger Ironie hinzu, "nach dem Beispiel des großen Königs [Friedrichs des Großen], der täglich einige Stunden auf die Flöte wandte, auch manchmal eine Übung in dem Talente, das mir eigen ist." Eine Unterdrückung seiner schöpferischen Natur, welche am Ende des ersten Weimarer Jahrzehnts eine katastrophale Krise auslöst, der er sich nur durch die Flucht nach Italien entziehen kann.

Hätte der Herzog ihn nicht nach Weimar eingeladen, wäre er schon 1775 nach Italien gereist. In Frankfurt wäre er jedenfalls mit Sicherheit nicht geblieben. Die saturierte Atmosphäre der Kapitalisten- und Händlerstadt, "das Unverhältnis des engen und langsam bewegten bürgerlichen Kreises zu der Weite und Geschwindigkeit meines Wesens" hätten ihn auf die Dauer "rasend gemacht", gesteht er später in einem Brief an die Mutter (11. August 1781). So wie sein Romanheld Wilhelm Meister danach streben wird, "sich aus dem stockenden, schleppenden bürgerlichen Leben herauszureißen" und mit der >großen Welt<: der höfisch-aristokratischen Gesellschaft bekannt zu werden, so will auch Goethe ausprobieren, "wie einem die Weltrolle zu Gesichte stünde" (an Merck, 22. Januar 1776).

 Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach
(1757-1828)

Corona Schröter, Karl August und Goethe im Park zu Weimar Daß ich fast zehn Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute. Er saß ganze Abende bei mir in tiefen Gesprächen über Gegenstände der Kunst und Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam.

[Der junge Herzog] war ein Feind aller Verweichlichung. [...] Ein Herzogthum geerbt zu haben, war ihm nichts, aber hätte er sich eins erringen, erjagen und erstürmen können, das wäre ihm etwas gewesen.

 

 

Weimar – ein deutsches Duodezfürstentum

Aussicht vom Kickelhahn bei Ilmenau, Handzeichnung Goethes (1776)Freilich bot das aus den seit 1741 vereinigten Herzogtümern Weimar und Eisenach, dem früheren Herzogtum Jena sowie einer Reihe von Ämtern (darunter das für Goethes Wirken so wichtige Ilmenau) arg zusammengestückelte Duodezfürstentum mit seinen etwas mehr als 100 000 Untertanen nur einen geringen Spielraum, diese  Weltrolle zu spielen. Als Mitglied des obersten Regierungsgremiums des Herzogs bekommt Goethe bald zu spüren, wie schwer ein derart zersplittertes, aus lauter räumlich getrennten geographischen Gebieten zusammengesetztes, zudem wirtschaftlich wenig gesegnetes Land zu regieren ist. 

Goethes politische Tätigkeit beginnt mit seiner Amtseinführung als Mitglied des herzoglichen "Conseils" am 25. Juni 1776. In diesem aus drei wirklichen Geheimen Räten zusammengesetzten Geheimen Consilium, an dessen Sitzungen Goethe bis auf die letzten anderthalb Jahrzehnte vor der Italienischen Reise regelmäßig teilgenommen hat, werden alle zentralen politischen Fragen des Landes beraten. Carl August hat Goethes Berufung in dieses leitende Kollegium gegen energische Widerstände von seiten des Adels durchgesetzt. Um weitere Behinderungen seiner Tätigkeit durch Standeskonventionen und Etikette auszuschalten, läßt der Herzog Goethe 1782 durch den Kaiser in den Adelsstand erheben. 

Mit Goethes Berufung gab der Herzog zu erkennen, daß er nicht gewillt war, seine Regierung an den herkömmlichen Vorstellungen und Standesinteressen der Aristokratie zu orientieren - so wie er auch in seinem extravaganten Lebensstil alle Forderungen der Etikette über den Haufen warf. Das ganze literarische Deutschland tuschelte damals über Goethes angebliche Kumpanei mit dem wüsten Sturm und Drang-Treiben des Herzogs im Umkreis seiner Residenz. Goethe mag da in der Tat eine Weile mitgespielt haben, um den Herzog erst einmal für sich zu gewinnen. Auf diesem Wege aber suchte er - selbst bemüht, das kraftgenialische  Wesen von sich abzutun -, allmählich mäßigend auf ihn zu wirken und ihm die Notwendigkeit bewußt zu machen, seine Person hinter seinen Standespflichten sowie den Interessen des Gemeinwesens zurückzustellen. 

Residenzstadt Weimar

1775, im Jahr der Ankunft Goethes, war die Residenzstadt Weimar mit ihren gerade 6000 Einwohnern alles andere als ansehnlich. Das Schloß war kurz zuvor abgebrannt, der Hof verteilte sich daher auf verschiedene Häuser. Handel und Industrie waren völlig unterentwickelt. Allein das „Landes-Industrie-Comptoir“ von Friedrich Justin Bertuch, der nicht nur als Kaufmann und Schatzkanzler des Herzogs, sondern auch als Gründer des Journal des Luxus und der Moden und vielseitiger Literat eine der wichtigsten Hintergrundfiguren der Weimarer Klassik gewesen war, brachte etwas ‘Welt’ in die provinzielle Residenz.

Zügelloses Jugendtreiben

Carl Augusts Vorgängern hatte es (sieht man von dem in vieler Hinsicht schon vorbildlichen Wirken seiner Mutter Anna Amalia ab) durchaus ferngelegen, die eigene Lebensführung in den Dienst des Landes zu stellen. Sie betrachteten die Kammer weithin als ihre Privatkasse und sträubten sich, ihr Geld gemeinnützigen Unternehmungen zufließen zu lassen. Aus dem Land wurden, wo es nur ging, die Mittel für die Hofhaltung herausgepreßt. Verschuldung und Steuerbelastung wurden daher immer unerträglicher. Daß auch Carl August in dieser Hinsicht anfänglich recht unbekümmert war, zeigt Goethes Gedicht Ilmenau (1783). In diesem großen >Fürstenspiegel< stellt Goethe das einstige zügellose Jugendtreiben des Herzogs in dem Bergbaustädtchen seinem jetzigen Wirken für dessen und des ganzen Landes Wohlfahrt gegenüber. Das "ruhig Volk im stillen Fleiß" soll dem Herzog "Vorbild" sein. "Du kennest lang' die Pflichten deines Standes / Und schränktest nach und nach die freie Seele ein." So führt Goethe seinem Fürsten vor Augen. Anders darf es nicht sein, denn: "wer andre wohl zu leiten strebt, / Muß fähig sein, viel zu entbehren."

Karl August und Goethe nach der Jagd bei Ilmenau

 

Reformpolitik

Einschränkung, Entbehrung: das ist ein deutlicher Appell an die Vernunft des Herzogs und des Hofes, eine Aufforderung vor allem, die öffentlichen Ausgaben, besonders für die Hofhaltung, zu verringern. Hier ist der Einfluß des modernen rationalistischen Wirtschaftsdenkens zu spüren, wie es sich namentlich in den Theorien der französischen Physiokraten (Quesnay, Turgot) ausgeprägt hat. Eine der Hauptmaximen der Physiokraten war es, die Staatsausgaben unter dem Niveau der Einnahmen zu halten. In diesem Zusammenhang ist u.a. die vom >Kriegsminister< Goethe durchgesetzte Truppenverminderung (um 50%) zu sehen, durch die erhebliche Einsparungen im Staatshaushalt erzielt wurden. Der Herzog lernte Goethe hier als überlegenen Finanzpraktiker schätzen. Das wird ihn veranlaßt haben, ihm 1782 die Funktion des Kammerpräsidenten (Finanzministers) zu übertragen - in der Hoffnung auf weitere Konsolidierung des Staatshaushalts.

Im Interesse des allgemeinen Wohlstandes ist nach physiokratischer Lehre vornehmlich die Landwirtschaft systematisch zu fördern, seien doch die Bauern die eigentlich produktive Klasse. Die Verbesserung des Agrarwesens ist deshalb auch eines der Hauptziele Goethes gewesen. Die auf dem Bauernstand liegenden Fron- und Steuerlasten hat er mit äußerster Schärfe als Zeichen politischer Unvernunft und sozialer Ungerechtigkeit angeprangert.

Zu den wichtigsten Reformfunktionen Goethes gehörte die Tätigkeit in der Kriegskommission und in der Wege- und Wasserbaudirektion. In dieser Funktion hat er das Straßen-, Brücken- und Wasserwesen in Sachsen-Weimar erheblich verbessert - wegen des bisher schlechten Anschlusses des Herzogtums an das Handelsnetz  eine wirtschaftspolitisch nicht zu unterschätzende Tätigkeit. Nicht weniger bedeutungsvoll und erfolgversprechend war anfänglich Goethes Arbeit in der Bergwerkskommission, die sich der Sanierung des Kupfer- und Silberbergwerks in Ilmenau annahm, um dadurch die armselige Wirtschaft des Herzogtums, die dürftige heimische Industrie zu beleben.

Goethes amtliche Schriften im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Mitglied des Conseils und der verschiedenen Kommissionen sind ein stattlicher Teil seines Werks. Sie betreffen Probleme der Wirtschafts- und Finanzpolitik, zumal Steuerfragen und Erwägungen der Verbesserung des Land- und Forstwirtschaftswesen, ferner Universitätsangelegenheiten in Jena, ordnungspolitische Maßnahmen und strittige juristische Fragen. Dazu gehört z.B. die vom Herzog aus konkretem Anlaß verlangte Stellungnahme Goethes zur "Bestrafung des Kindermords" 1783. Daß er - der sich 1780 für die Abschaffung der Kirchenbuße eingesetzt hatte und überhaupt ein Gegner der konventionalen Strafgesetze war – sich nach einigem Zögern doch dem Votum seiner Kollegen im Conseil für die Todesstrafe anschloß, geschah mit Rücksicht auf die in diesem Punkt rigorose herrschende Meinung namentlich der Kirche und des weiblichen Teils der höfischen Gesellschaft, mag es auch in befremdlichem Gegensatz zum Mitleidspathos der Gretchen-Tragödie im Faust stehen. Was sich der Dichter leisten konnte - das Plädoyer für die Kindsmörderin -, war freilich dem Staatsmann verwehrt.

 

Goethes kulturpolitische Wende

Goethe hat in den achtziger Jahren mehr und mehr die Hoffnung aufgegeben, das Herzogtum Sachsen-Weimar seinen ursprünglich hochgesteckten Zielen gemäß reformieren zu können. Diese resignative Einsicht ist eines der wesentlichen Motive seiner Flucht nach Italien gewesen.

Nach seiner Rückkehr aus Italien ist Goethe, der sich dort nach seinen eigenen Worten als Künstler wiedergefunden hatte, auf seinen Wunsch hin von den bisherigen amtlichen Funktionen weithin entlastet worden. Er verlagerte seine Aktivität nun auf den kulturpolitischen Bereich: als Direktor des Hoftheaters (1791-1817), Initiator und Leiter des Freien Zeicheninstituts, in der Direktion der naturwissenschaftlichen und medizinischen Institutionen des Herzogtums sowie in verschiedenen Kulturkommissionen (z.B. für das Bibliothekswesen). Auch der Bau des Schlosses und anderer repräsentativer Bauwerke gehörte in seinen Zuständigkeitsbereich. 

Im Zuge der Staatsreform des zum Großherzogtum erweiterten Landes wurde Goethe 1815 zum Staatsminister ernannt und erhielt das speziell auf ihn zugeschnittene Ressort der "Oberaufsicht über die unmittelbaren Anstalten für Wissenschaft und Kunst in Weimar und Jena". Durch die Mitarbeit an Schillers "Horen" und die Begründung eigener wissenschaftlicher und ästhetischer Zeitschriften ("Propyläen", "Über Kunst und Altertum", "Zur Naturwissenschaft"), durch seine literarisch-philosophische "Freitagsgesellschaft", die "Weimarischen Kunstfreunde" und andere kulturelle Zirkel suchte Goethe Weimar zu einem Mittelpunkt intellektuell-ästhetischer Bildung zu machen. In umgekehrt proportionalem Verhältnis zu seinem abnehmenden politischen Einfluß wurde Goethe für die Welt zum eigentlichen Repräsentanten Weimars, wie die Besuche, die er in seinem Haus am Frauenplan aus ganz Europa erhielt, eindrucksvoll bekundeten.

Goethe zog sich seit 1786 also mehr und mehr aus der Politik zurück, wenngleich der Herzog, der sich mit seiner politischen Abstinenz ungern abfand, ihn immer wieder um Rat, förmliche Gutachten und zu Goethes Verdruß auch um Begleitung auf politische Reisen und militärische Unternehmungen - Campagne in Frankreich, Belagerung von Mainz - ersuchte. Bis zur Auflösung des Geheimen Consiliums, das 1815 durch das Großherzogliche Staatsministerium ersetzt wurde, gehörte Goethe nominell noch der obersten Regierungsbehörde an und konnte so durchaus auf die Staatsleitung Einfluß nehmen. 

Unter den kulturpolitischen Aktivitäten Goethes verdient seine Aufsicht über die Universität Jena besondere Aufmerksamkeit. Während der Regierungszeit Carl Augusts erlebte sie trotz ihrer schlechten materiellen Ausstattung einen imposanten Aufschwung und war bis etwa 1804 zumal die Hochburg der idealistischen Philosophie (hier lehrten in der Reihenfolge der Berufungen: Reinhold, Fichte, Schelling und Hegel). Ihr hohes Ansehen erlangte die Universität nicht zuletzt durch die 1785 gegründete "Allgemeine Literatur-Zeitung". Goethe sind viele ehrenvolle Berufungen nach Jena zu verdanken, darunter die Schillers (1788) und Fichtes (1794), der freilich im Zusammenhang mit dem sogenannten Atheismusstreit (1798/99) unrühmlich entlassen wurde. Darunter hat das Ansehen der Universität nicht wenig gelitten.

 

Der Weimarer >Musenhof<

Carl August fehlte trotz seiner vielfältigen Anlagen die spezifisch musische Begabung. Goethes Dichtung hat er wohl nie angemessen zu würdigen vermocht. In dieser Hinsicht stand er hinter seiner Mutter Anna Amalia zurück, die selber malte, dichtete und vor allem komponierte; sie schrieb auch Musik zu Singspielen und anderen dramatischen Werken Goethes. Leider sind ihre Partituren bei dem verheerenden Brand der Anna-Amalia-Bibliothek im September 2004 zum größten Teil vernichtet worden. Die gebürtige Braunschweigische Prinzessin, die nach dem frühen Tod ihres Mannes mit 19 Jahren die Regentschaft des Herzogtums antrat, ist die eigentliche Begründerin der Blütezeit Weimars als Stadt der Künste. Nach ihrem Rücktritt von der Regentschaft wurde sie zum Mittelpunkt des Weimarischen Musenhofs, dem der etwas literaturfremde Herzog mit nicht mehr als distanziertem Wohlwollen gegenüberstand.

1772 berief Anna Amalia den seit 1769 an der Erfurter Universität lehrenden Christoph Martin Wieland (1733-1813) als Erzieher des künftigen Herzogs nach Weimar. Das war gewissermaßen die Geburtsstunde der Weimarer Klassik. Der Autor des Agathon (1766/67) und Musarion (1768) erlebte hier, zumal nach Beendigung seiner Tätigkeit als Prinzenerzieher 1775, eine zweite Blütezeit seiner Dichtung. Als sein "Hauptgeschäft" in Weimar hat Wieland freilich die Redaktion der 1773 von ihm gegründeten, organisierten und auch verlegten Zeitschrift "Der Teutsche Merkur" empfunden. Mit dessen erstem Band trat Weimar in die deutsche Literatur ein, heißt es in Goethes Dichtung und Wahrheit. Kein Zweifel, der Ruf Weimars als eines deutschen Athen wurde vor allem durch Wielands Journal verbreitet. Die spezifischen Zeitschriften der Klassik ("Neue Thalia", "Horen", "Propyläen") hat es ebenso überlebt wie das romantische "Athenäum". 

Am Musenhof Anna Amalias fiel Goethe neben seinen Verwaltungsämtern eine Fülle von Aufgaben zu, die Herder in einem Brief an Hamann vom 11. Juli 1782 ironisch zusammenstellt: Goethe sei nicht nur allmächtiger Minister, sondern "dazu auch directeur des plaisirs, Hofpoet, Verfassser von schönen Festivitäten, Hofopern, Balletts, Redoutenaufzügen“ usw., kurz das „Faktotum“ des Weimarischen Hofes. Mit den Hofopern bezeichnet Herder Goethes neue Singspiele Lila (1777),  Jery und Bätely (1780), Die Fischerin (1782) u.a., zu denen Mitglieder des Hofes wie Seckendorff, Corona Schröter oder Anna Amalia selber die Musik geschrieben haben. Mit den Festivitäten, Balletts und Redoutenaufzügen sind die Maskenzüge gemeint, die vor allem jeweils zum Geburtstag der Herzogin Louise am 30. Januar inszeniert wurden, großenteils von Goethe selber, der von der Finanzierung bis zu Kostüm und Maske für alles zuständig war, was mit diesen Festveranstaltungen zusammenhing. Sie verbanden den gemeinen Volksbrauch der Karnevalsumzüge mit der repräsentativen höfischen Selbstinszenierung in der Tradition des italienischen Trionfo. 

Goethe sah die Auftragsarbeiten, welche die >Gesellschaft< von ihm erwartete und denen er sich aufgrund seiner amtlichen Stellung nicht entziehen konnte, oft als eine lästige Pflicht an. "Die letzten Tage der vorigen Woche hab ich im Dienste der Eitelkeit zugebracht. Man übertäubt mit Maskeraden und glänzenden Erfindungen oft eigne und fremde Not“, schreibt Goethe am 19. Februar 1781 an Lavater. "Wie Du die Feste der Glückseligkeit ausschmückst [eine Anspielung auf Lavaters geistliches Amt], so schmücke ich die Aufzüge der Torheit. Es ist billig, daß beide Damen ihre Hofpoeten haben." Das gesellige Leben des weimarischen Hofes verteilte sich auf die intim-klassizistischen Weimarer Stadt- und Jagdschlösser (Ettersburg, Tiefurt u.a.) sowie auf die Gärten an der Ilm mit ihren malerischen Eremitagen. Die beiden wichtigsten Organe des Musenhofes waren die (handschriftlich vervielfältigte) Privatzeitschrift "Tiefurter Journal", dessen wertvollste Beiträge Goethes Gedichte aus dieser Zeit bilden, und das höfische Liebhabertheater, für das er bis 1783 jährlich zwei bis drei Stücke schrieb, inszenierte und spielte. 

Aus der Fülle der dramatischen Gelegenheitsproduktionen in Goethes erstem Weimarer Dezennium, zu denen neben den erwähnten Singspielen und Festdichtungen eine Reihe von Farcen (wie die zweite Fassung des Jahrmarktsfests zu Plundersweilern, 1778 oder Die Vögel nach Aristophanes, 1780) und kleine bürgerliche Gesellschaftsstücke (Die Geschwister, 1776) gehören, ragen zwei Werke heraus: die 1778 auf dem Herzoglichen Liebhabertheater uraufgeführte "dramatische Grille" Der Triumph der Empfindsamkeit - eine zündende Satire auf die Modeströmung der Empfindsamkeit, namentlich auf die Rezeption der Leiden des jungen Werthers in ihrem Geiste - und die Prosafassung der Iphigenie auf Tauris (1779). Deren Aufführung mit Goethe selber als Orest - in einer der Aufführungen  spielte gar der regierende Carl August den Thoas – bildete den Höhepunkt in der Geschichte des Liebhabertheaters.

 

Doppelleben als Politiker und Poet

Goethes Wirken in Weimar, seine Verwandlung in einen >Fürstendiener< ist von den Gefährten des Sturm und Drang mit Mißtrauen verfolgt worden. "Ach, warum ist er nicht hiergeblieben!" Diese Zeile aus Goethes großer Hymne Seefahrt (1777) ist eine ironische Anspielung auf die Besorgnisse der ehemaligen Freunde. Gewiß, die Gefährdungen der neuen Existenz werden auch in diesem Gedicht nicht verschwiegen, in dem Goethe sich wie in vielen brieflichen Äußerungen aus dieser Zeit des alten Topos vom Schiffer auf dem Meer des Lebens bedient: "Wechselwinde" treiben ihn von der "vorgesteckten Fahrt" ab; aber indem er sich ihnen "hinzugeben" scheint, strebt er "leise sie zu überlisten, / Treu dem Zweck auch auf dem schiefen Wege". Eine Anspielung auf die Versuchungen der höfischen Existenz, durch pragmatische Anpassung an die Normen der >großen Welt< das ursprüngliche Ziel aus den Augen zu verlieren. Doch selbst der Sturm, die äußere Bedrohung seiner ganzen Existenz kann den Schiffer im Innersten nicht verwirren: "Herrschend blickt er auf die grimme Tiefe / Und vertrauet, scheiternd oder landend, / Seinen Göttern." Der Drang zu neuen Ufern: "aus der sogenannten Sturm-und Drangperiode sich zu einer höheren Bildung zu retten" (Goethe zu Eckermann, 10. Februar 1829) ist größer als die Furcht vor jeglichen Gefahren. Das Motiv der klagend am Ufer zurückbleibenden Freunde drückt nur zu deutlich aus, was sich in Wirklichkeit ereignet hat - die unglücklich verlaufenden Besuche von Lenz und Klinger in Weimar zeigen es am klarsten: Loslösung von den Freunden, die zu jener "höheren Bildung" (welche freilich eine gewisse Anpassung an die Konvenienzen der >großen Welt< einschließt) keine Begabung zeigen.

Daß die optimistische Entschlossenheit des Gedichts Seefahrt, die Gewißheit, der neuen Lage stets Herr zu werden, nicht die herrschende Stimmung des ersten Weimarer Jahrzehnts blieb, ist freilich kaum zu bezweifeln. In das Jahr 1782 fällt bereits eine Krise Goethes, die zwar noch keine einschneidende äußere Veränderung seines Lebens, aber doch den Entschluß zur Folge hat, "eine neue Epoche meines Lebens und Wesens" anzufangen (an Frau von Stein, 7. November 1782). Sein Ziel ist es nun, "mir selber wieder zu leben und mich wieder zu erkennen", wie er am 21. November 1782 an Knebel schreibt. "Ich habe mein politisches und gesellschaftliches Leben ganz von meinem moralischen und poetischen getrennt", fährt er fort.

Den Auftakt zu dieser Neuorientierung bildet neben neuer intensiver Beschäftigung mit verschiedenen Bereichen der Naturforschung die Wiederaufnahme des Jahre zuvor begonnenen Romans Wilhelm Meisters theatralische Sendung. Die Arbeit an dem Theaterroman fällt bezeichnenderweise in die gleiche Zeit, da es mit dem Weimarer Liebhabertheater zuende geht. "Ich bin recht zu einem Privatmenschen erschaffen und begreife nicht, wie mich das Schicksal in eine Staatsverwaltung und eine fürstliche Familie hat einflicken mögen." So schreibt Goethe am 17. September 1782 an Frau von Stein. Mehr und mehr sucht er seine Kreise enger zu ziehen, orientiert er sein eigentliches geistiges Leben am innersten Weimarer Freundeskreis: Frau von Stein, Knebel, Herder.

Die Beziehung zu Charlotte von Stein

Goethe und Charlotte von Stein

Die Beziehung zu Charlotte von Stein (1742-1827) ist ohne Zweifel die prägende, das höhere geistige Leben Goethes gänzlich an sich ziehende menschliche Verbindung des ersten Weimarer Jahrzehnts gewesen. Die Begegnung mit ihr läßt ihm alle früheren Liebeserlebnisse ins Schattenhafte versinken, als leeres "Traumglück" erscheinen, wie es in einem Vers des Gedichts Warum gabst du uns die tiefen Blicke heißt, das in einem am 14. April 1776 an Charlotte von Stein geschickten Privatbrief steht. Die in der Liebe erfahrene Wahrheit, in deren Licht die Amts- und Hoftätigkeit als leeres Getriebe erscheint, für sie strebt Goethe seit seiner Krise 1782 immer ausschließlicher zu leben.

Die in die zahllosen Briefe an Frau von Stein eingestreuten Gedichte sind der unmittelbare Ausdruck des >Privatmenschen< Goethe; die meisten von ihnen sind von ihm erst später oder (wie das zuletzt genannte) viele Jahre nach seinem Tod (1848) veröffentlicht worden; sie waren eben nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern sollten nur, um eine Formel des 18. Jahrhunderts zu verwenden, vom Herzen zum Herzen klingen. Mit ihrem brieflichen Kontext bilden sie das Dokument einer einzigartigen Liebesbeziehung, deren glühender Platonismus in der "Idee des Reinen" als des absoluten Richtmaßes des Daseins gipfelt. Das ist eine der Leitideen Goethes während des ersten Weimarer Jahrzehnts. 

So sehr seine platonische Liebesauffassung von der Oberflächlichkeit des gesellschaftlichen Lebens absticht, ist sie doch der höfischen Ethik tief verbunden, weist zurück auf die Minnekultur des Mittelalters. Diese sublimierte Liebeskonzeption - welche in Rousseaus Nouvelle Héloïse, einem der Lieblingsbücher der Gebildeten am Ende des 18. Jahrhunderts, noch einmal in spätem Glanz aufleuchtet - hängt mit der Konvenienzehe zusammen, welche die höchste geistige Erfüllung der Liebe von der Ehe und der ihr vorbehaltenen körperlichen Vereinigung trennt. Diese geistige Liebe wird von der Gesellschaft toleriert, wie ihr ja auch Goethes Beziehung zu Charlotte durchaus bekannt gewesen, von ihr nicht als anstößig empfunden worden ist. 

Die Trennung von sinnlichem und geistigem Eros mußte für Goethe freilich auf die Dauer eine Vergewaltigung seiner Natur sein. Gewiß hängt die Flucht nach Italien auch mit dem elementaren Bedürfnis zusammen, sich von dem zuletzt kaum mehr ertragenen Zwang einer derart entsinnlichten Liebe zu befreien. Wie zehn Jahre zuvor in Frankfurt ist es also wiederum eine Liebesbeziehung, in der sich die Krise seiner sozialen Existenz offenbart. Ebensowenig wie sich die Verbindung mit Lili Schönemann von der bürgerlich-kaufmännischen Welt ablösen ließ, so die Liebe zu Charlotte von Stein von der höfisch-aristokratischen Atmosphäre und Lebenshaltung. Wie einst die bürgerliche, so wird Goethe nun die höfische Existenz in und mit einem Liebesverhältnis fragwürdig, ja unerträglich.

 

 

Frühe Weimarer Lyrik

Das bevorzugte Medium des Privatmenschen Goethe ist die Lyrik. In ihr prägt sich deutlich die Abwendung Goethes vom Explosivstil der früheren Jahre aus. Das zeigt besonders anschaulich der Vergleich der Sturm und Drang-Hymne Wandrers Sturmlied mit den beiden Wandrers Nachtlied überschriebenen Gedichten von 1776 und 1780: der enthusiastische Aufschwung des Sturmlieds weicht in den Nachtliedern der Sehnsucht nach Friede und Ruhe, welche im zweiten Lied ("Über allen Gipfeln / Ist Ruh") zu verhüllter Todeserwartung wird. Dem Empfindungswandel entspricht ein völlig veränderter Ton: traumhaft schwerelos, über aller deutlichen metrischen Bestimmung schwebend.

In den Nacht- und Mondgedichten der frühen Weimarer Jahren offenbart Goethe sein in den quälenden Geschäften des Tages verschüttetes Selbst: "Lösest endlich auch einmal / Meine Seele ganz", heißt es in der ersten Strophe des Gedichts An den Mond (um 1777). Der Mond, gewissermaßen das Leitgestirn Goethes in diesen Jahren, ist eine Chiffre der Ruhe, des Friedens - des ewigen Seins; sein geistiges Licht fließt in Goethes Imagination immer wieder zusammen mit der Gestalt Charlottes: "Mir ist es, denk ich nur an dich, / als säh' den Mond ich an, / Ein stiller Friede kommt auf mich, / Weiß nicht wie mir getan." (Jägers Nachtlied, 1776).

Goethes frühe Weimarer Lyrik läßt sich im wesentlichen in folgende große Gruppen einteilen: zwischen den mehr oder weniger privaten Charlotte-Gedichten und den offiziellen Gelegenheitsgedichten, welche dem Weimarer Kreis huldigen, stehen die Ausläufer der Sturm und Drang-Hymnik sowie die große Ideenlyrik. Hinzu kommen einige der Wilhelm Meister-Gedichte und die beiden naturmagischen Balladen Der Fischer (1778) und Der Erlkönig (1782). Zu der Ideenlyrik, die einen Schwerpunkt in Goethes früher Weimarer Dichtung bildet, gehören Gedichte wie Hans Sachsens poetische Sendung (1776) - welche den Mythos des Nürnberger Schuhmacher-Poeten von der Romantik bis zu Wagners Meistersingern vorbereitet -, Gesang der Geister über den Wassern (1779), Meine Göttin (1780), Grenzen der Menschheit (1781) und Das Göttliche (1783). 

Das bedeutendste der an die Frankfurter Hymnik anknüpfenden Gedichte ist die Harzreise im Winter (1777). Goethes thematisches und formales Vorbild ist hier wie in den Sturm und Drang-Hymnen die Ode Pindars, zu deren Charakteristika die Dunkelheit und die vermeintlich (in Wirklichkeit genau kalkulierte) formsprengende Metrik gehören. Ebenso wie die Hymne Seefahrt  aus dem gleichen Jahr spiegelt sie die Selbstvergewisserung des Dichters Goethe im Grunddilemma seines ersten Weimarer Jahrzehnts - der Spaltung zwischen Dichterberuf und amtlicher Praxis - wider. In der Schlußstrophe: im Bilde des göttergleichen Blicks von dem majestätisch stilisierten Berg ("aus Wolken") auf die "erstaunte Welt" wird das Selbstgefühl des Dichters geradezu ins Olympische gesteigert. Goethe wird es freilich schwer genug fallen, diese enthusiastische Selbsterfahrung in den folgenden, von poesiefremder Aktivität überfüllten Jahren ungebrochen aufrechtzuerhalten.

 

Goethes Koalition mit Herder – Geschichtsphilosophie und Naturforschung

Kopie nach dem Ölgemälde von Friedrich Rehberg, um 1784.

Goethes Neuorientierung seit 1782, die zunehmende Konzentration seiner geistigen Kräfte auf sein eigentliches Selbst, auf die poetische Existenz und die Naturforschung ist aufs engste mit seiner aktiven Anteilnahme am Werk Johann Gottfried Herders verbunden. Dieser war 1776 auf Anregung Goethes vom Herzog als Generalsuperintendent nach Weimar berufen worden. In den ersten Jahren will sich freilich die erwartete enge Bindung zwischen beiden nicht einstellen. Zum Teil ist das gewiß auf die Skepsis des mühsam um Erfolg und Anerkennung ringenden Herder gegenüber Goethes glänzender Karriere und auf die Unfähigkeit des geborenen Antiaristokraten zu einem Kompromiß mit dem Hofe zurückzuführen. 

Erst Goethes Krise im Jahre 1782 ermöglicht eine neue geistige Koalition zwischen beiden, die ohne Zweifel ein latent politisches Vorzeichen hat. Wie Goethe hinsichtlich seiner politischen Praxis desillusioniert ist, so ist Herder mit seinen kirchen- und schulreformatorischen Plänen steckengeblieben und dadurch in seiner adelsfeindlichen, antiabsolutistischen Gesinnung noch bestärkt worden. Die gemeinsame politische Enttäuschung bildet den Hintergrund des an Goethes Geburtstag 1783 neu geschlossenen Freundschaftsbundes, in dem an die Stelle des alten Lehrer-Schüler-Verhältnisses eine echte Partnerschaft tritt.

Herders Hauptwerk der Weimarer Zeit - unter einer kaum zu überblickenden Fülle von Schriften und Anthologien aus nahezu allen Wissensbereichen der Zeit - sind die Ideen zur Philosophie de Geschichte der Menschheit, welche seit 1784 erscheinen und nach dem vierten Teil (1791) abgebrochen werden; sie erfahren eine gewisse Fortsetzung in den Briefen zur Beförderung der Humanität (seit 1793). Die ersten Teile der Ideen sind ein Zeugnis der neubelebten Freundschaft mit Goethe, der an ihnen lebhaft Anteil genommen hat. Herders Hauptwerk geht von der Überzeugung aus, daß auch die "Geschichte der Menschheit" eine Philosophie haben müsse. Was Herder in den Ideen leistet, ist die Entfaltung eines Weltbildes, das Natur und Geschichte als gesetzmäßige Einheit und Entwicklungszusammenhang umgreift. Die "Menschengeschichte" steht in enger und vielfältiger genetischer Beziehung zum Pflanzen- und Tierreich. 

Diesen Ideen ist Goethes beginnende Naturforschung tief verpflichtet. Obwohl er sich schon in früheren Jahren mit naturwissenschaftlichen Fragen befaßt hat, beginnt seine systematische Forschung doch erst um 1780. Später, in der Geschichte seiner botanischen Studien (1817) hat er diese Tatsache auf seine amtliche Tätigkeit zurückgeführt; seine Beschäftigung mit Fragen des Bergbaus, des Forstwesens, der Holzkultur etc. habe den Anstoß gegeben zu vielfältiger Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Problemen. Die Forschung setzt zugleich auf mehreren Gebieten ein: Geologie und Mineralogie, Botanik und Osteologie. Bedeutendstes Dokument des geologischen Interesses ist der Aufsatz Über den Granit (1784), der eine Vorstudie für einen seit 1781 geplanten Roman Über das Weltall sein sollte. Der Granit ist für Goethe das Urgestein und daher die durch nichts, durch keine vulkanische Katastrophe zu erschütternde "Grundfeste unserer Erde", deren Kruste  sich durch Sedimentation von Kristallen des zurückströmenden Urmeeres gebildet habe. An dieser seinerzeit sogenannten „neptunistischen“ Glauben hat er sein Leben lang festgehalten – in Opposition gegen die „vulkanistische“ Theorie, welche die Erdformation auf Feuer, Vulkanausbrüche und Erdbeben zurückführte. Goethes Neptunismus korrespondiert – ausdrücklich - seiner Abneigung gegen revolutionäre Erklärungen und Tendenzen in der Geschichte. Vulkanismus und Revolution hat er seit 1789 immer wieder miteinander verglichen.  

Die Beschäftigung mit Botanik und Osteologie verbindet Goethe besonders eng mit dem Verfasser der Ideen. Seine vermeintliche Entdeckung (in Wirklichkeit Wiederentdeckung) des Zwischenkieferknochens beim Menschen hat er ausdrücklich als Beitrag zur Herderschen Entwicklungslehre verstanden. Jener "famose Knochen": das Os intermaxillare, das alle Wirbeltiere haben (so auch der Mensch, wenngleich es bei ihm nicht mehr abgesondert, sondern mit dem Oberkiefer verwachsen und daher kaum mehr erkennbar ist), wurde von den zeitgenössischen Anatomen dem Menschen abgesprochen. Man sah darin ein - theologisch interpretiertes - Stigma, durch das sich der Mensch vom Tier unterscheide, den Kiel zwischen Bestialität und Vernunft. 

Goethes Wiederentdeckung dieses Knochens, die, wie er in seinem Brief vom 27. März 1784 Herder gesteht, "in Verbindung mit deinem Ganzen" gedacht ist, bedeutet, daß man den "Unterschied des Menschen vom Tier" nur im "Ganzen", jedoch "in nichts einzelnem" finden kann. "Vielmehr ist der Mensch aufs nächste mit den Tieren verwandt." In physischer Hinsicht ist der Mensch nur "eine Schattierung einer großen Harmonie" (an Knebel, 17. November 1784) - entsprechend der Überzeugung Herders, "daß die Natur bei der unendlichen Varietät, die sie liebet, alle Lebendigen unserer Erde nach Einem Hauptplasma der Organisation gebildet zu haben scheint." Der Mensch als Glied in der Kette der Naturerscheinungen, die Idee universeller genetischer und morphologischer Verwandtschaft der organischen Wesen: das scheint schon vorauszuweisen auf die Entwicklungslehre Darwins, und in der Tat hat dieser selbst Goethe als Wegbereiter der Evolutionslehre angesehen.

Nicht nur die Naturforschung, auch die Dichtung Goethes ist in den achtziger Jahren durch Herder vielfach inspiriert worden; am deutlichsten sind dessen Spuren in dem fragmentarischen Epos Die Geheimnisse (1784/85) zu finden. Die vorliegende Stanzenreihe führt den Leser nach Goethes eigener späterer Erläuterung des Gedichts auf einen "ideellen Montserrat", der zwölf Rittermönche beherbergt; diese repräsentieren jeweils eine bestimmte Religion, die ganz im Sinne der Ideen in ihrer klimatischen und nationalen Besonderheit erscheinen soll. Oberhaupt des Ordens ist der Bruder "Humanus"; er verkörpert die reine Idee der Humanität, an der die Ritter und die durch sie dargestellten Religionen auf ihre spezifische Weise teilhaben. Jede Religion erreicht nach Goethe in ihrer Art einen Punkt der Vollendung, in dem sie sich mit dem durch Humanus verkörperten Geist "vollkommen vereinigt". Dieses Nebeneinander von spezifischer, durch die einzelnen Mönche repräsentierter, und allgemeiner, durch Humanus dargestellter, Humanität entspricht genau der Humanitätskonzeption Herders. Dieser war einerseits vom Eigenwert der verschiedenen Entwicklungsstufen der Menschheit, anderseits jedoch von ihrem Fortschritt überzeugt. Die spezifischen Gestalten der Humanität in der Geschichte haben doch deren ganze Fülle nicht ausgeschöpft, auf die hin die Geschichte sich im Prozeß zunehmender Humanisierung entwickelt. Eine Grundvorstellung, welche Herder und Goethe in dieser Zeit teilen. 

Die Geheimnisse sind nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen. Der - in Goethes Gesamtwerk einmalige - esoterische, hermetische Charakter der Dichtung dokumentiert den völligen Rückzug des Dichters Goethe aus dem öffentlichen Leben, dem er nur noch mit der äußeren Schale seines Wesens angehört. Die Trennung seiner >amtlichen< von seiner eigentlichen, auf Dichtung und Naturforschung konzentrierten Person scheint hier an die äußerste Grenze getrieben. Ein Schritt weiter kann nur der gänzliche Bruch mit der bisherigen - unglaubwürdig gewordenen - Existenz sein. Die Einsicht in die fragwürdige Preisgabe seines "poetischen Talents" zugunsten der "Realität" - einer Realität, für die sich dieses Opfer nicht gelohnt hat, da die höheren Ziele seiner amtlichen Tätigkeit sich als unerreichbar herausgestellt haben -, sie ist das eigentliche Motiv für seine "Flucht nach Italien". Er selbst hat sie so Eckermann gegenüber bezeichnet (10. Februar 1829) und durch das elementare Bedürfnis begründet, "sich zu poetischer Produktivität wiederherzustellen".

Zeitereignisse

1775: Amtsantritt des 18jährigen Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach.
1776: Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika.
1776: Adam Smith: Wohlstand der Nationen.
1778/1779: Bayerischer Erbfolgekrieg.
1783: Versailler Frieden: Ende des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs.
1784: Kant: Was ist Aufklärung.
1785: Halsbandprozeß in Paris.
1789: Lessing: Nathan der Weise.

Johann Wolfgang Goethe

Ölgemälde von Georg Melchior Kraus (1776), Goethe-Nationalmuseum zu Weimar

 

 

 

Ölgemälde von Georg Oswald May, 1779.

Friedrich Johann Justin Bertuch (1747-1822)

 

Kopie von A. Jacobs nach einem Ölgemälde von Gustav Adolph Hennig, Stiftung Weimarer Klassik

Am Weimarer >Musenhof<

Schloß Weimar

 

Herzogin Anna Amalia


Tischbein (1789)

 

Am Hofe der Herzogin
Anna Amalia

Von links: Aulhorn, Goethe, Einsiedel, Herzogin Amalie, Frl. von Göschhausen, Herder, Wieland.

 

Abendgesellschaft der Herzogin Anna Amalia

Die dritte Person von links soll Goethe darstellen, in der Mitte sitzt die Herzogin, rechts ist Herder zu sehen.

Aquarell von Georg Melchior Kraus, um 1795.

 

Goethe in Weimar

Kaulbach

 

Christoph Martin Wieland
(1733-1813)

Ölgemälde von Ferdinand Carl Christian Jagemann, 1805.

 

Johann Caspar Lavater
(1741-1801)

 

Karl Ludwig von Knebel

Zeichnung von Johann Joseph Schmeller (1824)

 

Schloß Weimar

 

Goethes Gartenhaus

 

 

Anna-Amalia-Bibliothek

Aufnahme vom verheerenden Brand der Anna-Amalia-Bibliothek im September 2004
http://www.anna-amalia-bibliothek.de

Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen

Über Goethes Wirken in Weimar informiert die Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen http://www.swkk.de

Charlotte von Stein

Hofdame der Herzogin Anna Amalia. Goethe charakterisierte seine platonische Liebe zu Frau von Stein: »Wohltäterin, Seelenführerin, Schutzgeist, Ancker zwischen diesen Klippen«.
 

Goethe und Frau von Stein

 

Goethe und Fritz von Stein

 

Das Steinsche Schloß Kochberg

Handzeichnung Goethes, 1779.

Frühe Weimarer Lyrik

»Über allen Gipfeln ist Ruh«

 

Der Fischer
»Halb zog sie ihn«

J. Kränzle

 

Max Liebermann:
»Der Fischer«

Kreidelithographie (1924-1926)

 

»Der Erlkönig«

»Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?«
     
 

Kupferstich von Gustav Heinrich Naeke

Naturstudien

Handzeichnung Goethes: »Zwischenkieferdemonstration«

 

 Ich habe gefunden weder Gold noch Silber, aber was mir eine unsägliche Freude macht – das os intermaxillare des Menschen! [...]

Nur bitt’ ich Dich, laß Dir nichts merken, denn es muß geheim behandelt werden. Es soll dich auch recht herzlich freuen, denn es ist wie der Schlußstein zum Menschen, fehlt nicht, ist auch da!

Brief an Herder, 27.3.1784

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